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Wr. 69. Marburg, Freitag, den 22. März 1872

Oberhessische Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberhesfische« Leitung mit Kret-blatt durch die Expedition (Koch'sche Buch druck er ei) bezogen 221 Egr., durch die Postämter 27 Ggr. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl- Stempelsteuer), für das Ausland excl Stempel 22 Kgr. — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-Bürraus nehmen Inserate an.

A«m Geburtstage deS Kaisers.

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Am 22. März feiert das preußische Volk das Ge­burtsfest seines geliebten Königs als einen Freuden- und Ehrentag deS Landes, und die deutsche Nation schließt sich der Feier mit Kundgebungen innigster Verehrung an. Deutschland hat mit Preußen die Tage der Gefahr und der Kämpfe, die Tage des Sieges und deS Ruhmes gethcilt; jetzt feiert Deutsch­land mit Preußen in herzlicher Gemeinschaft der Empfindungen die Feste freudiger Erinnerung und begeisterter Dankbarkeit.

Vor einem Jahre war Kaiser Wilhelm eben auS dem Feldlager in die Heimath zurückgckehrt, mit der hohen Gcnugthuung, das Recht der deutschen Ration gegen einen mächtigen Feind sichcrgestellt und den Ruhm der deutschen Waffen durch unvergleichliche Lorbeeren verherrlicht zu haben, vor Allem aber mit dem hochherzigen Entschlüsse, dem Vaterlande die Segnungen einer friedlichen und einheitlichen Ertt- uickelung zu wahren. Ucberall auf dem Heimwege tönte dem Kaiser der Jubelruf eines begeisterten Volkes entgegen und an feinem Gcburtsfcste legten die aus allen Gebieten des großen Vaterlande« eingehenden Glückwünsche Zeugniß dafür ab, daß die deutsche Nation dem Rcichsoberhaupte in aufrichtiger Ehrer­bietung und Treue huldigt. In allen Theilen de« Landes und in allen Schichten der Bevölkerung offen­

barte sich ein volles Verständniß für die Verdienste des Monarchen, der mit dem ganzen Gewicht seiner Herrschermacht und seiner edlen Persönlichkeit für die Sache Deutschlands eingetreten war. Aus der allge­meinen Begeisterung, welche ihn schon in das Feld­lager geleitet hatte, war ersichtlich gewesen, daß die Nation in ihm den Mann erkannte, welcher den Be­ruf in sich ttug, die auswärtigen Feinde Deutschlands zu entwaffnen und im Innern alle der einheitlichen Wiedergeburt deS Vaterlandes entgegenstehende Hinder- tiiffe zu überwinden. Die Begründung des Reiches vollzog, sich leicht und naturgemäß, weil die Nation schon vorher ihren Kaiser gefunden hatte.

So kehrte der deutsche Oberseldherr aus dem . .Kriege mit der Kaiserkrone heim; aber schon im Feld !fW lager halte er feierlich dem Wunsche Ausdruck gegeben, '" ein „Mehrer des Reichs" an den Gütern de« Ffic dens, der Freiheit und der Gesittung zu sein. Dieses Gelöbniß hat im verflossenen Jahre schon reiche Er süllung gefunden, und immer tiefer wächst in das Herz deS Volkes das Bewußtsein hinein, daß die Ge­schicke Deutschlands in den Händen seines Kaisers

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wohl auigehoben sind.

So begrüßen den hohen Fürsten an der Schwelle eines neuen Lebensjahres die Huldigungen und Segens­wünsche einer dankbaren Nation. (Pr.-C.)

»Marburg, 21. März.

Bei der Neuwahl zum preußischen Abgeordncten- bause für den Wahlkreis Greifenhagen-Randow wurde Dumrath mit 194 Stimmen gewählt Sein Gegen­kandidat Schulze -Clebow erhielt 177 Stimmen. — Die Stadtverordneten von Frankfurt a. M. nahmen den Antrag Volger's an, den Magistrat zu ersuchen, die geeigneten Schritte zu thun, damit Frankfurt die Selbständigkeit der gesammten Volizeiverwaltung zu rückgegeben werde. — Die badiflhe erste Kammer hat gestern die Gesetzentwürfe über das Verbot der Lchr- thätigkeit von ordensähnlichen Congregationen und der Jesuitenmissionen mit allen gegen 4, beziehungsweise 1 Stimme angenommen. Heute wird der Landtag ge­schlossen. — Der würtembergische „Staats-Anzeiger" meldet die durch den König von Würtemberg erfolgte Ueberweisung der Seitens des Deutschen Kaisers über­machten Dotation von hunderttausend Thalern an den Kriegs-Minister Suckow.

Aus Wien, 19. März, wird gemeldet: „Die Anglobank wird demnächst auch an den deutschen Plätzen die Aktien der Eisenbahnwagen-Leih Gesellschaft, deren Verwaltungsrath aus den Direktoren der großen österreichischen Eisenbahnen gebildet ist, emittireu.

