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Ml». 1O1. Marburg, Mittwoch, den 1. Mai 1S72.
Oderhessische Zeitung.
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Deutsches Keich.
•• Berlin, 29. April. Die Verhandlungen im Reichstage über das Gesetz, die Stellung der ReichS- bcamten, stellen sich so sehr divergirend zu der Auffassung der Reichsregierung, daß es schwer sein wird, eine Verständigung über dieses Gesetz herbeizuführen. Dieses erkennen selbst die liberalen Blätter an, welche tie Ansicht des Reichstages vertreten, und wenn die „Wefer-Ztg." erklärt, daß durch diese Verschiedenheit der Ansichten die Eventualität nahe gelegt wird, daß weder in dieser Session noch in der nächsten Zukunft ein solches Gesetz zu Stande kommen könne, so möchte man doch behaupten, daß man nur den Wunsch hat, die Herbeiführung diese- höchst wichtigen Gesetzes herbeiführen zu wollen. — Die von der englischen Presse zuerst in die Welt gesetzten Gerüchte von einer Drohnote Deutschlands an Frankreich verstummen noch nicht ganz. Wenn man auch nun im Allgemeinen zugibt, daß wohl die Sache nicht so schlimm sei, so meint man doch, die Unklarheit der Demenli'ö könnte nicht ganz das Gerücht zum Schweigen bringen und namentlich ließe die Unklarheit der „Prov.-Corresp." eine solche Deutung zu. Abg. Richter behauptet in den Zeitungen, welche die Spalten für seine Cor respondenzen öffnen, daß das Dementi der „Prov.- Corresp." und der „Nordd. Allg. Ztg." gelte, die officiöfen Dementi'- seien sehr zaghaft und nur gradatim gewesen. Jedenfalls hat nun Hr. Richter aus der Erklärung der „Prov.-Corresp." eine Zurechtweisung der „Nordd. Allg. Ztg." herausgelesen, da eine solche in der That in den Worten des halbamtlichen Or gans nicht gelegen hat; was aber die Dementi's der vfficiösen Presse anbelangt, so sind dieselben nicht gradatim erfolgt, fondern sie haben nur in der Reihen folge alle in der Presse auftauchenden Varianten über dieses Thema als unrichtig erklärt. — Die „Magdeb. Ztg." läßt sich 4>u8 Berlin schreiben, daß der Geh. Ober Regierungsrath de la Croix zum Dirigenten der Abtheilung für CultuS-Angelegenheiten erwählt sei. Nach eingezogener Erkundigung scheint diese Mitthei- lung jedenfalls als verfrüht bezeichnet werden zu können, da eine Entscheidung zur Zeit noch nicht ge
fällt ist, vielmehr besteht das Interimistikum im Cul- tusmiiiistelium auch nach dem Eintritt des Unter« staals-SecretärS Achenbach in das Ministerium noch fort.
Berlin, 29. April. Das Befinden Ihrer Kaiser!, und Königl. Hoheit der Frau Kronprinzessin ist nach den Bulletins der Herren Aerzte Dr. Wegner und Dr. Gream bisher ein befriedigendes geblieben. Da sich die hohe Wöchnerin in fortschreitender Genesung befindet, so werden die Bulletins mit dem heutigen geschlossen. — Prinz Friedrich Karl ist gestern Abend von seiner Orientreise zurückgekehrt. unb würbe heute vom Kaiser empfangen. — Der Botschafter des Deutschen Reiches, Graf Arnim, ist gestern Abend um 10 Uhr nach Paris abgereist. — Die Uebergabe der amerikanischen Ratifikation des Consular-Vertrages hat gestern statt gefunden. Tie durch eine Formalität verhinderte Vollendung des Actes von deutscher Seite wurde heute jeden Augenblick erwartet.
Halle, 29. April. Bei Eröffnung der Straßburger Hochschule wird unsere Universität durch ben Rector Prof. Dr. Schlottmann vertreten werden; derselbe wird eine tabula gratulatoria überreichen.
Rostock, 29. April. Von unserer Universität werden als Teputirte der jetzige Rektor, Prof, der Rechte, Schwanert, und der vorjährige Rector, Prof, der Physiologie, Aubert, welchen sich der Consistorial- rath Prof. Mejer anschließen wird, zur Eröffnungsfeier der Universität nach Strußburg gesendet werden und eine vom Prof, der Eloquenz verfaßte Votivtafel überreichen.
Bremen, 29. April. Die bremer Bürgerschaft hat am 24. d. mit 63 gegen 44 Stimmen ben Münz- gesetzentwurf des Senats angenommen. Danach wird vom 1. Juli du das Reichsmünzsystem in Bremen statt der bisherigen bremer Goldwährung gelten, d. h. die Mark wird Rechnungseinheit fein, getheilt in 100 Pfennige, und gesetzliche Zahlungsmittel werden die goldenen Zehn- und Zwanzig-Markstücke des Reiches; bis deren aber genug im Umlauf find, und bis ferner das definitive Reichsmünzgesetz über die künftigen Silberwünzen entschieden hat, haben hier auch die groben Courantmünzen des preußisch - norddeutschen Dreißigthalerfußes legalen Cours, die Fünf- und Zehngroschenstücke jedoch nur bei Beträgen bis zu dreißig Mark.
