Ml», 92. Marburg, Sonnabend, den 20. April. 1S72.
Otcrhessische
ZTint t La lick' außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberhtsfischen Seit««- mit Kreisblatt durch die Expedition («och'sche «ucbbrudetei) bezogen 22; »ar., durch die Postämter 27 ®gr. » Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl- Stempelsteuer), für das Ausland excl- Stempel 22 Ggr.- Insertionsgebüdr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.
oi,f b*e „Oberhrsfischk Zeitung" ÖV|lvUUU<jLll für da« zweite Quartal werden auswärts von allen Pvstanstalten und auf dem Lande von den Landpostbolen, sowie in Marburgs von der Expedition entgegengenommen._____________*
Deutsches Keich.
Berlin, 18. April. Gestern und heute hielt dir Commission des Herrenhauses, der die Vorprüfung der Kreisorvnung überwiesen ist, eine Sitzung, in welcher zunächst die allgemeinen Gesichtspunkte der Vorlage discutirt wurden. Der Minister des Innern war zugegen und betheiligte sich vielfach an den $ei> Handlungen. Nach der bekannten Zusammensetzung dieses, nicht mit der freien Commission zu verwechseln den Comite's, erscheint eS erklärlich, daß innerhalb desselben eine große Anzahl von Bedenken gegen die gauze Richtung des Kreisordnungs-EntwurfS zur Sprache gebracht wurde. Andererseits sprach sich jedoch ein Theil der Commission entschieden dafür auS, daß eS nolhwendig sei, die nun schon so lange in der Schwebe befindliche Reform, bei der die Bedürfniß- fiage außer allem Zweifel entschieden onzuerkennen sei, endlich zum Abschluß zu bringen. Unter denjenigen Punkten, welche von consrrvativer Seite gegen den Entwurf in der Form, wie er aus den Beralhungen des Abgeordnetenhauses hervorgegangen, geltend gemacht werden, gehört auch die durch die Gemeinde- Mitglieder zu vollziehende Wahl der Schulzen. Man weist darauf hin, wie die Bevölkerung in den Ge- bietStheileu mit vorwiegend katholischer Bevölkerung bei den Landtags- und Reichstagswahlen durch die katholische Geistlichkeit beeinflußt worden sei und fürchtet das Geltendmachrn eines solchen Einflusses auch bei den in der gedachten Weise zu vollziehenden Schulzcnwahlrn. — Eine vermuthlich zu Börsenzwccken und edendeßhalb zurrst an der Börse verbreitete Nachricht von einer angeblich eingetretenen bedenklichen Spannung zwischen hier und Versailles, von einer scharfen Note der Reichsregierung, welche für den Präsidenten der französischen Republik bestimmt und durch den Grafen Arnim nach Versailles überbracht worden sein soll u. s. w. ist eine völlig aus der Luft
Dir Handschrift drS „KosmaS."
Ueber die Handschrift des „Kosmos," die nach wiederholt laut gewordenen Behauptungen Prof. Buschmann an Napoleon III. geschenkt haben sollte, schreibt Alexander Ziegler im „DreSd. Journ." Folgendes: Bei meiner letzten diesjährigen Anwesenheit in Berlin hatte ich Gelegenheit, die eigenhändige Handschrift des Kosmos von Alex. v. Humboldt zu sehen. Der König hatte geruht, dieselbe vom Bibliothekar Prof. Dr. Buschmann im December 1869 anzunehmen und der lönigl. Bibliothek zu überweisen. Die Handschrift ruht wohlverwahrt in fünf Futteralen (fünf Bände) ist einem zierlichen Kästchen unter mehrfachem Verschluß. Sie ist in lateinischer Schrift, welche beide Brüder Humboldt wegen ihrer Deutlichkeit gebrauchten, auf Onartblätter von Briefpapier geschrieben. Humboldt beschrieb immer nur eine Seite des Blattes.
Humboldt'« Schrift ist, obgleich schön, wegen der räihselhasien Schwierigkeit, sie zu lesen, weltberühmt. Pros. Buschmann, dcfien thätige Hülfe bei fcem ganzen Werke des „Kosmos" der große Verfasier in der Einleitung zum 5. Bande Seite 16—17 für eine Pflicht hielt, „öffentlich anzuerkennen," hatte daher diese ost sehr kraus, wunderbar oder abenteuerlich aussehende Handschrift, so wie sie Humboldt in kleinen Stücken (von IV2 bis 2 Druckbogen) ausarbeitete, ins Reine zu schreiben mit dem Nebenberuf, auf Sprache und Schreibung, so wie auch auf das Sachliche zu achten. In dieser Reinschrift erfuhr der ur sprüngliche Entwurf von der Hand des großen Der fassers „in der Lebhaftigkeit seines Geistes und seiner großen Kraft" große Veränderungen und bedeutende Zusätze. Die so überarbeitete Reinschrift, von B. wieder revidirt, wurde zum Druck verwandt.
