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Sir. SV Marburg, Donnerstag, den 18. April. 1872

Lberhessische Zeitung.

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Deutsches Strich.

z\ Berlin, 16. April. Ich habe bereit« gestern erwähnt, daß der Kultusminister Dr. Falk an das Consistorium der Provinz Brandenburg in Betreff der die Schulaufsicht erörternden General-Verfügung ein Rescript habe gelangen lassen, dessen Inhalt ich zugleich im Allgemeinen charakleristrte. Heule bin ich in der Lage, Ihnen Näheres über das gedachte Re­script mitzutheilen. Zunächst erklärt sich der Cultus- minister darüber befriedigt, daß und in welcher Weise das Consistorium die Geistlichen angewiesen habe, die bisherige Aufsichtsthätigkeit in Schulfachen auch ferner im Auftrage des Staates fortzuführen. Zugleich drückt das Rescript jedoch das Bedauern des Mi nisterS darüber aus, daß das Consistorium solche Be­merkungen hinzugefügt und eingeflochten habe, die den Bedenken und Vorurtheilen Vorschub zu leisten ge­eignet hätten erscheinen müssen, denen ein Theil der Geistlichen sich hingegeben habe. DieS Verfahren könne leicht dahin führen, daß jener Theil der Geistliche» nicht in froher Hingabe, sondern widerwillig und ledig lich um den Weisungen des Consistoriums äußerlich zu genügen, sich der Schulinspection unterziehen würden, und dürften diese innerlich Widerwilligen eine Ent­hebung von ihrem unter diesen Umständen unerspricß lieben Wirken zu gewärtigen haben. Das Consistorium, al« eine vom König eingesetzte Behörde, könne selbst­verständlich nicht beabsichtigen, einem von Sr. Ma­jestät vollzogenen und von der Slaatsregierung mit Ernst und Nachdruck vertretenen Gesetze Schwierig­keiten zu bereiten. Das Consistorium verwahre sich auch gegen eine solche Absicht, nichtsdestoweniger aber sei die Fassung brr. Verfügung nicht dazu angethan, dem Vertrauen auf die Absichten der Regierung einen unzweifelhasien Ausdruck zu verleihen und eben da durch dem Zwecke des Gesetzes, ein vertrauensvolles Zusammenwirken der betreffenden Behörden herbeizu­führen, wenig entsprochen u. s. w. AlS ich vor kurzem die grundlosen Behauptungen der radicalen Presse über die angebliche Energielosigkeit der Regie- rung bei Behandlungen der katholischen Frage u. s. w.

Aus Bismarcks Jugeudlebe«.

Von Otfrid Mylius- (Schluß.)

Bismarck hat mit großen Männern daS gemein, daß in seiner mächtig angelegten geistigen Natur kein Haum für engherzige Werthschätzung des Geldes ist, uhb an den Folgen dieses CharakterzugS hat er bei­nahe zehn Jahre lang zu tragen gehabt. Da er sich der Diplomatie widmen wollte, mußte er aucd in der Verwaltung dienen und ward zu diesem Behuf 1836 auf sein Ansuchen zur königlichen Regierung nach Aachen verletzt, deren Präsident damals der Graf Arnim-Boitzenburg war, in dessen Hause Bismarck die zuvorkommendste Aufnahme sand. Allein Bismarck war noch zu jung und hatte heißes Blut, und Aachen war ein gefährliches Pflaster für einen ehrgeizigen, lebensfrohe», vergnügungssüchtigen, jungen Mann von 21 Jahren. Gesucht, gefeiert, geschmeichelt, wie er alö trefflicher Gesellschafter war, stürzte er sich mit vollen Armen in den Strudel des GenußlebenS diests Bade­ortes hinein, welches damals von vielen vornehmen Leuten au« aller Herren Ländcrn besucht war, und bald schwand das Geld unter seinen Händen, wie Schneeflocken in der Sonne, und er gerieth in Schul den, welche zu seinen akademischen sich verhielten, wie Tausend zu Hundert. Mit versenkten Schwingen sah tr sich nach kurzem Glanze den peinlichsten Verhält- ttiffen und den drohendsten Eventualitäten preiSgege- ben; aber er behielt mit seiner Energie und klaren, besonnenen Weise den Kopf oben, und vermochte mit Hülse eines Freundes sich ziemlich glimpflich au« sei. «en Schwierigkeiten herauszuarbeiten, hatte aber Jahre lang an den Folgen zu tragen.