Oesterreich - Ungar».
Wien, 29. April. Der Leseverein der hiesigen deutschen Studenten wird zur Eröffnung der Univer
sität in Straßburg eine Deputation von 20 Mitgliedern dorthin absenden und hat sich mit den Universitäten Prag und Graz in Verbindung gesetzt, um ein gemeinsames Auftreten zu vereinbaren. — Der Bischof von St. Pölten, Dr. Joseph Feßler, der Ge- neral-Secretär des vatikanischen Concils war, ist am 25. b. Abends in St. Pölten plötzlich verschieden. — Die „Wiener Zeitung" veröffentlicht ben zwischen Oesterreich -Ungarn und Deutschland abgeschlossenen Telegraphenvertrag.
Frankreich.
Pari-, 28. April. Frau Dubourg ist gestern Nacht um 12% Uhr unter schrecklichen Schmerzen gestorben. Die Leichenöffnung wurde von Pros. Velpeau vorgenommen. Das Begräbniß findet heute auf dem Pvre La Chaise statt. Die Stunde wird nicht bekannt gemacht, da man ben Zubrang der Menge vermeiden will. Der Geliebte der Frau Dubourg, Sylvain de Prvcorbin, befindet sich seit vorgestern in Mazas, wo er die Zelle 137 bewohnt. Derselbe hatte sich nicht nach dem Auslande begeben, wie man zuerst geglaubt, sondern sich versteckt gehalten. Seine Mutter, die auch nichts von ihm gehört, hatte sich an die Polizei- Präfectur gewandt, um zu erfahren, ob er verhaftet fei. Gestern erhielt sie nun einen Brief von ihrem Sohne, worin er ihr ein Stelldichein gab. Er begab sich dann mit ihr nach dem Justizpalast unb verlangte den Untersuchungsrichter zu sprechen. Vor benselben geführt, fragte biefer ihn, was er wünsche. „Ich bin", entgegnete der junge Mann, „Sylvain de Prvcorbin, und ich komme, um mich als Gefangenen zu stellen." «Ich habe Sie seit drei Tagen erwartet", erwiderte der Untersuchungsrichter. Höchst wahrscheinlich wird de Prvcorbin bereits heute wieder in Freiheit gesetzt werden, da keine Klage wegen Ehebruchs gegen ihn eingereicht worden ist und er wegen Mitschuld an der Mordthat unmöglich angeklagt werden kann. - Seine L-telle auf der Seine-Präfectur, er verdiente dort nur 2400 Fr., hat er jedoch verloren. Sein Freund Du- tertve wurde nach seinem Verhör sofort wieder sreige- laffen. Es ist nicht begründet, daß der Seine Präfect auch ihn seiner Stelle entsetzte. Was Dubourg anbelangt, so wurde derselbe gestern in Freiheit gesetzt, da sein Vater, der von Villiers, wo er wohnt, nach' Paris geeilt ift ,"für ihn gutstand. Es heißt sogar, daß gar kein Proceß cingeleitet wird und der Beschluß, daß kein Grund zur Verfolgung oorliege, erlassen werden soll. Dies klingt jedenfalls etwas sehr unwahr-
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Täuschungen.
Eine Erzählung aus dem Leben von G. F.
(Fortj etzung.)
Sie schrie nicht auf, obschon ihr der Arm vor Schmerz bebte; sie suchte sich nicht von ihm loszu» machen, wie juwr; sie freute sich vielmehr über den : Gedanken, daß er der tiefen Demüthigung, die er ihr durch fein Betragen gegen den Affeffor angethan, auch «och persönliche Unbill und Mißhandlung hinzugesügt habe. Darum lächelte sie jetzt kalt und versetzte in höhnischem Tone: „Ihre wilden bösen Leidenschaften, mein Herr, haben Sie bereits in den Teufel umge- wandelt, für welchen Sie Sich selber ausgeben. Ich will Ihrer Behauptung nicht widersprechen, unb .... kann an deren Wahrheit auch nicht mehr zweifeln I" fügte sie mit einem Blicke auf ihren Arm hinzu, an welchem einige Tropfen Blut herunterliefen. Sie verband ihren Arm mit dem feinen Battisttuche, unb wollte da- Zimmer verlassen. Aber Hermes vertrat chr den Weg zur Thüre.
„Du triebst mich beinahe bis zum Wahnsinn, Malwine!" sagte er und wollte ihre Hand erfaßen. »Ich wußte nicht, daß ich so heftig war und Dir so wehe that! — Schenke mir noch einen Augenblick Gehör, wir müssen uns verständigen!" . . .
