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Marburgs Dienstag, den 23. April.

1872

9berhkssischc atitnig.

ärfAfint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberhesfische« Seit««- mit KreiSblatt durch die Expedition («och'sche Buchdruckerei) bezogen 224 Eßk., durch die Postämter 27 Ggr. fl Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl- Stempelsteuer), für das Ausland excl- Stempel 22 ®gr.

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°uf di-OberhesfischcZeitung" ÖC|lvU.llllyvU für die Monate M a t und Juni werden auswärts von allen Postanstälten und auf dem Lande von den Landpostbotcn, sowie in Mar­burg von der Expedition entgegengenommen.

Deutsches Keich.

Berlin, 21. April. Das Herrenhaus hielt gestern Bormittag um 103/< Uhr eine kurze, kaum halbstündige Sitzung. Präsident Gras Stolberg eröffnete dieselbe mit geschäftlichen Mittheilungen und gedachte in ehrender Weife des verstorbenen Mitgliedes Grafen Hoverden. Das HauS erhob sich zustimmend. Hierauf brachte der Präsident eine Reihe von redaktionellen Aende- rungen, die in den Formularen der Grundbuchordnung nöchig geworden sind, zur Besprechung. Dieselben wurden in der von der Regierung vorgeschlagenen Weise durch Annahme erledigt. Damit war die Tages­ordnung erschöpft. Wann die nächste Sitzung statt­finden wird, ist unbestimmt. Die hiesige Universität wird bei der Eröffnung der Universität Straßburg durch die Professoren Dubois-Reymond und Bruns, die Rectoren der Jahre 1870 und 1871 vertreten sein.

DieNordd. Allgem. Zeitung" constatirt zum wiederholten .mal ausdrücklich, daß die Scnsations Nachricht desDaily Telegraph" vollständig aus der Luft gegriffen sei. Das Blatt fügt hinzu: Thiers Rede sei allerdings in Deutschland nicht mit Behagen ausgenommen worden, die Höhe des sranzösischen Kriegsbudgets mahne zur Vorsicht und unser Verhalten sei danach einzurichten. Es liege nahe genug, das von uns besesiene Pfand nicht voreilig aufzugeben, also die Occupation mehr zu verlängern als unter günstigeren Berhäitniffen erforderlich wäre. Die verbündeten Berliner Bau- und Zimmermeister zeigten gestern an, daß sie, nachdem die Zimmergesellen, tross der bezüg­lichen Forderung der Meister, die partiellen StrikeS nicht haben einstellen wollen, vom 20. April ab- sämmtliche Zimmergesellen entlassen und ihre Arbeiten eingestellt haben.

Nach der letzten Notiz über die Ausprägung von Reichsgoldmünzen waren bis zum 30. März. d. I. in den Münzstaaten deS Deutschen Reiches in Zwanzig­markstücken 73,364,000 Mark ausgeprägt worden. In der Zeit vom 31. März bis 6. April d. I. sind ferner in solchen Stücken geprägt worden: in Berlin 3,597,540 Mark, in Hannover 968,200 Mark, in Frankfurt a. M. 796,220 Mark, in München

715,520 Mark, in Stuttgart 207,240 Mark und in Karlsruhe 250,200 Mark, zusammen 6.534,920 Mark. Die Gesammtausprägung stellt sich daher bis 6. April d. I. auf 79,898,920 Mark.

Breslau, 21. April. Das Cultusministerium hat das hiesige Provinzial - Schulcollegium veranlaßt, den Magistrat zur baldigsten Eröffnung der wegen eines Conflicts mit dem früheren Minister v. Mühlcr geschlossenen beiden Lehranstalten, insbesondere des Johannes-Gymnasiums aufzufordern.

Bonn, 21. April. An der Eröffnungsfeier der neuen Hochschule in Straßburg werden als Deputirte der hiesigen Universität der zeitige Rector, Professor Schäfer, und der Dccan der juristischen Fakultät, Geh.-Rath Bauerband, Theil nehmen und eine Glück- wunfch-Adreffe der donner Hochschule überbringen.

Darmstadt, 21. April. DieDarmst. Ztg." meldet amtlich die JnruhcstandSversetzung deS Prä­laten Zimmermann und die Ernennung des Super­intendenten Dr, Simon zu Gießen zum Prälaten.

München, 21. April. Die Abgeordnetenkammer nahm gestern das Gesetz über die Abänderung des baierifchen Militärstrafgesetzes durch das allgemeine Reichsstrafgesetz in der Redaction der Reichsraths kammer definitiv mit 119 gegen 8 Stimmen an. Danach erhält die Regierung die Vollmacht, für den Fall, daß bei Erlaß des bevorstehenden Reichsmilitär­strafgesetzes der Landtag nicht versammelt sein sollte, eineu Gesetzentwurf über die durch das neue Reichs­gesetz nothwendig gewordene Veränderung der baieri- schen Militärs!ra fgerichlsordnung den Gesetzgebungs­ausschüssen beider Kammern vorzulegen. Ebenso er­hielten die Gesetzgebungsausschüsse die Vollmacht, den Gesetzentwurf vorbehaltlich der Zustimmung beider Kammern vorläufig anzunehmen. Ein Antrag Völk's auf Umbildung des obersten Rechnungshofes wurde in der Redaetion der Reichsralhskammer abgelehnt und in modificirter Fassung des Antragstellers angenommen. Ausgefallen im neuen Antrag gegen die früheren ist nur daS Anklagerecht jeder Kammer.

