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JRarßlirg, Dienstag, den 30. April.
1872-
' Oderhessische gtitnng.
arfAeint tödlich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberhesfische« Jettuug mit KreiSblatt durch die Expedition (Äoch'sche I Buchdruckerei) bezogen 22; Lar., durch die Postämter 87 Lgr. 8 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl- Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 88 Lgr. —
Inferlionsgebübr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sünimtliche Annoncen-Büreauö nehmen Inserate an.
Frau nicht bemerken konnte, hörte er, wie Assessor Grahn sich in leisem vertraulichem Toue von Malwine verabschiedete und am Ende »och zärtlich sagte: „ES freut mich unendlich, meine liebe Frau HermeS, daß Sie sich entschlossen haben, häufiger wieder in den Zirkeln zu erscheinen, deren Zierde Sie sind! Wollen Sie mich auch fernerhin mit einigen Aufträgen beehren, oder mir irgend einen Wunsch kund thun, den Sie haben, so werden Sie mich unaussprechlich erfreuen, denn ich kann Sie versichern, daß ich mich überaus glücklich fühle, wenn ich Ihnen dienen kann !*
Der Doctor wartete nicht die Antwort seiner Frau ab, sondern trat rasch in das Licht hervor, das die Laterne vor dem Hause warf und stand dem Asiesior Auge iu Auge gegenüber. Er vergaß seiner gewohnten Höflichkeit und der mühsam errungenen Selbstbeherrschung, als er die Hand seiner Frau barsch aus dem Arm des Asiesiors hinwegriß, auf welchem sie ruhte und mit dumpfgrollender Stimme sagte: „Ich will Sie in Zukunft von allen Gefälligkeiten gegen meine Frau entbinden, Herr Assefior, denn sie. wird fortan nicht mehr ohne meine Begleitung in Gesellschaft gehen!"
Dieser Zwischenfall kam Malwinen und ihren Begleiter so unerwartet, so plötzlich, daß Beide sprachlos dastanden. Schon im nächsten Augenblicke hatte der Doctor die HauSthüre dem Asiesior vor der Nase ins Schloß geworfen, ohne nur noch die üblichen Abschiedsworte mit ihm zu wechseln, reichte seiner Frau den Arm und führte sie die Treppe hinauf in den Salon, wo sich Malwine von ihm losriß und saft schwindelnd in einen Fauteuill warf. Ihr dunkles Auge blitzte vor Wuth, ihr kleiner Fuß stampfte lei- leidenschaftlich auf den weichen Teppich, und auf ihren Wangen stieg eine Röthe auf, welche die der dunklen Kamellia-Blüthe beschämte, die ihre Hand eben aus dem Haarputze genommen und zu Stücken zerriß. Als ihr Gatte sich ihr näherte, wandte sie voll Groll und
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g«tti werden auswärts von allen Postanstalten und auf dem Lande von den Landpostboten, sowie in Marburg von der Expedition entgegengenommen.
Deutsches Keich.
Berlin, 28. April, lieber die Ernennung des Cardinals Fürsten Hohenlohe zum deutschen Botschafter beim Papste wird der „Köln. Ztg." von hier geschrieben: „Wir sind gewohnt, durch den Reichskanzler überrascht zu werden. Zu diesen unerwarten Entschlüssen rechnen wir die Ernennung eines Cardinals zum deutschen Botschafter bei der römischen Curie. Die Ueberraschung ist um so größer, als man in letzter Zeit darauf gefaßt war, das Deutsche Reich der katholischen Kirche gegenüber in eine feindliche Stellung gerathen zu sehen. Statt dessen sehen wir plötzlich das Reich beim heiligen Stuhl diplomatisch vertreten nicht nur durch einen Katholiken, sondern durch einen princeps Romanae ecclesiae. Gewiß eine große Conccsston, welche der katholischen Kirche gemacht wird! Und dennoch, wenn wir die Persönlichkeit des zum Botschafter ernannten Cardinals näher ins Auge fassen, könnm wir uns nicht enthalten, den Entschluß des Reichskanzler» als einen sehr glücklichen zu bezeichnen. ES kann im Interesse des Friedens zwischen den Confessionen nicht oft genug hervorgehoben werden, daß die katholische Kirche und der Jesuitenorden nicht ein und dieselbe Sache sind. Die Ernennung pes Cardinals Prinzen Hohenlohe ist ein erfreulicher Beweis, daß sich die kaiserl. Regierung dcS erwähnten Unterschiedes bewußt nnd daß sie entschlossen ist, ihn sestzuhalten. Der zum Botschafter ernannte Cardinal ist ein katholischer Priester, gegen dessen correcle Stellung in der Kirche kein Zweifel besteht Er hat weder gegen die Proclamirung de« Unfehlbarkeits-Dogma'» gestimmt, noch ist erden Schritten seines Lehrers Döllinger gefolgt. Er ist ein in den dogmatischen Anschauungen der römischen Curie gebildeter Geistlicher. Er ist überdies ein anerkannt gläubiger und frommer katholischer Christ. Allein was ihn von vielen seiner StandeSgenossen unterscheidet, ist seine Stellung gegenüber dem Jesuitenorden. Der Cardinal Hohenlohe ist unter den Freunden der Jesuiten einer der bestgehaßten Männer, denn er hat sich seit seinem
Eintritt in den geistlichen Stand, also seit etwa 25 Jahren, die er sowohl am Hofe des Papstes, als in seiner Eigenschaft als Cardinal in Rom zugebracht hat, stets von dem Alles beherrschenden Einfluß des Jesuitenordens frei zu 'halten gewußt. Er ist deutsch geblieben in seinem Denken und Thun, trotz jahrelanger Anfeindungen von Seiten derjenigen, welchen-deutsches Denken und Fühlen ein Gräuel ist. Daß er die» blieb inmitten einer Umgebung, die in der Wahl ihrer Mittel gegenüber ihren Feinden nicht zu wählerisch zu sein pflegt, das zeugt von einer Nachhaltigkeit des Charakters, die wir als eine Bürgschaft annehmen, daß er auch jetzt die Interessen des Reichs unabhängig von dem verderblichen Einfluß des mächtigen Ordens zu wahren wissen wird. Die Katholiken werden in dieser Ernennung den Beweis erblicken, daß es der leitenden Macht in Deutschland ernst ist, wenn sie erklärt, gerechten Forderungen der Katholiken entsprechen und den Frieden aufrecht erhalten zu wollen."
