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Marburg, Donnerstag, den 25. April.

1872

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Oterhessisihe ^cituno.

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•• Berlin, 23. April. Die „Kreuzztg." enthält in ihrer letzten Nummer Mittheilungen über den Stand der Berathungen der KreisordnungS-Com- fluffton des Herrenhauses, welche, wenn den Thal- fachen entsprechend, ernste Beachtung in parlamenta­rischen und Regierungskreisen verdienen. Namentlich ist es nicht wegzuleugnen, daß, wenn die in jenen Miltheilungen enthaltenen Zeitangaben mit den In­tentionen der HerrenhauS-Commission übereinstimmen, das Gelingen der Kreisordnung in dieser Session sehr in Frage zu stellen ist; eS würden alsdann so­mit die Arbeiten der Commission überflüssig werden,

als auch überhaupt die Fortdauer der Landtags- Session ohne Zweck sein dürfte. ES möchte aber noch in Zweifel zu ziehen sein, ob die Auffassung dieser llltra-Conservativen mit den Wünschen des Herren­hauses im Einklang stehen, wenigstens steht sie im Widerspruch mit den Vereinbarungen, welche aus ver- ttaulichen Besprechungen des Präsidenten der Com- »ission mit einflußreichen Persönlichkeiten hervorge­gangen sind; denn diese Vereinbarungen gehen dahin, daß die Commission bis zum 10. Mai ihre Arbeit beenden solle, daß alSdann schleunigst der Bericht aus­gestellt werden solle und daß so noch vor Pfingsten die Plenarberathung des Herrenhauses beginnen könne. Sollte dem aber nicht so sein, so entsteht ferner die

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Frage, ob nicht das Präsidium des Herrenhauses die Verpflichtung hat, selbst einzugreifen in den Gang der Verhandlungen und den Ultra-Conservativen eine Mahnung zur Pflicht zugehen zu lassen. Man nimmt diese Eventualität für nicht unmöglich an, denn man kann fast mit Bestimmtheit sagen, daß die Commission sich bemüht, das Mißlingen der formellen Behand- lung der KreisordnungSreform herbeizuführen, weil sie sich überzeugt, daß sie im Hause selbst für ihre materiellen Vorschläge keine Annahme finden wird.— Wenn in einigen Correspondenzen der Blätter der Zweifel austaucht, daß der Reichstag bis zu der ur­sprünglich festgesetzten Zeit seine Arbeiten nicht erle- bigtn werden könne, so ist hieraus zu bemerken, daß mau diese Ansicht in Regierungs- und parlamenta- nschen Kreisen nicht theilt. — Das Staatsministerium ist heute Mittag zu einer Sitzung zusammengclreten, in welcher, wie man hört, die Stellung des Staates zu den katholischen Angelegenheiten einer Erörterung unterzogen werden soll. — Die allarmirenden Ge-

Täuschungen.

Eine Erzählung aus dem Leben von ®. F. (Fortsetzung.)

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Eisige Kälte lagerte sich über des Doctors Zügen, al- er seine Frau mit einer ihr sonst fremden Bitter­keit und Schroffheit so unfreundlich und herausfor dernd herzlos antworten hörte. — „Du sprichst von meinen Beweggründen, als hätte ich im Grunde an­dere , als diejenigen, die ich geltend gemacht. Was willst Du damit sagen?"

„Jenun, wenn Du mich zwingst, eS zu sagen, so magst Du denn wissen: ich glaube, es ist von Deiner Seite nur Eisersucht aus mich, auf die Bewunderung, die ich errege, auf die Huldigungen, die mir in Ge­sellschaften dargebracht werden, was in Dir den selbst süchtigen Wunsch gebiert, mich von denselben entfernt zu halten!"

„Malwine!" rief Hermes aufspringend, - „diese Worte können nicht Dein Ernst fein! Eifersucht! Selbstsucht! .... Sowohl um Deines eigenen wie um meines Glückes willen habe ich mir so viele Mühe gegeben, Dir die Vergnügungen des sashionablen Le­bens einigermaßen zu entleiben ober Dich für diesel- ben kälter zu stimmen. Ich sehe nun, baß meine Liebe, mein Glück Dir Nichts gelten; Alles willst Du bem Götzen Deiner Eitelkeit opfern .... Ja, Malwine, wenn Du thöricht warst, Deine Freiheit «ast noch als ein Schulkinb wegzuwerfen, io war ich boppelt thöricht, als Mann von gereiftem Ürtheil mein Glück den Händen eines Schulmädchens j wer trauen 1"

rüchte in Betreff eines Zwiespalts zwischen Deutsch­land und Frankreich treten, wiewohl sie von berech­tigter Seite ernstlich bementirt worben sinb, immer aufs Neue auf. Es erscheint baher nothwenbig, noch­mals wieberholt barauf zurückzukommen, daß alle diese Gerüchte jedweden tatsächlichen Anhalts ent­behren.

