ffr. 7S. Marburg, Freitag, den 29. März 1872
Oterhessische ZeitnnW
Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für da- Quartal der Obrrhtsfischen Zeitung mit Kreisblatt durch die Expedition (Äoch'sche Bnchdruckerei) bejogen 22; Gar., durch die Postämter 27 ®gr. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl- Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Gar.— JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.
Die „Londoner Gazette" veröffentlicht eine Note der japanischen Regierung, welche anzcigt, daß zwar das Verbot gegen den Reisexport in Kraft bleibe, die japanische Regierung jedoch die von dem inländischen Consum gelassenen Überschüsse in den geöffneten Häfen auf dem Auctionswege den Japan befreundeten Nationen zum Export verkaufen werde. — Das Unterhaus nahm mit 94 gegen 21 Stimmen in zweiter Lesung Fawcett's irische Universitätsbill, welche die Universitäten Irlands allen Religionen öffnet, an, und vertagte sich alsdann bis zum 4. April.
Prinz Friedrich Karl von Preußen ist vorgestern in Katania (Sizilien) angekommen, wurde von den Behörden am Bahnhofe empfangen und von einer großen Menschenmenge enthusiastisch begrüßt. . Die Stadt war illuminirt.
Deutsches «eich.
A Berlin, 27. März. Nach dem Gesetz vom 11. b. M., die Beaufsichtigung des Unterrichts- und Erziehungswescns betreffend, gebührt daS Recht der Beaufsichtigung der Schulen dem Staate allein, und ist eben dadurch den Geistlichen daS Recht auf die Leitung und Aufsicht der Schule, soweit dieser Anspruch bisher in der Gesetzgebung und durch die Praxis bedingt war, entzogen. Es ist indessen die Absicht der Slaalsregierung, und der jetzige Cultusmi- nister hat dies selbst im Abgeordneteuhause erklärt, die Geistlichen auch ferner in der Ausübung der Aussicht der Volksschule zu belassen, sobald sie nur die geeigneten Bürgschaften durch ihr bisheriges Verhalten dafür bieten, daß von ihnen diese Aufsicht nicht in einer den religiösen und ftacklichen Interessen zuwiderlaufenden Weste gemißbraucht werde. Dies letztere fand bekanntlich bislang vielfach in Gebicts- lheilen überwiegend polnischer Bevölkerung statt, in denen bittet durch die Lokal- und Kreis-Schulinspee- toren oder unter ihrer Connivenz die deutsche Sprache in den Schulen fast ganz verdrängt und eine Agitation im deutschfeindlichen Sinne betrieben wurde. Um nun zunächst den Schulinspectorcn es zum lebendigen Bewußtsein zu bringen, daß sie fortan ihr Amt lediglich als Beauftragte des Staates zu führen haben, sind auf Anordnung des Cultusministers die betreffenden Geistlichen von den zuständigen Consisto- rien in ihren, Amte der Schulaufsicht und zur Fortführung desselben und zwar ausdrücklich im Auftrage des Staates bestätigt worden Zugleich sind, um übersehen zu können, welche von den einstweilen bestätigten Geistlichen ihr Amt der Aufsicht in zufriedenstellender Weise führen, die Provinzialbehörden angewiesen, in
dieser Beziehung sich geeignete Kenntniß von dem Ver fahren der gedachten Schulinspectorrn zu verschaffen, und namentlich darauf zu sehen, daß in den Schulen der Provinz Posen, Oberschlesien und Westpreußen kein Versuch gemacht werde, die deutsche Sprache zu verdrängen oder zu beeinträchtigen. Zu diesem Behufe soll wiederholt eine Revision der betreffenden Volksschulen, namentlich in Gegenden mit überwiegend polnischer Bevölkerung, stattfinden. — Der katholische Feldprobst der Armee, Bischof NamSzanowSki, hat bekanntlich den katholischen Garnisonspfarrer Grunert zu Insterburg wegen Weigerung desselben, die vati- canischen Decrete vom 18. Juli 1870 anzuerkennen, von seinem Amte suspendirt, obschon dies nur mit Genehmigung des Kriegs- und Cultusministers hätte geschehen dürfen. Zur Erklärung über diesen Akt deS Mißbrauchs deS geistlichen Amtes aufgefordert, wird der gedachte Feldprobst sich nunmehr zu rechtfertigen haben und leidet eS keinen Zweifel, daß die Staatsregierung in dieser Angelegenheit mit voller Energie ihr Recht wahren und die ultramontanen Uebergriffe zurückzuweisen wissen wird.
