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$r. 106.

Marburg, Dienstag, den 7. Mai.

1872

Oderhessische Zeitung.

Leint tätlich «über den Werktagen nach Sonn, und Feiertagen.' Preis für da- Quartal der Oberhesfifchen Leitung mit KretSblatt durch di« Expedition (Koch'sche Buchdrucker ei) bezogen 22; Lar., durch die Postämter 27 Lgr. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl- Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 1t Lgr.—

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Deutsches Reich.

n .. Berlin, 5. Mai. Die vorgestern eingetroffene Nachricht aus Rom, dah der Papst die Wahl des Cardinals Hohenlohe zum Vertreter Deutschlands ab- gelehnt hat, hat man in Berlin wohl eigentlich nicht für möglich gehalten, weil man der Ansicht sich hin. gab, daß die römische Curie so offenkundigen ver­söhnlichen Beziehungrn zwischen dem Vatican und dem deutschen Reiche nicht entgcgentreten würde. Aber ungeachtet dieser Ablehnung bleibt die Wahl des Car­dinals Hohenlohe für den Posten in Rom immerhin ein bedeutungsvolles Ereigniß; denn man wird es nie unterschätzen können, daß die Reichsregierung in dem Augenblick, als Zerwürfnisse deS Staates und der Kirche eingetreten' sind, zu ihrer Vertretung einen katholischen Kirchensürsten wählt, um so mehr, als diese Wahl auf einen Mann gefallen ist, der das JnfallibilitätS-Dogma anerkannt hat. Es hat diese Wahl wohl unzweifelhaft klar werden lassen, daß der Reichskanzler seine Stellung ungeachtet der confessio- nellen Wirren gegenüber der Curie als eine neutrale, als eine nationale hat anzeigen wollen. Es ist aber auch ferner dir Thatsache klar gestellt worden, daß die Reichsregierung sich nicht als specifische Vertreterin der protestantischen Interessen betrachtet, daß sie in erfter Reihe den nationalen Interessen überall zu dienen gewillt ist. WaS nun die Ablehnung Sei­tens deS Papstes anbelangt, so zeigt dieselbe, abge­sehen von allen tiefen einschneidenden Verhältnissen, daß man im Vatican keinen Werth aus friedliche Be­ziehungen zwischen Deutschland und der römischen Curie legt und ein solch augenscheinlicher Beweis muß weitere schwere Folgen für die Beziehungen der Genannten haben. Wie diese in der nächsten Zeit zu Tage treten werden, darüber wird man nicht lange im Unklaren bleiben. — Der Justizminister Leonhardt ist von seiner Erholungsreise zurückgekehrt, befindet sich

jedoch noch nicht so vollkommen gesund, daß er im Stande ist, seine Functionen im ganzen Umfange zu übernehmen, eS wird demselben namentlich nicht mög lich fein, sich schon jetzt an den großen reforma­torischen Arbeiten betheiligen zu können; die Vertre tung deS Minister- wird, wie man hört, daher noch einige Zeit in den Händen der Herren Präsident Friedberg und Geh. Justizrath Förster verbleiben.

Der Staatsminister a. D., Dr. jur. Maximilian Graf von Schwerin-Putzar, ist am 3. d. nach langen und schweren Leiden im 68. Lebensjahre in Potzdam verstorben. Geboren am 30. Dezember 1804, wid mete sich der Verstorbene nach der Beendigung seiner juristischen Studien der Verwaltung einiger väterlicher Güter und war seit 1833 Laudrath des anclamer Kreises, von 1840 an Mitglied deS pommerschen Provinzial-Landtages. Im Jahre 1846 wurde er als Mitglied der evangelischen Generalsynode nach Berlin berufen. Als Vertreter der Ritterschaft des anclamer Kreises war er Mitglied des Vereinigten Landtages. Vom 19. März bis 18. Juni 1848 Minister der geistlichen rc. Angelegenheiten, vertrat er später den Wahlkreis Schlawe in der Frankfurter Nationalver­sammlung. Seit dem Sommer 1849 hat er ununter­brochen dem preußischen Abgeordnetcnhause angehört; in den Jahren 1849 bis 1855 und bann wieder 1859 war er Präsident dieser Versammlung. Am 3. Juli 1859 wurde er Minister deS Innern und blieb e« bis zum 17. März 1862. Nach feinem Rücktritt vorn Amte hat Graf Schwerin im Abgeordnetenhaufe und später im Reichstage zuerst der altliberalen, daraus später der nationalliberalen Fraction angehört. Die Stadt Berlin ehrte ihn, indem sie ihn zum Stadtrath wählte, welches Amt er erst kurz vor seinem Tode niedergelegt hat. Gleiche Verehrung wurde ihm auch noch vor wenigen Wochen durch eine Reichstags-De­putation bekundet, die an feinem Krankenbette erschien, um ihm in Erinnerung an den vor 25 Jahren erfolg­ten Zusammentritt deS vereinigten Landtags die Wünsche seiner Kollegen für seine Wiederherstellung oarzubringen.