Auch in Potsdam, wohin er sich im Herbst 1837 »n die königliche Regierung versetzen ließ, um bald darauf, zu Anfang 1838, bei dem Gardejäger-Batail

gegenüber hervorhob, daß der Cultusminister dieser und überhaupt der Kirchen- und Schulfrage gegen­über den richtigen Grundsatz befolge, in der Form Milde, in der Sache selbst aber Entschiedenheit walten zu lassen, hatte ich zunächst die Verhandlungen mit den Bischöfen von Breslau und Ermland, sowie mit Dem Erzbischof von Köln im Auge. Das jetzige Re­script an das brandenburgische Consistorium zeigt aber, daß auch in dieser Angelegenheit der Cultus­minister jenen völlig correcten und am sichersteck zum Ziele führenden Grundsatz befolgt. Die ConseqMiz davon ist denn auch schon jetzt sichtbar, und wie das gedachte Rescript seine Wirkung auf die Haltung der voit. demselben bezeichneten Theile der Geistlichkeit nicht verfehlt hat, so sind gleicherweise auf der ganzen Linie die katholischen Bischöfe Preußens im Rückzug begriffen, wie schon der von derGermania" veröffentlichte Hirtenbrief documentirt, w.lcher von der bischöflichen Couferenz zu Fulda beschlossen und er­lassen worden ist.

Berlin, 16. April. Bereits treten in den Zeitungen die verschiedensten Gerüchte über die Sei­tens des Kaisers beabsichtigte Badereise auf. Die Einen weisen ihm diesen, die Andern jenen Kurort an; es kann versichert werden, daß augenblicklich noch gar kein Beschluß über diese Augclegenheit gefaßt ist. Sännntliche SpecialetatS für 1873 sind nunmehr dem Reichstage zugegangen, und erfolgt jetzt die Zusam menftcllung deS Reichshaushaltsetates selbst. Zugleich wird eine Specialisirnng der Ueberschüsse stattfinden und hieran sich die Vorschläge der wegen Verwendung der hierdurch verfügbar werdenden Mittel anschließen. Die heutigeGermania" meldet, daß endlich vom Bischof Krementz eine Antwort auf die Frage des Kultusministers nach den Folgen der großen Excorn- munication eingegangen ist. Wie man hört, schließt sich dieselbe den neulichen Ausführungen des Pastoral­blattes für die Diöcese Ermland an und sucht der großen Excommunication ihre bürgerlichen Gefahren zu nehmen. Ob sich indeffen die Staatsregierung hiermit zufrieden geben wird, steht abzuwarten. Was die Schulrevision in Oberschlesien betrifft, so wird sich auch Gras Bethusy-Huc daran betheiligen. Die wöchentliche Beilage desReichsanzeigers" bringt jetzt von der Hand eines Fachgelehrten Auszüge aus solchen Schulprogrammm, welche deutsche Geschichte behandeln. ES würde erwünscht sein, wenn Schul­männer, die ein derartiges Programm verfaßt haben, lon seine Dienstzeit al« einjährig Freiwilliger abzu- rnache», sah er sich bald so tief in da« kavaliere lustige Leben der Garde-Offiziere verwickelt, daß er sich noch tiefer in Verwickelungen festzurennen fürchten mußte, welche für ihn um so verhängnißvoller werden konn­ten, als die Verrnögensverhältnisse seiner Eltern eine sehr bedenkliche Wendung genommen hatten. Die Fa miliengüter waren durch eine ungenügende Verwaltung von Seiten seines Vaters so sehr heruntergekommen, daß bei einer längeren Fortdauer dieses Zustandes der gänzliche Ruin der Familie drohte. Die Erkenntniß hiervp» war eine herbe, aber heilsame. Sie ernüchterte namentlich Otto, der einsah, daß er nun genug wilden Hafer gefäet habe und auf der Schwelle eines ernste­ren Lebens stehe. Nachdem er sich mit seinem Bruder Bernhard verstäiidigt hatte, machten bir beiben Söhne bem Vater ben Vorschlag, ihnen bie pommerjchen Güter schon jetzt aus ihr künftiges Erbtheil zu über­lassen, damit sie dieselben durch Umsicht, Energie und Sparsamkeit wieder in die Höhe brächten und. der Fa­milie erhielten. Der Vertrag hierüber ward abgc schlossen und der ältere Bruder Bernhard übernahm einstweilen die Verwaltung der Güter allein. Otto aber ließ sich noch im Spätherbst 1838 zum zweiten Jägerbataillon nach GreifSwalbe versetze», um daselbst nebenher landwirthschastliche Vorlesungen an der Aka demie Eldena hören zu können. Dieser Vorsatz fiel aber ins Wasser, weil Otto, in Ermangelung anderer Ressourcen, wieder ganz in den Taumel oes wildeste» Studentenlebens gerieth. Ostem 1839 hatte er sein Jahr als Freiwilliger abgebient und trat halb barauf in die Verwaltung der pommer'schen Güter ein, du er zwei Jahre la »g mit Bernhard gemeinsam führte, bis dieser Landrath des Kreises Naugard wurde und sich verheirathete und in bie Kreisstadt zog. Nun cheilten bie Brüder sich in die Güter; Bernhard über­

ein Exemplar an die Redaction schickten, damit sobald wie möglich davon Notiz genommen wird.

