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$r. 61. Marburg, Mittwoch, den 13. März. 1872

Oberhessische Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberhesfische« Zeitung mit KreiSblatt durch die Expedition (Koch'sche Buchdruclerei) bezogen 12; Lar., durch die Postämter 27 Lgr. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl- Stempel 22 Lgr. JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

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^Marburg, 12. März.

Der König von Würtemberg ist vorgestern Nacht 11 Uhr 5 M. von Berlin nach Petersburg abgereist. Der Minister d. I. Graf zu Eulenburg konnte am Sonnabend bereits wieder der Sitzung des StaaiS- ministeriumS beiwohnen. Aus Traunstein ist vor­gestern folgendes Telegramm an den Fürsten Bismarck eingetroffen:Des Reiches großem Kanzler erschallt auS Anlaß der siegreich gewonnenen Getsterschlacht im Herrenhause bei kräftigem Höllenbräubier ein kräftiges, dreifach donnerndes Hoch in den Kreisen der deutschen Patrioten in Traunsteins

Der Wiener GeselligkeitsvereinSaxonia" sandte folgendes Telegramm an den Reichskanzler Fürst Bis- marck:Herzlichen Glückwunsch zum Erfolge im Herren­haus«. DieMontagSrevue" in Wien meldet: Wie­wohl der Beschluß der Bukarester Kammer, für die Eisenbahnstrecke von Jassy bis zur russischen Grenze die Spurweite der russischen Bahnen anzunehmen, in Oesterreich zu Bedenken Anlaß geben konnte, so habe daS kaiserliche Cabinel doch jede Reklamation deßhalb unterlassen. Eine vorgestern von der Linken veran­staltete Volksversammlung in Pest nahm unter Theil- nähme zahlreicher Deputationen aus einzelnen Lanbes- cheilen den Entwurf Tisza'S betreffs Organisation der Partei der Linken für die nächsten Wahlen an und ernannte sodann einen größeren Wahlausschuß. Abends brachte die Versammlung dem Club der Linken einen Fackelzug. Von der gleichfalls vorgestern statlgehabten Conferenz der Dcakpartei wurde der -Gesetzentwurf über die Jncompatibilität in modificirter Fassung ge­nehmigt.

Die Tessiner Regierung erklärt sich zu der von Rom beantragten Conferenz behufs Regelung der kirch­lichen Verhältnisse Tessins bereit.

Gestern Morgen hatte ThierS eine Unterredung mit Bevollmächtigten der Commission über den Le- stanr'schen Gesetzentwurf. Eine Vereinbarung gilt jetzt für wahrscheinlich. An dem Gerüchte über die Ent­lassung Harcourt's, des Botschafters bei der römischen Eurie, ist kein wahres Wort.

Das Schwurgericht zu Brüssel vcrurtheiltc ge­stern Langrand-Dumonceau wegen betrügerischen Ban­kerottes zu 10 Jahren Zuchthaus in contumaciam.

Der deutsche Turnverein in L o n d o n hat folgendes Telegramm an den Fürsten BiSmarck gerichtet:Dem energischen Vertreter deutscher Sitte und deutschen Rechtes unseren Dank und diesen Gruß als Zeichen unserer Hochachtung und Verehrung."

Dem Vernehmen nach wird die italienische

DaS RkgimentSalbum.

(Fortsetzung.)

Beim Mittagessen erzählte Frau Vautrin ihrem Gatten das Hauptsächlichste.Liebes Kind," sagte ber Kolonel,ich bedauere, daß dieses gute Loos kei­nem unserer jungen Leute zugefallen ist. Die Lieute­nants würden vergnügter sein, wenn sie denfünfund- sechzig Franken, die sie am Ersten deS Monats baar bekommen, fünftausend LivreS Rente hinzusügen könnten."

Aber, Papa," fragte Blanchette,kommt cs vor, baß ein Offizier vierundzwanzig Stunden die Garni­son verläßt, ohne dem Obersten Anzeige zu machen?" . ._»$.>! gewiffen Orten kann daS durch die Nach­lässigkeit der Borgesetzteit geschehen, in meinem Regi ment ist etwas AehnlicheS nie entdeckt worden und wird auch nie entdeckt werden!"

»Oh, Papa, dann gehört der Offizier, wenn er Überhaupt existirt, nicht zu unserem Regiment."

Frau Humblot und ihre Tochter waren nicht wil­len-, Abends zu fehlen. Als Blanche Antoinetten einteeten sah, empfand sie einen Stich im Herzen. ®in Kind, das sich häßlich weiß, das leidenschaftlich ichvn zu sein wünscht, das sich vorgenommen hat, ein Ideal von Adel und Anmuth zu werden, sieht sich plötzlich gerade so, wie sie stets zu sein geträumt hat, den Salon treten! Welcher Zorn! Die majestä- llschc Gestalt, die Geschmeidigkeit der Glieder, die Fülle der gönnen, die Reinheit der Linien, die Weiße

Teints, die strahlende Gesundheit, die heitere Grazie, die ihr die Natur versagt hat, all' das sieht fie in der Gewalt einer Anderen! ES scheint, als ob ihre ganze Person ihr gestohlen und ihr aus Mitleid einen Lappen vom Ausschuß zugeworfen habe.

