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1872.

Marburg, Dienstag, den 20. Februar.

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Bürger. Die Zuschauermenge war ungeheuer; doch wurde die Ordnung in keiner Weise gestört.

Spohr über Lrrthoden.

(Schluß.)

Das von seinen Freunden veranstaltete Concert hatte aber den glänzendsten Erfolg. Die neuen Cvm- Pvsitioncn Beethovens gefielen außerordentlich, beson­der« die Symphonie in A-dur (die siebente); der wundervolle zweite Satz wurde Dacapo verlangt; er machte auch auf mich einen tiefen, nachhaltigen Ein­druck. Die Ausführung war eine ganz meisterhafte, trotz der unsicheren und dabei oft lächerlichen Direc- tivn Beethovens.

Daß der arme, taube Meister die piano seiner Musik nicht mehr hören konnte, sah man ganz heut sich Besonders auffallend war cs aber bei einer Stelle im zweiten Theil des ersten Allegro der Symphonie. Es folgen sich da zwei Halte gleich nach einander, von denen der zweite pianissimo ist. Diesen hatte Beethoven wahrscheinlich übersehen, denn er fing schon wieder an zu tactirm, als das Orchester noch nicht einmal diesen zweiten Halt eingesetzt hatte. Er war daher, ohne es zu wissen, dem Orchester bereits zehn bis zwölf Tacte vorausgeeilt, als dieses nun auch, und zwar pianissimo begann. Beethoven, um dieses nach seiner Weise anzudeuten, hatte sich ganz unter dem Pulte verkrochen. Bei dem nun folgenden cres­cendo wurde er wieder sichtbar, hob sich immer mehr und sprang hoch in die Höhe, als der Moment ein- frat, wo, seiner Rechnung nach, daS forte beginnen Mußte. Da dieses auSblieb, sah er sich erschrocken um, starrte daS Orchester verwundert an, daß es noch immer pianissimo spielte, und fand sich erst wieder zurecht, als das längst erwartete forte endlich eintrat uud ihm hörbar wurde.

Glücklicherweise fiel diese komische Scene nicht bei

orfAeint täalich außer den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberhesfische» Zeitung mit Krettblatt durch die Expedition (Äoch'sche »uckdruckerei) bezogen 22} Lar., durch die Postämter 27 Lgr. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für da» Au-land excl. Stempel 22 Lgr. — JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-Büreau- nehmen Inserate an.

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Deutsches Reich.

Berlin, 18. Febr. In der Preffe werden vielfach Berechnungen über das Stimmenverhältniß itn Herrenhause gegenüber dem Schulaufsichtsgesetze angestellt, die jedoch bis jetzt jeder solideren Grund­lage entbehren. Im Allgemeinen ist zu constatiren, daß die Pause zwischen den Berathungen der beiden Kammern viel dazu beitragen wird, die Parteibestre­bungen abzuschwächen und die Geister für eine ruhi­gere Auffassung zu gewinnen. Der Präsident des Herrenhauses, Graf Eberhard v. Stolberg, wird in diesen Tagen hier erwartet und unterliegt es keinem Zweifel, daß derselbe seinen großen Einfluß im Sinne der Verständigung benutzen wird. So gewinnen die Vermuthungen immer mehr Anhalt, daß die Mehrzahl der Gegner des Gesetzes bis zum entscheidenden Momente mehr zu einer unbefangenen Würdigung desselben gelangen wird. Es handelt sich hier darum, die Parteirücksichten zu unterdrücken, da es ein nvth- wendigeS Bedürfniß des Staate» zu befriedigen gilt." Gerade die Cvnservativen mußten hierzu die Hand bieten. Wenn einige extreme Elemente der Rechten dauernd der Regierung entfremdet werden sollten, so wird dieser Verlust reichlich dadurch ausgewogen, daß im liberalen Lager vielfach Anschauungen um sich greifen, die man konservativ nennen könnte und daß der Liberalismus von seinen grauen Theorien allmäh- lig zurückkommt und einsieht, daß vor Allem eine starke Staatsgewalt nothlhut. So wird die gegen­wärtige Krisis, wenn sie erst überwunden ist, unserem Verfassungsleben zum Heile gereichen. Die Discrre- ditirung und Zerklüftung des Conservatismus wird zwar nicht eintreten, aber die Parteien werden sich immer mehr einander nähern und die allzuscharfen Gegensätze, unter denen die politische Wohlfahrt nur leidet, werden abgeschliffen werden. — Der vorgestrige Ministerrath beschäftigte sich vorzugsweise mit kon­fessionellen Angelegenheiten. Wie man hört, stand die Braunsberger Affaire auf der Tagesordnung. Es ist bekannt, daß Fürst Bismarck erklärt hat, obwohl die Regierung sich gcnöthigt gesehen habe, in der betref­fenden Weise vorzugehen, so lasse sich doch noch eine anderweitige Lösung der schwierigen Frage denken. Diese vorzubereiten, war gutem Vernehmen nach der Zweck der gestrigen Berathung. — In Folge des neuen Strafgesetzbuches und mehrerer anderer Umstände hat die Zahl der Strafgefangenen ungemein abgenom- es Beethoven an ästhetischer Bildung und an Schön­heitssinn fehle.

