1872
Marburg, Sonntag, den 5. Mai.
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Eine SrMluug aus dem Leben von F. (Fortsetzung.)
3.
Malwine hatte in den nächstfolgenden Wochen Zeit genug, ihren Eigensinn und Trotz zu bereuen. Die Kluft, welche sie von ihrem Garten trennte, schien täglich größer zu werden. Er gab ihr nie Gelegenheit zu Erklärungen und zur Verständigung, sondern behändeste sie bei jeder Bewegung mit erkünstelter Kälte, und haste seit jenem Abende sogar sein Bett aus dem gemeinsamen Schlafgemach in den kleinen Alkoven neben seiner Stuvirstube bringen (offen. Sie fühlte jetzt mit Beklommenheit, wie west leidster und bester sie seinen Wünschen nachgegeben und lieber auf allen Umgang verzichtet hätte, anstatt die Sühne zu tragen, welche sie nun durch ihre Verkehrtheit und ihren Eigensinn sich zugezogen. Oft war sie aus dem Punkt gewesen, sich reumüthig dem Gatten zu Füßen zu werfen und ihn zu bitten, er möge ihr doch seine Liebe wieder schenken, allein jedesmal war ihr'S, als hielte ihr Stolz sie wieder mit eisernen Krallen davon zurück. Malwine fühlte aber auch, daß die Kluft, welche sie von ihrem Gatten trennte, sie auch von ihrem Schöpfer, ja von ihrem eigenen Ich geschieden haste. Dahin »ar ihr Seelenfrieden, ihre GemüthS- ruhe, und sie konnte nur mit Mühe ihre Thränen jurückhalien, wenn sie beim Anblick ihres Gatten und ihrer Kinder sich bekennen mußte, welch innigen Dank ste ihrem Schöpfer dafür schuldig sei, daß er ihr solche Segnungen geschenkt. In ihrer Verstocktheit und Selbstsucht aber wollte sie mit der Vorsehung hadern, Und ihre verkehrten Begriffe von Menschenwürde und Seelenadel gaben ihr nun den Vorsatz ein, wenn sie einmal dazu verdammt sei, al- Gattin ungeliebt zu bleiben, diese- traurige Loos wenigstens mit dem -fößten StoiciSmuS zu ertragen. So verwundeten sie 5°g für Tag die Dornm der Erbe, die bitteren Wasser chres Herzen- übermannten sie, und nur ihr Stolz •Ürin kräftigte sie zum Au-Harren.
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— dieser Glaube ist auch in christlichen Kreisen immer noch nicht weit genug verbreitet.
Wenn Fürst Bismarck erklärte, daß' Niemand an eine Beschränkung der Kirche, ja, nicht einmal an eine Zurückirtchme der ihr vom Staate übertragenen Vollmachten denke; daß es der Regierung nicht iu den Sinn komme, dem Unglauben Bahn zu mach«,; daß aber die ohne Zuihim der Regierung eingetre- tencn Verhältnisse gebieterisch forderten, daß das Machtgebiet des (Staates, wenn auch nicht erweitert, so doch präcis zur Anerkennung gebracht werde, damit er im Stande sei, sich vor den Angriffen zu schützen, die unter dem Deckmantel der Religion und in scheinbar gesetzlichen Formen von böswilligen oder im Jtr- thum befangenen Agitatoren gegen ihn gerichtet würde»: so hätten evangelisch gesinnte und conservative Männer sich zehnmal besinnen sollen, ehe sie dem Fürsten den Vorwurf ins Gesicht schleuderten, er verstehe nichts von den wahren Interessen deö christlichen Staates und des deutschen Volkes, oder er wolle die Förderung dieser Interessen nicht ernstlich. Bismarck ist freilich keine unfehlbare Autorität, aber die Christenheit aller Orten sollte Gott danken, daß der Mann, welcher den Berus Hal, die kitchen-politiiche» Verhältnisse zu ordnen, so gesinnt ist, wie er es ist. und ein solches Bekenntniß zum „lebendigen christlichen Glauben" abzutegcn vermag, wie er es gethan hat. —
Vergessen wir doch nicht und übersehen wir eS nicht, daß Fürst Bismarck die Aenderung der bestehenden staatskirchliche» Verhältnisse nicht absichtlich gesucht hat.--Der Bau am Reich hat ihn wider
Willen in den Kamps mit der römisch-katholischen Actionspartei verwickelt. Einer Koalition sah er sich gegenüber gestillt, die gesprengt werden mußte. Polen, Welfen, Separatisten schaarwn sich um die Ultra» montanen. Ihnen gegenüber galt es, das Volk vor Verführung zu bewahren und dem Staate das Recht zu sichern und die Mittel zu bieten, sich vor denen zu schützen, die dem Vaterlande unter dem Schutze der Gesetze die Herzen des Volkes entfremdeten und Feuer schürte», das, wenn es nicht bei Zeiten erstickt wird, alle Errungenschaften der letzten Jahre zerstören kann. Der Zündstoff liegt überall ausgehäuft. So griff der Fürst als Hüter des Reiches mit fester Hand drücke», als dem Kinde plötzlich ein anderer Sinn zu wachsen schien. Er lief roiecer zu seinpm Spielzeuge und sagte im früheren trotzigen Tone: „Mir ist's einerki; ich mag Dich gar nicht mehr, Mama; wenn Du stirbst, so kaust mir der Vater eine neue Mama!"'