Die „Prov. Corresp " erläutert in einem Leitartikel die Zweckmäßigkeit der Maßnahme, daß die Wirksamkeit der neuen Kreisordnung nicht auf die Provinz Polen ausgedehnt werde und sagt hierüber: „Wenn die Einwohner polnischer Zunge auf den Genuß der Selbstverwaltung Anspruch machen, so müssen sie dem Verlangen nach einer Sonderstellung im Staate entsagen: sie müffen im vollen Umfange und mit voller Aufrichtigkeit preußische Staatsbürger werdem Da aber der preußische Staat zur innigsten Lebensgemeinschaft mit Deutschland verbunden ist, so erscheint das Streben einer Partei, welche national- polnische Ansprüche im Gegensatz zu der deutschen Entwickelung festhalten ckill, auch gegen das Dasein und das Gedeihen des preußischen Staates selbst gerichtet. In diesem Sinne tritt an die polnischen Einwohner des Landes die Forderung heran, daß sie sich als aufrichtige Preußen ausweisen mögen, indem sie dem Deutschen Reiche geben, was deS Deutschen Reiches ist. ES handelt sich hierbei nickt um ein Verzicht- leisten auf Sprache und Sitte, sondern um ein Heraustreten aus dem Gegensatz gegen das Recht und die Entwickelung Deutschlands." — Hinsichtlich der Verfügung des Cultus - Ministers , durch welche die zu- ständMN Provinzialbchörden angewiesen werden, zunächst die bisherigen Lokal- und Kreisschul Jnspectoren zur Fortführung ihres Amtes im Auftrage des Staates zu bestätigen, schreibt dasselbe Blatt: „Demnächst werden die Provinzialbehörden dem Unterrichts-Mini-
auf da» mit dem 1. April be- iVV|lLUUUyVU ginnende neue Quartal der „Oberhe^sifchen Zeitung" und des mit derselben granS ausgegebenen Kreisblattes für die -reise Marburg, Frankenberg-Vöhl und Kirchhain ersuchen wir baldigst bei den betreffenden Postämtern machen zu wollen, da ohne vorherige Bestellung von der Post die Fortsetzung nicht geliefert wird.
gflh* Auf dem Lande nehmm die Landpostboten Bestellungen an.
Die Extzrditi» der Oßerhrsfischen Zeitung.
»Marburg, 28. März.
Die „Prov. Corresp." bestätigt das völlige Wohlbefinden deS Kaisers. Tie Anstrengungen des Ge- burts - TageS sind ohne nachtheilige Folgen für die Gesundheit deS Kaisers vorüber gegangen, und auch seitdem schreitet die Kräftigung desselben in erwünschter Weise vor. — Beide Häuser des preußischen Landtages haben in der letzten Sonnabendsitzung ihre Arbeiten vor der Osternpause abgeschlossen und sich auf unbestimmte Zeit vertagt. — Auch der Direelion der Irrenanstalt zu Allenburg ist die Anweisung zu gegangen, daß sie den altkatholischen Pfarrer Gmnert wie bisher als Seelsorger der Jrrenheilanstalt zu betrachten habe. — Bürgermeister Brecht aus Quedlinburg wurde heute zum Oberbürgermeister von Königsberg mit 58 von 96 Stimmen gewählt. Re- gierungSrath MarczinowSki erhielt 34 Stimmen. — Wie aus Petersburg gemeldet wird, begibt sich die Königin von Württemberg am Freitag mit dem Kaiser von Rußland zu einem längeren Aufenthalt nach Li- vadia. Der König trifft am 28. b. von Petersburg in Stuttgart ein. — Der Abg. Oesterlen hat an bas Justizministerium eine Anfrage in Betreff der von der »ürtcmbergischen Regierung im Bundesrathe bei Be- rachung des Reichspreßgesetzes cinzunehmenden Stellung gerichtet. — In der vorgestrigen Abendsitzung bet baierischen Abgeordnetenkammer wurde der Etat bes Ministeriums des Innern durchberathcn. Sämmtliche Positionen wurden meist nach den Anträgen des Ausschusses angenommen. Die nächste Sitzung findet Mittwoch nach Ostern statt.
Die französische National-Versammlung nahm vorgestern das Gesetz über die Fabrikationssteuer von Liqueuren an. Der Absinth ist darin dem reinen Alkohol gleichgestellt, welcher 175 Franken bezahlt. In der DiSeussion über das Budget der Marine sagte der Minister, eine Verminderung der Ausgaben von 30 Millionen werde der Entwicklung der Marine nicht schaden.
Wappeusrst aw 75. Geburtstage des Kaisers.
(Fortsetzung.)
Zwei Herolde rückten in die Schranken (Major Graf Schlieffen von brat Regiment der Gardes du Corps und Premier-Lieutenant v. Usedom von den Gardr-Euirassieren), sie waren in die farbenprächtige Tracht deutscher Landsknechte gekleidet; sie trugen auf ihren Stäben und Tuniken die rothen Adler Brandenburgs und Preußens, ihnen folgte ein dritter Herold, bie beiden vorherreitenden imposanten Gestalten noch überragend (der Flügel-Adjutant deS Kaisers Oberst Graf v. Lrhndorff); er trug auf Brust und Rücken Und in der erhobenen Rechten den schwarzweißen Hvhenzollernfchild, und in feierlichem Schritte umritten Me drei Herolde zweimal die Bahn.
Ein Heroldsruf zum Wappenfest!
Laßt laut die Hörner klingen!
