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Marburg, Freitag, den 12. April.

1872

Sr. 8S

Oberhessische Zeitung

WWMhtlWIt auf die „ObrrhesfischkZeitung" Vl|UUUIll|UI für das zweite Quartal werden auswärts von allen Postanstalten und auf dem Laude von den Landpostbolcn, sowie in Marburg von der Expedition entgegengenommen.

Aus LismarckS Jugrudleben.

Von Otfrid Mylius*)

Anekdotische Züge aus dem Leben bedeutender Männer haben von je her jenen großen Reiz auf de» weiteren Kreis denkender Leser ausgeübt, welchen alle authentischen Beiträge zur Charakteristik eines solchen Mannes, alle Einblicke in die Entwickelung seines künftigen Lebens und Wesens machen. Ein wirklich begabter kernhaft tüchtiger Mensch ändert sich im Laufe der Jahre, er verändert sich zu seinen Gunsten, denn Stehenbleiben ist Stagnation, Signatur der Dummköpfe; jeder geistig hochbegabte, rührige, tüchtige Mensch übt an sich selbst eine stete Fortbil­dung und Selbstveredlung, wie wir sie so schön an unseren großen Dichtern Schiller und Goethe gesehen haben. Aber tausend und aber tausend Keime von Dem, was ein Mensch im gereifter» Mannesalter durch Selbstzucht und in der Schule de« Lebens wird, üegen schon in den Zügen, Erscheinungen und Lebenö- außerungen seiner Knabenjahre latent, sind später bis auf ihre Quelle und ihren Ausgangspunkt zurück zu verfolgen, und führen zu interessanten Reflexionen und Vergleichungen.

Auch Bismarck, diese stämmige, kcrnhafte, ritter- liche Persönlichkeit, ist sich nicht immer gleich und konsequent geblieben. Auch er hat, und zwar weit wehr als Tausende von Anderen, ernstlich an sich fort- gebildet — er hat, wie er eö in der ihm eigenen Antigen und treffenden Weise ausdrückt, er hat „etwas gelernt." Daher ist es nicht uninteressant, einzelne bezeichnende Züge aus seinen Knaben- und JünglingS-

*) Aus der Ogern. Famil.-Zeitung.

Goldmünzen == 10,783,846 Thlr., Silber-Courant 2/1 und i/i Thaler = 218,202,251 Thlr., anderes Silber- u. Kupfergeld — 4,434,676 Thlr., Scheide­münze in Silber und Kupfer — 8,633,866 Thlr.

Arolsen, 10. April. Wie die „H. M.-Ztg.« erfährt, ist der kgl. Regierungsrath v. Sommerfeld in Stettin zum Landesdirector der Fürstenthümer Waldeck und Pyrmont ernannt worden.

Darmstadt, 10. April. General v. Werder, von der Bevölkerung mit stürmischen Hochrufen be­grüßt, ist heute hier eingetroffen. Derselbe ist vom Großherzog zur Tafel geladen worden. Die Stadt prangt im Flaggenschmuck.

München, 10. April. Die Abgeordnetenkammer hat heute den Antrag Wand's wegen der Brandver- sicherungsordnung iu der Pfalz mit Zustimmung der Regierung angenommen. Der Antrag Völk'S auf Er­richtung eines dem Landtage verantwortlichen Rech­nungshofes wurde gleichfalls genehmigt; die Regie­rung erklärte sich unbedingt gegen den zweiten Theil des Antrages, wonach jede Kammer eine Anklage gegen die Minister wegen gesetzwidriger Verwendung der Staatsgelder vollziehen können soll. — Der Kaiser von Oesterreich hat den Prinzen Leopold, seinen künf­tigen Schwiegersohn, zum Chef eines Artillerie-Regi­ments ernannt. Tie Vermählung des Prinzen wird, da die hohe Braut nächstens erst ihr 16. Lebensjahr erreicht, nicht vor dem Sommer 1873 statlfinden.

Orstrrrrich - Ungarn.

Wie», 10. März. Einer Meldung der „Neuen Freien Presse" zufolge wurde die Staatsschuldenkasse angewiesen, vom gestrigen Tage an die am 1. Mai er. fälligen Coupons der Papierrente und 1860er Loose gegen Abzug von 5 pCt. Zinsen einzulösen.