Regierung demnächst von der Kammer die Bewilli­gung einer halben Million Francs für die Wiener Welt-Ausstellung verlangen. DerEconomista" theilt mit, daß zwischen der französischen und italie­nischen Regierung wegen Herstellung zweier inter­nationaler Bahnhöfe auf der Mont-Cenis-Bahn in Modane und Ventimiglia eine Convention abgeschlossen sei. Einem Telegramm desSchwäb. Merk." zu­folge ist Mazzini vorgestern Nachmittag in Pisa gestorben.

Graf Chambord ist gestern von Breda nach Köln gereist.

Deutsches «eich.

Berlin, 11. März. Der Kaiser hat mittelst Ca- binets Ordre allen denjenigen in diesseitigen Festungen zur Zeit noch detinirten französischen Militärpersonen, welche während der Kriegsgefangenschaft wegen mili­tärischer Verbrechen entweder kriegsrechtlich zu Frei­heitsstrafe verurtheilt oder aber kriegsrechtlich zum Tode verurtheilt und von Sr. Maj. zu Freiheitsstrafe begnadigt sind, den Rest der von ihnen noch zu ver­büßenden Strafe in Gnaden erlassen, in sofern sie eines solchen GitadenbeweiseS sich nicht durch schlechte Führung während der Strafzeit unwcrth gemacht haben. Von den durch diesen Amnestie-Erlaß betrof­fenen bisherigen französischen Kriegsgefangenen trafen am Sonnabend und gestern dir in den Festungen der östlichen Provinzen internirt gewesenen, behufs Weiter­beförderung nach Frankreich hier ein und wurden heute früh in militärischer Begleitung auf der Anhalter Bahn zunächst nach Erfurt befördert.

Posen, 10. März. DieOstd. Ztg." schreibt: Das Kozmian'sche Erziehungsinstitut dürfte in Folge Der bekannten Vorgänge wohl das Vertrauen bei den Eltern verloren haben, und uns würde eS gar nicht in Erstaunen setzen, wenn die letzteren ihre Söhne einem solchen Institute sofort entziehen würden, wie dies die Baronin v. Juillac zu Toulouse, die hier bekannte Gräfin Plater, gethan hat, freilich sehr gegen den Willen deS Prälaten Kozmian, der zugleich Vormund der beiden aus einer anderen Ehe stammen, den Söhne der jetzigen Baronin v. Juillac ist. Als der hier anwesende Baron v. Juillac dem Prälaten mittheilte, er habe den Auftrag, die beiden Zöglinge, welche die Mutter bei sich sehen wollte, aus der An statt mit sich zu nehmen, verweigerte Kozmian ent­schieden die Herausgabe derselben, so daß der Stief­vater sich gezwungen sah, polizeiliche Hülfe in An­spruch zu nehmen. Doch auch polizetlicherseits ver­

langte Hr. Kozmian erst eine förmliche Verfügung und berief sich darauf, daß er Vormund der Knaben sei. Die königl. Polizeidirection richtete nun, wie wir hören, an den Prälaten ein Schreiben dahin lautend, daß nach der von der königl. Regierung verfügten Schließung der Anstalt dem Wunsche der Mutter unbedingte Folge geleistet werden muffe, um so mehr, als nach dem Tode des Vaters der Knaben gesetzlich der Mutter das Recht der Erziehung ihrer Kinder zustehe; sie werde dieselbe so lange bei sich behalten, bis über ihre anderwcite Unterbringung befunden worden sei. Dem Prälaten aber müsse anheimgestellt werden, seinen Widerspruch gegen die Intentionen der Mutter bei dem Vormundschaftsgcrichte zur Erörte­rung zu bringen. Auf Grund dieser Verfügung ver­anlaßte gestern ein Polizeibeamter die bis dahin ver­weigerte Herausgabe der beiden Zöglinge, deren Ab­reise zur Mutter nunmehr ungehindert ist."

Erfurt, 11. März. Kaum hatte sich unsere Stadl von dem Eindruck einer am 6. d. Nachmittags kurz vor vier Uhr verspürt«! Erderschütterung erholt, als am Abend des folgenden Tages gegen sechs Uhr die Feuerglocke dieselbe von Neuem in Aufregung ver­setzte. Derjenige Theil des evangelischen Waisen­hauses, welcher seiner Zeit Augustiner Eremitenkloster gewesen und in der bis jetzt die von Martin Luther ats Mönch (15058) bewohnte Zelle gezeigt wurde, ist ein Raub der Flammen geworden. Auch die Zelle, in welcher er seinen gewaltigen Seelenkantpf gekämpft, ist mit allen ihren Schätzen verbrannt. Die Bibel mit Luthers eigenhändigen Randbemerkungen, mehrere handschriftliche Aufzeichnungen anderer Männer der ReformationSzeit, das Fremdenbuch, der Todtentanz und vieles andere Unersetzliche ist zu Grunde gegangen. Außer dieser historischen Denkwürdigkeit ging auch das Museum des Waisenhauses, eine Sammlung aller Curiosa, Paritäten und Naturalien, sammt einem von Beck gemalten Todtentanz zu Grunde. Die Ursache deS Unglücks ist noch nicht festgestellt.