Deo Bundesrath der Schweiz hat gestern dem eidgenössischen Post - Departement die Vollmacht zur Unterzeichnung eines neuen mit Rußland abgeschlosse nen Postvertragsentwurfs ertheilt.

Die Stimmung der parlamentarischen Kreise in Versailles in Betreff des Postvertrages mit Deutsch­land war gestern der Annahme desselben geneigter; letztere gilt als nicht mehr zweifelhaft.

Deutsches Reich.

A Berlin, 20. März. Der Kaiser hat sich auf den dringenden Rath der Aerzte, und zwar erst im letzten Augenblick, bestimmen lassen, sich übermorgen der großen Empfangscour zu entziehen, die sonst all­jährlich am Geburtstage Sr. Majestät stattfindet. In Folge dieses Entschlusses theiltc denn auch der Mi­nister des Innern in der heutigen Sitzung des Ab­geordnetenhauses dem Präsidenten mit, daß das Haus von der üblichen BeglückwünschungS-Deputation Ab­stand nehmen möge. Der Rath der Aerzte ist übri gens lediglich durch die Besorgniß hervorgerufen, daß die im besten Zuge befindliche Reconvalescenz des

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Die polnische Gräfin.

Moderne Novetlette von F. v. Hohenhausen.

(Fortsetzung.)

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Herr von Ff. ließ sich dadurch nicht so schnell «bschreckcn, er versuchte cS sogar, sich in das Gespräch ja mischen. welche« in polnischer Sprache halbleise Mischen der jungen Dame und dem alten Herrn ge­führt wurde. Letzterer horchte sichtlich erfreut auf, »16 er seine Muttersprache vernahm und setzte die Unterhaltung lebhafter fort, als seiner Begleiterin lieb schien. Indessen ließ auch sie sich, wenn auch etwas Äisilbig, zu den Alltagsgegenständen eines höflichen Tischgespräches herab, als die nähersitzendm Herren, ^runter Herr von Lilienberg und Graf Tankred, sich 'hr vorstellen ließen, wie eS der gute Ton verschreibt, wenn man eine Dame anreden will.

Herr von Ff. wetteiferte mit Herrn von Lilienberg in den Bei suchen, durch schmeichelhafte Wendungen

des Gesprächs die polnische Gräfin für sich zu ge Winnen; sie blicb jedoch kalt und förmlich; nur ein Val, als sie sich unbeachtet glaubte, weil die Hetrcn >68 erste Glas Champagner an die Lippen setzten, überflog sie mit einem schalkhaften Blick ihre erhitzten Gesichter, verhüllte aber rasch wieder die glänzenden äugen mit den dunkelcn Wimpern, als sie sah, wie Graf Tankred sie groß und ruhig betrachtete. Er war r, ■ säst noch einsilbiger als sie selbst gewesen, und schon dadurch war ihre Aufmerksamkeit erregt; als nun noch >hre Blicke sich trafen wie zwei Sterne, fühlte sie sich j skltsam bewegt. Noch ein Mal schlich sich ein ganz lkiser Strahl ihres Auges zu ihm hinüber, aber da sß er seht gelassen und schälte einen Apsel so sorg- faltig, als gälte es, eine chirurgische Operation zu Wachen.

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Rasch erhob ^ie sich zum Gehen und half dem alten Herrn etwas weniger sanft beim Aufstehen; dann wollte sie ihre Handschuhe anziehen, vergaß aber offen­bar, daß sie etwas hincingewickelt hatte. Der Gegen­stand fiel klirrend auf die Erde.

Alle Herren sprangen auf, um danach zu suchen; die dienstfertigen Kellner stürzten mit Lichtern herbei, obwohl die Gasflammen überall Tageslicht ver­breiteten.

Man stieß sich im Eifer des Suchens an die Köpfe unter dem Tisch und warf die Flaschen auf demselben um, fand aber nichts. Da sah Graf Tankred, der fast unartig ruhig stehen geblieben toar, etwas Gol­denes auf dem Saume des Kleides der Gräfin glän­zen, rasch knieetc er vor ihr nieder und hob einen Ring auf, den er ihr dann feierlich überreichte.

„Ah, mein Trauring, er ist mir zu weit, ich ver­liere ihn so ost, deshalb zog ich ihn ab. Ich kann mich noch gar nicht daran gewöhnen," sagte sie in ganz unbeschreiblicher Verlegenheit.

Sie nahm den Ring aus Tankreds Händen, steckte ihn aber nicht an, sondern hielt ihn nebst Handschuh lose vor sich hin. Dann verbeugte sie sich mit niecer- geschlagenen Augen und zog den alten, kranken Mann und den Bedienten mit sich fort.

„Also sie ist verheirathel!" rief Rittmeister Lilien- bcrg enttäuscht, und setzte sich wieder an den Tisch, um seine Cigarre anzuzünden, was er vorher auS Höflichkeit nicht gewagt hatte.

„Sie kann sich noch nicht daran gewöhnen, sagte da« arme Kind — welch ein Unglück, an einen solchen Krüppel gebunden zu fein,“ sprach Graf Tankred halb laut vor sich hin.

