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Marburg, Sonntag, den 3. März.
1872
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I Oberhessischc Zeitung.
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Wir haben unfern Lesern in flüchtigen Umrissen die verschiedene Lage der Gesetzgebung in Betreff deS Ferhältnisse« der Schule zur Kirche und Staat in der Provinz Hessen und Altpreußen dargelegt und gezeigt, daß das SchulauffichtSgesetz an unfern Verhältnissen nichts ändern wird.
Dank sei rt der Tüchtigkeit des LehrerstandeS, der Sorgfalt der Geistlichen, dem christlichen Sinne unserer Bevölkerung, unsere Volksschule steht auf einer «iten Stufe. Der Staat hat die christliche Jugenderziehung stets mit allen Kräften gefördert, als den Loden, auf dem seine eigene Existenz beruht, und wir können daher nach unserer langjährigen Erfahrung unsere Einrichtungen nur als bewährte betrachten.
Darum vermögen wir auch für Altpreußen die Annahme derselben Grundsätze, wie sie im Wesentlichen m dem neuen Gesetze enthalten find, nicht für bedenklich zu hallen.
Dagegen müssen wir anerkennen, daß ein Berhält- Bi|, wie eS bis jetzt in Altpreußen bestand und wonach der Staat zwar den Lehrer an der Volksschule fertigen, seinen unmittelbaren Vorgesetzten aber unter allen Umständen im Amte belassen mußte, zu ernsten Gefahren führen kann. Wenn die Regierung versichert, daß diese Gefahren vorhanden, daß Seiten« der Geistlichen namentlich in Polen in den Schulen der Haß gegen die deutschen Mitbürger und die deutsche Regierung gepredigt und die Fundammte des Staates also angegriffen werden, so Haden wir keinen Grund, diese Angaben zu bezweifefn. Und wenn die Regie- nmg als Mittel zur Abwehr solcher Angriffe das gesetzliche Recht verlangt, solche verderbliche Einflüsse in der Person der Lokal-Schnlinspectoren äußersten Falles beseitigen zu können, so kann man ihr dicS Mittel nur verweigern, wenn man ein anderes dafür «»zugeben weiß, mit welchem derselbe Zweck ebmso sicher zu erreichen ist.
Von keiner Seite ist aber bis jetzt ein anderes geeignetes Mittel in Vorschlag gebracht und darum mußte gerade von der Seite, welche sich die Aufgabe gestellt, bk christlichen Fundamente des Staate« nach eilen Seiten und gegen jeden Angriff zu ver- cheidigen, dem Gesetze zustimmt werden.
Leider sind diese einfach sachlichen Erwägungen bei der Berathung de« Gesetze« wesentlich bei Seite gelassen worden. Durch diejenigen, welche al« Ver-
theidiger de« Gesetze« auftraten, ist eine unrichtige Auffassung über die Tragweite de« Gesetzes hervor- gerufen worden. Die religionslose radikale Partei begrüßte mit Jubel das Gesetz al» erste Etappe auf dem Wege, Christenthum und Religion aus der Schule zu entfernen. Gemäßigtere Liberale fanden darin einen Schritt auf dem Wege zur Verwirklichung ihres Ideals, einen Staat herzustellen, der nicht von Menschen mit Fleisch und Blut, sondern von abstrakten Theorien bevölkert ist.
Obgleich das neue Gesetz nicht» von alledem enthält und der Regierung sicher nicht« ferner liegt, als den Einfluß des Christeuthums in der Schule zu beinträchtigen, ist e« doch nicht zu verwundern, daß Männer, welche jenen radikalen Theorien mit Energie entgegentreten, welche diesem Anstürmen gegen die Grundlagen der Ordnung der menschlichen Gesellschaft den bestimmtesten Widerstand entgegensetzen — daß diese Männer im Widerstreite gegen die Vertheidtger zu einer Opposition gegen das Gesetz selbst geführt würben, welche in der Sache nicht nothwenbig begründet war.
Wir reden hier nicht von denen, welche dem Gesetze in der von der Regierung selbst ausgesprochenen Auffaffung entgegentraten, denn mit diesen haben wir nichts gemein, sondern von den Männern, welche aus patriotischer, christlicher Gesinnung zu Gegnern geworden waren.
Wir verstehen daher auch die Angriffe nicht, welche aus diese echt konservativen Männer Seiten« eines Theile« selbst der osficiösen Presse gerichtet werden. Eine Sprache, wie sie die „Nordd. Ztg." führt, verstehen wir hier zu Lande nicht, wir denken, e» sei für diese Zeitung am wenigsten Grund vorhanden, mit Knitteln auf Männer loszuschlagen, vor deren bewährtem Patriotismus gerade da« Preußische Blatt alle Ursache haben sollte, den Hut zu ziehen. Wir.wollen uns in der ruhigen sachlichen Beur- theilung der Dinge, wie wir sie in Hessen gewohnt sind, nicht irre machen lasten.
