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Marburg, Donnerstag, den 4. April.

Wr. 78

1872.

Oterhessislhe Zeitung

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Selbst Onkel Georg, so lieb er mich hatte, gab ®<iner schönen Schwester den Vorzug. Wenn ich in kindischem Muthwillen an seinen langen, spärlichen haaren zupfte, so pflegte er mir sanft und lächelnd ^Zuwehren; Karolinen aber ließ er daran ziehen und Wen, biö ihm vor Schmerz das Wasser in die grauen, >rübm Augen trat. Saß ich auf seinen Schultern,' n> sprang er in pferdeähnlichem Galopp wie toll im "arten umher, während er, wenn Karoline einen Ritt pachte, nur in leisem, sanftem Trabe lief. Störten ihn bei seiner schmutzigen Arbeit in der Osficin, hieß er mich blöd gehen und warten, bis er fertig

Karolinen aber führte er, nächdew er seine plum­

pen Finger mit der groben Schürze gereinigt hatte, an der Hand hinaus, als wäre sie eine große Dame. O, wie sehr er sie liebte und, um gerecht zu sein, wie lieb er auch mich hatte.

Als ich acht und Karoline zwölf Jahre alt war, mußte ich das elterliche Haus für einige Zeit verlas­sen. Nach einer überstandenen schweren Krankheit wurde es nämlich zur völligen Wiederherstellung mei­ner Gesundheit für nothwendig erachtet, daß ich mich längere Zeit bei einer unverheiratheten Schwester mei­ner Mutter aufhalte, welche in einem Badeorte der südlichen Küste wohnte. Mit Geschenken beladen, und mich auf den Anblick der schönen See freuend, -verließ ich, sorglos um die Zukunft und glücklich in der Ge­genwart, die heimathüchc Gegend. Onkel Georg wollte mich gern auf der Reise bis zum Bestimmungsorte begleiten, allein die Geschäfte in der Offizin gestatte­ten seine Abwesenheit nicht. Er tröstete mich deshalb mit »em Versprechen, mir ein recht schönes Modell eines Schiffes bauen zu wollen.

Noch jetzt, während ich schreibe, steht jenes Mo­dell vor mir. Es ist alt und mit Staub bedeckt, die Farbe ist abgesprungen, die Seile haben sich verwickelt, und die Segel sind vergelbt und von den Würmern zerfreffen; allein so fehlerhaft es von Anfang an ge­wesen sein mag, denn jeder Seemann, der es sah, lachte über seine Construction, und so werthloS es durch das Alter geworden ist, so würde ich doch jedes andere Besitzthum eher aufgeben, als Onkel Georgs Schiff.

Mein Leben am Seeufer war sehr glücklich. Ich blieb etwas über rin Jahr dort. OefterS besuchte mich meine Mutter, um zu sehen, welche Fortschritte meine Gesundheit machte, und brachte anfangs stets Karoline mit; allein während der letzten sechs Mo­nate meines dortigen Aufenthalts sah ich die Schwester nicht mehr. Auch bemerkte ich in jener Zeit eine auf­fallende Verändenung im Wesen meiner Mutter. Sie sah bleich und ängstlich aus, und hatte bei jedem Be­suche lange und geheime Unterredungen mit meiner

Onkel Georg.

Novelle aus dem Englischen von D- B.

(Fortsetzung.)

Ihre Kinder hatten nie Ursache, sich über sie zu beklagen. Wohl erinnere ich mich ihrer innigen Liebe zu meiner Schwester, sowie ihres Stolze« auf die Schönheit des Kinde«, und nicht minder ihrer steten Tüte und Nachsicht gegen mich. Meine körperliche Schwäche und Gebrechlichkeit muß eine große Last für sie gewesen sein, aber dennoch ließ weder sic noch »ein Vater mich je einen merklichen Unterschied in ihrem Verhalten gegen Karolinen und mich erkennen Wenn letztere Geschenke erhielt, so empfing ich eben­falls welche, und wenn unsere Eltern meine Schwester : in die Arme nahmen und sie küßten, so kam ich nach ihr auch an die Reihe. Es entging meinem kindlichen Instinkt zwar nicht, daß, wenn sie Karolinen anblick »n, ihr Lächeln zärtlicher, ihre Küsse wärmer waren, und daß die Hand, welche unsere Thränen trocknete, die Wange meiner Schwester sanfter berührte als die »einige; allein diese Zeichen eine« leisen Vorzugs tarnt fo schwach, daß sie, obgleich nicht unbeachtet an mir vorübergehend, keinen schmerzlichen Eindruck auf mich machten. Selbst jetzt erinnere ich mich ihrer, ahne im Entferntesten einen vorwurfsvollen Gedanken fegen meine Eltern zu hegen. Beide liebten mich und chaten ihr Bestes an mir.

