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Mr. 62 JRatßlirg, Donuerstag, den 14. März. 1872
Oterhessische Leitung.
leint ««glich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preist ftir da- Quartal der Oberhesfischen Zeitung mit Kreistblatt durch die Expedition (tkoch'sche guchdruckerei) bezogen Mi Gar., durch die Postämter 17 Ogr. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für da« Ausland excl- Stempel 11 •ar.— JnsertivnSgebüdr für die gespaltene Zeile ! Egr. Sämmtliche Annoneen-Büreau- nehmen Inserate an.
* Marburg, 13. März.
Der preußische „Staatsanzeiger" veröffentlicht ba6 sanctionirte Schulaussichtsgesetz. — Der Probst Binder zu Königsberg hat den kath. Pfarrer Grunert wegen Nichlunterwerfung unter baS Dogma ber Unfehlbarkeit auf bischöflichen Befehl seines Amtes entsetzt. — Vor bem Leipziger Bezirksgerichte .hat vorgestern die SchwurgerichtSverHandlung gegen Bebel, Liebknecht und Hepner, welche des HochverratheS angeklagt sind, begonnen; Liebknecht ist außerdem noch wegen Belei- digung des deutschen Kaisers unter Anklage gestellt. — In Bautzen sind gestern früh die Stampswerke der dortigen Pulverfabrik in die Luft geflogen, wobei zwei Arbeiter umS Leben kamen und einer verwundet wurde.
Der Verfassungsausschuß deS österreichischen Abgeordnetenhauses lehnte vorgestern bei Berathung der Frage, in welchem Zeiträume der dem Lande Ga- lizien zu bewilligende Pauschalbetrag einer Revision unterwerfen werben solle, alle bezüglichen Anträge ab. Die weilten Stimmen (12 gegen 14) hatte ber An- trag Rechbauer's, daß die Revision nach je fünf Zähren zu geschehen habe; die nächstmeisten Stimmen steten aus den Antrag des Subcomite's, einen fixen Pauschalbetrag zu bestimmen.
Der Bundesrath sandte auf das Gerücht, daß.im Tessin eine nette Bande zum Eintritt nach Italien geworben werde, den JustizdepartementSsecretär Trasel an Ort und Stelle, um Erkundigung einzuzühen. Bis jetzt haben sich die Gerüchte aü übertrieben erwiesen.
Die Kaiserin von Rußland wird in diesem Monat nach der Krim abreifen, wo sie bi8 zum Herbst verweilen wird. Der Kaiser begleitet sie bis Odessa. — Der Generaladjutant Zgnatieff, seither Vorsitzender der GesuchSeommission, wurde zum Präsidenten des Ministercomite'S ernannt.
Aus Bukarest, 12. März, wird gemeldet: Die Fürstin Elisabeth reist heute über Pest und Wien nach Rom ab, um ihre durch das Fieber angegriffene Gesundheit wieder herzustellen.
Deutsche, «eich.
•• ® erlitt, 12. März. Fürst Bismarck hat sich heute, nachdem ein Unwohlsein, daS ihn dieser Tage befallen, gehoben ist, auf 14 Tage nach Friedrichsruh begeben. — Der zum Bezirkspräsidenten in Metz er nannte Graf Eulenburg begibt sich heute auf seinen Poften. Wiesbaden hat diesen Beamten sehr ungern
dort deutlich erkennen I wiederum, daß fast!
land unter Hinweis auf daS römische Recht und die bischöflichen Erlasse selbst aufgefordert, die Excornmu- nication gegen Dr. Wollman und Michaelis, welche tu ihrer Form gegen die Staatsgesetze verstößt, derartig zu modificiren, daß dieselbe keine bürgerliche Aechtung ausspricht. Sollte der Bischof Widerstand leisten, so würden jedenfalls ernstere Maßregeln gegen denselben getroffen werden. — Aus den Einnahmeetats des Reiches ersieht man, daß im Gebiete der deutschen Postverwaltung pro 1873 eine Einnahme aus der Wechselstempelsteuer veranschlagt ist mit 1,636,570 Thlr., daß von dieser Summe 24 pCt. Antheile der Landesregierung abgehen, wodurch eine Effectiveinnahme von 1,385,140 Thlr. verbleibt.
Die „Germania" tritt der Behauptung entgegen, daß der Domherr v. Kozmian in Homburg v. d. H. von ihm eingesammelte PeterSpfennige oenpielt habe; der Herr Prälat habe zwar mit kleineren Einlagen aus eigener Tasche allerdings an besagter Bank sein Glück versucht, aber durchaus nicht mit PeterSpsen- nigen; solche habe er überhaupt nie gesammelt. Ueb« rigens werde Hr. v. Kozmian die „Nordd. Allg. Ztg.", welche außer dem eben Erwähnten noch behauptet hatte, genannter Herr habe sich in Homburg mit einem Frauenzimmer herumgetneben, gerichtlich belangen.
