Marburg, Freitag, den 5. April.
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1872
Oberhessische Leitung
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Onkel Georg.
Novelle aus dem Englischen von D. B.
(Fortsetzung.)
So verflossen mehrere Wochen, ohne daß ich an drre Nachrichten empfing, als daß meine Schwester noch immer krank sei.
Ich fand das Hausmädchen und die Köchin flü- strrnd und zwar mit sehr ernsten Gesichtern. Bei seinem Anblick erschraken sie, als wäre ich wirklich 71 Herr gewesen, der sie bei einer Vernachlässtauna Arbeit traf.
„Er ist noch zu jung, um eS tief zu empfinden," ■r,rtt ich die eine sagen; „bester jetzt, als wenn cs .Mer geschehen wäre."
Nach wenigen Minuten wußte ich AlleS. ES war
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bier anwesend sind, fordere ich hiermit nochmals auf ,rch zu entfernen." Darauf richtete Prof. Knoodt, der nur wenige Schritte von Beinroth entfernt knieete, die Frage an ihn, ob er ihm erlaube, einige Worte an die versammelte Gemeinde zu richten. Er wollte nur die Erklärung abgeben, daß er aus Rücksicht auf das Fest der Neukommunikanlen, welches er nicht stören wolle, aber nur aus dieser Rücksicht, die Kirche verlassen werde. Beinroth aber rief ihm zu: „Ich verbiete Ihnen, auch nur ein Wort zu redm", worauf Pros. Knoodt die Kirche verließ. Zn Folge dieses Vorfalls herrschte große Aufregung in der Stadt Boppard. Tags darauf begaben sich der Bürgermeister und mehrere katholische Männer zu den beiden Professoren, um denselben ihr Bedauern und ihre Entrüstung über den Vorfall und zugleich ihre Hochachtung auözudrücken. Knoodt und RcinkenS haben nun, jeder für sich, am 26. März dem Oberprocurator Sommer zu Koblenz den Vorfall mitgetheilt und die Verfolgung des Religionslehrers Beinroth beantragt. Schon am folgenden Tage kam deßhalb Slaatsprocurator Werner nach Boppard und vernahm den Prof. Knoodt so wie den Rector und die Lehrer des Progymnasiums. Prof. Reinkens hielt an diesem Tage einen Vortrag in Krefeld, weßhalb er nicht vernommen werden konnte. Beinrolh wurde auf Anordnung des k. Provinzial.- Lchulcollegiums zu Koblenz vom Rector des Progymnasiums ebenfalls vernommen. Prof. Knoodt ist am 31. v. M. von Boppard wieder nach Bonn zu- rückgekehrt. 9
ba« Ergebniß bekannt ist, sind 550 Präsidenten der sich Beinroth von den Stufen deS Altars an denen Bureaux und 2162 Secretäre der Regierung günstig, er niedergeknieet war, und rief: „Die Herren H5nr "ahrend 272 Präsidenten und 1061 Secretäre der fessoren Knoodt und Reinkens, welche aus der Ge- Coalltion sämmtlichcr Parteien zugehören. Zu Madrid meinschaft der katholischen Kirche ausgeschlossen und sind die Ernennungen zu Gunsten der Coalition aus —r—11 R-v = L ’* -•
gefallen, während die Anhänger der Regierung zu Sevilla, Eadix, Malaga, Murcia und anderen Haupt städten der Provinzen siegten. Die meisten Bureaux von Barcelona und Saragossa sind ebenfalls für die Regierung. In ganz Spanien herrscht vollständige Ruhe.
Die rumänische Kammer hat vorgestern das Gesetz angenommen, durch welches die Stadt Ismail zum Freihafen erklärt wird.
Frankreich.
Bordeaux, 1. April. Der hiesige Geistliche Zunqua hat an den Erzbischof von Bordeaux Cardinal Donnet, unterm 1. März einen öffentlichen Brief gerichtet, in welchem er sich gegen das Unfehlbarkeitsdogma erklärt, und der Geistliche Mouls hier hat unter demselben Datum und in denselben Zeiiungen der Stadt, in welchen Junqua's Brief veröffentlicht wurde, seine unbedingie Zustimmung zu dem Schreiben seines Amtsbruders erklärt. Darauf befahl Donnet unterm 23. März den beiden Priestern, das kirchliche Gewand abzulegen. Eine Abschrift des erzbischöflichen Befehles wurve unterm 27. März vom Polizcicom- misfär Boutarel beglaubigt und von ihm Hrn. Zunaua persönlich notisiciri mit dem Bedeuten, wenn er dieser Verfügung nicht nachkäme, auf Grund deS Art. 259 veS Strafgesetzbuches vor die competenten Gerichte gestellt werden würde. Der angezogene §. 559 sagt: „^eber, ber öffentlich ein Kleid, eine Uniform oder kehren solle, und am Adend ging daS Hausmädchen mit mir aus, um mir die Trauerkleider anmessen zu lassen, und zugleich einen Spaziergang damit zu verbinden. Nachdem wir den Schneider verlasten hatten, bat ich das Mädchen, mit mir am Seeufer entlang zu gehen, und erzählte ihr während dessen alle jene kleinen Begebenheiten, in Betreff meiner verlorenen Schwester, deren ich mich in dieser ersten Zeit des Kummers mit Wehmuth erinnerte. DaS Mädchen hörte mir so aufmerksam zu, daß die Sonne bereits untergegangen war, ehe wir an den Rückzug dachten.