Sem LenStaze.
Haus der Abgeordneten. 39. Plenar-Sitzung vom 29. Februar 1872.
(Schluß.)
Rach längerer Debatte werden die für das land- wirthschaftliche Museum geforderten 100,000 Thlr. mit 150 gegen 130 Stimmen abgelehnt. Ein von den Abgg. LaSker und Techow gestellter Antrag, die
disponiblen 100,000 Thaler noch für Gymnasien und Realschulen zu bewilligen, wird angenommen. Die übrigen Positionen deS Nachtragsetats werden angenommen. Schließlich wird daS Etatsgesetz einstimmig genehmigt. Nächste Sitzung Sonnabend 11 Uhr.
P-Msche Wschen-Uebersicht
, Nachdem am vorigen Montag das preußische Abgeordnetenhaus das Gesetz, beir. Steuererlaß und Abschaffung der Schlacht- und Mahlsteuer im Ganzen (nach den AekideruNgen der Commission) angenommen hatte, wurde dasselbe in der gleichen Sitzung von der Regierung zurückgezogen. In den übrigen Sitzungen dieser Woche beschäftigte sich die Kammer mit der zweiten Berathung des Etats für 1872. Das Herrenhaus wird am 4. b. M. seine Sitzungen toieber aufnehmen; unterbesten wurden in dasselbe fünf neue Mitglieder berufen, zwei davon durch des Königs eigne Jniative, drei durch Bestätigung der Präsentation der betr. Städte.
Am 22. Februar beendigte der VerfassungSauS- schuß des österreichischen Abgeordnetenhauses die Generaldebatte über das Elaborat des Subcomites betr. den galizischen Ausgleich; am 26. Februar begann die eingehende Erörterung der einzelnen Punkte. Die Regierung erklärte von Anfang an ihre Zustimmung zu dem Ausgleich und der günstige Verlauf, den die Berathungen bis jetzt genommen, lasten eine glückliche Lösung erwarten. Der Kaiser weilt als König von Ungarn gegenwärtig in Ofen, wohin auf seinen Befehl auch der Premier Minister Andrasty übergesiedelt ist.
Nationalrath und Ständerath der Eidgenossenschaft haben die zweite Berathung der Bundesrevision fortgesetzt und in manchen Fragen, in welchen sie bis da auseinander gingen, eine Verständigung gefunden.
Selbst England und Amerika mit ihrer hin- und hergezogenen Alabamafrage sind in der Geschichte der letzten Tage etwas zurückgetreten vor unserem Nachbarstaate Belgien. Die Besuche der Legitimisten aus den Reihen des Abels und BürgerstandeS steigerten sich täglich am Hofe Heinrich V., wie man das Hotel St. Antoine in Antwerpen, die Wohnung des Grafen Charnbord, hin und wieder genannt hat. Die Pöbelexceste der dem Grafen freundlichen und feindlichen Parteien vor feinem Hotel haben zunächst zu Interpellationen in der Kammer geführt." Wie sich voraussehen ließ, wurden dieselben durch moüvirte Tagesordnung erledigt. Endlich machte der Graf jeg-
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Eine Frau von fünsundvierzig Jahren, groß, schlank, und noch hübsch, durcheilte die Straße Saint Dizier in Nancy. Sie lief in einem solchen Schritt, baß jhr Führer, ein Kellner des Hotels d'Europe, ganz außer Äthern gerieth. Die Augustsonne brannte ihr gerade auf den Scheitel, aber sie dachte nicht da ran, ihren Sonnenschirm zu öffnen, den sie wie einen Speer schwang. E« war augenscheinlich eine Dame den, Lande; das Gesicht von bräunlichem Teint; das Äeib von einer Seide, die für die Jahreszeit viel zu stark und zu schwer war; der mit wunderbaren Stickereien buntscheckig besetzte Flor; der sehr verzierte, aber mindestens um ein Jahr hinter der Mode zurückgebliebene Hut; die Edelsteine, die erstaunt schienen, sich em h-llen Mittag draußen zu befinden, AlleS das derrieth eine jener anständigen Rentnerinnen, die das beste Französisch gelernt haben, ohne doch je ihren heimathlichen Dialeet zu vergessen.
„Madame! Madame Humblot!" rief keuchend der bienstbare Geist. „In einer Minute, wenn'S gefällig «st, werden Sie das Haus erreichen."
