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Marburg, Donnerstag, den 21. März

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1872

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tägli* außer den Werktagen nach Sonn, und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberhesfischeu Leitung mit Kret-blatt durch di- Expedition lKock's»-" Buchdruckerer) bezogen ^2, Lar., durch dre Postämter 27 Lgr. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl- Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Lar -

JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an. 8

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»Marburg, 20. März.

Die Kaiserin und der Kronprinz haben an daS Centralcomite der deutschen „Vereine zur Pflege im Felde verwundeter und erkrankter Krieger" aus Anlaß des Todes des Wirkl. Geh.-Ratheö v. Sydow, welcher Vorsitzender des gedachten Comites war, Bei- leidschreiben gerichtet, in welchen die Verdienste des Verstorbenen um die vaterländische Krankenpflege rüh. inend anerkannt werden. — Die Geistlichen sind an gewiesen worden, vom Sonntag Palmarum (24. d.) ab in das allgemeine Kirchengebet die Fürbitte für die Frau Kronprinzessin aufzunehmen, die sich in geseg­neten Umständen befindet. — Graf Holnstein, der Oberstallmeister des Königs von Baiern, ist im Auf trage seines Souveräns in Berlin angekommen. — Vorgestern Abend sind in Berlin eingctroffen: Der Luxemburger StaatSrath Jurion in Begleitung des Finanzministers Ulveling und des Geschäftsträgers Dr. Föhr. — Der preußische Staatshauohaltsetat für das lausende Jahr ist vom König vollzogen worden. — Das Herrenhaus genehmigte in seiner gestrigen Sitzung daS Hypothekengcsctz, sowie die Grundbuch- ordnung mit dem Kostentarif nach den Beschlüssen des Abgeordnetenhauses. Ein Amendement Kleist-Retzows auf Wiederherstellung der Beschlüsse des Herrenhauses wurde mit 61 gegen 16 Stimmen verworfen, nach­dem der Vertreter der, Regierung die Annahme der Beschlüsse des Abgeordnetenhauses dringend empfohlen hatte. Ferner wurde das Gesetz, betr. die Ablösung der den Schulinstituten zustehenden Realgerechtsame angenom­men. — Aus Aumenau (Nassau) ist seitens der am 18. d. dort versammelt gewesenen Wahlmänner des Amtes Runkel ein Dank- und ZustimmnngS-Telegramm an den Fürsten Bismarck gerichtet worden. — Die „Schlesische Zeitung" 'meldet aus Ratibor uüterm 19. d.: Gestern Abend fand eine Arbeiterrevolte auf dem Rothschild'schen Tiefbau in Willkowitz (Mähren) statt. "Die Grnbcngebäude wurden beschädigt und die Casse geraubt. Bei dem Einschreiten des Militärs blieben 4 Arbeiter tobt und 50 verwundet. Gegen 100 Ver­haftungen wurden vorgenommen. Als Motiv wird die Verzögerung der Löhnung bezeichnet. — Die außerordentliche Generalversammlung der Frankfurter Effectensocietät hat am 18. d. mit 127 gegen 57 Stimmen beschlossen, den Sonntags- und Feiertags­verkehr vom 1. April bis zum 15. October zu sistiren. — Die würtembergische erste Kammer ist den Be­schlüssen der zweiten Kammer über Personal Reduction

des Ministeriums des Aeußern und Vereinigung des selben mit einem anderen Ministerium nicht beigclretdn.

Das ungarische Unterhaus hat vorgestern in einer Mittags- und einer Abendsitzung die Berathung über den „Titel" der Wahlnovelle in der bisherigen Weise fortgesetzt.

Das „Journal officiel" meldet, daß der Han­delsvertrag mit England am <5. März gekündigt worden ist. Es bleibe der Weg für Unterhandlungen über die commercicllcn Beziehungen zwischen Frank­reich und England offen.-,— Preau de Vedel wurde gestern Morgen erschossen. — Vorgestern herrschte überall die vollkommenste Ruhe. — Die Berathung über da- Lefranc'sche Gesetz wird erst nach der Va- canz der Kammer beginnen.

Den bereits gemeldeten in der vorgestrigen Sitzung des Unterhauses erfolgten Auslassungen Gladstonefs, bezüglich der amerikanischen Antwort, ist noch die Erklärung desselben hinzuzufügen, daß die britische Regierung lebhaft ein Arrangement wünsche, aber die Erfordernisse der Landesehre nicht unbeachtet lassen werde.

Die italienische Deputirtenkammer, welche vorgestern über die Finanzvorlagen verhandelte, nahm die Erklärung des Finanzministers Sella, daß er mit Vertagung der Berathung über die Webestosisteuer einverstanden sei, beifällig auf, ebenso seine weitere Acußerung, daß auch die Frage wegen Uebertragung des ^Lchatzdienstes an die Banken vertagt werden könne. Derselbe erläuterte und vertheidigte die übri­gen Vorlagen, wies den Vorwurf Rattazzi's, daß das Ministerium nicht durch moralische Mittel allein nach Rom gelangt sei, zurück und forderte schließlich die Kammer zu einer Erklärung darüber auf, ob daS Mi­nisterium das Vertrauen derselben genieße oder nicht.