München, 12. März. Die Abgeordnetenkammer hat heute die Budgetberathung fortgesttzt. Tie Voranschläge des Berg- und Hüttenwesens und der Ver- kehrsanstalien, sowie der Staatsschulden-Etat wurden nach den Ausschuß-Anträgen, ferner ein Antrag auf geeignete Denaturirung des Viehsalzes angenommen. Z» dem vom Abg. Freitag gestellten Anträge, särnrnt- lichen aktiven Staatsbeamten die Annahme von Gründer- oder Verwaltungsrathsstellen an industriellen Unternehmungen bei Strafe ber Entlassung aus bem LtaatSbienste zu untersagen, erklärte ber Zustizminister Dr. Fäustle: ber Antrag sei praktisch nicht durchführbar; et (der Minister) halte die vorhandenen gesetzlichen Bestimmungen für genügen», verspreche aber eine strenge Handhabung der bestehenden Gesetze. Schließlich erklärte der Zustizminister, daß ein neues Be- arntendisciplinargesetz und eine strenge Handhabung desselben nothwendig seien. Hienach würbe ber Antrag auf den Wunsch des Antragstellers und mit Zustimmung des Justizminister an eine eigens zu wählende Commission von 14 Mitgliedern verwiesen. Auf die Anfrage deS Abg. Herz erklärte der Ministerpräsident, es sei officiell nicht bekannt, daß der Reichstag am 8 April zusammentrete. Auf die Frage, was ge
vinzen an die Spitze der Verwaltung gestellt worben falb, sich bie hohe Anerkennung ber Provinz errungen haben; so können wir noch Graf Stolberg in Hannover unb Prästbent Madai in Frankfurt nennen, welcher Letztere [ebenfalls in nicht allzu langer Zeil zu einem höheren Posten berufen werben bürste. — Nachbem nunmehr die Liste der Dvtirten den einzelnen Ressortchefs der Ministeren bekannt gegeben ist, dürfte die Veröffentlichung dieser Liste wohl nicht auf sich warten lassen unb es ist wahrscheinlich, baß die Prov.-Corr, morgen die Namen speciell verzeichnen wird; es unterliegt keinem Zweifel, daß Prinz Fried rich Karl, Graf Roon unb Graf Moltke unb General Manteuffel jeder 300,000 Thlr. erhalten hat, sowie daß Delbrück, v. Werder und v. Göbe» mit je 200,000 Thlr. bedacht sind und daß v. Voigts-Rhetz, v. Fransecky, v. Alvensleben II. und Blumenthal mit je 150,000 Thlr participiren. — Nachdem zwischen der Regierung und dem Abgeordnetenhause eine Verständigung in Betreff der Behandlung ber Kteisorbnung eingetreten ist, läßt sich ber Verlaus ber Landtags-Session näher feststellen. ES ist nämlich vereinbart worben , daß bie Berathung der Kreis orbnung sofort beginnen unb zu Ende geführt werben soll. Der Wunsch, bieses Reformwerk in der laufenden Session zu erledigen, ist allseitig, und eben diesem Wunsche entspricht die Vereinbarung, daß zu Ostern weder ein Schluß noch eine formelle Vertagung des Abgeordnetenhauses eintreten soll, daß das Abgeordnetenhaus vielmehr seine Arbeiten nur abbrechen soll, um durch das Präsidium-deS Hauses seiner Zeit wieder einberyfen zu werden. Währmd dieser Pause |oU das Herrenhaus die KreiSordnung in Berathung nehmen, und so hofft man in geeigneter Zeit den Abschluß des Ganzen zu erreichen. Dieser Compro- miß wird unzweiselhast in bem Sinne zu deuten lein, daß Regierung und Abgeordnetenhaus sich zur Lösung dieses seit langer Zeit auf der Tagesordnung stehende» Gesetzes die Hanv bieten ; die StaatSregieiung ihrerseits geht von dieser Auffassung aus, indem sie auch nach den CommissionSverhandlungen urtheilt, daß die Vorschläge der Commission im Plenum ein williges Ohr finden werten. Ob die Commission deS Herren Hauses sich diese Auffassung zu eigen mache» wirb, ist fraglich, jeboch wirb man auch hier nicht allzu pessimistische Ansichten habe» dürfe». — Wie man hört, hat die Regierung de» Bischof Cremenz von Erm-
verloren, wie die Berichte von lassen und eS zeigt dieser'Fall sämmtliche Beamte, die in den neu erworbenen Pro-
DaS ÄefliMentSalbttW.
(Fortsetzung.)
IV.
Vierzehn Tage lang saß et in absoluter Einsamkeit ohne Besuche, ohne Neuigkeiten und ohne andere Zerstreuung als de» Straßenlärm, Bodin's Dienst unb die krassen Romane eines schlechten Lesekabinets gefangen. Fünf oder sechsmal ergriff ihn die Scham, er wollte seine Schläfrigkeit abschütteln und ein Buch über die Zukunft ber Kriegskunst anfangen. Die Ge Itgenheit schien günstig, um bie neuen Ideen, die schon lange in ihm gähnen, an’s Tageslicht zu bringen; »der er sah mit Schmerz, daß fein Kopf den Dienst dersagte; das Decken brach sich an dm Mauern dieses Zimmer» die Flügel, und er begriff, daß die Freiheit, zu kommen und zu gehen, für bie Geburt von Gedanken unerläßlich jst unb daß man die Tage der Gefangenschaft auS dem Leben streiche» muß.