Die Zahl der Entwürfe für ein Parlamentsge­bäude, welche bis zum 15. April, dem Schluß der Coneurrenz, eingegangen sind, beträgt 99. Dieselben bestehen aus mehr als 1000 Zeichnungen und sind Einsendungen aus allen civilisirten Ländern eingegan­gen. Die Entwürfe werden jetzt unter Leitung des Geh. Ober - Baurathes Weißhaupt durch Beamte der Akademie gesondert und in der sog. Wagner'schen Gemäldegallerie ausgestellt, um sie nicht nur der Jury und den Mitgliedern des Reichstages, sondern auch bem gesammten Publikum zugänglich zu machen. Die Eröffnung bieser Ausstellung bürste voraussichtlich in ber nächsten Woche erfolgen, lieber bett Platz, welcher für bie Errichtung bes Parlamentsgebäudes jetzt de­finitiv in Aussicht genommen ist, hört man, daß nun doch das RaczynSki'sche Palais am Königsplatze dazu auSersehen ist. Dasselbe wird zunächst abgebrochen werden und dem Grafen Raczynski dafür an der nördlichen Seite deS Königsplatzes auf Reichskosten em eben solches Gebäude hergerichtet werden. Das Parlamentsgebäude wird genau in derselben Entfer­nung vom Siegesdenkmal seine Front erhalten, welche jetzt das Kroll'sche von diesem Denkmale aus ein­nimmt. Um den Raum, der für daS umfangreiche ParlamentSgebäude erforderlich ist, zu erhalten, wird noch ein Theil der Königgrätzerstraße mit hinzuge­nommen werden, so daß diese Straße in einem Bogen abgeleitet wird, der über das Grundstück der dort noch befindlichen alten Kasernengebäude hinweg an der Spree entlang zu der Unterbaumbrütfe führt. Auch ist dem Vernehmen nach an dieser Stelle eine Ueberbrückung der Spree in Aussicht genommen.

München, 23. April. Ein königliches Rescript verlängert den Landtag abermals bis zum 27. d. M. incl. Der Abgeordnete Lothar Weber (Forchheim), der patriotischen Partei angehörig, ist heute Nacht gestorben.

Stuttgart, 23. April. StaatSrath Siegel, Vor­stand der Forstdirection, ist an einem Schlaganfall ge­storben. — Die Königin Olga verläßt am 5. Mai Livadia, um über Konstantinopel, Athen und Brindisi die Heimreise anzutreten.

Straßburg, 23. April. Mit großem Eifer wird gegenwärtig im kaiserlichen Schlosse gearbeitet, um dasselbe zur bevorstehenden Eröffnungsfeier der Uni­versität herzurichten. Der große Schloßhof soll zu

„Herr Doctor!" tief Malwine, erhob sich eben­falls mit gekränktem Stolz und blickte ihn heraus­fordernd an.

„Nun?" fragte er.

„Du hast Recht, ich bin mit Deiner letzten Aeu- ßeruug vollkommen einverstanden!" fuhr sie nach eini­gem Besinnen fort; „wir paßte» schon »ach unserem Alter nicht zusammen, und ich rounbre mich nur, baß Tu jemals an mich dachtest und Deine Blicke auf mich warfst, da doch jene rüstige alte Jungfer, Fräu­lein Helene Schwab, so trefflich für Dich paßte und, wie man allgemein behauptete, zum Sterben in Dich verliebt war. Sie ist Dir etwa geistig eben­bürtig, theilt Deine Ansichten, blickt auf gesellige Ver­gnügungen ebenso geringschätzend herab wie Du, und predigt mir unaufhörlich von häuslichem Glück und ähnlichem Unsinn; S'ist wirklich Schade, daß Du Dich nicht in sie verliebtest. Man hat mich schon oft ter sichert, Du habest ihr angelegentlich den Hof gemacht, ehe ich aus der Pension zurückkam. Glaubst Du nun nicht ernstlich, sie hätte besser für Dich gepaßt, als ich?"

Der Doctor schwieg eine Weile sinnend, dann blickte er auf, sah feiner Gattin fest in bie forschend auf ihn gehefteten Augen, und erwiederte ruhig: „Allerdings, Malwine; ich glaube, Helene und ich hätten besser für einander getaugt!"