Schwerin, 5. Mai. Am 2. d., Abends 7 Uhr, traf der Großherzog von Mecklenburg Schwerin mit

Tauschnnge«.

Sine Erzählung aus dem Leben von ®. F.

(Fortsetzung.)

Endlich ertönte die Thürglocke, und gleich darauf führte daS Mävchen einen Herrn in'S Zimmer — Eduard Grahm, den Assessor.

„Herr Grahm!" rief Madame HermeS, ihm ver­blüfft entgegentretend, „welchem Zufall verdanke ich diesen unerwarteten Besuch?"

„Frau v. Walzen beauftragte mich so eben, Sie abzuholen," erwiderte er; „sie bedauert sehr, daß unauf­schiebbare Geschäfte ihren Bruder verhindert haben I"

Malwine lächelte, aber ihr Ange behielt den frü­heren traurigen Ausdruck bei, als sie entgegnete: „Da Emilie ihren Theil unserer Verabredung nicht erfüllt hat, so bin auch ich meiner Zusage entbunden. Ich werde heute Abend nicht hingehen, Herr Asseffor, und ich bedauere, daß Sie sich diese vergebliche Mühe gemacht haben; allein ich will Sie nun nicht länger «mshalten!"

„Nicht doch, Madame! das kann nicht fein! Ich habe Frau v. Walzen versprechen müssen, daß ich nicht ohne Sie zurückkehren wolle; Sie muffen wahr­lich hingehen, denn Ihre Abwesenheit würde über den ganzen Abend einen büftern Schleier breiten."

„Ich bin nicht eitel genug, bieS zu glauben, Herr Assessor!" entgegnete Malwine geringschätzenb.

„Ich wollte Ihnen bamit keine Schmeichelei sagen, Madame, beim eS ist in der That so, und Frau b. Walzen, welche darauf rechnet, daß Sie mehrere Rollen übernehmen werden, versichert, daß ohne Sie die ganze Reihe der lebenden Bilder gestört und un­vollständig werden würde!"

„Das ist nicht meine Schuld, Herr Grahm. Da »ich Emilie nicht durch ihren ®ruber abholen läßt, Vie sie es mir versprochen hat, so betrachte ich mich ebmfallS von meiner Zusage entbunden. Sie brauchen dicht darauf zu bestehen, denn sogar wenn ich gehen wollte, wissen Sie, daß mein Gatte eS mir aufs Be­stimmteste verboten hat, irgend welche Aufmerksamkeiten von Jhnm anzunehmen!"

„Aber Ihr Gemahl hat ja dieses Verbot zurück genommen, Madame," fiel ihr der Assossor rasch in'S Won und sah sich hastig in den anstoßenden Zim­mern um, denn sie standen mitten im Empfangs­zimmer; dann fuhr er mit gedämpfterer Stimme fort: „ich traf den Doctor heute und bat ihn um die Er- laubniß, Sie auf den Abend abholen zu dürfen; er sagte mir darauf, daß -er nichts dagegen einzuwenden habe, und Sie werben sich nun hoffentlich nicht mehr für berechtigt erachten, Ihre Freundin im Stich zu lassen."

Malwinen überkam unwillkürlich und instinktmäßig ein Verdacht, daß der Assessor nicht die Wahrheit rede. Sie betrachtete ihn in der That seit jenem Abende nicht mehr als ihren Freund, und mißtraute ihm, feit er sie in ihren Pflichten als Gattin hatte irre machen wollen; ja noch mehr, sic mußte in ihm die erste Ursache zu der Spannung mit ihrem Manne sehen, und darum kann eS nicht befremden, wenn sie fürchtete, er möchte aufs Neue den Versuch machen, sie noch weiter von dem Gatten zu trennen. Sie faßte ihn daher scharf in'S Auge und fragte: „Ist das auch wirklich wahr, Herr Grahm?"

„Buchstäblich! mein Ehrenwort daraus. WaS ha den Sie denn für einen Grund, die Wahrheit meiner Worte in Zweifel zu ziehen, Madame?"

„Jenun, ich erachte es für möglich, daß dies eine der Gelegenheiten zu einer Unwahrheit fein dürfte, für welche die Schicklichkeitsbegriffe unseres heutigen fashionablen Lebens so leicht volle Absolution ge­währen!" entgegnete Malwine. „Wenn sich aber die Sache so verhält, wje sie sagten, so will ich Emiliens Erwartungen nicht täuschen, denn mich dünkt, es wäre von meiner Seite ein Unrecht!"

