Ur. 77.
Marburg, Mittwoch, den 3. April.
1872.
Oterhessische Zeitung
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^Marburg, 2. April.
Gestern hat der Reichskanzler Fürst Bismarck sein 57. Lebensjahr zurückgelegt. — Die „Volksztg." schreibt: „Wie wir hören, hat die Staatsregierung nunmehr beschlossen, die directe Bahn nach Frankfurt 8. M. auf Staatskosten zu bauen. Strategische Gründe sollen dabei den Ausschlag gegeben haben." — Statt deS Abgeordneten Huy, welcher sein Mandat niedergelegt hat, ist Bürgermeister Heidenreich in Darmstadt (nationalliberal) zum Abgeordneten für den Wahlbezirk Waldmichelbach gewählt worden. — Vor« gestern hat in Wiesbaden der erste altkatholiche Gottesdienst stattgefunden. Die Messe wurde vom Pfarrer Kuhn au» Kaiserslautern celebrirt, die Predigt vom Prof. Rrinkens gehalten. ES waren ungefähr 4000 Menschen anwesend. — Eine Verordnung de« Ober Präsidenten zu Straßburg entzieht der Bonner ultramontanen „Deutschen Reichszeitung" vom 1. April ab den Postdebit für Elsaß-Lothringen.
Der schweizerische Bundesrath beschloß in Folge der jüngst im Canton Tessin angestellten Untersuchung die Ausweisung der italienischen Flüchtlinge, besonders Cechini's empfahl der Tessiner Regierung nochmals strengstens die Ausführung seiner Anordnungen.
Die Commission zur Prüfung deS Postvertrages zwischen Deutschland und Frankreich hat ihre Arbeit vollendet und den Vertrag angenommen. Fouron ist mit der Abfassung des Berichtes betraut worden. Der Bericht wird am Tage des Wiederzusammen- tt-tenS der Versammlung vorgelcgt werden. Die Com missten hofft, der Entwurf werde vor dem Termine, an welchem der Vertrag in Kraft treten soll, dis- cutirt sein. — Thiers hat den Plan wieder aufge- geben, die Regierung »ach Paris zu verlegen, doch wird er wahrscheinlich persönlich einige Soireen halten oder Gesellschaften geben. — Remusat hat eine Note deS Grafen WeSdehlm erhalten, in welcher dieser Na mens der deutschen Regierung das Bedauern darüber ausdrückt, daß die französische Regierung nicht vor der Vertagung der National Versammlung die Abstimmung über den Postverlrag bewirkte.
Der „Moniteur beige" vom 30. v. M. meldet: Der Präsident der französischen Republik hat mittelst Note vom 28. März den Handelsvertrag mit Belgien vom 1. Mai 1861 gekündigt. Vom 28. März 1873 an wird diese Kündigung in Kraft treten.
Nach Briefen aus London vom 28. v. M. haben in den Kohlengruben zu Atherton unweit Bolton schlagende Wetter stattgefunden, in Folge deren 28 Arbeiter getödtet, 11 verletzt wurden. — DaS Unterhaus hat sich am 26. Abends bis zum 4. April vertagt, während das Oberhaus seine Osterferien erst am 9. April schließt.
Der russische Postdirector Belho ist zu Verhand- luitgen übereine zwischen Rußland und Italien abzuschließende Post-Convention in Florenz eingetroffen.
Der Kaiser von Rußland hat sich am 30. d. Abends mit der Königin von Würtemberg über Moskau nach Livadia begeben.
Die rumänische Kammer hat am 29. v. M. einen außerordentlichen Credit von 9640 Dukaten zur Bezahlung der Bakaer Waffen an Oesterreich- Ungarn votirt. Ferner hat dieselbe Kammer beschloffen, 5ie rumänischen Eisenbahnlinien an folgenden Punkten, dem Oitös- und Vulkanpaß, sowie sbei Jtzkani und Vereserowa, an die österreichischen Eisenbahnen anzuschließen.
Der „Credit general Ottomann" hat der türkischen Regierung 10 Mill. Pfd. Sterling gegen drei- bis zwölfmonatliche Anweisungen auf London vor- gcstreckt.
Die griechische Kammer tritt am 8. April zusammen. Das diesjährige Deficit beträgt über vier Millionen Drachmen. Der Zustand der öffenlichen Sicherheit in Griechenlaud ist sehr befriedigend.
Aus Californien wird gemeldet, daß am 28. d. mehrere Erdstöße daselbst verspürt wurden, welche in verschiedenen Orten beträchtliche Verheerungen anrichteten. — Nachrichten aus Mexiko zufolge sollen die Insurgenten, welche bereits geschlagen waren, Verstärkungen erhalten und die Offensive wieder anfge- nommen haben. Dieselben sollen Zacatecas wieder besetzt haben.
