Wr. 97. Marburg, Freitag, den 26. April. 1872.
OberhesMe Zeitung.
Erscheint tätlich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberhesfischen Zeitung mit Kreisblatt durch die Expedition (Äoch'sche Buchdruclerei) bezogen 22; ®gt., durch die Postämter 27 ®gr. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl- Stempelneuer), für das Ausland excl- Stempel 22 *gr. — JnfertionSgebühr für die gespaltene Zeile ). Sgr. Eämmtliche Annoncen-Büreauv nehmen Inserate an.
auf di-„OberhksfischkZeitung" Vv|UUUUl|Ul für dir Monate Mai und Juni werden auswärts von allen Postanstalten und auf dem Lande von den Landpostboten, sowie in Marburg von der Expedition entgegengeno^men.
Deutsches Strich.
Berlin, 24. April. Der gestrige „Reichs-Anz." weidet: „Heute früh überbrachte Se. Kaiserliche Königliche Hoheit der Kronprinz persönlich die Meldung, daß Höchstseine Gemahlin, die Kronprinzessin, Kaiserliche und Königliche Hoheit, glücklich von einer Prin- Mn in der verflossenen Nacht entbunden worden sei. Zhrc Majestät die Kaiserin-Königin begab sich mit dem heutigen Frühzuge nach dem neuen Palais, um die hohe Wöchnerin zu besuchen, und kehrte heute Nachmittag nach Berlin zurück. Beide Kaiserliche Majestäten empfingen die Glückwünsche der königlichen Familie und der Hosstaaten. — Se. Königliche Hoheit der Prinz Friedrich Karl ist, nach telegraphischer Meldung, gestern von Brussa nach Konstantinopel zurückgekehrt." — Der Kaiser hat befohlen, daß auch die für den 20. u. 27. d. M. angesetzten „Frühjahrsparaden" ganz auSsallen sollen. — Der Strafantrag des Domherrn Kozmian gegen die „Nordd. Allgem. Ztg." ist von der Staatsanwaltschaft wegen mangeln den öffentlichen Interesses zurückgewiesen worden. Es bleibt nun zu erwarten, ob Kozmian, wie die „Germania" wiederholt angekündigt hat, den Jnjurienprozeß anstrengen wird. — Der „Südd. Reichspost" wird au» Darmstadt geschrieben: Pastor Wilhelm Baur in Hamburg (aus dem Großherzogthum Hessen gebürtig) sei von Sr. Majestät zum Hof- und Domprediger in Berlin ernannt worben. — Es sollen in nächster Zeil, wie die „Kreuzztg." erfährt, noch mehrere Berufungen ins Herrenhaus stattfinden. Dasselbe Blatt wider, spricht auch der Nachricht, Baron Senfft-Pilsach habe seinen Sitz im Herrenhause aufgegeben. „Es stehl ihm", sagt das Blatt, „wie jedem andern Mitgliede frei, sich zeitweise von den Geschäften zurückzuziehen; seinen Platz aber kann und wird er Zeitlebens nicht aufgeben." — Der Abgeordnete Miquel ist von den Folgen deS vor einiger Zeit erlittenen Unfalls wiedcr- hrrgestcllt und wohnt bereits den ReichSlagSsitzungcn wieder bei.
Wie die „Frkf. Pr " aus guter Quelle erfahren will, soll man sich in den betreffenden Kreisen bezüglich der Gewehrfrage nun endgültig für das System
Mauser, nachdem dasselbe vorher noch einige nicht wesentliche Modifikationen erfahren haben wird, ent. schieden haben. Versuche, welche mit dieser Waffe in letzter Zeit in Spandau stattgefunden haben, führten zu sehr befriedigenden Resultaten; auf 400 Schritte gelang es z. B. einem Unteroffizier in liegender Stellung und mit losen, bequem zur Hand befindlichen Patronen 26 Schnß in der Minute auf die kleine Colonnenscheibe abzugeben, worunter etwa 20 Treffer. Mit der bereits seit 1869 im Gange befindlichen Umänderung des bisherigen ZündnadelgewehrcS soll trotzdem noch so lvnge fortgefahren werden, bis die vollständige Ausrüstung der Armee mit demselben sicher gestellt ist, was nach etwa zwei Jahren der Fall feist wird; dann aber wird mit aller Macht zur Fabrikation der Mauser'schen Gewehre geschritten werden. Büchsenmacher Mauser in Oberndorf (Württemberg), der Erfinder deS neuen Systems, hat kürzlich einen preußischen Orden erhalten.