Es probt in feinem märk'schen Nest Der junge Aar die Schwingen. Mannhafte Ritter, kommt herbei, Es gilt Albrecht dem Bären.
Den kühnen Recken im Turnei Mit Waffenspiel zu ehren.
Er schuf ein wehrhaft Land, die Mark, Im Glauben neu geboren.
Das Kreuz so licht, das Schwert so stark Ging nimmer uns verloren.
Sechszehn Ritter, gehüllt in Panzerhemden, unter brr blanken Sturmhaube schauten nur die frischen, kampfeSlustigen Gesichter hervor; in der Satteldecke trugen sie den schwarzen Bären auf silbernem Grunde, und von den Schultern flatterte der rothe Mantel. Gs waren Offiziere aus den verschiedenen Berliner Garve-Cavallerie-Regimentern, Pr. Lieut. Graf Arnim: Pr.-Lieut. v. Stosch, Lieut. Prinz Hatzfeldt, Lieuti
Graf Dohna; Rittmeister v. Schack: Lieut. v. Kröcher, Lieut. Graf Gaschin, Lieut. v. Osten; Rittmeister v. Below: Pr.-Lieut. Graf Lüttichau, Pr. Lieut. v. Rabe, Lieut. v. Arnim; S. H Herzog Elimar von Oldenburg: Pr.-Lieut. v. Wrangel, Lieut. v. Wedell, Lieut. v. Jagow. Auf den gepanzerten Pferden jagten fie dahin, bald int Kampfe sich suchend und messend, bald sich fliehend, bald einzeln, bald in Massen, und dabei klirrten die blanken Schwerter und flatterten die rothen Fähnlein und schnaubten die edlen Rosse, und diese Evolutionen waren ein gerittenes Stück Geschichte aus jener Epoche der Mark, wo die Kraft des Ein zelnen auch das Gesetz für das Ganze war, ein Bild wilder, ungezügelter Lust an Krieg und Fehde.
Schon glänzet unsrem Vaterland Der Stern der Hohenzollern. Sckon schwingt der Flügel Kraft der Aar Weit ob den deutschen Gauen.
Herbei denn, kühne Ritterschaar, Herbei, Ihr holden Frauen! ...
Wie Morgenroth nach trüber Nacht, Wie Lenz nach Winters Wehen Laßt jetzt Joachim Hector's Macht Vor uns im Glanz erstehen.
Die Blüthe, aber auch schon das End^ deS Rit terthumS, der Minne und des Frauendienstes war in einer Damen Quadrille Joachim'S II. repräsentier Nichts kann kleidsamer sein, als das Costüm dieser Zeit. Hatte man vorhin nur Stahl und Eisen, und in den rothen Mänteln nur grobe Wolle gesehen, so erschienn jetzt goto - und silberglänzende, aus Atlas und Sammt gefertigte Kostüme, acht Herren- und ifrauenpaare, jedes derselben in einer anderen Farbe. Zuerst der Herzog Wilhelm von Mecklenburg-Schwerin
mit Frau von Alten, der Gemahlin des Flügel-Adjutanten des Kaisers, einer geborenen Niederländerin, beide in Himmelblau, Weiß und Silber; darauf Fürst Putbus mit Gräfin Josephine Seidewitz, der Hofdame der Prinzessin Karl, beide in kirschrothem Sammt, weißer Seide und Gold; weiter Lieutenant Graf Bismarck, der Sohn des Reichskanzlers, mit Gräfin Rose von der Schulenburg, Hofdame der Prinzessin Karl, in Schwarz und Gold; Lieutenant Graf Kanitz mit Gräfin Marguerite Hatzfeld, der Tochter erster Ehe der Herzogin von Sagau, in Weiß, Grün und Silber. ES folgten weiter: Rittmeister von Katte mit Louise, Gräfin von Hatzfeld (Tochter der Herzogin von Sagan), Major von Kleist mit Konstantine, Prinzessin Salm, Rittmeister Graf Arnim mit Fräulein Emmy von Below, Hofdame der Kronprinzessin, Lieutenant von Boddie» mit Frau von Wuthenau, geborene Gräfin Wnrtemberg. Man konnte nichts Graziöseres sehen, als diese kunstvollen Wendungen und Figuren, die von den Herren mit so überlegener Sicherheit, von den Damen mit so amnuthiger Gewandtheit ausgeführt wurden. Es war in dem gegenseitigen Suchen und Begegnen, in dem Fliehen und Finden, in dem leisen Zugestehen und stolzen Abweisen ein ganz reizendes Bild des Minnewerbens damaliger Zeit dargestellt, wo ein Liebesblick noch ein Glück, eine Schärpe ein Triumph, und wo Liebe noch Leben war.
Aber die Zeiten ändern sich! Das höfische frühere Kleid aus Sammt und Atlas wurde zur einfachen, dienstgemäßen Uniform, das Jeu de dame aus der Zeit Joachim'S IL zum Kampfe, den der große Kurfürst um das politische Dasein Brandenburgs kämpfte.