„Soffen Sie mich gehen!" erwiderte Malwine dlt; „ich verstehe Sie nur allzugut!"
„Ich will Dich aber jetzt nicht gehen kaffen, — Du mußt mir versprechen . . ."
„M nßst?" fragte Malwine zischend; „mnßst! ^ch werde Ihnen Nichts versprechen!" Dann bezwang nt ihre eigene Heftigkeit unb fuhr ruhiger unb wür- ^voller fort: „Wenn Sie Ihrer Leidenschaft mehr vtrr sind unb mich schicklicher behandeln, will ich Sie anhören — eher nicht!"
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„Du sollst mich aber jetzt anhören!" rief Herme- entschlossen, erfaßte ihre beiden Hände und hielt sie fest. „Ich will aber nicht; ich mag kein Wort hören. Lassen Sie mich, lasse» Sie mich los, Doctor Hermes. Ich werde die- nicht ertragen. Sie sind ein Unmensch! Ich hasse Sie! O Himmel! hätte ich nie geheiraihet! rief sie unb sank erschöpft von der An strengung, die sie gemacht, um sich von ihm loszuringen, wieder in den Lehnstuhl, unb brach in em krampfhaftes Schluchzen aus. Ihre Thrönen übten aber keine heilsame Wirkung an-, denn sie kamen von gekränktem Stolz, von gedemüthigter Eitelkeit, von übermäßiger Leidenschaft her. Und als ihr Gatte, durch ihr Weinen unterwürfig, ja reuig gemacht, sich neben sie setzte und sie zu beschwichtigen versuchte, wies sie ihn mit einer Hanbbewegung von sich und schluchzte: „Geh'» Sie, lassen Sie mich! Ich wollte, ich wäre tobt, so wäre ich boch aus dem Bereiche Ihrer Tyrannei!"
_ Hermes erroieberte kein Wort mehr; mit gewaltiger Selbstüberwindung verließ er den Salon und begab sich in sein eigenes Schlaszemach.
Malwine dagegen warf sich wieder in ihren Lehnstuhl , barg ihr Gesicht in dessen weichen Kissen unb Überließ sich für eine Weile der heftigsten Aufregung. Es mengten sich keine Vorwürfe und Anklagen gegen sich selbst in die Entrüstung und die bitt«en Beschwerden über das Betragen ihres Gatten. Sie betrachtete nur sich selbst als die Schwergekränkte und gelobte sich, ihr Gatte müsse das bekennen und Vergebung dafür erflehen, bevor sie ihn wieder zu Gna den annehme. Was hatte ich denn getha»? Gar Nichts. Aber Er! Keine. Worte waren hinreichend, das Maaß seines Vergehens auszudrncken. Ein Geräusch machte sie erbeben, — sie blickte auf. Der hohe Kamm, vom Gewicht des schweren Schleiers aus sei
ner Lage gerückt, war ihr vom Kopse gefallen, und ihre reichen, schwarzen Flechten fielen nun in Masse über ihr kurzes Opernmäntelchen, mit dessen schneeiger Weiße ste seltsam contraftirten. Malwine strich tag Haar von den heftig pochenden Schläfe» zurück, drückte die kleinen Hände mit den kostbaren Fingerringen Darauf und erhob sich langsam, während ihr der Mantel entglitt und ihr Auge den Reflex ihrer symmetrischen, so herrlich gebildeten Gestalt im gegenüberliegenden Spiegel erblickte. Betroffen unb entzückt von ihrer eigenen wilden, strahlenden Schönheit trat sie näher und zertrat dabei das ihr entfallene Bouquet. So zertrat sie leider unbewußt all die frischen Blüthen ihres Lebens.
„Ist es möglich", flüsterte sie vor sich hin, während sie noch immer ihr Bild im Spiegel bewunderte, „ist es möglich, daß er mich, mich so schändlich behandeln konnte? Wie ost hat er mir, noch ehe ich seine Frau war, mit den theuersten Eiden gelobt, daß er sich nur nach meinen Wünschen richten unb nur sie ftubiren wolle; unb nun hat er, weil ich auf der Erfüllung eines einzigen Wunsches beharrte, seine Wuth auf eine so empörende Weise an mir ausgelassen , hat selbst vor Fremden keinerlei Rücksicht aus meine Gefühle, auf meine Selbstachtung genommen, hat die Kränkung sogar bis zur Mißhandlung getrieben!" setzte sie mit einem Blick auf ihren blutenden Arm hinzu. (Fortsetzung folgt.)
Die Universität z» Straßburg.
Dr. A. Schlicker hat zur Eröffnungsfeier der neuen Hochschule eine kleine Festschrift erscheinen lasten, an deren Hand wir nachfolgende historische Skizzen über die Universität in Straßburg mittheilen.
Die Anfänge der Straßburger Universität batiren aus der durch ganz Deutschland und darüber hinaus«