Frankreich.

Versailles, 10 März. Eine sehr eigentbümliche und ziemlich geheimnißvolle Angelegenheit beschäftigt gegen »artig die officiellen Kreise in Versailles in hohem Grade. Am 12 Februar tarn nämlich ein höherer Offizier, ein Infanterie Commandant, zu dem Bilder­händler, der sich in der Nähe des Theaters Gynmase befindet und welcher Caricaturen auf den Exkaiser und seine Anhänger feil hält, und befahl demselben im Namen des Generals Ladmirault sofort den Un-

Die Kleine besaß eine gewisse Seelenkraft. Sie wußte ihre erste Bewegung, Fräulein Antoinette die Augen anszukratzen, zu unterdrücken. Dean gab sich die Hand, man lächelte, man tauschte anscheinend ohne Atistrengung die gewöhnlichen Gemeinplätze der Höf­lichkeit aus. Die Bekenntnisse, wie sichs gehört, er­fragt, ließen nicht auf sich warten. Das Opfer war von einer unvergleichlichen Offenherzigkeit. Sie zwei­felte nicht im Mi-besten an der Aufrichtigkeit des jungen Mannes, sie wollte keinen Augenblick zugeben, daß er sich irgend Etwas angemaßt hätte, was ihm nicht zugekommen. Sie meinte, daß die beiden Mütter das Album zu schnell durchgesehen hätten, oder-daß eine der Photographien nur halb ähnlich wäre: die Vonne ist ein launenhaftes Gestirn, warum soll sie eine unfehlbare Künstlerin fein?

Blanche that fo, als ginge sie auf diese Illusion ein. Sie zog die schöne Fremde mit sich aus dem Salon, wie um sie in Sicherheit vor schwatzhaften Neugierigen zu bringen, und legte, mit ihr allein, in einem kleinen Winkel das Album in ihre Hände. Nachdem dieselbe es durchftudirt, wurde sie von der Verdorbenen umarmt.

Glauben Sie nicht", sagte diese,daß es einen Ihrer würdigen Offizier in dem Regiment meines Vaters gibt, ich weiß es wir müsse» anderswo suchen, ich übernehme Alles, vielleicht finden wir den Glücklichen im Generalstab. Morgen wollen wir un­seren Feldzug beginnen. Lassen Sie uns aber jetzt nach unten gehen; Mama hat bekannt gemacht, daß sie heute Abend zu Hause wäre; die Gesellschaft wird zahlreich werden, da Ihre Ankunft ein Ereigniß und Jedermann Sie kennen lernen will; wer weiß, ob er nicht darunter ist?"

Als sie eintraten mar im Salon schon eine große Menschenmenge versammelt Alle Frauen der Garnison waren, um zu sehen, viele Junggesellen, um sich zu zeigen, gekommen. Mehr wie einer hatte sich, indem er die Aufschläge seines Rockes sorgfältig bürstete, gesagt:Wenn der Himmel gewollt hat, daß eine schöne Erbin ein Auge auf tie Garnison von Nancy wirft, so treibt er vielleicht auch Die Originalität so weit, mich persönlich den Augen der Schönen wohl­gefällig zu machen." In dieser Hoffnung suchte sich Jeder von der besten Seite zu zeigen, welche der Eine in seinen Fuß, der Andere in seinen Leib, der Dritte in seinen Kopf setzte. Demgemäß streckte der Eine seine Füße von sich, drehte sich der Andere im Kreise und wirbelte der Dritte seinen Schnurrbart. Unter so vielen hübschen Leuten glänzte Paul Astier durch seine Abwesenheit. Seitdem er in dem Hause de» Obersten mehrmals üblen Empfang durch Blanchette gefunden, kam er nur auf birecte Einlavung, ober um geradezu nothwendige Besuche zu machen.

Während Fräulein Humblot Denjenigen suchte, den sie nirgends finden konnte, hatte Blanche die Ge- nugthuung, Herrn Moinot bei Seite, aus Leibeskräf­ten gestikulirenv, mit ihrem Vater sprechen zu sehen. Gegen Tagesende war Nachstehendes geschehen:

Als Astier im Kasino seine Serviette faltete, wurde er durch dringenden Befehl zu seinem Bataillonschef gerufen. Er eilte in der Hoffnung, daß Papa Moi­not irgend eine« Dienstes bedürfe, und entzückt, sich einem Manne, den er liebte, nützlich machen zu können, fröhlich zu ihm.

sobald er vor dem alten Offizier stand, merkte er, daß der Barometer Sturm zeigte. In der Mitte eines ganz bleichen Gesichts flammte die rothe Nase.