Der Abend war nebelig und die Dunkelheit trat ein, ehe wir die Stadt wieder erreicht hatten. Das Mädchen fürchtete sich, mit mir allein am Seeufer zu jein, und schaute sich mehrmals ängstlich um. Plötzlich drückte sie meine Hand fester und rief:
„Komm, laß uns schnell die Klippe hinaufsteigen 1* Kaum waren diese Worte aus ihrem Munde, als ich Fußtritte hinter mir hörte; ein Mann trat an meine Seile, riß mich von dem Mäochen fort und in seine Arme, und bedeckte mein Gesicht mit Küssen. Ich fühlte, daß er weinte, denn meine Wangen wurden feucht von feinen Thränen; allein es war zu dunkel, um feine Züge ober auch nur feine Kleidung zu erkennen. Nur wenige Secunden hielt er mich in seinen Armen,. denn das Mädchen schrie laut um Hülfe; dann fühlte ich mich ganz sanft auf den Sand nicdergesktzt, und der fremde Mann verschwand in der Dunkelheit.
Als ich dieses sonderbare Ereigniß meiner Tante erzählte, schien sie anfangs nur erstaunt zu sein;
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Eines Tages schrieb ich heimlich an Onkel Georg unb bat ihn in meiner kinbischen Weise, zu mir zu kommen und mir AlleS über Karolinen« Krankheit zu lagen, was er wisse. Dann eilte ich nach der Post, ließ meinen Briet in den Kasten fallen und schlich durch den Garten zurück, und stieg in daS offene i vomier eine« Hinterzimmers. Diese« Gemach lag J ßttGbe unter ber Schlafstube meiner Tante, unb kaum batte ich es betreten, als ein lautes Schluchzen von 1 °b'n hkrab zu meinen Ohren drang. Meine Tante hatte sich nur immer ungeheuer ruhig und gelassen — Srzeigt, weshalb ich mit nicht denken konnte, daß die- \tts Schluchzen von ihr herrühre. Erschreckt lief ich ’n die Küche hinab, um die Dienstboten zu fragen Ws« dieses laute Weinen bedeute. 5 1 '
Die griechische Kammer wird am 6. d. eröffnet. Prinz Friedrich Karl von Preußen ist vorgestern in Athen eingetroffen, Tag» zuvor der Großherzog von Mecklenburg mit Familie.
Ein Telegramm aus Äalcutta vom 30. März Meldet, daß da« Gros der gegen die Looshai-Stämme ausgeschickten Expedition zurückgekehrt ist.
Deutsches Keich.
Berlin, 4. April. Mit dem Vorfall in der Kirche zu Boppard, auf welchen gestern unser *• Korrespondent Bezug nahm, verhält es sich folgendermaßen: Prof. Reinkens aus Breslau und sein Freund Prof Knoodt aus Bonn, beide wegen Nichtanerkennung des Glaubenssatzes von ber päpstlichen Unfehlbarkeit von den bezüglichen Bischöfen excommunicirt, wohnten am 23. v. M. in ber Karmeliterkirche zu Boppard dem Gottesdienst bei. Während desselben sollte die erste Kommunion einer Anzahl Knaben vor sich gehen, von denen einer, ein Gymnasiast, ein Verwandter Knoodt's war. Der Religionslehrer Beinroth hatte schon eine Anrede an die Neukommuiiikanten gehalten und denselben das Glaubensbekenntniß abgenommen, als Prof. Knoodt durch den Küster in die Sacristei gerufen wurde. Hier verlangte Beinroth von ihm, daß er die Kirche verlasse, weil er in feiner Gegenwart nicht die Messe lesen könne. Prof. Knoodt weigerte sich, die. sem Verlangen zu entsprechen, weil er sich sonst selber sactisch für einen aus der katholischen Kirche Ausge- schievenen erkläre. Beinroth wiederholte nun mehrmals immer entschiedener sein Verlange^ Knoodt seinerseits beharrte desgl. auf seinem Verbleiben in der Kirche; alle gegenseitigen Auseinandersetzungen führten zu keinem Resultat. Hieraus erschien Beinrolh in der Soutane an den Stufen des Altars unb rief den Anwesenden zu: „Es befinden sich zwei Männer in der Kirche, welche excommunicirt sind. So lange dieselben anwe- senb sind, kann ich das h. Meßopfer nicht darbringen. Ich fordere daher dieselben auf, sich zu entfernen." ES entstand eine lange, peinliche Pause. Dann erhob meine Tante, deren Schluchzen ich gehört hatte. Ka roline war tobt.