„Nun, dieser Krüppel scheint koloffal reich zu sein,"

Kaisers durch die Anstrengung, die mit einer Gratu­lationscour verbunden ist, unterbrochen werden und einen Rückfall herbeiführen möchte. — Der Justiz­minister Dr. Leonhardt ist soweit wieder gekräftigt, daß er bereits mit dem 1. n. M. seine amtliche Th-5 tigfeit wieder aufzunehmen gedenkt, nachdem der Ge­neralarzt Dr. Böger ihm diesen Termin dazu in Aus­sicht gestellt hat. — Der Fortgang der Kreisord- nungs-Debatlen läßt die Hoffnung auf einen befrie­digenden Abschluß derffelben immer begründeter er­scheinen. Die national-liberale Partei ist ersichtlich entschlossen, aye über den Commissionsbericht, als die gewonnene Verständigungöbasts, hinausgehenden An­träge zurückzuweisen, sobald sie von der Regierung beanstandet werden. Dieses Entgegenkommen der ge­mäßigten Liberalen legt andererseits der Regierung die doppelte Verpflichtung auf, ihrerseits auf das Herrenhaus ihren vollen Einfluß dafür eintreten zu lasten, daß der Entwurf in der Fassung angenommen werde, wie er denmtchst aus dem Abgeordnetenhause schließlich hervorgehen wird. Es ist freilich kein be­sonderes Zeichen von Willfährigkeit des Herrenhauses, daß dieses noch nicht einmal den Referenten für die längst ernannte betreffende Commission zur Prüfung der Kreisordnung bestellt hat; zumal die Pause zwi­schen dem Beginn der Ferien des Abgeordnetenhauses und der nächsten vom Präsidenten wieder anzuberau- menden Sitzung gerade dem Herrenhause die Gele­genheit bieten soll, bis zum Wiederzusammentritt der Abgeordneten die Erledigung des KreisordnungSeitt- wursS herbeizuführen. Andererseits muß aber auch constalirt werten, daß das Herrenhaus sich durch An­nahme des Gesetzentwurfs über den Eigenthumserwerb und die dingliche Belastung der Grundstücke in der Fassung des Abgeordnetenhauses entgegenkommender erwiesen hat, als noch kurz zuvor angenommen wurde.

•• Berlin, 21. März. Der „Rhein. Kurier" ^läßt sich von hier telegraphiren, daß der Finanzmini­ster in einer Commission deS Abgeordnetenhauses die Erklärung abgegeben habe, die Regierung beabsichtige, die Zeitungösteuer aufzuheben. Wie nun auch die Erklärung des Hrn. Camphausen gelautet haben mag, bie Presse ist jedenfalls vor einer allzu optimistischen Auffassung derselben zu warnen. Die Session des Landtags ist bereits viel zu weit vorgerückt, als daß man jetzt noch an die Einbringung eines solchen Ge­setzes denken könnte. — Dem BundeSraihe ist der Eittwurf eines Gesetzes, betr. die Feststellung eines Nachtrages zum Haushalts Etat des deutschen Reiches für daS Jahr 1872 zugegangen. Der Etat beläuft sagte Herr von Ff. ebenfalls leise, denn er merkte schnell, daß Gras Tankred es unzart sand, laut über eine Dame zu reden in einem Gasthoszimmer, und wollte nicht hinter ihm zurückbleibeu im Punkte deS Zartgefühls.

„Uebrigen« ist es für mich kein Hinderniß, der schönen Dame zu huldigen," setzte er hinzu; „daß ich sie nicht heirathen kann, thut mir freilich sehr leid, sie sah doch himmlisch auS, ganz wie ich es liebe, Sammet und Diamanten, die Toilette des Reichthumsl Ich würde mir ein Haus unter den Linden und ein Schloß am Rhein gekauft haben. Für sie hätte ich einen Viererzug von Apfelschimmeln angeschafft, der Wagen mit blauem Sammet auSgeschlagen —*

„Natürlich, Du hättest ihr Geld bald verwirth- schaftet“, unterbrach Lilienberg die Reichthumspläne des verschuldeten Träumers.

„Ja, Du hast Recht, noch habe ich die reiche Frau nicht, aber man soll für die Zukunft sorgen- einmal muß der alte, kranke Mann doch sterben, da­rum will ich feine schöne bereinftige Wittlve nicht aus den Augen verlieren. Sie bleibt zwei Monate hier, der Alte soll eine Cur gebrauchen; heute wollen sie ins Wallnertheater gehen. Kommen Sie mit, Graf Tankred, dann besorge ich Billets zur Prosceniums- loge vis-a-vis *

„Nein, ich danke, ich mag di« Frau nicht Wieder­sehen, die sich verkaufte für Putz und schnödes Geld, so schön sie ist, mir erscheint sie jetzt widerwärtig," sagte der Angeredete.

„O, ich hoffe, sie ist zu der Heirath gezwungen worden, sonst würde ich sie auch verachten, so hoch ich auch das Geld schätze. Sie haben Recht, sich zu verkaufen, ist gefühlsbeleidigend —"