dem zu Ehren des Monarchen stattfindenden Festesten den Toast auf diesen auszubringen pflegte. Er hat sich diesmal von Beiden ferngehalten und seinem Bei- spiele folgend, nahmen alle Geistlichen, die bereits für das Festmahl subseribirt hatten, ihre Unterschrift wieder zurück. Es kann nicht fehlen, daß diese Vor­gänge überall den größten Eindruck Hervorrufen müssen und nirgends unbeachtet bleiben werden. In Folge des Vorfalls in der Kirche zu Boppard hatten sich die Professoren Knoodt und Reinkens deschwerdefüh rend sowohl an den Cultusminister al« an das Pro- vinzial-Schulcollegiutn gewandt. Ersterer hat nun Letzteres beauftragt, eine genaue Ermittelung anzu­stellen und bann an ihn zu berichten, zugleich aber auch dem Erzbischof Anzeige gemacht und seine Auf­merksamkeit auf den Vorgang gelenkt, um sich auf diese Weise zu versichern, welche Stellung demselben gegenüber die erzbischöfliche Curie zu nehmen ge­sonnen ist. Wie man hört, sind an die Ober-Prä­sidenten der Provinzen Preußen, Posen und Schlesien bereits die Verfügungen ergangen, für die in Aussicht genommene außerordentliche Re Vision der Volksschulen die vorbereitenden Maßre­geln zu treffen. In der Sitzung des Bundesrathes vorn 25. v. M. kamen die Anträge wegen Zollbegün stigungen für Plüschwebereien und Flanellfabrikation für Lothringen zur Berathung, welche in einem Be richte des Commissars für Verwaltung der Zölle und inbirecten Steuern in Elsaß-Lothringen bem Reichs- kanzleramte übermittelt worben waren. Es wurde beschlossen, mit Rücksicht auf die bermaligen Verhält­nisse, so weit nach den bestehenden Verabredungen über Erleichterung des kleineren Grenzverkehrs dergleichen Zollbegünstigungen nicht schon in Kraft ständen, aus­nahmsweise zu gestatten, daß unter Anwendung ent­sprechender Controle Seide und Baumwollengarn, welches mit der Bestimmung, die daraus gefertigte Hnlplüsche wieder auszuführen, aus Frankreich eingehe, vom Cingangszoll frei sein soll. Ein weiterer Antrag auf zollfreie Einfuhr von Wollengarn wurde indessen abgelehnt. Der Handelsminister hat angeordnet, daß behufs Thetlnahme am Taubstummen-Gottt-dienst einmal im Jahre den unbemittelten Taubstummen der Monarchie die freie Reise nach Berlin oder auf Ver-

Z a p a «.

(Fortsetzung)

Landwirthschast. Gewerbe. Industrie.

Der Grund unv.Boden zehört im Principe dem Mikado und wird an die Bauern gegen bestimmte

gen trieb mich jetzt, Karolinen« Leide» mit eigenen Augen zu sehen, und ich flehte meine Tante an, mich nach Hause gehen zu lasten, um die Schwester mit pflegen zu können; allein'die Bitte wurde natürlich versagt.

langen auch nach einem anderen Orte, wo ein solcher Gottesdienst ftatifinbet, gewährt werden soll.

In Folge des Gesetzes vom 11. Februar 1870, betreffend die anderweite Regelung der Grundstmer in den Provinzen Schleswig-Holstein, Hannover und Hessen-Nassau, sowie im Kreise Meisenheim, und der in demselben angezogenen Anweisung über das Ver­fahren bei Ermittelung des Reinertrages der Liegen­schaften vom 21. Mai 1861, wurden die Grundsteuer- Veranlagungs Arbeiten für die zuletzt genannten beiden LandeStheile durch die Ernennung der Bezirks- und Veranlagungs-Commistäre feilens des Finanz-Ministers und die Constituirung der Bezirks- und Veranlagungs- Commissionen, deren Mitglieder zur einen Hälfte von Letzterem bezw. den BezitkS-Cominissären berufen, zur anderen Hälfte von den betreffenden Communal-Land- tagen bezw. den kreisständischen Versammlungen der Regierungsbezirke Kastel und Wiesbaden gewählt wor­den sind, eingeleitet. Nachdem sie bis zu dem im * § 33 gedachter Anweisung bezeichneten Stadium ge. dichen waren, sind sie zur Prüfung vorgelegt und der im vorigen Monat hier versammelt gewesenen Centralkom- mission zur Beschlußfassung über die von den Bezirks- kommissjonen aufgestellten Klassifikationstarife unter­breite^ worden. Die Verhandlungen ergeben, daß die Abschätzungsarbeiten von den dazu bestimmten Be­amten und Commissionen ausgeführt, die von den Bezirkscommissionen beschlossenen Klassificationstarife in allen Kreisen der Provinz Hessen Nassau und dem Kreise Meisenheim in geeigneter Weise publicirt und jedem Kreis-Landrathe die bezüglichen Unterlagen von den Veranlagungscommissaren mitgetheilt, die seitens der kreisständischen Versammlungen gegen die Ab- fchätzungSarbeiten gezogenen Erinnerungen von den betreffenden Veranlagungscommissionen begutachtet und von den BezirkScommiffionen einer sorgfältigen und eingehenden Prüfung unterzogen worden sind.