Wien, 10. April. Am 4. d. wurde dem russi­schen Gesandten am österreichischen Hofe, Grafen Nowikoff, aus seinem Gesandtschaftshotel in der Woll­zeile in Wien von einem bisher unermittelten Thäter eine Casselte gestohlen, welche Schmnckwaaren im Werthe von mehr als 30,000 fl. enthielt. Auf diesen Diebstahl dürste sich die nachstehende Bekanntmachung beziehen, welche von der k. k. Polizei - Direktion ver­sendet wurde: „Gestern (4.) Nachmittag von halb 5 Uhr bis heute Morgen wurde in der Stadt eine Cassette, enthaltend Schmuckgegcnstände, gestohlen. Die Casselte ist von Holz, braun polirt, mit Metallverzie­rungen eingelegt, 2 Schuh im Quadrat, bei 6 Zoll hoch, auf dem Deckel in der Mitte eine Perlmutter- platte mit einem eingravirten E; darin ein Armband von Gold, das Mitlelstück oval, ringsumher mit Brillanten ä jour gefaßt, in der Mitte die Buchst»- selben mit ihren Söhnen einer Verhätschelung der­selben vorbeugte, da diese Frau das Geheimniß besaß, die aufgeweckten Söhne so zu behandeln, als ob sie sie noch für bester hielte, als sie waren, und da sie an das aristokratische Selbstgefühl derselben bei jeder Gelegenheit appellirte, so hatte diese Erziehung nur ein glückliches Ergebniß. Schwache Naturen mißrathen leicht unter der Hand von Miethlingen; aber hiezu war namentlich unser Otto v. Bismarck zu kräftig und energisch angelegt. Strenge Wahrheitsliebe, Stan- desgcfühl und Adelsstolz gaben ihm früh schon eine gewisse „Haltung"; er gewöhnte sich eine Selbstän­digkeit an, welche Anderen gegenüber oft etwas Her­bes hatte, aber fein Charakter reifte früher, als es bei jungen Leuten seines Standes sonst vorkommen mag.

(Fortsetzung folgt.)

Die deutsche Bierbrauerei.

Die Steuer auf Bier gehört nach der Verfastung des deutschen Reiches im ganzen Gebiet des letzteren mit Ausnahme der Staaten Bayern, Würtemberg, Baden und vorerst noch der Reichslande Elsaß-Loth- ringen, zu denjenigen gemeinschaftlichen Verbrauchs­steuern, über welche nach den Artikeln 35 bis 38 der Verfassung dem Reiche ausschließlich die Gesetzgebung zusteht. Um ein allgemeingültiges Reichsgesetz über die Besteuerung des BicrS herbei zu führen, ist dem Bundesrathe kürzlich der Entwurf eines neuen Brau­steuergesetzes vorgelegt worden, welches für das inner­halb der Zolllinie liegende Gebiet des Reichs, jedoch mit Ausschluß der oben genannten Staaten, in Kraft treten soll. Nachdem der Bundesrath über diesen Ent­wurf Beschluß gefaßt hat, ist derselbe nunmehr zur

Deutsches Keich.

•» Berlin, 10. April. Es ist in den Zeitungen darüber polemisirt worden, daß der sonst übliche Got­tesdienst bei Eröffnung des Reichstages fortgefallen ist; man hat geglaubt, den Grund darin finden zu muffen, daß momentan das Zerwürfniß zwischen Staat und Kirche eine solche kirchliche Feier nicht wünschens- werth erscheinen lasse. Diese Deutung ist jedenfalls falsch; bereit« früher ist, wenn der Monarch nicht selbst die Eröffnung vornahm, von einer kirchlichen Feier Abstand gendmmen worden. — Die Angelegen­heit des Feldpropstes Namczanowski in Bezug auf den Pfarrer Grunert in Insterburg ist in der Presse nicht genau dargestellt worden; diese Sache verhält sich folgendermaßen: Nachdem dem Pfarrer Grunert durch den Bischof seiner Diöcese die Qualistcation eines katholischen Geistlichen entzogen war, hat der Heldpropst geglaubt, Grunert die Stelle eines Mi­litär-Seelsorgers nicht belassen zu können, indem die Function des Letzteren doch lediglich die Bedingung voraussetzt, daß der Betreffende überhaupt Geistlicher ist. Diese Auffassung dürfte auch in Regierungskreisen getheilt werden. — Nachdem die Errichtung einer Centralbehörde für Statistik im deutschen Reiche fest­steht und dieselbe bereits im Etat für 1872 vorge­sehen ist, hat man sich auch mit der Person des Di­rigenten dieses Instituts beschäftigt; wenn man an­fänglich glaubte. Geh. Reg.-Rath Dr. Engel werde in diese Stelle einrücken, so scheint jetzt diese Ansicht fallen gelassen zu sein, da Hr. Engel den Staats dienst zu verlasten gedenkt.

* Berlin, 10 April. Mit dem Beginn des Reichs­tages haben sich auch die Petitionen wieder eingestellt; bis jetzt sind bereit 50 eingegangen. — Der hiesige Verein der Apothekergehülfen hat an den Reichstag eine Petition gelangen lassen, in welcher dieser ge­beten wird, beim Bundesralh dahin zu wirken, daß bei Abfassung der in Aussicht stehenden allgemeinen deutschen Apothekerordnung das Prinzip zu Grunde gelegt wird, daß die Erlaubniß zur selbständigen Aus­übung des Apothekergewerbes allen denen nicht ver- lagt werden könne, welche die hierzu erforderliche Qua- lification nachweifen. — An der hiesigen Universität ftubiren 99 Apotheker; man wird dadurch an das bekannte Sprichwort erinnert. — Die hiesigen städti-

Lrscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal der Ovrrhesfischen Zeitung mit Kreisblatt durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22; »ar., durch die Postämter 27 ®gr. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl- Stempelsteuer), für da? Ausland excl. Stempel 22 »er — JnsertionSgebiihr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annonren-BüreauS nehmen Inserate an.

schen Behörden haben im botanischen Garten, sowie aus dem Grundstück eines Kunstgärtners umfassende Versuche anstellen lassen über die verderbliche Ein­wirkung des Leuchtgases auf die Baumvegetation. Als Resultat hat sich ergeben, daß selbst die geringe Menge Leuchtgas von 25 Kubikfuß täglich auf die Quadratruthe und bei 4 Fuß Tiefe die mit dem Gase in Berührung kommenden Wurzelspitzen der Bäume jeder Art in kurzer Zeit tödtete und daß dies um so früher geschah, je fester die Bodenober­fläche ist.