Deutsches Reich.

•• Berlin, 19. März. Wie man höbt, haben die liberalen Fractionen des Abgeordnetenhauses gestern Abend eine vertrauliche Sitzung gehalten, in welcher dieselben sich geeinigt haben, ihrerseits die Erledigung der Kreisordnung in dieser Woche nach allen Kräften zu fördern; der bisherige Verlauf der Verhandlungen berechtigt ebenfalls zu der Annahme, daß mit Hinzu- nahmc einiger Abend-Sitzungen die Berathungen der Kreisordnung im Laufe dieser Woche zu <£nce zu ühren sein werden. Wenn aber in liberalen Blättern der Regierung der Vorwurf gemacht wird, baß sie

gar zu ängstlich die Gerechtsame des Herrenhauses wahrnehme, so wird dem gegenüber daraus hinzu- weisen sein, daß die Regierung bereits den sehr weit­gehenden Beschlüssen der Commission des Abgeord­netenhauses Rechnung getragen und diese zu vertreten Willens ist, daß sie aber weitergehende Beschlüsse des Plenums schwerlich verthcidigen können wird und es daher geboten ist, danach zu trachten, daß den andern Factoren der Gesetzgebung ebenfalls Rechnung ge­tragen wird; um so mehr, als die Beschlüsse der Com­mission des Abgeordnetenhauses bereits alle Energie der Regierung verlangen werden, um solche dem Her- rcnhause plausibel zu machen. — Man ist sehr ge­spannt, welcher Art die Maßnahmen der Regierung sein werden, um die durch die Umtriebe der katholischen Geistlichen in den polnischen Landeötheilen mit pol­nischer Bevölkerung angezeltelten Agitationen zu hin­dern; die Regierung wird diesen Ausnahmezustand, der durch eine Verfügung aus der Zeit Friedrich Wilhelms IV. geschaffen ist, unter den' gegenwärtigen Verhältnissen beseitigen müssen und die gesetzliche Basis für ihre Maßregeln Herstellen. ES ist nämlich durch die erwähnte Verfügung ausländischen Mitgliedern religiöser Ordensgesellschaften gestaltet worden, in der Provinz Posen Aufenthalt nehmen zu können. Die Aufhebung dieser Verfügung setzt die Behörden in den Stand, nach den gesetzlichen Bestimmungen gegen die polnisch katholische Agitation einschreiten zu können. 'll,an kann denn auch wohl annehmen, daß die Re­gierung in den Provinzen des ostpreußischen Ober- Schlesien ebenfalls die gesetzliche Bestimmung mit Nach­druck vollziehen wird. — Der Jnstizminister Leonhardt ist soweit wieder hergestellt, daß er in der Lage sein wird, dem Kaiser persönlich am 22 März seine Gra­tulation abzuftatten; Fürst Bismarck trifft zu diesem Tage in Berlin ein.

Oesterreich - Ungarn.

ScSiCH, 18. März. Mit dem Gerüchte, Frank­reich wolle sich an der Well - Ausstellung hier nicht vsficiell beteiligen, hat es folgendes Bewenden. Zwei Vertreter der französischen Regierung waren kürzlich hier, um sich mit dem Tireclorium der Welt Ausstel­lung in unmittelbare Verbindung zu setzen. Wie es cheint, erhoben dieselben den Anspruch, daß eine in- lernationale Commission die Leilung der Vorarbeiten übernehmen möge, während nach dem Statut diese in deu> Händen des hiesigen Directoriums ruht. Auf daS Unausführbare dieser Forderung aufmerksam gemacht

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Die polnische Gräfin.

Moderne Novellette von F. v. Hohenhausen. (Fortsetzung.)

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Seine Ahnentafel reichte bis in die Kreuzzüge hinauf und sein schönes bärtiges Gesichts seine kräf­tige hohe Gestalt in der prächtigen Uniform der Cü- rassieie, ließen ihn wie einen echten Ritter aus jener Zeit erscheinen — ein Ritler, aber kein Troubadour

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*«r er! Für die Frauen schwärmte er durchaus nicht; b» er eine gute Erziehung genoffen hatte, war er na lürlich sehr höflich gegen sie, aber er haßte alle An do« Liebeständelei, und war nicht im Staude, eine Schmeichelei über die Lippen zu bringen. Er blieb ungerührt von allen Versuchungen, die ihm in der hüten Gesellschafl fast ebenso zahlreich nahe traten als w der schlechten. Seine Solidität war sprüchwörtlich tvvorden; ein schöner, junger Cavallerie-Offizier, der Mer Schulden noch Liebschaften hatte, konnte aller «Mgs für ein Naturwunder angesehen werden. Wenn °>k anbei» jungen Männer davon sprachen, wie nolh- Uxudig ihnen eine reiche Heirath sei, wendete er sich . -! buchend ab und erklärte, nur ein ganz armes Mädchen