Der ernste Ton, womit er diese Worte gesprochen, schüchterte Malwine nicht ein; ihr Selbstgefühl wollte sie überreden, eö sei Karl mit diesem Geständniß nicht ernst gewesen und eS habe niemals ein anderes Idol in ihres Gatten Herz gethront, als sie selber; sie

einem großen Saal umgeroanbelt werden, zu welchem eben der Bretterboden gelegt wird; auch sind riesige Masten in der Mitte des Hofes aufgestellt zur Be­festigung eines Zeltdaches. Die kleinen Schloßhöfe werben zu Hörsälen hergerichtet. Die Professoren ber neuen Universität sinb der Mehrzahl nach bereits zum bleibenden Aufenthalte hier eingetroffen. Die An­meldungen von Festgästen laufen täglich zahlreicher ein. Die Ordnung bei der Eröffnungsfeier ist vor­läufig folgendermaßen festgesetzt: Rede des Oberprä­sidenten v. Möller und Verlesung des bie Universität betreffenben kaiserlichen Decrets; Rede des Rectors; Festrede von Prof. Dr. Springer; Anrede des von den andern Universitäten bezeichneten Sprechers; Ant­wort des RectorS; Gesang und Musik.

Oesterreich s Ungarn.

Wien, 23. April. Ans Rom bringt das „Vater­land" die mindestens pikante Mittheilung, daß der junge Erzherzog Johann von Toskana, der den Rück-' weg au» dem Orient über Italien genommen, vom König von Italien, dem „Erben" Toskana's, empfan­gen wurde. — Heute ist Dr. Max Friedländer zu Grabe getragen worden; Wiener, als Präsident ber „Concorbia," unb Heinrich Laube hielten ihm bie Leichenrebe. Mit ber Anerkennung, daß Oesterreich in ihm ein publicistisches Talent ersten Ranges verloren, halten selbst seine poliiischen Gegner nicht zurück; die Gründung der „Deutschen Zeitung" aus den Reihen seiner eigenen Partei heraus war ein Miß­trauensvotum gegen die allerdings vielfach von außen beeinflußte Richtung der „Neuen Freien Presse." — Nach dem kürzlich erschienenen MilitärchematismnS für 1872 zählt die österreichische Armee im actioen Stand: 2 Feldmarschälle, 17 Feldzeugmeister, 53 Feldmarschall- Lieutenants , 109 General-Majore und 290 Oberste. Jnactiv sind: 30 Feldzeugmeister, 235 Feldmarschall- Lieutenante, 199 General-Majore unb 427 Oberste. Die Kriegsmarine zählt: 4 Casemattschiffe, 7 Panzer­fregatten, 3 Fregatten, 6 Corvetten, 6 Kanonenboote, 3 Schooner, 5 Dampfer, 2 Avisobampfer, 4 Trans- portbampfer, 1 Torpedoschiff, 1 Werkstättenschiff und 2 Aachts; dazu (auf ber Donau) 2 Monitors. Die Schiffe tragen 273 schwere unb 92 leichte Geschütze unb haben eine Bemannung von 7871 Köpfen. — Das Konsistorium ber hiesigen Universität hat sich in einer außerordentlichen Sitzung über seine Betheilung an ber Eröffnungsfeier ber Universität Straßburg schlüssig gemacht. Langer unb Tomaschek, die Dekane ber mebizinifchen unb ber philosophischen Fakultät, haben sich bereit erklärt, die Repräsentation der Hoch­schule Wien zu übernehmen. Die hiesige Studenten­schaft wird sich/ wenn eine Fahrermäßigung gewährt wird, voraussichtlich zahlreich an ber Feier beteiligen.

wähnte ben jetzigen Augenblick für geeignet, ihre Ge­walt über ihn roieber zu erlangen, unb sie entgegnete ihm in scherzhaftem Tone: „Du liebe Zeit, hättest Du Dich lieber ihrer erbarmt und bie arme Helene gehei­ratet , bamit sie unter bie Haube gekommen wäre!"

„Wollte Gott, ich hätte es gethan!" entfuhr un­willkürlich bem Doctor.

Malwine schaute ihn betroffen an und las nun wirklich in seinen wehmütigen blaffen Zügen, baß ihm bieseS Bekenntniß unabsichtlich, aber besto wahrer aus innerstem Herzem gekommen war. Im Nu war sie wie umgewanbelt, ihr Stolz gebrochen, sie sprach nicht mehr trotzig unb herausfordernd, beim bie wei­cheren Empfinbungen ihrer Seele, welche beS Gatten zärtliche Worte in ihr wachzurufen nicht vermocht hatten, keimten nun plötzlich in all ihrer Gewalt in ihr auf beim ersten Alhemzuge jener Leibenschaft, deren sie ihren Gatten fo ungerechter Weise beschul­digt hatte — der Eifersucht. Bon diesem Abende an beherbergte sie einen neuen bösen Gast in ihrem Busen, von dieser Stunde an fühlte sie an ihrem eigenen Herzen die Wahrheit jenes Spruches der heiligen Schrift: „Liebe ist stark wie der Tod, und Eifer ist fest wie die Hölle; ihre Glmh ist feurig unb eine Flamme des Herrn."

(Fortsetzung folgt)

Steife eines Engländers in Chinn.

Nur wenigen Europäern war eö bis jetzt gestattet, im Innern China'S zu reifen, ober in Boten eine be­trächtliche Strecke die Flüsse hinaufzufahren. Unzwei-