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Marburg, Sonntag, den 14. April.

1872

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Oberhessische Zeitung.

firfebeint täglich außer den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberhesstsche» Zeitung mit Kretsblatt durch die Expedition (Noch'sche Buchdruck er ei) bezogen tt; ®gr., durch die Postämter 27 Ggr. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl- Stempel 11 ®gr. Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-BüreariS nehmen Inserate an.

flWMIlttWn auf dieObrrhesfische Zeitung" VV|lvUUU||UI für bas zweite Quartal werben auswärts von allen Postanstalten unb auf dem Laube von den Landpostboten, sowie in Marburg von ber Spedition entgegengenommen. _________

Politische W-chen-Ueßerfichl

Im Auftrage bes Kaisers hat am letzten Montag der Reichskanzler die zweite ordentliche Session beS deutschen Reichstages eröffnet. Die preu­ßischen Bischöfe haben am 9. unb 10. April in Fulba unter bem Vorsitze bes Erzbischofs von Köln über ihre fernere Haltung gegenüber ben gegenwärtigen staatlich-kirchlichen Consticteu in vertraulichen Con- ferenzen berathen unb beschlossen. In Oberschle­sien ist bie Schließung einer Anzahlkatholischer Casinos" wegen Verstoßes gegen da« Vereinsgesetz von 1850 gerichtlich bestätigt worben. In Elsaß- Lothringen ist nunmehr bie Ersatz-Instruction vom 26; März 1868 eingeführt, jeboch mit vorübergehenben großen Erleichterungen für bie Anforberungen an bie Einjährigen unb sonstigen großen RücksichtSnahmen. Die Dauer ber gegenwärtigen Session bes baie rischen Lanbtages ist vom 11. bis zum 24. April ver­längert worben.

Die fünfzehnjährige Erzherzogin Gisela, älteste Tochter bes Kaisers von Oesterreich, ist mit Prinz Leopolb von Baiern verlobt worben. Leopold, Sohu des Prinzen Luitpold, des zweitältesten Bruders des Königs Max, geboren zu München am 9. Februar 1846, ist jetzt Oberst-Lieutenant im baierischen 1. Cuirassier Regiment; er hat im letzten Krieg an der Loire eine Batterie befehligt. In Böhmen dauert der Wahlkampf fort. Auf beiden Seiten, namentlich auf czechischer, werden fortwährend Güler angekauft, größtentheils nur zum Schein, um die Mehrheit unter den Großgrundbesitzern zu erlangen. In Ungarn dauert der parlamentarische Unfug der Linken fort.

Der schweizerische BundeSrath hat mittelst Cirkularschreibens die Cantvne aufgefordert, die Ver theilung der Exemplare der revidirten Bundesverfassung sofort vorzunehmen. In Genf hat der revisions- feindliche Große Rath Dr. Dubs das Ehrenbürger- recht deS Cantons ertheilt.

Die französische Nationalversammlung hat gegenwärtig Ferien. Thiers hat dieselben benützt, um auf einen Tag nach Paris zu fahren und dort eine Gesellschaft im Elifee-Palast zu geben; aber in Paris zu schlafen, hat er noch nicht gewagt. Er kehrte um Mitternacht nach Versailles zurück. Die General- räthe der Departements werden demnächst zufammen-

treten. Der Herzog v. Gramont hat umsonst ver­sucht, seine Handlungsweise als auswärtiger Minister, die zum Kriege von 1870 führte, durch ein Buch zu beschönigen. General Trochu, der in feinem Pro- eeffe unterlag, will ebenfalls ein Buch zu feiner Recht­fertigung veröffentlichen.

Die belgische Repräsentantenkammer hat am 9. April ihre Arbeiten wieder ausgenommen. Eine Interpellation wegen Kündigung des französisch-bel­gischen Handelsvertrages beantwortete der Minister des Auswärtigen durch Vorlegung der Depesche der französischen Regierung vom 28. März*und der Ant­wort der belgischen Regierung vom 30. März. Die Verhandlungen werden französischerseits durch Ozenne geführt, der zu diesem Zwecke als Commissär seiner Regierung nach Brüssel gekommen ist.

Das englische Parlament hat, ans den Oster­ferien zurückgekehrt, feine Arbeiten wieder ausgenom­men und befaßt sich hauptsächlich mit der Berathung der Finanzgesetze. Die Königin ist mit ihren Kin­dern Leopold und Beatrice am Montag von Baden- Baden in Windsor eingetroffen. Nach langer Ab­wesenheit ist John Bright mit gestärkter Gesundheit in der Hauptstadt erschienen, um seine Stelle im Par lammte wieder einzunehmen.

In Italien halten Abgeordnetenhaus und Se­nat Ferien. Die Finanzvorlage Sella'S ist Staats­gesetz geworden.