Der General-Postdirector hatte vor einigen Tagen unter Hinzuziehung des Geh. Ober FinanzralheS Burghart als Vertreter des Finanz-Ministeriums und zweier Vortragender Räthe des kaiserlichen Postamtes eine Conferenz mit den hiesigen Zritungsverlegern, um deren Geneigtheit, auf ein kürzeres als Quartals-Abonnement einzugehen, zu constatiren. Der General Posjdirector und der Vertreter des Finanz -Ministeriums waren mit der Minorität der Zeitungsverleger einverstanden, daß mit jedem ersten des Monats ein neues monatliches Abonnement einlreten solle. Tie Majorität der Verleger stimmte hingegen dalür, daß mit dem Beginne eines Quartals nur Quartals - Abonnements, mit dem zweiten Monate des Quartals rin Abonnement auf zwei Monate und erst mit dem Anfänge des dritten Monats ein MonalS - Abonnement anfangen solle. Dies wurde zum Beschluß erhoben.
.Bonn, 24. April. Die „Germania" berichtigt die unlängst in Betreff des neuen JesuitenprovincialS gemachte Mitthcilung dahin, daß der neue Provincial ver teulschen Provinz des Jesuiten-Orden-, Pater Oswalv,«bereits seit zwei Monaten diese Würde bekleide, daß ein Jesuit überhaupt nur immer drei Jahre lang den Posten eines Provincials bekleide und nach Ablauf diejer Zeit regelmäßig seiner Stellung enthoben werde. Auch habe bereits der Vorgänger des Pater OSwald, Pater Faller, in Bonn resivirt, da Maria Laach zu abgelegen und deßhalb für den Provincial ein zu „unpraktischer" Wohnsitz sei.
Detmold, 24. April. Der neue Cabinets-Mi- nister v. Flotwell hat eine Bekanntmachung über seinen Amtsantritt erlassen, in welcher er den redlichen Willen mitzubringen versichert, das Wohl des Landes durch gesicherte verfaffungömäßige Zustände zu fördern, und alle Parteien bittet, zum Besten deS Ganzen Opfer zu bringen.
Heidelberg, 20. April. Die Frequenz unserer Universität steigert sich außerordentlich. Neu immatri- culirt wurden für das Sommersemester über 200, wovon über die Hälfte Juristen. — Bei der Eröffnung der Straßburger Universität wird unsere Hochschule durch eine große Deputation bestehend aus dem Prorector und sämmtlichen Decanen vertreten sein.
München, 24. April. In der heutigen Sitzung der Abgeordnetenkammer wurde der Antrag Freytag's (Gründerwesen und Staatsbeamte) i» der Fassung vom 12. April nochmals angenommen. Die Rcdac- lion der Reichsrathskammer, „Staatsbeamte dürsin bei Beaufsichtigung industrieller -und finanzieller Unternehmungen im Staars-Jnteresse keine anderen Bezüge alS Reise-Tagegelder erheben", wurde nur mit 66 Stimmen gegen 63 Stimmen angenommen, halte die Zweidrittel Majorität sonach nicht erreicht und war also damit abgelehnt. Die Sache geht jetzt nochmals an die Reichsrathskammer zurück, welche das Gesetz in der Fassung der Abgeordnetenkammer annchmen oder das ganze Gesetz verwerfen muß. DaS Regierungspostulat für den Rangirbahnhof Ingolstadt von 3,442,370 Gulden wurde mit der Bestimmung angenommen, daß das Kriegs-Ministerium für den militärisch-noihwendigen Theil der Neubauten 674,370 Gulden in JahreSrenten zu 50,000 Gulden aus der vom Reiche erhaltenen Aversionalsumme zahlen muß.