DieKreuz. Zig." schreibt: Die Nr. 86 derSpetter- schen Zeitung" enthält eine Notiz über eine von dem früheren Unterrichts Minister v. Wühler beabsichtigte Revision des Reglements für die Prüfung der Gym- nasial-Abitnrienten. Wir erfahren darüber näher Fol­gendes : Allerdings ist das Bedürfniß zu einer umfassen­den Revision der vor mehr als 40 Jahren erlassenen und seitdem durch eine Reihe von Einzelrescripten vielfach modificirten Prüfungsordnung schon feit län­gerer Zeit, nnd namentlich feit der Erweiterung der Monarchie im Jahre 1866), der Bildung einer amt­lichen Conserenz für das höhere Unterrichtswesqn in den Staaten des norddeutschen Bundes und dem Ab­schlüsse besonderer Kartellverträge über die gegenseitige Anerkennung der Gymnasial' und Realschulzeugnisse mit Sachsen - Koburg - Gotha, Waldeck , Oldenburg (Eutin) und Lauenburg immer dringender fühlbar ge­worden. Die deshalb wiederholt erforderten umfang­reichen Gutachten waren vor etwa einem Jahre voll­ständig «»gegangen. Ihre schließliche Verarbeitung wurde durch eine dem Referenten, auf Ersuchen deS Reichskanzlers, in Unterrichtsangelegenheiten aufgetra- gene längere Dienstreise nach dem Elsaß und nach Lothringen unterbrochen. Die darauf folgende gefähr­liche Erkrankung des Ministers, der Tod deS Unter« staatssecretärs und der bald darnach statifindende Zu­sammentritt deS Landtags mit den daran sich knüpfen­den gehäuften Anforderungen an die Thätigkeit des Chefs verzögerten die Entgegennahme des Schlußvor­trages über eine so wichtige, für den Gang und die Lehrziele des höheren Unterrichts maßgebende Anord­nung, um danach die nöthige» Entschließungen zu fassen. Aufgegeben war aber der Plan unter dem früheren UnterrichtSminister in keiner Weise, vielmehr war es dessen bestimmt ausgesprochene Absicht, die Arbeit unmittelbar nach Beendigung des Landtags wieder aufzunehmen und nach vorgängiger Communi- cation mit den, schon wegen des Einflusses der Maß­regel auf die Bildung der künftigen Staatsbeamten, wesentlich mit beteiligten übrigen Ressortministern, so wie nach Prüfung und Feststellung der Vorfrage über die Zuständigkeit zum Erlaß des reoibirten Reglements, Dem allseitig anerkannten BeDürfniffe Abhülfe zu ver­schaffen. Die in berSpen. Ztg." angedeutete, ge» geniheilige Verrnuthung entbehrt hiernach der Begrün­dung und ist die Angelegenheit völlig intact und ohne nahm Külz, Otto aber Kniephof und Jarchelin und bewohnte nun allein das bescheidene Herrenhaus in Kniephof. Anfangs ertrug er nur mühevoll die ländliche Einsamkeit und ritt meilenweit, um frohe Gesellschaft von Altersgenoffen und frischen Umgang aufzusuchen, ober sah jüngere Freunde bei sich, wo Dann studentische Gelage der lärmendsten Art gefeiert und ein Leben geführt wurde, welches Der luftigen Wirt­schaft zu Göttingen, Aachen und Greifswald wenig nachgab und dem Gute den NamenKneiphof" schuf. Aber bann kam doch ein Wendepunkt der Einkehr in sich selbst. Die Wißbegierde, der Ehrgeiz, der Drang nach etwas Höherem und Ernsterem erwachten. Bis­marck studirte die besten neueren Geschichtswerke, machte sich mit ben neuesten Errungenschaften auf allen Ge­bieten ber Wissenschaft vertraut, unb betrieb mit bem ganzen Feuereifer unb ber vollsten Energie feiner ge- biegenen eiserne» Natur theoretische Stubien in Lanb- wirthschaft, Nationalökonomie, Rechtsgeschichte, in alle» Fächern ber StaatSwiffenschaften, ohne deshalb aber aufzuhören, ein unermüdlicher Nimrod, ein toller, ausdauernder, verwegener Reiter und ein unerschrockener Trinker zu fein. Zwei Wesen schienen noch in ihm zu kämpfen, und erst die Liebe brachte die Versöhnung Derselben. Zuvor aber hatten Studien und Reisen und die vielfältigsten Beweise seiner praktischen Tüch­tigkeit und seines einfachen, wahren, unerschrockenen, geraden Charakters auch diejenigen, welche früher sich über dentollen Jungen" mcquirt hatten, vor der Macht seiner Persönlichkeit und der Ahnung seiner latenten Vorzüge gebeugt.

Am besten aber kennzeichnet Bismarck als bedeu­tenden Mann die unverfälschte stolze Eiitfachheit unb Offenheit seines ganzen Wesens, welches sowohl in seinem ganzen Gebahren in jener Zeit, als auch na- metttlich in de« wirklich reizenden, humoristischen unb