Die Congreßwahlen in Spanien haben dem Ministerium Sagasta-Robledo eine bedeutende Mehr­heit verschafft. Die vereinigten Unionisten und saga- stinischen Progressisten zählen, wenn man die zweifel­haften Abgeordneten abrechnet, jedenfalls über 220 Mitglieder, während die gesammte Opposition nur 140 entschiedene Vertreter dmchgesetzt hat. Im Ministerium scheint trotzdem ein Zwiespalt ausge­brochen zu sein, denn der Kriegsininifter Rey Hal seinen Abschied genommen und zum Nachfolger den General Zabala erhalten. Einige carlistische Ban den, welche sich im Gebirge bei Gerona zeigten, wurden ohne Mühe zersprengt.

Das ganze dänische Ministerium will, sobald der König wieder heimgekehrt sein wird, abtreten, wie dies schon der Finanzminister Fenger gethan hat. Die Bauernsreunde schmeicheln sich, alsdannn ihren Führer Hansen ans StaatSrnder zu bringen; doch höchst wahrscheinlich wird bie conservative Partei obsiege» und deren Führer im Landsthing, Gutsbesitzer Estrup, das neue Cabinet zu bilden, haben.

Der schwedisch-xrMjchstag hat mit großer Stimmenmehrheit beschlossen, daß sich fortan kein

Wehrpflichtiger mehr vom Wehrdienste loskaufen dürfe. In diesem Jahre werden, was fest mehreren Jahren unterblieben ist, zwei Elasten der sog. Beweh­rung zu einer fünfzehntägigen Waffenübung zusammen­treten. Prinz Louis Murat ist am 7. d. M. in Dtockholm angefommen und im königl. Schlosse ab- gestiegen.

Das russische Kaiserpaar ist nebst der Königin von Würtemberg am 2. April in Livadia auf der Krim eingetroffen. Der Großfürst Nikolaus, Bruder des Kaisers, hält zur Zeit Truppenbesichtigungen in Warschau. Das in Odessa abhanden gekommene Muttergottesbild ist wieder zur Stelle geschafft worden. In diesem Jahre soll ein Nivellement von Sibirien auf einer Strecke von 3000 Werst oder 428 Meilen ausgenommen werden. Die russische Uebungsflotte in der Ostsee besteht aus 16 Panzer- und 79 anderen Dampfschiffen.

Die griechische Kammer ist am 5. April durch König Georg eröffnet worden. In ber nunmehr be­gonnenen Session wirb bie Lauriumfrage zur Sprache kommen. Da. Griechenlanb keinen Schifffahrtsver­trag mit Frankreich abgeschlossen hat, nehmen viele Capitäne griechischer Schiffe, um bie französischen Häfen befahren zu können, bie russische ober türkische Flagge an.

Es wirb wiberrufen, baß ber Sultan eine Reise ins Abenblanb anzutreten beabsichtige. Die Stabt Antakieh (Antiochia) in Syrien ist am 3. b. fast zur Hälfte burch ein Erbbeben zerstört worben.

Die rumänische Kammer ist am 4. April ge­schlossen worben.

Deutsches Reich.

Berlin 12. April. Gestern wurden es 25 Jahre, daß hier der erste vereinigte Landtag zusammengelreten ist' Die einzelnen Fraktionen feierten den Tag in ent­sprechender Weise. Die conservative Fraction de« Reichstages feierte durch ein Diner im Hotel Peters­burg das 25jährige Jubiläum des Abgeordneten v. Denzin, welcher ununterbrochen feit dem ersten ver­einigten Landtage allen Landtagen und parlamenta­rischen Versammlungen angehörte und immer aufl einem Wahlkreise (Stolp) gewählt ist. Es hatten sich sämmtliche cvnservativen FractionSmitglieder des Reichs­tages an dem Feste beteiligt und Herr v. Wedell- Malchow überreichte, mit passender Rede begleitet, bem Jubilar eine in blauen Sammet gebundene und mit bem silbernen Wappen versehene Abresse der Mitglieber ber konservativen Fraktion bes Abgeordnetenhauses. Bei dem hierauf folgenden Diner brachte Feldmar-

«us Bismarcks Jugendlkben.

Von Otfrid Mylius.

(Fortsetzung.)

Als Otto von einer Harzreise zurückkehrte, welche e mit diesen neuen Bekannten gemacht hatte, wurde eiu Frühstück, welches er denselben gab, die Veran­lassung , ihn zu einem angehendenHahn" der Stu- bentenroelt zu machen. Bei besagtem Frühstück war t« übermüthig genug zugegangen und unter Anderem auch eine Flasche zum Fenster hinauSgeschleudert wor­den, und in Folge davon Herr v. Bismarck auf den andern Tag vor daS Universitätsamt geladen worden Er erschien zur anberaumten Zeit, der Vorladung der akademischen Behörde gehorsam, aber in welchem Auf­zug! In Kanonen und Lederhosen, einem bunten berliner Schlafrock unb einem Cylinber, in ber Hand eine lange Pfeife, begleitet von feiner riesigen, däni­schen Dogge, welche bem Herrn Universitätsrichter einiges Bangen verursachte. Nachbem ber jugenbliche Stubicfu« wegen refpehmibriflen Auszugs unb ungebühr­lichen MitbringenS seines Hundes auf das Concilien- haus mit einer Strafe von fünf Thalern abgewandelt worden, unterwarf man ihn einem peinlichem Verhör wegen der auf die Straße geschleuderten Flasche und diktirte ihm eine weitere Strafe. Auf dem Rückweg vom ConcilienhauS lachten vier Studenten vom Corps derHannoveraner" über den sehr eigenlhümlichen Auszug Bismarck«, und erbrummte ihnen auf" und war sehr stolz darauf, daß er von allen vieren ge­fordert wurde. Er traf alsbald die nöthigen Anord­nungen, um diese Duelle auszusechtcn, und belegte bie Waffen bei bem Corps berBraunschweiger"; allein