Oesterreich - Ungarn.

Wien, 21. April. Der Herausgeber derNeuen freien Presse", Dr. Max Friedländer, ist gestern Nacht am Herzschlag gestorben. Die kroatischen Wahlen sind, wie die pestherReform" aus sehr verläßlicher Quelle erfahren haben will, für den 25. Mai bestimmt.

Prag, 20. April. Die Wahlliste für den Groß­grundbesitz ist vorgestern rectificirt im AmtSblatte publicirt

worden. Die Zehntel- und Zwanzigstel-Gutsbesitzer sind in der Liste nicht ausgenommen, dagegen wurde der faktische und nichtfictive Mitbesitz bei der Zusam­menstellung berücksichtigt; auch die nach Schluß der Reklamationsfrist eingebrachten feudalen Reklamationen sind in toleranter Weise berücksichtigt. Die Liste ent­hält im Ganzen 44 Wähler für den Fidecommiß und 500 Wähler für den nichtfideicommissarischen Besitz. Die Wählerliste zeigt nach genauer Prüfung, daß der Stand der Wahlaussichten der Verfassungspartei ein günstiger ist. Bei den vorgestrigen Landtagswahlen in den Landgemeinden sind die von den deutschen und czechischen Wahlcomites für die betreffenden überwie­gend deutschen oder czechischen Wahlbezirke ausgestell­ten Candidaten sämmtlich gewählt worden.

Pest, 20. April. Wiener Blättern geht von hier die Mittheilung zu, der russische Gesandte Nowikoff habe eine Besprechung mit Deal gehabt, in welcher sich ersterer sympathisch für Ungarn geäußert und namentlich betont habe, die Interessen Oesterreich Ungarns und Rußlands erheischten in gleichem Maße den Frieden, weil sich beide Reiche in einem Entwick­lungsstadium befänden.

Franlreich.

Paris, 20. April. DasBien Public" sagt bei Veröffentlichung des Dementi's, welches dieNordd. Allg. Ztg." demDaily Telegraph" gibt, es könne hinzufügen, daß die französische Regierung Betreffs dieser Sache die beruhigendsten Versicherungen von ihrem Repräsentanten in Deutschland erhalten habe. Es bleibe also von den beunruhigenden Gerüchten, deren sich eine feindselige Presse bemächtigt habe, nichts übrig. Demnächst wird hier unter dem Titel Les Marechaux de France: Etüde sur leur Conduite de la Guerre en 1870 eine Arbeit von Capitän Henry Brackenbury, Profeffor der Kriegsgeschichte an der englischen Militär-Akademie zu Woolwich, er­scheinen. Der Verfasser, welcher als Hauptvertreter des englischen HülfsvereinS auf dem Kriegsschauplätze war, wird u. 21. bisher unveröffentlichte Thatsachen über daS Verhalten Bazaine's bei Metz bringen.

Großbritannien.

London, 20. April.Daily News" melden, Graf v. Arnim habe Thiers eine beruhigende Note mitgetheilt.

Italien.

Rom, 20. April. In der gestrigen Sitzung der Kammer verlangte Ferrari die Vorlegung der die auS,

Täuschungen.

Eine Erzählung aus dem Leben von G- F.

Karl Hermes war noch ein junger, stark beschäf­tigter Arzt, der gefeiertste Aesculap einer großen deut schen Residenz. Aus geringen Anfängen denn er hatte als Sohn eines armen Unteroffiziers einst als bloßer Feldsck eerer bei einem Infanterie Regiment sei nen Berufsweg betreten hatte er sich durch seine Genialität, durch Fleiß und Ehrenhaftigkeit seines Charakters zu einer Stellung im Leben hinaufgeschwnn- gen, die seine kühnste» Wünsche von ehedem weit über­traf. Er besaß Ruf, Rang, Vermögen, ein schönes, ein reiche» Einkommen von feiner großen Praxis, die besonders auf seine seltene meift ermäßige Gewandtheit in schwierigen Operationen sich gründete. Kein Wun­der daher, wenn er viele Neider, eben so viele Neider als Verehrer, zählte! Er stand nun in feinen besten Jahren, im ersten Viertheil der Vierzige, und besaß neben allen Gaben, die ihm das Glück bescheert, ui* die er mit so vieler Mäßigung zu genießen verstand mit der Mäßigung eines wahren Weisen, jenem größten aller Erdengüter eine schöne, junge, reiche Frau ans guter Familie, um welche ihn Manche nicht minder beneideten, als um seine sonstigen Besitzlhümer.