Einer Mittheilung der „Bresl. Zig." zufolge er­hielt Se. Maj. der Kaiser und König u. A. zum Ge­burtslage von dem Kölner Banquier, Geh. Commer zicnrath v. Oppenheim, einen prachtvollen und kunst­reich ausgeführten Tafelaufsatz von massivem Silber. Derselbe stellt eine Scene nach der Schlacht von Gra- velotte dar, in welcher der Kaiser den Mittelpunkt bildet. Bei der Besichtigung des kostbaren Kunst­werkes äußerte der Monarch in der ihm eigenlhüm- lichen Weise, daß er selbst nicht in der Lage wäre, irgend Jemandem ein ähnliches Geschenk von so hohem Werthe zu machen. — Prinz Gortschakoff, bisher Bot­schaftsrath bei der russischen Botschaft hier, ist zum russischen Gesandten bei der Eidgenossenschaft ernannt worden, an Stelle des Ritters de Giers. Derselbe ist dieser Tage von hier nach Petersburg abgereist, um dort seine Instructionen entgegenzunehmen. Er wird sich im nächsten Monat aus seinen Posten nach Bern begeben. — Die Nachrichten über das Befinden des Justizministers Dr. Leonhardt, welcher sich seit Kurzem auf dem Lande befindet, lauten sehr günstig und lassen eine baldige Rückkehr deffelben erwarten. — Der Kaiserl. deutsche Gesandte bei der Eidgenossen­schaft, Generallieutenant v. Röder, hat am 6. d. sein 50jähriges Dienstjubiläum gefeiert.

Bis zum 25. März d. I. waren in dm Münz­stätten des Deutschen Reiches in Zwanzigmark-Stückcn 66,583,540 Mark Reichsgoldmünzen ausgeprägt woröen. In der Zeit vom 24. bis 30. März. d. I. sind ferner in solchen Stücken geprägt: in Berlin 3,754,980 Mark, in Hannover 492,400 Mark, in Frankfurt a. M. 1,679,980 Mark, in München" 478,100 Mark, in Stuttgart 99,000 Mark und in Karlsruhe 276,000 Mark, zusammen 6,780,460 Mark. Die Gesammtausprägung stellt sich daher bis 30. März. d. I. auf 73,364,000 Mark. — Seit dem Abschlüsse deö Wiener Münzvertrages vom 24. Januar 1867 haben die gesammten Ausmünzungen der deutschen Staaten nach einer Berechnung von A. Soetbeer im »Deutschen Ekonomisten« betragen: jähren und selbst noch aus späterer Zeit herauszugrei- sen und mit seinem späteren Wesen zu vergleichen. Der jetzige Reichskanzler, geboren am 1. April 1815, ist bekanntlich der vierte in der Reihe der sechs Kin­der, womit seine Mutter, Luise Wilhelmine, geborene Menken, den Rittmeister Karl Wilhelm Ferdinand von Bismarck auf Schönhausen beschenkt hatte. Die ersten sechs Lebensjahre des etwas ernsten und zurückhalten­den Knaben verflossen ihm friedlich in ländlicher Stille unter den Augen der klugen, feinen, ehrgeizigen, aber etwas kalten Mutter auf den Familiengütern in Pommem. Nach kaum vollendetem sechstem Jahr kam der Knabe nach Berlin in die damals sehr beliebte und gewerthcte Knabenpensions - und Erzie­hungsanstalt des Professors Plamann, in welcher sein älterer Bruder Bernhard bereits untergebracht war, und blieb hier bis zum Jahre 1827, von wo an sie in der Berliner Wohnung der Eltern blieben, auch wenn diese den Sommer hindurch auf ihren Gütern lebten. Eine treue, aus dem Stammgute Schönhau­sen gebürtige Dienerin versah bann bie Wirthschast, während gebildete Hofmeister die Erziehung und den Untericht in Abwesenheit der Eltern leiteten. Es war namentlich für den jetztigen Reichskanzler eine unbeschreibliche Freude, wenn die Eltern wieder nach Berlin kamen und die Mutter mit den beiden Söhnen verkehrte, in denen sie schon frühe einen strebsamen Ehrgeiz zu wecken und denen sie die bestmögliche und vielseitigste Bildung und Erziehung zu verschaffen be­müht war. Diese Erziehung aber war nur fern vom ländlichen Aufenthalt der Eltern zu erlangen, und da sowohl das Naturell der kühl angelegten Mama als auch das nur zeitweilige Zusammenleben der-