Zch empfanb ben Schlag tiefer, als bie Dienstboten ober irgend Jemand vermutheten; allein ich war noch ein Kind und besaß die glückliche Elasticität der kindlichen Natur. Wäre ich älter gewesen, so würde der Schmerz mich wahrscheinlich verhindert haben, meine Tante so genau zu beobachten, wie ich es that, als sie später am Tage, nach wiedergewonnener Fassung mit mir sprach.
Ich wunderte mich nicht, während sie mich in ihre 2lrme nahm, über die geschwollenen Augen, die Blässe ihrer Wangen und die von Zeit zu Zeit wieder frisch ausbrechenden Thränen; aber erstaunt und bestürzt war ich über den Ausdruck von Schrecken, welcher in ihrem Gesichte lag. Daß sie über den Tod meiner I Schwester weinte, sand ich ganz natürlich, aber warum das Entsetzen in ihren Zügen, als wenn noch irgend etwas Anderes sich ereignet hätte.
Ich fragte sie, ob noch ein anderer Unglücksfall, außer Karolinens Tod, unsere Familie betroffen habe. Mit sonderbarer, fast erstickter Stimme antwortete sie „nein", wandte ober ihr Gesicht von mir ab. War mein Vater gestorben? Nein. Meine Mutter? Nein. Onkel Georg? Nein, lautete ihre Antwort zum drit ien Male, allein sie zitterte am ganzen Leibe und gebot mir, keine weiteren Fragen zu thun, weil sie noch zu angegriffen sei. Ein Bedienter mußte mich aus dem Zimmer führen.
Am nächsten Tage wurde mir gesagt, daß ich, sobald das Begräbniß vorüber sei, noch Hause zurück-
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»Marburg, 4. April.
Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin haben das Ostersest in gewohnter andächtiger Weise gefeiert. — Die Genesung unsere- Kaisers von seinem jüngsten Unwohlsein ist jetzt als eine vollständige zu bezeichnen. — Die unzähligen Glückwünsche, welche der Fürst Bismarck am 1. April zum Antritt seines 58. Lebensjahres aus nah und fern erhielt, zeugen dafür, daß das deutsche Volk in herzlichster Dankbarkeit und Verehrung den Geburtstag seines großen Staatsmannes als einen hohen Festtag feiert. — Die vom Herrenhause eingesetzte Commission zur Vorprüfung ber Kreisordnungs-Vorlage wirb am 17. b. M. zu ihren Berathungen zusammentreten. — Am 27 v. M. ist im israelitischen Krankenhause in Berlin der LandtagSabgeorbuete Dr. Kosch gestorben. — Das „Fürstlich Lippe'sche Regierungs- und Anzeigeblatt" (Nr. 40) vom 2. b. enthält unter bem 30. März bie Ertheilung deS nachgesuchten Abschiebes an den Präsidenten Heldmann und die Ernennung des bisherigen Landesdirectors deS FürstenthumS Waldeck Pyrmont, Adalbert v. Flottwell, zum KabinetS-Winister, dem zugleich das Präsidium der Regierung übertragen wird.
Die vorgestern einer Depesche aus Versailles vom 31. März zufolge an dieser Stelle gemachte Mittheilung, daß Graf WeSdehlen im Namen der deutschen Regierung in einer Note an den Grafen Remusat das Bedauern über die Hinausschiebung der Abstimmung über den Postvertrag ausgedrückt hätte, ist unrichtig; die betreffende Depesche war erfunden Die deutsche Regierung hat weder eine Note geschrieben, noch einen Auftrag erteilt, noch ein Bedauern ausgesprochen. Die Sache reducirt sich auf ein ein faches Privatschreiben, welches mit der Anfrage, ob der Postvertrag vor dem 1. Mai zur Abstimmung kommen könne, an Remusat gerichtet wurde, weich' letzterer in günstigem Sinne antwortete. Dieser Schritt hatte von keiner Seile einen officiellen Charakter.
Vorgestern hat in Manchester ein großer Auszug der conservativen Körperschaften zu Ehren Dis- raeli'S stattgefunden, wobei ihm 124 Adressen confer vativer Vereine in Lancashire überreicht wurden mit bem Wunsche, daß man ihn bald an der Spitze der Regierung sehen möge.
Die Ernennung der Wahlbureavx ist gestern in ganz Spanien ruhig verlaufen, außer in Cordova, wo ein unangenehmer Zwischenfall stattfand. So weit