Und der Doctor schim wirklich beueidenswerth zu fein. Man wußte, daß Malwina, die Tochter des reichen und einflußreichen LegationSraths v. Biener, aus reiner Neigung und aus Achtung vor feinem Charakter und feinen Verdiensten den Doctor gehei- raihet hatte, nachdem sie manch' andere glänzendere Aussicht für die Zukunft abgelehnt. Zwei liebliche Kinder waren die Pfänder einer kaum vierjährigen Ehe, welche für das Auge der Welt einem unbewölk­ten, freundlichen, klaren Maienhimmel glich, obwohl et daheim auch manche Aprillaunen zeigte. Es paßte bei den beiden Gatten nicht Alles in ihrem geistigen Wesen und

ihren Ansprüchen andas Leben so ineinander, wie es nöthig, um ein dauerndes Eheglück zusammen zu fügen. Karl war von Natur anS ernst, der Mann der Wissenschaft, der Forschung der mit scharfem Blick dem Wesen der Dinge auf den Grund zu kommen suchte, und Wesen, nicht Schein, begehrte; der die leeren Formen und Freuden, die Eitelkeiten des alltäglichen Lebens ge­ringschätzte, und nach etwas Solidem, Greifbarem, Körperhaftem und Positivem sich umsah. Glühender Verehrer der Musik, begeisterter Freund alles Schönen, aus dem ganzen Wweich der Künste, dazu ein Mann voll Kraft und Mark, den die Schule deS Lebens geprüft, gestählt und gehärtet hatte, war er kein großer Freund deS geselligen Sehend der guten Gesellschaft, in welchem wie er zu sagen pflegte zu wenig Härte, zu wenig Stahl und Stein in den Geistern und allzuwenig Reibung unter ihnen war, um zün­dende Funken zu wecken.Ich habe," sagte er,allzu viel harte» Holz bohren und allzuviel und zu tief in Anderer Karten und besonders in die der feinen Leute schauen müssen, um an der übertünchten Lage unv der Unnatur, an dem Quecksilberglanz dieses mo­dischen großstädtischen Gesellschaftslebens Gefallen und Reiz finde» zu können. Ich kenne diese Kreise, wo jeder wahre Mann oder jede neu auf die Bühne tre­tende Persönlichkeit den Zähler abgeben muß für die Unzahl gelangweilter Nullen. Ich fühle mich daheim an meinem Piano, in meinem Garten, unter meinen Blumen und Büchern, bei meinen Kinder» weit be­haglicher!" Seiner jungen Frau dagegen verküm­merte er den Genuß nicht, welche» sie in dem von ihr von frühe auf gewohnten Getriebe dieserCirkel" fand. Er schätzte Malwinenö Geist zu hoch, um nicht zu hoffen, daß sie selber eines Tages die Nichtigkeit dieser Vergnügungen einsehen und dieselben gern gegen das reinere Glück eines traulichen Familienlebens,

gegen den Umgang mit einem gewählten Kreise geist­voller , verdienter Personen von tüchtigem Charakter und wahrem Talent vertauschen werde. Aus diesem Grunde ließ er sie gewähren, als sie bald nach der Hoch­zeit in den alten Strudel rauschender Vergnügungen und Feste sich stürzte, welchem sie nur während des Braut­standes und der Flitterwochen auf kurze Frist sich ent­zogen hatte. Allein die Verwirklichung seiner Hoffnun­gen, daß sie die Leere dieses Genußlebens einsehen und sich unbefriedigt davon abwenden werde, um reinere, wahrere Freuden und Genüffe im Schooße deS Familienkreises auszusuchen, ließ immer noch auf sich warten, und der Doctor bemerkte mit einem stillen innern Schmerze, daß er fast vergeblich hoffe. Zuweilen kam eS auch zu Erörterungen über diesen Punkt zwischen den beiden Gatten; allein Malwine besaß zuviel Stolz und geistige Selbständigkeit, um leicht nachzugeben; ihre Eitelkeit sand so viel Be­friedigung in den Bezügen des geselligen Lebens, in dem Bewußtsein, allenthalben die leuchtende Sonne des Cirkels zu sein, in welchem sie erschien, daß sie den liebevollsten und sanftesten Vorstellungen ihres Gatten erst nur Thräneir, bann Gegengründe und endlich gar Trotz entgegensetzte. Verhetzt von Frauen ihrer Bekanntschaft, denen es schon ein Dorn im Auge war, daß sich die reiche, schöne, geistvolle Malwine an den Emporkömmling weggeworfen," hielt sie die Bitten ihres Gemahls für Ausflüsse des Eigensinns, der Sonderlingssucht oder gar eines auf unbefriegteS Selbstgefühl gegründeten Neides. Sie hielt cs für Kälte, daß Karl sie nicht mehr in ihre geselligen Kreise begleitete, während er ihr eben dadurch nur allmählig das Bewußtsein des Unschicklichen beibringen wollte, was sie dadurch beging.

(Fortsetzung folgt)