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Wr. S2.

Marburg, Sonnabend, den 2. März.

1872

Oberhessische Zeitung.

Erscheint tätlich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberhesfische« Zeitung mit Krettblatt durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 81; Lar., durch die Postämter 27 Lgr. 0 Psg. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Egr. - JnsertionSgebühr für tte gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoneen-Büreaus nehmen Inserate an.

jT Für den Monat Marz nehmen die Post­anstalten, sowie die Expedition Bestellungen entgegen.__________________________

Ein Jahr nach den Friedens-Präli­minarien.

Am 26. Februar 1871 sind die Grundlagen des Friedens zwischen Deutschland und Frankreich unter­zeichnet worden. Seit jenem denkwürdigen Tage ist dir volle Frist eines Jahres verstrichen; der Frieden ist inzwischen zum endgültigen Abschluß gelangt und hat seine Wirksamkeit nicht bloß in dem völkerrecht­lichen Verhältniß der beiden Länder, sondern auch bis zu einem gewissen Grade in der Abkühlung der feind­lich erregten Leidenschaften wahrnehmbar gemacht. In den Rahmen des einen Jahres drängt sich für Frank- mch, wie für Deutschland eine Reihe der wichtigsten Ereignisse zusammen; aber wie verschieden auch in jeder Bezichung die Thatsachen waren, die sich dies­seits und jenseits der Vogesen vollzogen; sie stimmen in dem Ergebniß überein, die Hoffnung auf eine län- gert Friedensdauer befestigt zu haben.

Al« die durch einen Panier Aufstand geschaffene »Negierung der nationalen Vertheidigung" sich ge- nöthigt sah, den siegreichen deutschen Truppen die Thore der französischen Hauptstadt zu öffnen und in Friedensunterhandlungen einzutretcn, da kam noch vielfach der Zweifel auf, ob der Versuch auch zu einem wirklichen Ergebniß führen und ob das Werk der Vereinbarung, falls es gelingen sollte, nicht eher den Charakter eines Waffenstillstandes, als den eines ernsten Friedensschlusses an sich tragen werde. Bisher waren freilich alle Verständigungsversuche erfolglos geblieben. Deutschland war auf die von französischer Seite eröffneten Unterhandlungen immer bereitwillig eingrgangen; aber der leitende Staatsmann mußte natürlich an der durch die Lage der Verhältnisie gr bvtenen Bedingung festhalten, daß die in Aussicht genommene Vereinbarung dem deutschen Volke feste Friedensbürgschaften verschaffe und unter unanfecht­barer Gutheißung von Seiten der französischen Nation abgeschlossen werde. Diese Friedensvrr>uche waren wiederholt an dem Widerstreben der französischen Un­terhändler gescheitert, deren Anerbieiungm nur den Standpunkt nationaler Verblendung offenbarten, nicht aber der Macht der Thatsachen das gebührende Recht zu Thril werden ließen.

Auf einen festeren Boden gelangten die Unter­handlungen , als aus den Wahlen des ftanzöstschen Volkes eine Nationalversammlung hervorging, welche sßr das FricdenSbedürfniß des Landes ein richtiges Verständniß hatte und Herrn Thiers die Befugnisse ber Staatsleitung übertrug. Das neue Regierungs- Oberhaupt trat vor die Nationalversammlung sogleich mit der Erklärung, daß es für Frankreich nur eine kinzige, nothwrndige, dringliche Politik gäbe, nämlich

Der Eacher.

Novelle, mitgetheitt von ***en.

(Schluß.)

' 'In demselben Augenblick, wo die Sonne hinter tat waldigen Bergen emporstieg, erreichten die Wan- tatt den Gipfel einer mäßigen Höhe, von dem man tat Land gegen Norden weit hin überschauen konnte. I« Fuße dieser Höhe lag eine stattliche Burg, deren Fenstern in den Strahlen der Morgensonne blitzten. Beim Anblick dieses Schlosses entfuhr den Lippen der beiden Liebenden ein Schrei freudiger Ueberraschung

t8 war -die Haffeiburg, der Wohnsitz von Hilde gordenS Oheim.

Beide hatten unwillkürlich ihre Schritte gehemmt, unb auch ihr rätselhafter Führer war stehen geblie­ben. Er schaute sie eine Zeitlang ttef bewegt unv Ichmerzlich an und sagte dann mit unsicherer Stimme:

„Wir sind am Ziel. Dieser Pfad führt Euch jur Hasselburg, wo Ihr einen besseren Schutz finden »erdet, als ich Ihn Euch zu gewähren vermag. Um Huch aus den Händen meiner wilden, maßlos erbit taten Schaar zu retten, brachte ich Euch unter dem Ergeben, daß Ihr meiner Rache verfallen, in meine Hewatt. Einst hegte ich in der Thal wilde Rache- gedanken gegen Euren Vater und Euch," fuhr er zu Stephan gewendet fort — „jetzt aber hat die Zeit »ein empörtes Herz zur Ruhe gebracht. Laßt Euch »it wenigen Worten meine Schicksale erzählen — Ihr

die: den Nebeln des Krieges so schnell als möglich ein Ziel zu setzen. Als eine Vereinbarung über die Grundlagen des Friedens zwischen den Bevöllmäch- tigten beider Länder zu Stande gekommen war, da befürwortete Herr ThierS die Annahme des Vertrags- Entwurfs mit aller Entschiedenheit und mit dem frei- müthigen Hinweis auf die Ohnmacht und Zerrüttung Frankreichs.