Malwine ward von dieser unerwartete» Antwort so betroffen, daß sie große Lust fühlte, den Knaben abzustrasen; sie bezwang sich aber noch und übergab ihn dem Kindermädchen, welches über den Geist, der ihrer Ansicht zufolge in dieser Antwort lag, hoch entzückt war.
So schienen saft alle kleinen Ereigniffe dieses TageS berufen, sie immer mehr zu verstimmen, und als die Stunde nahte, wo Frau von Walzen ihren Bruder zu senden versprochen hatte, stand sie frostzitternd an dem starkgeheizten Ofen ihres Boudoirs, und mußte sich sagen, daß sie lieber sogleich sterben würde, wenn sie nur noch ein einziges Mal ihr Haupt am Busen ihrcS Gatten ausruhen könnte. Sie hatte zum Wegfahren den Wagen des DoctorS verlangt, und dieser stand zur anberaumten Zeit harrend vor der Thüre. Aber Frau von Walzens Bruder kam nicht, und sie hoffte schon mit einer wahren Sehnsucht, sie brauche nicht zu gehen. Ihre innere Unruhe scheuchte sie von einem Zimmer in das andere, bis sie endlich wieder in ihr liebes kleines Boudoir zurückkehrte, wo sie so manche glückliche Stunde mit ihrem Gatten verbracht hatte, wenn er ihr seine Lieblingsschriftsteller vorlaS und sie, in die schwellenden Kissen ihrer Ottomane gelehnt, ihm andächtig zuhörte, und sich im Stillen fragte, ob jemals eine menschliche Stimme der seinigen gleickge- * kommen sei an Wohlklang und Ausdruck! — Nun stand sie hier allein; allein und unglücklich Wohin sie auch blickte, zeigte ihr der Spiegel nur ein bleiches Antlitz mit eingesunkenen, von Thränen getrübten Augen, einen Kern, mit welchem die äußere glänzende Schale ihrer Toilette und Umgebung in schneidendem Kontraste stand.
(Fortsetzung folgt)
Aber e« handelt sich in dem Streite ganz und gar nicht um die Gegensätze, mit denen man die Gemüther bet Gläubigen aufgeregt hat. Es liegt keine Veranlassung vor, das christliche Volk zum Kampf gegen einen gottlosen Liberalismus anszurufen.
Dem Einfluß der Kirche auf das Volksleben will der Kanzler nichts in den Weg legen. An einer wahr hast christlichen Erziehung des Volkes liegt ihm eben so viel wie uns. An dem Bestände des christlichen Staates, der sich aus dem Boden eines vom christ lichen Glauben getragenen und durchdrungenen Volks lebens ausbaut, wirv er nie rütteln wollen. Nur mit den sactisch bestehenden staatskirchlichen Verhält nissen weiß er sich nicht überall im Einklang; die bestehenden staatskirchlichen Verhältnisse mögen eine Zeit lang vortrefflich gewesen sein: jetzt entsprechen sie weder den Interessen des Staates, noch denen der Kirche.
Es ist gut, daß die Meinung, als stehe und falle der christliche Staat mit der gegenwärtig bestehenden Form des StaatS-Christcnthums, von einer Seile her bekämpft wird, der man Achtung nicht versagen darf Freuen wir uns dessen, daß die Regierung Überall mit Entschiedenheit das Machtgebiet des Staates gegen das der Kirchen abgegrenzt und festgestellt wissen will. Wir haben Grund, zu glauben, eS werde diese Feststellung der Grenzen nicht dlos wie im vorliegenden Falle dem Staate, sondern ebenso der Kirche zu Gute kommen. Trauen wir denen, die so genau darüber wachen, daß dem Kaiser gegeben werde, was des Kaisers ist, die Gerechtigkeit zu,, daß sie Gott voll und ganz geben werden, was Gottes ist.--
Es stehl ja doch fr ft, daß nicht derjenige Staat christlich ist, der die Staatsgewalt her Kirche zur Verfügung stellt, sondern vielmehr der, welcher der Kirche in ihrem Gebiete volle Freiheit gewährt und in seiner eigenen Sphäre nach denjenigen Geboten handelt, die eben für das Staatsleben maßgebend sind: nach der höchsten Norm der Gerechtigkeit. — Der Glaube, daß eS der Kirche gelingen muß, auch ohne directe Unterstützung von Seiten des Staates, nicht getrennt von ihm, aber unvermischt mit ihm ihre Aufgabe dem Volke und dem Staate gegenüber zu lösen, wenn nur der Staat in seinem Bereich lhut, was seines Amtes ist
In der ersten Bitterkeit ihres ehelichen Zwistes hatte sie sich für Vergnügungen und Geselligkeit nicht gestimmt gefühlt; aber endlich kam doch eine Einladung zu einer Abendgesellschaft bei einer ihrer älteste» und nächsten Freundinnen. Man sollte dort lebende Bilder aufführen, welche damals ziemlich en vogne waren, und man hatte Malwinen eine der ersten Rollen zn- gedachi; sie aber hatte weder Lust noch Laune, hinzu gehen und Antheil zu nehmen. Die junge Frau von Walzen jedoch ließ ihr keine Ruhe, denn sie konnte ihrer Aussage nach nirgends eine passendere Rebecca finden, und drang so lang in Malwinen, bis diese zusagte.