Kiel, 2. April. Der tragifche Vorfall zwischen dem Seekadeten Reinhardt und den beiden jungen Kaufleuten wird in einem derWeser Ztg." vorliegen­den Privatbriefe folgendermaßen dargestellt: Reinhardt hatte in der Nacht vom 22. März das am Markt gelegene HotelEldorado" verlassen. Aus der Straße fallen von hinter ihm gehenden jungen Leuten einige

Tante. Endlich hörten ihre Besuche ganz auf, und statt derselben kamen nur Briefe, um über meine Ge­sundheit Erkundigung einzuziehen. Auch mein Vater welcher früher zuweilen, wenn seine Geschäfte es er­laubten, nach dem Badeorte gekommen war, um sich von meiner fortschreitenden Genesung zu überzeugen, erschien nicht mehr; und selbst Onkel Georg, welcher nie einen freien Tag, um mich persönlich zu besuchen, erlangt, aber desto öfter an mich geschrieben hatte, brach seine Correspondenz ab.

Natürlich fielen mir diese Veränderungen auf und ich drang in meine Tante, mir die Veranlassung zu sagen. Anfangs wich sic meinen Fragen aus, mußte aber bald zugestehen, daß sich etwas unangenehmes in unserem Hause ereignet habe, und bekannte endlich daß Karoline krank sei. Als ich wisten wollte, worin ihre Krankheit bestehe, bekam ich zur Antwort, daß e« nutzlos sei, mir dies zu erklären. Ich wandte mich darauf an die Dienstboten, von denen einer weniger verschwiegen war als meine Tante, und meine Fragen beantwortete, allein in Ausdrücken, die ich nicht ver­stehen konnte. Nach vielen Erklärungen begriff ich endlich, daß am Halse meiner Schwester sich ein Ge­wächs bilde, welches ihre Schönheit stören und ihr villeicht das Leben tauben werde, wenn es nicht ent» fernt werden könne. Deutlich erinnerte ich mich noch des Schauders, der mich überlief, als ich an dieseslöbl­iche GewächS" dachte. Ein unwiderstehliches Verlan-

«rfcheint täglich außer den Werktagen nach Sonn, und Feiertagen. Preis für das Quartal der Ob erb esst sch en Zeitung mit Krei«blatt durch die Expedition («och'sche' Buchdrucker«!) bezogen 82, Sar., durch d,e Postämter 87 ®gr. 8 Psg. (excl. Bestellgebühr und inet Stempelsteuer), für das Ausland erd- Stemvel 22 Car Jnsertwusgebübr für die gespaltene Zeile 1 Sgt. Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an. 8 *

»Marburg, 3. April.

Der deutsche Kronprinz ist gestern auf seiner Reise nach Baden-Baden zu einem kurzen Besuche am Hof in Darmstadt eingetroffen. Verflossenen Sonn­abend hielt das preußische Staatsministerium eine Sitzung.

Der Bischof von Linz hat gelegentlich der ge­fährlichen Erkrankung deS Pfarrers der altkatholischen Gemeinde in Wien, Aloys Anton, an denselben ein .liebevolles und väterliches" Mahnschreiben zur reui­gen Umkehr gerichtet. Der ultramontaneVolksfreund" bedauert, daß diese Mahnung erfolglos geblieben.

Lord Lisgar legt, wie aus London gemeldet wird, daS Amt als Generalgouverneur von Canada nieder; zu feinem Nachfolger ist Earl Dnfferin ausersehen. Disraeli ist am 1. April in Manchester eingetroffen, wo ihn 20,000 Personen am Bahnhofe erwarteten und enthusiastisch empfingen.

Die nordamerikanische Staatsschuld hat im Laufe de« Monats März um 15 Millionen Dollars abgenommen. In der Staatskasse befinden sich 120 Millionen in baarer Münze und 111/2 Million Papiergeld.

Das Erdbeben im südlichen Kalifornien dauerte zwei Tage. Aus Lone Pine meldet man von 30 Tobten und 100 Verletzten; in den benachbarten Orten kamen gleichfalls mehrere Todesfälle vor.

Deutsches «eich.

* Berlin, 2. April. Wie bereits bekannt, ist Fürst Bismarck am Sonntag wieder in Berlin einge- troffen. Der Gesundheitszustand desselben ist durch­aus erwünscht. Zu seinem gestrigen Geburtstage sind ihm von allen Seiten die zahlreichsten Beweise bet Anerkennung und Verehrung zugekommen. Schon neulich ist aus das demonstrative Verhalten der katho­lischen Geistlichkeit am Geburtstage des Kaisers hin­gewiesen. Es scheint, daß der Clerus seine Stellung auch dem Staalscberhaupte gegenüber als durchaus verändert auffaßt und dies durch seine ostentarische Demonstration kundgeben wollte. Am Auffälligsten trat diese Absicht in Paderborn zu Tage, wo der Bi­schof in srüherm Jahren sowohl an dem feierlichen Redeacte im Gymnasium Theil nahm, als auch bei