So ward denn der Friede zwischen Deutschland und Frankreich zuerst in seinen wesentlichen Grund­lagen und später in aller Form abgeschlossen. Ehe jedoch der endgültige Friedensvertrag zur Unterzeich­nung gelangte, erfuhr Frankreich, wie nahe cs bereits durch einen in blinder Leidenschaft fortgeführten Krieg dem Abgrunde der Selbstvernichtung gekommen war. Unter dem Namen der „Kommune" pflanzten derno- kratisch-socialistische Ausrührer in Paris die Fahne des BürgerkrigeS auf, durch welchen die Verwil­derung des Volksgeistes in erschreckendster Weise zu Tage trat.

Nach blutigen Kämpfen und mit der äußersten Kraftanstrengung gelang die Bewältigung deS Auf­stande». Der Anschein äußerer Ordnung kehrte wieder; aber die erregte Stimmung der Gemüther läßt die Hoffnung auf dauernde Ruhe und gesundes Erstarken nicht aufkommen. Zu den Folgen des jüngsten Krieges treten die Nachwehen einer fast hundertjährigen Ver­gangenheit voll innerer Erschütterungen hinzu, und jeder Aufschwung zum Besseren scheint den unversöhn­lichen Parteien nur die Ermuthigung zu neuen er­bitterten Kämpfen zu geben.

Den besonnenen Geistern in Frankreich fehlt das Vcrständniß dieser Lage nicht. Sie erkennen, daß das Land vor Allem für die'Heilung seiner inneren Schä­den und die Wiederstellung fester Zustände zu arbeiten, nicht aber den Verlockungen des Ehrgeizes und der Herrschsucht zu folgen hat. Von solcher Einsicht ge leitet, wirkt die gegenwärtige Regiemng Frankreichs dem ohnmächtigen Verlangen verblendeter Volksmassen nach einer Politik der Rache und Wiedereroberung entgegen. Sie scheint von dem Bewußtsein erfüllt, daß sie für das Wohl nicht besser sorgen kann, al» durch gewiffeiihafte Erfüllung des Friedensvertrages und sorgsame Pflege der nachbarlichen Beziehungen zum deutschen Reiche.

Für Deutschland bietet daS abgelaufene Jahr ein erfreulicheres Bild, ein Jahr voller Früchte und Ver­heißungen. Das deutsche Reich, inmitten des Kriege» geschaffen , hat schon das erste FriedenSjahr benutzt, um sich auf feinen Grundlagen zu befestigen und den Ausbau seiner inneren Einrichtungen zu fördern. Wie in der Gefahr und der Noch des Krieges, so hat sich jetzt die Kraft des deutschen Einheitsgefühls in den Arbeiten des Friedens bewährt. Aus allen Prü­fungen ist das nationale Bewußtsein nur immer frischer hervorgegangen, und die Erinnerungen früherer Ne

werdet Euch dann manche» erklären können, waS Euch bis dahin räthselhaft vorgekommen sein muß.

„Als meine betagte Gattin an einem finstern Märzabend des vorigen Jahres in Begleitung meines einzigen Sohnes von einem Besuch bei ihrer Schwester in einem entfernten Dorf nach unsrem Wohnort zu­rückkehrte, ward sie im Zvrgc-Thal unweit der Burg Eures Vaters von einer plötzlichen Schwäche befallen, so daß sie mitten auf dem Wege ohnmächtig nieder sank. Mein Sohn eilte nach dem Flusse, um Wasser zu schöpfen und sic damit zu besprengen, aber kaum hatte er sich entfernt , als er Hufschläge hörte, die immer näher und näher kamen. Rasch zurücklaufend, erreichte er den Punkt, wo jene lag, in demselben Augenblick, als der Reiter dort anlangte. In seiner Angst, daß dieser die Ohnmächtige überreiten werde, sprang er mit lautem Geschrei auf ihn los und fiel dem Pferd in den Zügel, der Reiter aber zog fein Schwert, schlug den Unglücklichen zu Boden und ritt von bannen.

„Der Reiter war der Ritter Hugo von Staufen- burg — Euer Vater.

