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Ufr. 8L . Marburg, Sonntag, den 7. April. 1872.

Oterhessische Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberhesilschen Zeitung mit KretSblatt durch die Expedition (Äoch'sche Buchdruckerei) bezogen 221 Egr. durch die Postämter 27 ®gr. ft Vfg. (excl. Bestellgebühr und incl- Stempelsteuer), für das Ausland excl- Stempel 22 ®gr. — Insertlvnßgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sümmtliche Annoneen-BüreauS nehmen Inserate an.

litt UPI! auf die „Ob crhesfische Zeitung" für das zweite Quartal werden auswärts von allen Postanstalten und auf dem Lande von den Landpostboten, sowie in Marburg von der Exedition entgegengenommen.___

Der Waffenverkauf seitens der Bereinigten Staaten an Frankreich während des letzten

Kriege-.

(Fortsetzung.)

Die Bundesregierung ist zu dem Verkaufe von Waffen berchtigt durch eine Resolution des Congresses vom 20. Juli 1868, der, um mit dem nach Beendi­gung der Rebellion noch vorhandenen Material anfzu- räumen, bestimmte: „nach 30tägiger öffentlicher Be kanntmachung öffentlich alte Kanonen, Waffen und sonstiges Kriegsmaterial zu verkaufen, welches sich jetzt im Besitze deS Kriegsministeriums in einem schadhaften oder sonst für das Bundesheer und die Milizen der Vereinigten Staaten unbrauchbaren Zustande befänden."

In geradem Widerspruche mit diesem Gesetze waren viele der verkauften Waffen und Patronen neu oder, wie General Dyer, Chef de« Zeugamtcs in einem officiellen Berichte sagt: „gut zum sofortigen Gebrauche für die eigenen Truppen. Auch fanden die Waffenauktionen nicht „öffentlich" und „nach 30tägiger öffentlicher Bekanntmachung" statt, sondern das Kriegs- Ministerium wandte sich schriftlich an ihm bekannte Waffcnhändler und nahm deren Angebote entgegen. Räthselhaft bleibt unbedingt, wie Schurz in seiner glänzenden Rede sehr treffend sagte, daß das Kriegs­ministerium sich z. B. nicht an Baker u. Co., eines der angesehensten Häuser dieser Branche zn New-York, wandte, sondern an einen sonst völlig unbekannten, durchaus unbemittelten Advokaten Thomas Richardson in Ilion, einer kleinen Landstadt im Innern des Staates New-York, der sich später als vorgeschobener Strohmann der Remington's entpuppte, und feine An­gebote durchgehends berücksichtigte.

Kriegsminister Belknap berichtet osficiell, daß die Bundesregierung im Finanzjahr 1871 für 10,000,000 Doll. Kriegsmaterial verkauft habe. Remington kaufte anfangs direct, später durch seinen Schwiegersohn Dhos. Squire und zuletzt durch den bereits erwähnten Richard son. Die französische Regierung hat für die aus Amerika bezogenen Waffen durchaus nicht zuviel be­zahlt. Am 28. September 1870 nach den furchtbaren Niederlagen, gab sic für 50,000 Stück gereinigter und

Onkel Georg.

Novelle aus dem Englischen von D- B.

(Fortsetzung.)

Die lauge Abwesenheit und die veränderte Lebens­weise hatten mein Verlangen, Onkel Georgs geheim nißvolles Verschwinden auszuklären, nicht schwächer werden lasten. Wegen der leidenden Gesundheit mei ner Mutter nahm ich jcdcch lange Zeit Anstand, die sen Gegenstand im Gespräche mit ihr zu berühren. Als ich eS endlich mit der Bemerkung wagte, daß Rücksichten, aus denen sie während meiner Kindheit dieses zurückhaltende Schweigen bewahrt habe, jetzt, nachdem ich ein junger Mann geworden, nicht mehr nöthig seien, verfiel sie in ein heftiges Zittern und befahl mir, kein Wort mehr zu sagen. Es sei meines LaterS Wille gewesen, erwiderte sie, daß diese Um stände mir stets geheim bleiben sollten; er habe sie vor seinem Tode nicht ermächtigt, das Schweigen darüber gegen mich zu brechen, und jetzt, wo er im Grabe ruhe, wolle sie von seinen früheren Befehlen nicht abweichen. Wenn ich mich an meine Tante wandte, so empfing ich ziemlich dieselbe Antwort. Dennoch ließ ich mich dadurch nicht entmuthigen, sondern beschloß eine Reise zu machen, angeblich, um den Geschwistern meines verstorbenen Vaters einen Besuch abzujtatten, aber mit der geheimen Absicht, zu versuchen, ob ich von ihnen keinen Aufschluß über Onkel Georgs Schicksal erlangen könne.