Dem „Japan Herald" zufolge wird nach Rückkehr der japanesischen Gesandtschaft, die augenblicklich in den Ver. Staaten ist und von dort nach Europa geht, der Mikado selbst den Ver. Staaten einen Besuch abstatten. Derselbe ist etwa 21 Jahre alt.
Deutsches Reich.
Berlin, 1. April. Der Kaiser hat dem hiesigen Magistrat untcrm 27. d. M. ein Dankschreiben auf dessen bei Gelegenheit des kaiserlichen Geburtsfestes
übersandte Glückwunsch-Adresse zugehen lassen. In der Antwort heißt eS: „Ich bin davon (von den Wünschen) um so wohlthuender berührt worden und habe sie um so dankbarer ausgenommen, als sie von unbedingtem Vertrauen getragen sind zu den Bestrebungen, welche Ich im Verein mit meiner Regierung unablässig aufwende , um nach glorreich errungenem Frieden dem geistigen und sittlichen Fortschritt, wie der materiellen Wohlfahrt im Vaterlande eine ebene, ungehemmte Bahn zu sichern." Gleichzeitig hat Se. Maj. in einem anderen Schreiben dem Magistrat sein Bedauern über den Tod des zweiten Bürgermeisters Hedemann ausgesprochen.
Insterburg, 1. April. Pfarrer Grunert wird, einer Aufforderung der Altkatholiken entsprechend, einen sonntäglichen Gottesdienst in der Aula des hiesigen Gymnasiums abhalten und hat den Bischof Krementz von Ermland durch eine öffentliche Erklärung hiervon in Kenntniß gesetzt. Der vom Bischof ernannte Nachfolger Grunert'S, Blaschy, hatte auch die Abhaltung deS Militärgottesdienstes in Anspruch genommen, ist aber von der competenten Militärbehörde unter Hinweis auf die Eigenschaft Grunert'S als Militärseelsorger zurückgewiesen worden.
Kiel, 1. April. Der „Spen. Ztg." wird von hier geschrieben: „Ein See-Cadett Reinhardt hat zwei hiesige junge Männer, Söhne von Kaufleuten, mit einem Dolche zum Tode verwundet, so daß der Eine gestern (24. März) Morgen, der Andere gestern Abend gestorben ist. Beide Getödtete waren als anständige und friedfertige Jünglinge bekannt und geachtet, beide haben als Freiwillige den Krieg mitgemacht und wahrend der Eine jetzt im väterlichen Geschäfte angestellt war, bereitete sich der Andere zum Eintritt in ein Polytechnicum vor. Wie erzählt wird, hatten die beiden Freunde den handelswissenschaftlichen Verein besucht und waren auf dem Rückwege in ein am Markt gelegenes Local getreten; dort ist ein Streit zwischen dem Cadetten und dem jungen Kaufmann Voigt entstanden; der Cadett ist Letzterem auf die Straße nachgegangen und hat ihm dort den Dolch in den Leib gerannt. Davonlaufend, ist er von dem Zweiten, Namens Esselsgroth, verfolgt worden, während auch andere Vorüberkommende zu seiner Ergreifung herankamen. Bei dieser Gelegenheit hat er mit einem gleich furchtbaren Stoße dem Esselsgroth die tödtlichc Wunde beigebracht."
Onkel Georg.
.Novelle aus dem Englischen von D. B.
1.
Ein englisches Sprichwort sagt: „In jedem Hause ist ein Skelett I" ES ist eine erschreckliche Wahrheit, Me von der täglichen Erfahrung nur zu sehr bestätigt wird. Auch in unserer Familie war ein Skelett, und sein Name war Onkel Georg.
Nur allmälig erlangte ich Kenntniß von der Existenz dieses Skeletts; denn ich war noch ein Kind, als schon der Verdacht seines Vorhandenseins in mir aufstieg, und hatte beinahe die männlichen Jahre er- rncht, als ich die erste Entdeckung machte, daß ich mich nicht getäuscht hatte.
Mein Vatcr Ivar ein Arzt mit einer auSgcbrei- trten Praxis und wohnte in einer Landstadt. Er hatte, wie man mir sagte, nicht nach dem Wunsch seiner Familie gcheirathet. Gegen die Geburt, Erziehung und den Charakter meiner Mutter war gewiß nichts einzuwenden; dennoch wurde sie von Allen gehaßt. Der Großvater, die Großmutter, die Oheime und Tanten, Alle erklärten sie für ein falsches, herzloses Sßeib; Alle» war sogar der Ausdruck ihres Gesichtes zuwider, — mit alleiniger Ausnahme deS jüngsten Bruders meines Vaters, Nameits Georg.