Orsterreich - Ungarn.
Prag, 24. April. Die Wahlschlacht in Böhmen hat.sich zu Gunsten der deutschen Partei entschieden. Der Sieg der Verfassungspartei war übrigen- schon von dem Beginne des Wahlactes entschieden, ter vorgestern um 9 Uhr Morgens begann; als die Tschechen die ungünstige Lage der Dinge auf der Wahlstatt erblickten, zogen sie mit Hinterlassung eines Protestes ab. Der Sieg der Verfassunvopartei wird in der entscheidenden Curie dem ReichSrath einen Zuwachs von fünfzehn neuen Abgeordneten zuführen; rechnet man hierzu die sieben Stimmen, die bei den Städte- und Gemeindewahlxn für die deutsche Partei gewonnen wurden, so wird in der nächsten Session eine für die
Täuschnnge«.
Eine Erzählung aus dem Leben von G. F. (Fortsetzung.)
2
Wer Malwine nach dem Vorhergehenden für herzlos und frivol hielte, der würde sie doch einigermaßen verkennen. Sie wäre gern ihrem Gatten um den Hals gefallen und hätte ihm bekannt, daß von all den vielen unsreundlichen Worten, die ihr der Zorn und Eifer vbgepreßt, auch nicht eins so ernst gemeint gewesen, wenn sie nur überzeugt gewesen wäre, daß er dann aufrichtig und wahrhaftig dasselbe zugestanden haben würde Auftritte, wie der vorher geschilderte, waren bisher schon mehrfach vorgekommen, wie es bei dem reizbaren, unabhängigen und auf ihre Freiheit eifersüchtigen Wesen Malwinens und ihrer einstigen Erziehung nicht ander- zu erwarten war; der Doclor hatte ihr seither jedes Mal ihre kränkenden Worte verziehen, und sie konnte nicht daran zweifeln, daß er es auch diesmal wieder thun würde; allein ihr Stolz verbot ihr seine Verzeihung nachzusuchen. Sie hatte seiner Brust Anklänge einstiger Gefühle entlockt, welche der Staub der Zeit ihrem Blick niemals wieder ver Staben konnte, und daß sie nun um dieselben wußte, machte sie täglich bitterer und gehässiger gegen ihn. Unter erheuchelter Leichtfertigkeit verbarg sie die Kämpfe Und Qualen ihres Herzens, und die gemessene Kälte, womit ihr Gatte sie behandelte, hätte sie um so sprechender überzeugen können, daß sie die Liebe verscherzt, bie sie einst, als sie sie noch besessen, zu gering ange- Ichlagen hatte.
Endlich kämpfte sie ihre Selbstvorwürfe nieder, «der suchte sich zu überreden, daß sie hiezu keinen Grund habe. Wenn sie unrecht gehandelt, daß sie das Glück ihres Gatten nicht gehörig erstrebt hatte, so fatte sie nach ihrer Ansicht in anderer Beziehung bester
an ihm gehandelt, als er an ihr; denn sie hatte ihm ein ganzes Her; zugebracht gegen ein getheiltes. Von dieser Ansicht aus beschloß sie, ihrem Gatten gegenüber ein Verfahren einzuschlagen, welches diejenige Eifersucht wachrufen sollte, die er weggeleugnet halte. — „Hat er auch nur noch einen einzigen Funken von Liebe für mich übrig behalten, so soll er lernen, was Eifersucht ist", sagte sie, und beschloß, ihn damit entweder zu sich zurückzurufen, ooer die Sache zu einer Erklärung zu bringen.