Beide schickten sich zum Gehen an, und als der Asseffor die Hausthüre öffnete, fragte ihn Malwine noch einmal: „Sie täuschen mich doch nicht, Herr Grahm?“ Dieser hatte bei einem flüchtigen Umbl'ck bemerkt, daß Dr. Hermes aus feinem Studirzimmer auf den Hausflur herausgetreten war und ihnen nach blickte; daher beeilte er sich, ihr auffallend laut zu

Gemahlin, dem Prinzen Paul, der Prinzessin Marie und Gefolge nach viermonatlicher Abwesenheit von seiner Reise nach dem Orient hier wieder ein.-

Straßburg, 5. Mai. Mehrere Professoren und Festgäste besuchten dieser Tage die „Brasserie bu Dauphin" und wollten daS Zimmer und den Tisch sehen, an welchem Goethe vor nunmehr 100 Jahren sein Bier getrunken. Leider konnten die jetzigen In­haber sehr wenig Auskunft geben, da ihnen nur be­kannt ist, daß Goethe ihre Wirthschaft besucht; wo aber damals das WirthSzimmer gewesen, vermochten sie eben so wenig wie andere Einzelheiten anzugeben, da die Brauerei, ein großes altes Anwesen, schon mehrmals umgebaut sei. — DaS Studenten - Diner war so zahlreich besucht, daß der Casinosaal und seine Galerieen kaum die anwesenden Studirenden all zu fassen vermochten. Wie bei derartigen Gelegen­heiten selbstverständlich, herrschte auch hier die heiterste Stimmung. Unter den lieblichen Klängen der Capelle des hiesigen Ulanen-Regiments wurden Studenten- und patriotische Lieder abgesungen. DaS erste Hoch, von Hm. Lassar, stud. med. aus Hamburg, Vorsitzender des Studenten-Comite'S, ausgebracht, galt Sr. Maj. dem Deutschen Kaiser, das zweite dem Reichskanzler, Fürsten v. Bismarck. Hr. RegierungSrath Pitsch hieß die anwesenden Festgäste willkommen und brachte diesen und der seither hier schon bestandenen Stu­dentenverbindung „Argentina" ein Hoch. Schließlich wurde der Thätigkeü des Studenten - Eomite's in an­erkennenden Worten Dank gesagt und ihm ebenfalls ein Hoch ausgebracht. Die Zahl der anwesenden Stu- den.en als Festgäste wird auf 1500 geschätzt.

Oesterreich-Ungar«.

Wien, 5. Mai Sämmtliche Abendblätter melden, die Regierung habe den gestrigen Beschluß deS Ge- meinderathes, betr. die Verleihung des Ehrenbürger- rechtS an Hans Kudlich, aus gesetzlichen Gründen sistirt. Diese Regierungsmaßregel sei damit motivirt, daß das von der Stadt Wien verliehene Ehrenbürger- recht auch staatsbürgerliche Rechte in sich schließe, dem Gemeinderathe jedoch apf Grund der Gemeindeord­nung nicht daS Recht zustehe, staatsbürgerliche Rechte an Bürger eines fremden Staates zu verleihen.

'..... .

erwidern: „Gewiß nicht, Madame; ich habe Ihnen Wort für Wort wiederholt, was mir Ihr Herr Ge-r mahl mittheilte!" Damit hob er fte in ben Wagen und sie fuhren davon.

Malwine hatte den einen schmerzlichen, bittenden, verzweifelnden Blick nicht bemerkt, welcher ihr nachge­sandt worden war Sie hatte keine Ahnung von dem entsetzlichen innert» Kampf, welchen fein, bis zum Ueberfließen mit Gram geschwelltes und doch noch so unsäglich viel Liebe für sie bergendes Herz an diesem Abende kämpfte. Hätte sie auch nur daS Mindeste davon geahnt, wie gern wäre sie umgekehrt, hätte ihn auf den Knieen um Vergebung gebeten unb- burch bie nöthigen Erklärungen über das Vergangene unb die feierlichsten Versprechungen für die Zukunft den herben Kampf in seiner Brust beschwichtigt! — Der Doctor trat in sein Studirzimmer zurück unb rang bie Hände. „Ich hielt ihn zwar für treulos, falsch unb feig, für schlau unb intriguant", sagte er bumpf; „allein er hat ihr bieSmal all' meine Worte wiederholt, unb sie ist dennoch gegangen. Nun muß der Sache ein Ende gemacht werden, unb wenn auch .... wenn auch mein Herz darüber brechen sollte!"

(Fortsetzung folgt.)

Der Btfei an 26. April. ,

Der Neapler Correspondent der „Opinione" ent­wirft eine lebhafte Schilderung der Vorgänge am 26. April in Neapel unb ber unmittelbaren Umgebung, welcher wir Folgendes entnehmen.

8 Uhr Morgens: Der Präfect unb der General Pettinengo haben sich an Ort und Stelle begeben. Die Sicherheitsbehörden in Torre bei Greco und Portici haben an die Ouästur telegraphier, daß sich ein panischer Schrecken der Bevölkerung bemächtigt habe. Der Lavastrom ergieße sich nach zwei entgegen­gesetzten Richtungen und bedrohe SoMma, Vesuviana, San Sebastiano und Torre bei Greco. Sie verlan­ge« HülfSmittel unb Beistand. Die Ouästur hat alsbald in Uebereinftimmung mit ben Localbehör- brn die Sicherheitöwache, HülfSmittei, Aerzte, Wagm,