Die Handschrift enthält auch in ihrem Ende das Letzte, was Humboldt vom „Kosmos" geschrieben hat; in ängstlichem Eifer mit „entschwindender Hand." Wir sehen am Ende des ManufcriptS ganz schmale Colummen; denn weil dem großen Verfasser schon Jahre lang die Zeilen unerbittlich (gegen rechts hin)
gegriffene. Graf Arnim, der zur Zeit noch hier verweilt, wird bei seiner Rückkunft nach Versailles die Beziehungen zwischen dort uud hier gerade fo wiederfinden, wie er sie verlassen hat, und es ist nicht entfernt inzwischen eine Thalsache oder irgend ein Motiv eingetreten, wodurch diese Beziehungen in irgend einer Weise hätten getrübt oder gespannter geworden sein sollen. Was hiernächst eine andere Mittheilung betrifft, diejenige, wonach Verhandlungen wegen einer früheren Räumung des von den deutschen Truppen besetzten französischen Gebietes eingeleitct seien oder bevorständen, fo weiß man in gut unterrichteten Kreisen hier nichts von solchen Verhandlungen. Möglich, daß Frankreich Vorschläge in dieser Richtung beabsichtigt, eine Absicht, die, wenn sie in concreter Form auf treten sollte, hier, wie ich höre, einer zuvorkommenden Aufnahme schwerlich begegnen dürfte. _
Bonn, 18. April. Der Jesuitengeneral Pater Beckx in Rom hat den Provinzial der deutschen Ordensprovinz Pater Faller seiner Stellung enthoben und den Pater Oswalv zum Provinzial für Deutschland ernannt. Der neue Provinzial hat hier seinen Wohnsitz genommen.
Freiburg, 18. April. Zum Reichstagsabgeordneten deS 5. badischen Wahlkreises wurde Fabrikant Tritscheller (national liberal) mit 8168 Stimmen gewählt. Der ultramontane Candidat Alban Stolz erhielt 3087 Stimmen.
München, 18. April. Bei der am 15. d. stattgehabten Ersatzwahl für den Reichstag im Wahlbezirk Passau ist an Stelle des verstorbenen Greil der Eisen- Händler Rösenberger (ultramontan) gewählt worden
Straßburg, 18. April. Das genauere Programm der Festlichkeiten zur Eröffnung der hiesigen Universität lautet: Mittwoch 1. Mai, Morgens 11 Uhr im kaiserl. Schlosse: feierliche Eröffnung; Nach mittags 3 Uhr: Festmahl im Saale Fegergasse Nr. 7 ; Abends 9 Uhr: Beleuchtung des Münsters. Donnerstag 2. Mai, Morgens 6 Uhr 45 Min. vom Stadtbahnhofe aus: Festfahrt nach dem Ottilienberge; Rückkehr Abends 8 Uhr; nach der Rückkehr um 8V2 Uhr: Commers im Saale der Fegergasse Nr. 7. Die auswärtigen Festgäste, welchen ihre Festkarten nicht
nach oben liefen und seine Schrift abenteuerlich schräg wurde, so hat er in den letzten Wochen seines Lebens seine Zuflucht zu sehr kurzen Zeilen genommen, hier, in der letzten Schwäche der Hand, zu bereit Extrem. Alle diese kleinen Wortsäulen sind au8 der Angst der Leidenschaft hervorgegangen, feinem Gehülfen den Zusammenhang der verwirrten Schrift deutlich zu machen, und die große Aengstlichkeit, die — ihm sonst so srcmd — seine letzten L.benstage behenschte, zeigt sich in der fünfmaligen Wiederholung der Worte (der letzten vom Texte deS „Kosmos"): „die Paläste in Petersburg schmückend," und von dem „rochen und variolithischen Porphyr" des Korgon gesagt, „den die Steinschleifern liefert."
Unter dem äußersten Satz links sehen wir vom Verfasser, wie ahnungsvoll da« Wort „finis“ gesetzt ist. Die abgerissenen Worte: „Ich bedauere Sie," welche sich in der Schlußcolumne jenes letzten Blattes finden, sollen aus die Mühe gehen, welche sein Helfer, der obengenannte Bibliothekar, an den ja überhaupt die ganze Handschrift des „KoSmus" gerichtet har, haben würde, sich in diesem Wirrsal zurecht zu finden. Ich setze hier den Schluß des WidmungsblaittS her, das Pros. Buschmann der eigenhändigen Handschrift des „KoSmos," Berlin, den 12. Dee. 1869 vorgelegt hat: „Mich hat der Wunsch beseelt, daß diese eigenhändige Handschrift des „Kosmos" Alexander's v. Humboldt, welche ich aus seinen Händen sorgsam gesammelt und bewahrt, meinem preußischen Vaterlande als ein Denkmal verbliebe von dem großen Manne, der der Stol; Preußens und Deutschlands ist, der mir unendlich viel Gutes gethan hat und dem ich, in enthusiastischer Anhänglichkeit, ein treuer Helfer gewesen bin, bis an sein Ende."