Berlin, 28. April. Die Kaiserin reift am 29. April Abends von hier nach Coblenz und am 1. Mai Abends von Coblenz nach Windsor zum Besuche der Königin von England. — Der Kaiser hat dem Herzog von Sachsen-Meiningen zwei eroberte französische Feldgeschütze, einen Vierpfünder und einen Zwölspfün- der, zur Erinnerung an den ruhmreich beendeten Krieg und in dankbarer Anerkennung der von den Landeskindern deS Herzogs vollbrachten Thaten überweisen lassen. — Hr. v. Roggenbach hat seinen commissari- schen Auftrag, für die neue Universität in Straßburg die entsprechenden Lehrkräfte zu berufen, nunmehr zu Ende geführt. An der Spitze der Verwaltung der Universität steht bis jetzt der Reichskanzler; der Bundesrath wird sich nunmehr an den Kaiser wegen Ernennung eines Curators wenden. Es sei hierbei bemerkt, daß die Adresse, welche der Reichstag zur Eröffnung der Universität zu entsenden beschlossen hat, vom Bureau des Hauses festgestellt, in der morgigen Sitzung verlesen und abgesendet werden soll. Die beabsichtigte Entsendung einer Deputation scheiterte vornehmlich am Widerspruche des CentrumS, der Fortschritts- und liberalen Reichspariei. — Der Cardinalpriester Prinz Gustav zu Hohenlohe-Waldenburg Schillingsfürst, der künftige Vertreter Deutschlands beim römischen Stuhl, ist am 26. Februar 1823 ge
boren ; er ist ein jüngerer Bruder des Herzog Victor von Ratibor und des Fürsten Clodwig zu Hohenlohe, frühere» königl. baierischen Ministerpräsidenten. Der jüngste Bruder, Prinz Konstantin, ist Obersthofmeister des Kaisers von Oesterreich. — In armenischen Kreisen zu Konstantinopel ist ein Unternehmen zur Erforschung der Alterthümcr und Topographie Armeniens angeregt worden. Zu dm topographischen Arbeiten hat man sich um die Hülfe preußischer GeneralstabS- officiere beworben, und es ist, wie in der letzten Sitzung der hiesigen Gesellschaft für Erdkunde mitge- theilt wurde, Aussicht vorhanden, daß ihnen diese bewilligt werden wird. — Wie aus Breslau gemeldet wird, hat der gegenwärtig dort verweilende altkatholische Professor Michelis aus BraunSberg den Fürstbischof und das Domcapitel zur öffentlichen Disputation über die Jnfallibilität herausgefordert.
Bei den jetzt hier schwebenden Verhandlungen über den Abschluß eines Postvertrages mit Oesterreich- Ungarn ist von den Bevollmächtigten die Kaiserstaates beantragt worden, die Gebühr für Correspondenzkarten auf V2 Sgr. zu ermäßigen. Die Vertreter BaiernS und Würtembergs haben dagegen nicht remonstrirt. Bei Einführung des Satzes auf 1/2 Sgr. würde, wenn sich die Correspondenzkarten nicht vermehren, ein jährlicher Ausfall von 46,000 Thaler entstehen. Ob die zur Deckung dieses Ausfalles nöthige Steigerung des Correspoudenzkartenverkehrs ohne gleichzeitige Verminderung der Anzahl der Briefe eintreten werde, läßt sich nicht vorher sagen. Da auch Seitens deS correspondirenden Publikums sowie der Organe des Handelsstandes zahlreiche Anträge auf Erniedrigung der Correspondenzkarten - Gebühr an die Reichs-Postverwaltung gelangt sind, so hat jetzt der Reichskanzler dem Bundesrath die Erwägung anheimgestellt, ob nicht die Gebühr für Correspondenzkarten vom 1. Juli d. I. ab auf 1/2 Sgr., beziehungsweise 2 Kreuzer seft- zusetzen und demgemäß auch bei den jetzt schwebenden Verhandlungen mit Oesterreich-Ungarn von den diesseitigen Bevollmächtigten die Zustimmung zu dem be- züglicheu österreichischen Anträge auszusprechen sein möchte.