ein umsichtigerChargirter" ber Hannoveraner, welcher mit Bismarck unter einem Dache wohnte unb in bem jungen Fuchsen einen ganzenHahn von CorpSbur- schen" ahnte, legte bie Sache bei unb feilte Bismarck, baß er in bas Corps ber Hannoveraner trat. Die Braunschweiger nahmen bieje Abtrünnigkeit sehr übel, beim sie hätten selber gerne einen solchen fixen Jun­gen für sich gewonnen, unb aus Aerger barüber, daß er bei ben Hannoveranerneingesprungen" war, nach­dem er bei ihnen die Waffen belegt hatt», ließ der Consenior der Braunschweiger nun Bismcckck fordern, welcher dann den Confenior mit einemBlutigen" quer über das Gesicht ab führte. Das Renommee des jungen CorpSburfchen war nun gegründet, und drei Semester lang lebte Bismarck in Göttingen fern den Kollegien nur ben Genüssen unb Aufregungen bes akademischen Lebens und war einer derforsche­sten" Corpsstudenten, von dessen Humor und kühler Unverschämtheit in allen möglichcn Begegnungen mit Philistern, Schnurren und anderem nicht studentischem Menschenvolk die Annalen der Georgia-Angusta viel zu erzählen wußten. Etliche und zwanzig Duelle, alle dis auf Eines ohne Verwundung für Bismarck abge­laufen, gaben ihm unter der etwas wilden akademischen Jugend jener Zeit ein gewaltiges Relief. Ein erkleck­liches Sümmchen Schulden trotz dem bedeutenden Wechsel, den er von Hause erhielt, zeigte, daß er zu leben und leben zu lassen verstand, unb er warb von Gastwirthen unb Pferbeverleihern wahrhaft angebetet, während die Professoren ihn nur vom Hörensagen oder vom Sehen kannten und ber alte Geheimerath Hugo mit einem theuren Eid erhärten konnte, baß er Hm. v. Bismarck in drei Semestern auch kein einzi­

ges Mal in dem belegten Kolleg bei ihm gesehen habe.

(Fortsetzung folgt.)

Die deutsche Bierbrauerei. m

(Schluß.) »

Was den Brauereibetrieb in ben übrigen ber Steuergemeinjchaft angehörenden norddeutschen Staaten betrifft, so beschränken wir uns im Nachfolgenden auf bie Angabe ber Zahl ber betriebenen gewerblichen Brauereien, beS Steuerbetrages und ber bannet pro Kopf berechneten Bierprobuktion, welche im Allgemei­nen auch bie Konsumtion barstellt.

Lauenburg 25 Brauereien, 2453 Thlr. Steuer, Probuktion 10,5 Quart pro Kopf; Lübeck 28 Br., 9190 Thlr. Steuer, Produktion 45,7 Ort. pro Kopf; Hessen (Prov. Oberhessen) 210 Br., 35,034 Thlr. Steuer, Prob. 30^ Ort pro Kopf; Mecklenburg 174 Br., 46,829 Thlr. Steuer, Prob. 16,6 Ort. pro Kopf; Sachsen-Weimar 229 Br., 56,082 Thlr. Steuer, Prov. 45,2 Ort. pro Kopf; Oldenburg 167 Br., 16,535 Thlr. Steuer, Prob. 13,z Ort. pro Kopf; Braunschweig 94 Br., 45,388 Thlr. Steuer, Prob. 32,8 Qrt. pro Kopf; Sachfen-Meiningen 306 Br., 47,728 Thlr. Steuer, Prob. 59,6 Ort. pro Kopf; Sachsen Altenburg 108 Br., 35,256 Thlr. Steuer, Prod. 55,9 Ort. pro Kopf; Sachsen-Coburg-Gotha 202 Br., 57,274 Thlr. Steuer, Prob. 77,6 Ort. pro Kopf; Anhalt 90 Br., 30 565 Thlr. Steuer, Prod. 34,9 Ort. pro Kops; Schwarzburg-Rudolstadt 130 Br., 19,763 Thlr. Steuer, Prod. 59,i Ort. pro Kopf; Schwarzburg-Sondershausen 61 Br., 13,577 Thlr. Steuer, Prod. 45,3 Ort. pro Kopf; Reuß ä. L. 45