Der Tag, an dessen Abend jene Gesellschaft statt finden sollte, kam heran und Malwine fühlte sich den ganzen Morgen ungemein gedrückt und von unbe- ftimmien Ahnungen gequält. 2fm späten Nachmittag ging sie in die Kinderstube, um sich bei ihren Kleinen zu zerstreuen. Die kleine Helene schlief, aber den Knaben hatte das Kindermädchen so eben von einem Spaziergänge heimgebracht, und seine Aufmerksamkeit ward durch ein neues Spielzeug ganz in Anspruch genommen.
„Komm' hieher, Heinrich!" sagte sie; „komm', Du darfst der Mama auf dem Schoos sitze»!"
„Nein, ich will nicht, ich mag gar nicht", versetzte der Kleine; „ich sitze in meinem eigenen Schoos!"
„Aber das ist recht böse von Heinrich, daß er so mit Mama spricht! Aber warte nur, wenn die arme Mama stirbt und in's tiefe Grab gelegt wird, bann wird der kleine Heinrich recht »einen und sich grämen, daß er gegen Mama so böse war!"
Der weichherzige Knabe ließ rasch sein Spielzeug fallen und brach in ein Weinen au«, daß ihm die hellen Thränen über die Wangen liefen und fein Busen wogte. Malwine suchte ihn zu trösten, und der Knabe sagte: „Mama ist recht döse, daß sie so spricht und mir so weh thut! Siehst Du nicht, wie ich meinen muß?"
Schon wollte ihn die Mutter zärtlich an ihr Herz
bie „OberhesfischeZeituag" öqlCUHUyUl für die Monate Mai und geni werden auswärts von allen Postanstalten und -ef dem Lande von den Landptzstboten, sowie in Marburg von der Expedition entgegengenommen.
Fürst BtSmarck und die christlich-eouser- vative Partei.
Bei der Berathung des SchulaussichtS-Gesetzes in den beiden Häusern des Landtages sind zwischen dem Fürsten BiSmarck und einem Theil der christlich-con- servativen Partei tiefgreifende Meinungsverschieben beiten über das Verhältniß von Staat und Kirche hervorgetreten und demzufolge vielfache Besorgnisse in den Kreisen gläubiger Christen zum Ausdruck gelangt.
Ein „namhafter Theologe, welcher selbst der streng kirchlichen Richtung angehört," hat jüngst in der „Köln. Ztg." einen Aussatz veröffentlicht, in welchem et die Ueberzeugung begründet, daß zu solchen Besorgnissen keine Veranlassung vorliege. Er macht zu nächst geltend, daß auch ein großer Theil conserva tiber Männer für die Gesetzvorlage gestimmt habe; doch sei.von dieser Seite die Darlegung der confer» vativen und religiösen Grundsätze, von denen sie ge leitet worden, nicht so gründlich erfolgt, wie eS zu wünschen gewesen wäre.
So habe der Anschein entstehen können, als stehe Alles, was mit den christlich.conservalivcn Principien bollen Ernst mache, auf Seiten der Opposition und sei von der Ueberzeugung durchdrungen, daß die freie , Bewegung der Kirche und ihr Einfluß auf das Volk durch das neue Gesetz gefährdet, Fürst Bismarck aber und mit ihm die preußische Regierung auf dem Wege fei, an Stelle des christlichen Staates den religionslosen zu setzen.
Er sagt hierauf:
„Läge die Sache so, wäre Fürst BiSmarck der Mann, dem polttische Erfolge und äußere Machtstel lung des Staates höher stehen, al« das religiöse und sittliche Gedeihen des Volkes, könnten sich die Männer der Opposition mit Recht auf das Christenthum berufen : die Aufregung im Lager der Evangelischen wäre überaus berechtigt.
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