Onkel Georg war das unglückliche Mitglied unserer Familie, Die Andern waren geschickt und körperlich wvhlgebildet; er besaß nur mittelmäßige Fähigkeiten und war so häßlich, daß kein Frauenzimmer ihn gern ?nblickte. Den Andern glückte es im Leben; ihm Ichlug Alles fehl. Er hatte denselben Beruf gewählt toie mein Vater, brachte eS aber nie zu einer eigenen Praxis, die ihn ernährt hätte. Die armen Patienten, ktnen keine große Auswahl unter den Aerzten frei- stand, nahmen ihn und hatten ihn gern; die reichen aber, besonders die Damen, ließen ihn nie rufen, a>enn sie einen andern Arzt bekommen konnten. An
Erfahrung gewann er viel, — an Vermögen und Ruf nichts.
ES gibt wenige Menschen, wenn auch noch so beschränkt und äußerlich abstoßend, in deren Brust kein Keim von Leidenschaftlichkeit für irgend einen Gegenstand vorhanden ist. Alle leidenschaftlichen Empfindungen meines Oheims Georg drückten stch nur in Liebe nnb Bewunderung für seinen älteren Bruder, meinen Vater, auS. Er verehrte ihn wie eines der edelsten menschlichen Wesen. Als derselbe sich mit meiner Mutter verlobt hatte, und alle übrigen Mitglieder der Familie ihre Mißbilligung dieser Wahl ausdrückten, trat Onkel Georgier bis dahin nie gewagt hatte , irgend Jemandem gegenüber eine abweichende Meinung zu äußern, auf und übernahm die Vertheidigung seiner zukünftigen Schwägerin mit einer Heftigkeit und Entschiedenheit, welche Alle in Er staunen setzte. Die Wahl seines Bruders war für ihn etwas Heiliges und Unbestreitbares. Mochte die Dame selbst ihn mit unverhehlter Verachtung behandeln, über seine Ungeschicklichkeit und stotternde Sprache lachen, — es war Onkel Georg gleichgültig. Sie sollte seines Bruders Gattin werden, und dieser Umstand allein machte sie in den Augen des armen Georg zu einer wahrhaften Königin, welche nach den Gesetzen häuslicher Constitution kein Unrecht begehen konnte.
Nachdem mein Vater sich verheirathet hatte, nahm er seinen jüngsten Bruder al» Gehilfen zu sich. Wäre Onkel Georg zum Präsidenten des MedicinalcollegiumS erwählt worden, so hätte er sich nicht stolzer und glücklicher fühlen können, als in dieser Stellung. Ich glaube, mein Vater erkannte nie die tiefe Liebe desselben zu ihm. Alle harte und schwere Arbeit fiel Onkel Georg anheim: die langen Reisen bei Nacht, die ermüdende Behandlung armer Pattenten, die aus Trunksucht oder sonstigen widerlichen Ursachen ent
springenden Krankheiten waren sein Geschäft, und ohne Murren verrichtete er Tag für Tag und Monat für Monat die ihm übertragenen schweren Pflichten. Wenn sein Bruder und dessen Frau irgendwo zum Mittagessen eingeladen waren, fiel ds ihm nie ein, darüber unzufrieden zu fein, daß er unberücksichtigt zu Hause bleiben mußte; und wenn mein Vater, in Erwiderung solcher Einladungen, selbst ein Gaftrnahl gab, und Onkel Georg, nachdem es vorüber war, erst zur Thee- zeit die Erlaubniß erhielt, auch in der Gesellschaft erscheinen zu dürfen, und dann unbeachtet in einem Winkel des Zimmers sitzen blieb, kam es ihm nie in ben Sinn, daß er nachlässig und mit Geringschätzung behandelt werde. Er sah sich als ein Stück des Hausinventars an und hielt eS für feine Pflicht, sich zu allem brauchen zu lassen, was fein Bruder für gut fand.
Das bisher Gesagte habe ich auS dem Munde Anderer über Onkel Georg erfahren, denn meine eigenen Beobachtungen beschränken sich aus die Zeit meiner Kindheit. Ehe ich deren Erwähnung thue, will ich etwas über meine Eltern, meine Schwester und mich selbst voranschicken.
Meine Schwester war das älteste und am meisten geliebte Kind. Ich tarn erst vier Jahre später auf die Welt und kein weiteres Kind folgte. Karoline war von früher Jugend an ein Bild der vollkommensten Schönheit und Gesundheit. Ich dagegen war klein, kränklich und — um die Wahrheit zu gestehen — fast ebenso häßlich wie Onkel Georg. Es würde undankbar und unkindlich von mir sein, wenn ich wagte, ein Unheil darüber auszusprechen, ob die Abneigung, welche meines Vaters Familie von jeher gegen meine Mutter empfand, irgendwie Begründung gehabt habe.
(Fortsetzung folgt.)