Sie drehte sich rasch um, und diese Heroin, die eben noch im Sturmschritt marschirte, wurde plötzlich tagender und ängstlicher al« ein Mädchen, das zum ttsten Mal einen Ball besucht. „Schön," sagte sie, aber wo beim?"
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„Da, bei dem Schilderhaus. Wenn Sie einen Voltigeur stehend und einen Sappeur sitzend vor derselben Thür finden, brauchen Sie nicht zu fragen, ob «i« Oberst im Hau« wohnt. Der Doppelposten ist da« Hausschild."
[ „So? Ja, ich erinnere mich. ES ist sehr ein« stich. Und wie sag« Sie, heißt er?*
„Vautrin. Er ist sehr schön, so wie Sie, Madame Humblot, und ein braver Mensch, der alle Sonntage ein famoses Essen gibt, nachher Ball bis sechs Uhr Morgens mit Eis, Thee, Punsch . . .*
„Gut, gut. Und feine Frau? ... Er ist doch verheirathet, nicht wahr?"
„Gewiß. Seine Frau? Sehr fein, hat aber noch nichts erfunden, unbeschadet der Achtung, die ihr Jedermann erweist. Was ihre Tochter angeht . . ."
„Danach frage ich nicht. Allein ich bin sehr bange, daß Frau Vautrin auSgegangen ist."
„Ich will einmal das Kindermädchen da fragen."
Der fo familiär thuende Spaßmacher ging über die Straße, wechselte einige Worte mit dem Sappeur und kam mit den Worten zurück: „Dieser kleine Schurke schwört mir auf seinen Bart, daß Alle zu Hause sind. Also, wenn'« gefällig ist...***
„Aber woran habe ich nur gedacht — so früh zu kommen! Ich werde sie ja noch bei Tische finden..."
„Gewiß nicht, cö ist drei Viertel auf Eins, es sind also schon fünfundvierzig Minutm her, daß jeder Soldat in Frankreich und Afrika gespeist hat."
„Gehen wir, um so besser," seufzte Frau Hum blot. Im Grunde ihres Herzens war sie mehr ergeben wie zufrieden. Daß sie die Fran de« Obersten spreche, war nöthig. Um bis zu ihr zu gelangen, würbe sie Gebirge überklettert, Meere durchfahren haben, ja über glühende Kohlen gelaufen fein; aber vor diesem glatten Wege und dieser offenen Thür fiel ihr der Muth auf die Erde. ES fehlte wenig, so hätte sie wieder abgesattelt und sich in den Gasthof zurück begeben. Der pausbäckige Cicerone schnitt ihr aber den Rückzug ab, indem er sagte: „Nun Madame Humblot? Gott verzeih' mir, aber es sieht wahr
haftig so aus, als ob ich Sie zu einem Zahnarzt führte!"
Bei diesem Worte hob sie den Kopf, zuckte die Achseln und trat unter das Einfahrtsthor, begleitet von dem bärtigen Sappeur. Dieser übergab sie den Händm einer Köchin, die sie einer Kammerfrau überlieferte, und in weniger als vier Minuten polterte Frau Humblot ganz betäubt in einen sehr reich auS- geftatteten Salon hinein.
Bei ihrem Eintritt und ihrem Namen erhob sich eine dicke Dame, die einen kleinen Schrei des Schreckens ausstieß, und ein junges Mädchen mit zerzaustem Haar lief, ein trotziges Gesicht machend, herbei. Frau Vautrin war furchtsamer Natur, -ihre Tochter dagegen nicht im Mindesten. Die Junge beruhigte die beiden Alten, bot Frau Humblot einen Sitz an und bat sie, die Gründe ihre« „liebenswürdiger Besuchs" mit Muße zu enthüllen.
Frau Humblot fühlte, daß ein Zurücktreten unmöglich wäre, und setzte nach einigen Worten der Entschuldigung in guten AuSvrücken auseinander, daß sie seit langen Jahren Wittwe sei, daß sie eine neunzehnjährige Tochter habe, und daß sie ein großes Gut in Marans, Charente-Jnferieure, besitze. Ein Zusammentreffen unvorhergesehener, um nicht zu sagen, sonderbarer Ereigniffe zwinge sie, ihre theuere Tochter Antoinette mit einem Offizier der Garnison von Nancy zu verheirathen. Der junge Mann mache zwar einen vortrefflichen Eindruck, man sei aber nicht genügend Über seinen Charakter, seine Gewohnheiten und seine Grundsätze unterrichtet, und dcßhalb rufe eine Mutter die alte Geheimbündelei der Mütter an, um von Frau Vautrin in einer so wichtigen Angelegenheit die entscheidende Wahrheit zu erfahren.
(Sortfetung folgt.)