„Der Wehruf des tödtlich Getroffenen weckte meint arme Gattin au» ihrer Ohnmacht, aber die Sinne schwanden ihr von neuem, als sie ihren einzigen Sohn blutüberströmt neben sich liegen sah. Erst nach Ver­lauf einer halben Stunde gewannen beide so viel Kraft, um einen Versuch zum Wetterwandern zu

benbuhlerschaft und Absonderung machen immer mehr der freudigen Hingebung an das gemeinsame Vater­land Platz. Kaiser und Reich sind schon jetzt in der Liebe des Volkes festgewurzelt, wie sie früher in der Sehnsucht und der Begeisterung der Nation lebten.

So steht das deutsche Reich. sicher gegen alle äußeren Gefahren, wie gegen alle inneren Anfechtungen. Die Bürgschaften seines Bestandes und seines An­sehens ruhen in der wohlgeleitetcn und wohlgerüsteten Kraft einer Nation, deren Wehrhaftigkeit sich vor keiner Probe scheut. So blickt da» deutsche Reich mit Genugthuung auf die Vergangenheit und mit Ruhe in die Zukunft. Es trägt das Gefühl der Sicherheit in sich, aber auch den Wunsch, mit allen seinen Nach­barn in Frieden zu leben; denn es will nach den hochherzigen Worten seines Kaisers vor Allem ein „Reich des Frieden« und des Segens" sein. (P.-C)

v»m Landtage.

HauS ber Abgeordneten. 39. Plenar- Sitzung vom 29. Februar 1872.

Präsident v. Forckenbeck eröffnet die Sitzung um IIV4 Uhr Vorm.

Der Cultusminister legt Namens de» erkrank­ten Finanzministers die allgemeinen Rechnungen pro 1869 nebst Anlagen zur Entlastung der Staatsregie­rung vor.

Die Vorlage geht an die Budgetcommissivn. — Da« Haus fährt in der zweiten Berathung des Etats fort.

Abg. Referent Kieschke berichtet über den An­trag der Budgetcommissioii, die Position von 20,000 Thalern zur Vermehrung der Schulaussichtskosten zu bewilligen. Diese Summe fei bei der Vorberathung nur mit dem Vorbehalte angenommen worden, daß das Schulauffichtsgesetz zu Stande kommen werde. Der Vorbehalt soll jetzt wegfallen und das Geld ohne denfeiben bewilligt werden.

Abg. Kantak spricht sich gegen diesen Antrag aus. Im weiteren Verlauf seiner als Pole pro domo gehaltenen Rede sagt er, besser als neue Mittel gegen feg. polnischen Agitationen wäre ein ehrliche», offenes Entgegenkommen seitens der Regierung gegen den Schwachen; strenge, unparteiische Wahrung der Ge­setze, aber Wohlwollen und Entwickelung des natio­nalen Elements.

Cultusminister Dr. Falk. Das Schulaufsichts­gesetz sei allerdings noch nicht zu Stande gekommen; jene 20,000 Thlr. dienten aber auch andren Zwecken, die generell zu verfolgen seien, auch wenn das Gesetz nicht zu Stande kommt. In Erwiderung der vom Abg. Kantak vorgebrachten Klagen erklärt der Mini­ster: wollten die Polen ein Entgegenkommen der Re­gierung, so müßten sie dies auch der Regierung mög­lich machen. Wenn der Abg. Kantak Versöhnung wolle, so müsse er dahin wirken, daß vor allen Din- machen. Mühsam aber schleppten sie sich einige tau­send Schritte weiter, sanken dann aber ersctöpft nieder.

»3hr langes Ausbleiben ängstigte mich; als sie um Mitternacht noch nicht zurückgekehrt waren, ging 'ch ihnen entgegen. Ich fand sie dem Tode nahe in »em kleinen Seitenthal, durch welches der Weg nach meinem Wohnort führte, und als ich vernahm, was sie betroffen, hätte ich vor Schmerz und Wuth fast den Verstand verloren.

„Ich trug sie nacheinander heim — aber meine Hoffnung, daß Gott sie mir nicht entreißen werde, war eitel. Ehe die Sonne aufging hauchte mein Sohn seinen Geist aus, und als sic unterging, starb meine Frau vor Schreck und Gram.

„Es würde Eurem Herzen wehe thu», wollt' ich Euch meinen Zustand während der erste» Tage nach dem Tode der beiden einzigen Wesen, die ich auf Er« ben »och mein nannte, der Wahrheit gemäß schildern. Rur so viel will ich Euch sagen, daß ich Eurem Vater den Tod schwor und ihm tagelang auflauerte, ihm aber nicht beikommen konnte, da er seine Burg nicht verließ. Daß er Reue über seine rasche Thal, sowie über anderes früher begangenes Unrecht empfinde, wie ich von einem seiner Knechte in der Schenke eines fitinett Dorfes bei der Siaufenburg hörte, glaubte «nb beachtete ich in meinem wilden Rachedurst nicht, und so stichte ich Euch, seinen Liebling, auf, um Euch ^u ermorden und ihm dadurch einen tödtlichen Schlag