Von diesem Augenblick an, wo Malwine diesen Entschluß gefaßt, suchte sie nach einer Gelegenheit, wo sie ihm den ersten Vorgeschmack davon geben könnte. Eine ihrer früheren Bekannten, eine-junge Witlwe, die durch ihre Koketterie sich einen gcwiffcn Ruf ge macht hatte, gab einen Maskenball, welcher glänzend zu werden versprach, und Malwine wußte sich eine Einladung dazu zu verschaffen, obwohl sie schon feit längerer Zeit auf das Andringen ihres Gatten dieser Dame etwas kühler begegnet war. Am Abend des Maskenballs kleidete ihr Mädchen sie in das kleidsame reiche Costüm einer andalusischen Maja, welches sic zu ihrer Charaktcrmaske gewählt hatte. Ihre reichen, langen, glänzend schwarzen Flechten waren hoch über dem Scheitel in einen kunstvollen Bau geflochten, und mit einem gewaltigen, zierlich durchbrocheneil Kamm vom schönsten Schiitplatt festgesteckt. Das eng anschließende Sammlmirdcr umfaßte ein breiter Besatz von schwarzen reichen Spitzen, welche die vollendete Form ihres prächtigen Nackens noch mehr hervorho- den, und vom Hinterhaupte wallte ein schöner Schleier wie eine dunkle Folie für die reine weiße Haut des Nackens und der Arme über ihren Rücken, mit einem einzigen großen Rubin aufgesteckt. Reiches Geschmeide glänzte an ihren Armen und Fingern, und die tadellose Schönheit chrer Züge wie ihres seltenen Wuchses
traten ihr aus dem Spiegel in schmeichelhaftem Reflexe entgegen, als sie aufstand und sich vor dem Toi- lettentrumeau durch ihr Mädchen den schweren schwarzen Spitzenschleier ordnen ließ Allein trotzdem schien Malwine nicht befriedigt; es lag in ihren Zügen eine unruhige Spannung,, in ihrem Wesen eine Aufregung, deren sic nicht Meister werden konnte. Sie ersetzte die Nadel mit dem prächtigen Rubin durch eine schöne dunkelrvthe Kamelliablüthe, die sie aus ihrem Bouquet genommen, und mußte sich nun gestehen, daß ihre Toilette vollkommen, überraschend treu und charakteristisch sei, und daß sie ganz die Nationalität reprä- Jentirte, deren Tracht sie trug. Aber dennoch fehlte ibr der Muth, die Utibefangenheit, die heranssorkernde, kecke Laune, mit welcher sie ihre Rolle durchzuspielen sich vorgenommen hatte, — sie fehlten ihr beinahe in dem Augenblicke, wo dieselbe anhub, und ihr gepreßtes , ungestüm pulsircndcS Herz sagte ihr: eS sthke ihrem Vorhaben die Weihe, nämlich die Genehmigung ihres Gatten und das Bewußtsein einer erlaubten sittlichen Handlung.
Es blieb ihr indeß nicht viel Zeit, hierüber nach- zudenken, denn kaum war sie mit ihrer Toilette zu Ende, so rasselte ein Wagen Über das Pflaster und hielt vor der Hausihüre. Frau HermeS schlug die Vorhänge auseinander und blickte hinaus. Sie sah einen jungen Mann aus dem Wagen steigen und die Haustreppe heraufspringen. „Ich bin nun fertig, Mathilde", sagte sie zu ihrem Mädchen; „wirf mir den Mantel um und sage Herrn Hermes, wenn er nach Hause kommt, er solle mich erwarten."
„Der Herr Doclor ist in seinem Studirzimmer, Madame", gab das Mädchen zur Antwort. „Er kam mit dem Schlage halb neun nach Hause!"
„Um so besser, so will ich mich im Vorbeigehen von ihm verabschieden! Du bleibst wach bis zu meiner