Meine Bemühungen waren in dieser Beziehung nicht ganz fruchtlos, aber keineswegs genügend. Onkel Georg war von seinen hübschen Schwestern und glück lichern Brüdern stets mit einer gewissen Verachtung betrachtet worden, und seine eifrige Vertheidigung mei­nes Vaters, bei besten Verheirathung, hatte nicht dazu beigetragen, seine Stellung zu ihnen zu verbessern. Sie sprachen jetzt in nicht srcunblichcrem Tone von

reparirter Springfieldgewehre nur 5 Doll, das Stück, 2 Doll, weniger als die türkische Regierung vor Aus­bruch des Krieges bezahlt hatte; erst im Dezember 1870 stieg der Preis derselben auf Doll. 9. 30. Für : tue Springfield Gewehre zahlte sie von Doll. 12. 05. bis Doll. 12. 30.

Als Senator Schurz und auch, wie die sonst wenig zuverlässige, demokratische „World" vom Okto­ber 1870 berichtet, die norddeutsche Bundes-Gesandt­schaft bei der amerikanischen Regierung über den Verkauf von Waffen Beschwerde führten und es ruch­bar wurde, daß die Remingtons und deren Unter­händler Squire offene Agenten der französischen Re­gierung seien, sah sich die Bundes-Regierung genöthigt, ein Angebot der Remington's znrückzuweisen und einen Verkaufstermin vom 15. auf den 21. Oktober zu verschieben. Das letztere aber wahrscheinlich nur, wie einem Berichte Dyer's zu entnehmen ist, um den Reming­ton's Zeit zu gewähren, andere Zwischenhändler ein­zuschieben, denn am 22. Oktober leistete die französi sche Regierung für die am Nachmittage des vorher­gegangenen Tages verkauften Waffen — (nach der „Newyork Tribüne" vom 19. Oktober 1870 beliefen sich dieselben auf 200,000 neue gezogene Springfield- Gewehre und 110,000 Stück alte, aber brauchare; desgleichen 40,000 neue Enfieldbüchsen und 30,000 unbrauchbare Gewehre) — durch ihren Generalkonsul zu Newyork die nöthige Theilzahlung. Auch nach der Zurückweisung ihrer Gebote blieben die Remington's mit dem Kriegsministerium in Verbindung, wie eine von ihnen veröffentlichte Factura derselben vom 22. Oktober 1870 zeigt.

Um eine Vorstellung zu geben von den enormen Verkäufen, welche das Kriegsministerium fast wöchent­lich anstellte, reproduciren wir nach dem „Daily Re- publikan" von Washington vom 25. Oktober 1870 eine amtliche Verkaufsankündigung des Zeugamtes über: 2500 Hinterlader, Caliber 58, mit Patronen; 1000 Ball'sche Repetir - Carabiner, Caliber 50, mit Munition; 2500 Galagher - Carabiner zu Spencer- Munition eingerichtet; 4000 Magnard-Carabiner, mit 500 Ladungen auf'S Gewehr; 1000 Palmer-Carabincr, Caliber 44, mit Munition; 3600 Remington-Carabi ner, Caliber 44, mit Munition; 2500 Warner-Cara­biner mit Munition; 2700 JoSlyn-Carabiner, Cali­ber 52, mit Munition; 40,000 Carabiner-Riemenzeuge nach Blacklcy'S und anderen Modellen; 70,000 Jn- fanterie-Riemenzeuge; 20,000 Starr-Revolver, Caliber ihm, als früher, und versicherten mich nur, daß sie nichts von ihm gehört hätten, und daher nichts wei­ter wüßten, als daß er meines Vaters HauS verlassen habe, nachdem er sich schlecht gegen, ihn betragen, um sich im Ausland irgendwo niederzulasten. Er war in London gesehen worden, wo er sein kleines, vom Vater ererbtes und in Staatspapieren bestehendes Vermögen zu Gelde gemacht hatte, und wenige Tage später halte er sich nach Frankreich eingeschifft. Weiler war nichts über ihn bekannt geworden. Worin das schlechte Be­tragen bestanden hatte, konnte mir keiner von ihnen sagen, da, wie sie erklärten, mein Vater sich stets ge­weigert habe, ihnen durch eine umständliche Schilde rung desselben Schmerz und Verdruß zu bereiten. Georg sei stets das schwarze obef räudige Schaf in der Familie gewesen, hieß es, und er müsse auch sei­ner Schlechtigkeit sich bewußt gewesen fein, sonst würbe er später geschrieben unb sich gerechtfertigt haben.

Dies war bit Auskunft, welche ich von ben Ge- schwistem meines Vaters erhielt. Start mir Licht zu geben, .biente sie nur bazu, mir bas Sachverhältniß noch bunkler unb unerklärlicher zu machen. Daß ein so sanftes, weichherziges Wesen, wie Onkel Georg war, burch Wort ober That ben Bruder gekränkt haben sollte, den er so sehr liebte, schien mir unglaub­lich ; aber daß er sich einer Schlechtigkeit gerade zu der Zeit schuldig gemacht hätte, als meine Schwester auf dem Sterbebett lag, war meiner Ansicht nach unmöglich. Und doch war die einfache Thatsache nicht zu bestreiten, daß Karolinenö Tod und Onkel Georgs Verschwinden in derselben Woche stattgefunden hatten. Die ganze Sache blieb ein unerklärliches Räthsel für mich.