Während er so vor sich hinlebte, kehrten Frau Humdlot und ihre Tochter nach MaranS zurück. Antoinette war nach dem Fehlschlage» ihrer Hoffnungen eher exaltirter wie abgekühlt geworden. „Wenn Gott will, daß ich mich verheirathe", sagte sie, „so wird er wich Denjenigen wiederfinden lassen, den er meinen Dez hat kreuzen lasten." Blanche Vautrin freute sich an ihrer Verzweiflung wie ein wahrer, kleiner Teufel. Sie verließ ihre Märtyrin gar nicht, sie führte sie parieren, sie pferchte sie ein, sie badete sich f0 zu jagen in ihren Thränen, sie kostete sie kalt Tropfen für Tropfen; dann plötzlich fing sie an zu seufzen, Ä sich selbst an dm Haaren, umarmte die arme An- Ginette und warf sich Verzeihung bittend zu ihren Füße», Die Andere hatte viel zu viel mit sich selbst thun, um nach Erklärungen für diese merkwürdige
bet Kundgebung bee Mitleid« zu forschen, und
wußte nicht, wie sie ihre Dankbarkeit ausdrücken sollte. „Wie gut Du bist, Blanche!"
„Verwünsche mich lieber, ich habe eine schwarze Seele! Ich bin ein Ungeheuer!"
Drei oder vier Mal hatte sie schon den Mund geöffnet, um Alles zu sagen. Ihr jungfräulicher Stolz hielt sie aber immer wieder zurück. „Ich würde es g.stehen, wenn ich sechzehn Jahre alt wäre, aber ich bin nur fünfzehn: die Welt ist dumm, sie behauptet, daS Herz habe fein Alter; aber dieser Grundsatz gilt nicht für die Jugend, er ist das Monopol alter Närrinnen von vierzig Jahren!"
AIS Fräulein Humdlot Abschied von ihr nahm, sagte Blanche: „Ich empfehle mich ihrer Freundschaft. Die Kränkste von unS Beiden bin ich. Mein Gewissen ist wie ein mit Todten und Verwundeten be säeteS Schlachtseid. Ich habe, um Ihnen zu dienen, alles Menschenmögliche gethan; Wenn Sie unbefriedigt fortgehen, sind andere mehr zu beklagen wie sie."
Niemand suchte den Sinn dieser unzusammenhängenden Worte — was für dummes Zeug spricht nicht oft ein sünszihnjähriger Backfisch!
Die Dame» von Marans hatten Nancy feit achtundvierzig Stunden verlosten, als Paul Astier wieder im Casino erschien. Seine Kameraden berei leten ihm eine Festlichkeit, einige fielen ihm um den Hals. Da» Kommando hatte eS nicht für gut befunden, die Gründe feiner Bestrafung zu publiziren, man wußte weiter nichts, ^tls daß er sich dem Ba- tailloiiSchef gegenüber schwer verfehlt hatte. Sein Name war von der Liste der Vorgeschlageaen gestrichen, und der Lieutenant Foucault von der dritten Kompagnie deS zweiten Bataillons war an seine Stelle gesetzt worben. Der brave Mensch entschuldigte sich hierüber bei ihm unendlich. Astier empfing die Bei
leidsbezeugungen seiner Freunde sehr höflich, aber nicht ohne Rückhalt: er öffnete fein Herz nur halb. AIS man beim Dessert ihm zu Ehren Sekt entkorkte, kam er dem Toast mit den Worten zuvor:
„Einen Augenblick, meine Herren! Erinnern Sie sich, daß ich im vorigen Jahr eines Tages an diesem Tisch eine gewisse Karrikatur des Kommandanten Moinot unter Ihnen ciiculiren ließ?"
Die Gäste, die, das Glas in der Hand, schon aufgestanden waren, sahen einander an, ohne zu begreifen , um was es sich handelte. Er wartete ihre Antwort nicht ab unb fuhr in kurzem Tone fort:
„Das Essen ging so fröhlich zu Enbe, baß ich nicht daran dachte, diesen Papierlappen wieder einzustecken. Hat ihn irgend Einer von Ihnen zufällig aufgenommen?*
«Ich," sagte Foucault.
„Was, Sie? Das Zusammentreffen ist ja merkwürdig."
„Wie so?"
„Haben Sie den fraglichen Gegenstand bewahrt?"
„Nein, ich legte ihm keine Wichtigkeit bei unb habe ihn Jemandem geschenkt."
„Geschenkt ober geschickt?"
„Von Hand zu Hand geschenkt."
„Foucault, ich befehle Ihnen, mir auf ber Stelle zu sagen, wem Sie ihn geschenkt habm!"
„Astier, ich nehme Befehle nur von meinen Vorgesetzten an."
„Wenn Sie meine Befehle nicht annehmen, so nehmen Sic boch immerhin mein Glas in’« Gesicht an!"
Die Geste folgte ber Drohung, boch legten sich bie Kameraden frühzeitig genug in'« Mittel, um die Ausführung der Geste zu hindern.