General Usrk neu Wartenbnrg nannte Potsdam seine Vaterstadt. Im Kirchenbuche der königlichen Hof- und Garnisonkirche heißt es im Tanfregister von 1759: „Vater: Herr David v. Jork. Hauptmann vom 2. 'Bataillon Garde. Mutter: Marie Sophie, geb. Pflügen. Sohn: Johann David Lud-
vorher übersendet werden konnten, sind gebeten, dieselben am Dienstag, 30. April, in den Stunden von Nachmittags 2 bis 7 Uhr, oder am Mittwoch 1 Mai, in den Stunden von 7 bis 10 Uhr Morgens auf dem Univeesiläls-Seeretariate im Schlosse abzuholen.
Oesterreich - Ungarn.
Wie», 18. April. Die „Wiener Zeitung" vom 16. d. enthält die Meldung, daß der Kaiser dem Gesetz über die Unterstützung hülfsbedürftiger Seelsorger die Sanction zu Theil werden ließ. Außerdem enthält das Amtsblatt mehrere Gesetzespublikationen; sanclionirt wurden die Gesetze über Prägung von Scheidemünzen, über die Kostenbestreitung für die Bodencultur-Hochfchule in Wien, über die Anrechnung der Dienstzeit der Professoren an technischen Hochschulen, endlich über die Giselabahn. — Der Kaiser wird Samstag, den 20. April, die gesammien dienstfreien Truppen der Garnison Wien und der Umgegend auf dem Schmelzer Exercirplatze besichtigen.
Prag, 18. April. Der cchechische Demokratenverein in Prag hat beschlossen, eine Petition um Um- taufung der Hauptstraßen Hibernergasse in Zizkagaffe, Zellnergasse in Podiebradgasse und Rittergasse in Havliczekgasse zur Sammlung von Unterschriften unter der Stadtbevölkerung circuliren zu lassen.
Frankreich.
Paris, 17. April. Wenn wir recht unterrichtet sind, sagt das officiöse „Bien publik", so soll das Studium der lebenden Sprachen, namentlich der englischen und deutschen, demnächst eine hervorragende Stelle in dem Studienplan unserer Gymnasien einnthmen. Es ist davon die Rede, für die Bakkalaureats - (Maturitäls -) Prüfung die Kenntniß einer dieser Sprachen in einer ernstlichen, schriftlichen und mündlichen Prüfung zu verlangen. Auch sollen besondere Preise für lebende Sprachen zur Verrheilung gelangen.
Großbritannien.
London, 17. April. Die Regierung hat ihre Zusage, die in Genf überreichtcn Schriftstücke nnver- tocilt zur Kenntniß des Parlaments zu bringen, sehr prompt wahrgemacht. Zwar bedarf die Replik auf die amerikanische Prozeßschrift einer etwas längeren Vor- wig, geboren den 26 September, getauft 30. September." Der Küster läßt nicht den Namen mit einem N anfangen, sondern mit dem I. Das Taufregister enthält die Eintragung von vier Kindern des Garde- haupimannö Jork; dieser Johann David Ludwig war bas dritte dieser Kinder, der einzige Potsdamer Sohn; die beiden ersten Kinder und daS nachfolgende waren Mädchen. Alle vier Kinder sind als — uneheliche eingetragen. Doch damit trifft die Eltern kein Vorwurf. Friedrich der Große litt es nicht, daß.die Offiziere und Soldaten feiner Gnrde eine regelrechte Ehe eingingen, sondern duldete nur stillschweigend freie Bündnisse. Den Kindern dieser Garde-Ehen haftete deßhalb kein Makel an.
Als Friedrich Wilhelm II. den Thron bestieg, änderte sich daS sofort. Auf seinen Befehl mußten alle Offiziere, Unteroffiziere und Gemeine der Potsdamer Garde, die in solchen freien Bündnisien lebten, die kirchliche Einsegnung nachsuchen und ihren Kindern rechtlich den Namen des VaterS sichern. Der Hauptmann ort hatte dieses Gesetz nicht erst abgewartet. Bald nach der Geburt seines SohtteS nach Königsberg nach dem Grenadier Bataillon Kllngssporn versetzt erhielt er nun für seinen Ehebund freie Hand, und als der siebenjährige Krieg vorüber war, führte er in Königsberg die Mutter seiner vier Kinder, Marie Sophie Pflugen, zum Traualtar, da jene« Verbot deS großen Königs ja nur für Potsdam galt. Aork's Mutter war ein echtes Potsdamer Kind, die Tochter eines Stellmachers Pflug. Tas HauS des Stellmachers Pflug lag in der kleinen, schmalen Schuster- straße, die lebhaft an die heute ebenfalls verschwundene Schustergasse Berlins erinnert. Sie ist in der Nähe des CanalS, mit diesem gleichlaufend, ziemlich mit der Burg- und heiligen Geiststraße beim alten Gasthofe „Zum Fürsten Blücher" hinter dem Rathhause zn- sammenstoßend. Hier, in dem Hause seiner Schwiegereltern, wohnte der Hauptmann v. Jork, und in diesem dunklen Stellmacherhause der Schusterstraße erblickte bet Felbmarschall bas Licht der Welt.