Ucber die nächstfolgenden Jahre meines Lebens kann ich mit wenigen Worten hingehen. Meine Be- rufsgeschäfte nahmen mich ganz in Anspruch und führ­ten mich weit weg von Heimath und Verwandten.

44, mit Munition; 5000 Roger u. Spencer-Revolver, Caliber 44, mit Munition; 10,000 Remington - Re­volver, Caliber 44, mit Munition; 35,000 Pistolen­halfter; 40,000 Cavalleriesäbel; 1000 Spencer-Büch­sen; 20,000 Pferdezeuge; 50 Batterien Feldartillerie, vollständig mit Munition.

(Fortsetzung folgt.)

Politische Wochrn-Ueberstcht.

Nächsten Montag den 8. April wird der deutsch e Reichstag in Berlin zusammentrcten. — Der Reichs­kanzler Fürst Bismarck ist nach kaum achttägigem Auf­enthalte zu Varzin nach Berlin zurückgekehrt. Derselbe (geboren am 1. April 1815) feierte vergangenen Mon­tag feinen siebenundfünfzigsten Geburtstag. Der Cul- tusminister hat die Oberbehörden der Provinzen Preu­ßen, Posen und Schlesien angewiesen, zu einer außer­ordentlichen Schulrevision die erforderlichen Einleitun­gen zu treffen; für Oberschlesien sind die betreffenden Commissarien bereits ernannt worden. — Die katholi­schen Bischöfe Preußens wollen, wie e« heißt, am 9. April, in Fulda zu Conferenzen zusammentreten, um sich über ihre Haltung gegenüber dem Schulauf- sichtSgesetz schlüssig zu machen; dem Vernehmen nach sollen daselbst auch über eine übereinstimmende Haltung des Episcopats rücksichtlich der Censuren unb beson­ders der Formen und Grade der Excommunicationen gegen die sogenannten Altkatholiken Vereinbarungen ge­troffen werden. — In Baiern erscheinen fast täglich Verordnungen zur neuen Organisation des baierischen Theiles der Reichsarmee. — Würtemberg hat ver­flossenen Montag seinen Minister des Innern, v. Scheurlen, durch einen schnellen Tod verloren. — Die Königin Victoria weilt seit dem 25. März in Baden-Baden.

In Oesterreich herrscht große Aufregnng wegen der bevorstehenden Wahlen in Böhmen. — Die alte „patriotisch-ökonomische Gesellschaft" in Prag ist wegen regierungsfeindlicher Demonstrationen geschloffen wor­ben. — In Ungarn hat die Linke die Zeit der Reichs­tagssession in unverantwortlicher Weise todtgeschlagen und dadurch im Lande viel Unwillen erregt.

Der schweizerische BundeSrath hat am 30. März, in Folge der jüngst im Cantou Tessin ange­stellten Untersuchung, die Ausweisung deS italienischen Flüchtlings Cechini beschlossen. — Der große Rath des CanlonS Waadt hat sich mit 184 Stimmen gegen 2 wider die revidirte Bundesverfassung erklärt.

Aber*waS ich auch thal unb wohin ich auch ging, überall begleitete mich die Erinnerung an Onkel Georg unb baS Verlangen, Licht über fein unerklärliches Ver­schwinden zu erhalten. Oft gedachte ich während der cinsamm Nachtwache auf der See jenes dunkelen Abends am Strande, der Umarmung deS fremden Mannes, welcher meine Wange mit feinen Thränen befeuchtete, und dann verschwand, ehe ich ihn zu er­kennen vermochte. Oft erinnerte ich mich der uner­klärlichen Begebenheiten, welche nach dem Tode meiner Schwester unb nach meiner Rückkehr in das elterliche HauS folgten, unb noch öfter quälte ich mich damit, ein Mittel zu entdecken, um meine Mutter oder Tante zur Enthüllung des bisher so hartnäckig bewahrten Geheimnisses zu bestimmen. Meine Hoffnung, jemals zu erfahren, was mit Onkel Georg vorgegangen und aus ihm geworden war, und ihn wieder zu sehen, stützte sich allein auf diese beiden mir theuren Anver­wandten ; unb wenn ich auch im Stillen daran verzweifelte, meine Mutter jemals zum Sprechen über diesen ver­botenen Gegenstand zu bringen, so schien es mir doch nicht unmöglich, meine Tante endlich zu etwas mehr Nach­giebigkeit zu bestimmen. Allein auch in dieser Bezie­hung sollten meine Erwartungen getäuscht werden. Lei dem nächsten Besuche, den ich in England machte, fand ich meine Tante vom Schlage getroffen und sprachlos. Sie starb in meinen Armen und ich war ihr einziger Erbe. Vergebens durchsuchte ich alle ihre Papiere, um wo möglich durch sie einigen Aufschluß über dieses Fainiliengeheimniß zu erlangen: nichts ließ sich entdecken, da, wie ich später erfuhr, alle Briefe, welche meine Mutter in der Zeit von Karolinenö Krankheit und Tod an ihre Schwester geschrieben halte, absichtlich vernichtet worben waren.

(Fortsetzung folgt.)