Die in der letzten Nummer dieses Blattes mitge- theilte Notiz über eine» vom „Staatsanzeiger" gebrachten Erlaß, betreffend die Annahme der Füuf- frankenthaler und holländischen Gulden an den Kaffen
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Eine Erzählung aus dem Leben von ®. F.
(Fortsetzung.)
Als er au» seiner Träumerei erwachte, öffnete er ein zusammengesalteteS Papier, welches eine blaue verwelkte Blume, einen dürren Myrthenzwcig und ein Stückchen Papier enthielt, worauf von seiner eigenen Hand die Worte standen: „Buchholz den 20. Mai, Helene." O er erinnerte sich jenes Abends noch sehr gut, und jenes Sinnbild seiner Beständigkeit, wie strafte e» ihn nun Lügen! das welke Blümchen sprach so klar, als es nur Worte hätten sagen können: „Vergißmeinnicht!" und fein Herz antwortete daraus, wenn auch für kein fremdes Ohr hörbar: „Bei jenen Stunden der Zärtlichkeit, bei jenen Wonne-Tagen, Du bist nicht vergessen, Helene, noch wirst Du es je sein! — O Malwine, rette mich vor diesen Erinne rungen!"
Dann schlug er ein Blatt Seidenpapier auseinander, und nahm daraus einen langen Strang weichen braunen Haars, welcher in spiralförmigen Locken von fehlen Fingern herabwallte, als er sei» Auge daraus heftete. Es lag kein Zettelchen dabei und es bedurfte auch keines solchen, denn sein Auge trübte sich schon bei dem Anblick mit Thränen. Sorgsam legte er die Haarlocke wieder in's Papier, faltete es zusammen, drückte daS Päckchen fast ehrfurchtsvoll an feine Lippen, stützte dann mit einem tiefen Seufzer den Kopf auf die Hand und blieb mehrere Stunden lang iu tiefes Nachdenken versunken
Die Uhr schlug ein, zwei Uhr nach Mitternacht, und seine Frau kam noch immer nicht. Zur Unge duld gesellte sich das Unbehagm; er begab sich in bie Wohnzimmer, die nach der Straße zu lagen, und Mg in ihnen lauschend eine träge Stunde lang auf und nieder. Allein nicht ein Ton schlug an sein lauschendes Ohr, als das leise Picken der Pendeluhr und gelegentlich das fernere Raffeln von Fuhrwerken.
Da stand er im Mittelpunkte einer langen Zimmerreihe und blickte sich um; er hatte diese Wohnung für seine schöne junge Braut so üppig und glänzend auSrüsteu lassen, damit sie sich hier Heimisch fühle und gern hier weile; darum hatte der Salon den weichen orientalische» Teppich mit den eingewobenen Rosen, die hohen spanischen Fenster, die auf den stattlichen Balkon mündeten, die schweren Gardinen und Portieren von Atlas und Spitzen, die reichgeschnitzten altcrthümlichen Möbel und all die schönen reichen Verzierungen, welche nur die Kunst liefern und der Wohlstand erschwingen konnte; darum hatte er ihr daS Mustkzimmer eingerichtet mit dem herrlichen Pariser Flügel und der schönen Wiener Harfe, mit den werth- vollen-Gemälden und der Marmorgruppe, einem Werke von Professor Kiß's Meisterhand; darum das kleine Boudoir für ihren ausschließlichen Gebrauch, -mit seinen Fenstern von buntem Glase, seiner Rosadraperie, seinen vielen Wandspiegeln, den schwellenden Divans! Unwillkürlich mußte sich ihm die Frage aufdrängen, warum sie sich nicht damit begnügen wolle, innerhalb dieser Räume für ihn zu leben, gleich wie er gehofft hatte, nur für sie zu leben.
Er legte die Hand an die Schläfe, und fühlte wie seine Pulse stürmisch pochten, sein Kopf in Fieberhitze glühte; da trat er auf den Balkon hinaus, um nach dem Wagen zu sehen, welcher ihm seine Frau zurückführen sollte. Die kühle Nachtluft chat ihm wohl, und auS der Ferne hörte er einen Wagen heranrolle», der immer näher kam. Der Doctor trat daher in den Salon zurück, und horchte,, bis er sich überzeugt, daß die Equipage vor seinem eigenen Hause hielt, und daS Töne» der Hausglocke keinem Zweifel mehr Raum gab. Aber Alles im Hause blieb auf das Signal still, denn Mathilde war verschlafen; darum ging HermeS endlich selbst hinunter und öffnete die HauSthüre. Während er sie offen hielt und unbewußt in deren Schatten stand, so daß ihn seine