Wählen zu wollen. Aber er that es nicht, denn sein Herz schien nun einmal von Marmor zu sein. Ob wie die Memnonssäule vom Strahl der Sonne "vch einqial von der Liebe erwärmt werden könnte, eine Frage, die im Stillen in mancher weiblichen Phantasie auftauchte. Denn der Reiz des Schweren ^irkt besonders mächtig, wo die Eitelkeit mit ins ^piel kommt; eine schwere Eroberung befriedigt viel 'uvhr als eine leichte. Graf Tankred erregte fast ebenso lfrofje£ Interesse durch seine Sprödigkeit als durch —--MNe Schönheit. Er schien übrigens von beiden nichts desstu wissen und war ganz ohne Absicht gleichgültig und Pmahbar; er theilte auch diesmal die Neugier nicht, ^Iche Herr von Ff. in den andern Kameraden erregt

hatte. Einer derselben, der Rittmeister v. Lilienbcrg, sagte, indem er die bereits aufgetragme Suppe zu essen begann:

»Ich sthe niich jetzt nicht mehr nach der Thüre nm, die erwartete Schöne scheint ja nicht zu kommen, auch möchte ich wetten, daß sie weder reich noch hübsch ist, wir sind schon so oft in unfern Erwartungen ge­täuscht worden."

„Diesmal werden die Deinigen aber gewiß weit übertroffen, Freundchen; sie ist steinreich und bildschön, tch habe sie gestern im Operuhause gesehen und tauschte meinen Logenplatz um, damit ich einen Balkonsitz neben ihr bekommen und sie anreden konnte. Es ist eine polnische Gräfin — still, da kommt sie" — sagte Herr von Ff. und stand halb vom Stuhle auf, um die Eingangthür besser in's Auge fassen zu können. Die Blicke aller Anwesenden richteten sich plötzlich nach demselben Punkt, beim eine auffallende Gruppe erschien im Speisesaal.

Ein alter, kranker Mann in eleganter Civilkleidung wurde von einer Seite durch einen reich galonirten Bedienten unterstützt, von der andern durch eine junge Dame, deren Aeußeres zu schildern wir uns nicht ver­sagen können. Es war eine bleiche Blondine mit jener zarten Gesichtsfarbe, die den weißen Rosen gleicht, selbst die Lippen scbimmerten nur blaßroth. Desto dunkler leuchteten ein Paar Augen, deren fremdartiger Glanz an den nächtlichen Sternenhimmel erinnerte. Ein hohes, schwarzes Sammetkleid umschloß die schlanke Gestalt; am Halse war ein kleiner Spitzen­streif durch eine Nadel von Brillanten festgehalten, eine ähnliche steckte in einem schwarzen Bande, welches durch die Haare geschlungen war, und in ben aufial- Icnb kleinen, blaßrothen Ohren flimmerte ein Ring bon bemselben mystischen Gestein, wie ein Glühwürm chen in einer Blume

Der einfache unb doch so reiche Anzug wurde durch rosenfarbene Handschuh und ein Taschentuch vom feinsten Spitzengewebe vollendet.

Ein leises Flüstern der Bewunderung lkkf durch den Saal, aber es schien die Dame nicht im Minde­sten zu berühren; sie hatte ihre ganze Aufmerksamkeit darauf gerichtet, dem kranken Mann an ihrer Seite einen bequemen Platz zu bereiten. Erst als sie zärt­lich und leise nach seiner Zufriedenheit gefragt und dem Bedienten einige Befehle hinsichtlich der darge­reichten Speisen ertheilt hatte, zog sie die Handschuh aus und rollte sie zusammen, vorsichtig irgend einen Gegenstand darin verbergend, entweder einen Ring ober ein Golbstück, bann legte sie bie Hanbfchnh in ihr Weinglas, bamit onbcutenb, baß sie nichts trinken werbe.

Die Suppe aß der alte Herr ohne ihre Hülfe, alle anderen Speisen schnitt sie unb wählte bie besten IBiffen für "ihn aus. Es siel auf, boß er verkrüppelte, fonberbar grobe Hänbe hatte; wenn bie junge Dame mit ihren kleinen weißen Fingern dieselben berührte, sah es fast aus, als wenn ein Täubchen in den Krallen eines Raubvogels zittere.

Bei der ersten Pause des langsam {erbitten Diners wendete sich Herr von Ff. mit dem Stimmton der feinsten Höflichkeit an sein schönes Gegenüber unb sagte: ,

„Gnädigste Gräfin erinnern sich hoffentlich, baß ich gestern bereits bic Ehre hatte, mich Ihnen vor­zustellen; barf ich mich unterstehen zn fragen, ob die Hitze im Operuhause Ihnen nicht geschadet hat?"

„Ach ja, ich habe etwas Kopfweh", lautete bie Antwort, ber man anmerkte, baß bie Dame nicht ge­neigt war, die Unterhaltung fortzusetzen.

(Fortsetzung folgt.)