Da Beethoven zu der Zeit, wo ich seine Bekannt­schaft machte, bereits aufgehört hatte, sowohl öffent­lich als in Privatgesellschaften zu spielen, so habe ich nur ein einziges Mal Gelegenheit gefunden, ihn zu hören, als ich zufällig zu der Probe eines neuen Trio (D-dur »/< Tact) in Beethoven's Woh­nung kam. Ein Genuß war’S nicht; denn erstlich stimmte -ba« Pianoforte sehr schlecht, was Beethoven wenig kümmerte, da er ohnehin nichts davon hörte, und zweitens war von der früher so bewunderten Virtuosität des Künstlers in Folge seiner Taubheit fast gar nichts übrig geblieben. Im forte schlug der arme Taube so darauf, daß die Sailen klirrten, und im piano spielte er wieder so zart, daß ganze Tvn- gruppen ausblieben, so daß man das Verständniß verlor, wenn man nicht zugleich in die Klavierstimme blicken konnte. Ueber ein so hartes Geschick fühlte ich mich von tiefer Wehmuth ergriffen. Ist es schon für Jedermann ein großes Unglück, taub zu sein, wie loll es ein Musiker ertragen, ohne zu verzweifeln? Beethoven's fast fortwährender Trübsinn war mir nun kein Räthsel mehr.

Als ich den ersten Gedanken zu meiner großen Reise durch Europa faßte, kam mir auch der, ein Album anzulegen, auf dessen Blätter ich Cvmpositio- nen aller der Künstler, deren Bekanntschaft ich machen würde, einsammeln wollte. Ich begann sogleich mit den Wienern und erhielt auch von särnmtlichen dorti­gen Cvmpvnisten meiner Bekanntschaft kleine, eigen­händig geschriebene, und größtentheils für mein Album eigene gefertigte Arbeiten. Der werthvollste Beitrag ist mir der von Beethoven. Es ist ein dreistimmiger

Da» rechte Centrum der französischen Natio­nalversammlung hat in einer letzten Freitag stattge­habten Versammlung sein Programm festgestellt. Das­selbe bekräftigt, wie daS Programm der Rechten, daS Princip einer die nothwendigen Freiheiten gewähren­den Monarchie, will aber zuvor einen aufrichtigen Versuch mit der Republik. Das linke Centrum wird allernächstenS in Paris eine Versammlung abhalten, um über die von ihm hinfort zu beobachtende Haltung zu berathen. — In parlamentarischen Kreisen scheint man allgemein Besorgnisse vor den Gefahren zu hegen, welche sich aus der zur Zeit betriebenen bonapartisti- schen Propaganda und einem eventuellen ErhebuiigS- versuche der Bonapartisten ergeben könnten. Die Brüsseler „Jndependance" schreibt auS Versailles, Thiers habe die wegen bonapartistischer Umtriebe ängstlichen Deputirten beruhigt. Aus Befragen hätten die Gene­rale erklärt, daß sie bürgen für die Treue der Armee zur ResRtblik. — Das Kriegsgericht hat vorgestern in dem Prozeß wegen Ermordung der Dominikaner von Arcueil das Urtheil gefällt. Fünf Angeklagte wurden zum Tode, sieben zu Deportationen verurtheilt. — Rouher wohnte der Sonnabend-Sitzung der National­versammlung bei, in welcher jedoch keine Verhand­lungen von Wichtigkeit stattfanden.

Die rumänische Regierung hat vorgestern der Kammer die vollzogene Unterzeichnung der rumänischen Eisenbahn-Convention angezeigt und einen Gesetzent­wurf vorgclegt, den Bau einer festen Donaubrücke zwischen Giurgewo und Rustschuk betreffend,

Die New-I)orker „Tribüne" sagt, die britische VerthcidigungSschrift mache keine Zugeständnisse, son­dern stelle Forderungen auf und lasse ein freundliches Entgegenkommen, durch welches ein Abkommen wegen der indirecten Schäden zu erreichen wäre, vermissen. Die „Tribüne" tadelt namentlich den Vorbehalt Eng­lands, über die Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit des Schiedsspmchs entscheiden zu wollen.

Nachrichten auS Rio de Janeiro zufolge er­wartet man dort die Ankunft des deutschen Gesandten Grafen SolmS, um demselben die Ergebnisse der Un­tersuchung über die Conflicle deutscher Seeoffiziere mit brasilianischen Polizeibeamten vorzulegen. — Die Legung de» Kabels zwischen Portorico und Ja­maica ist vollendet.

Letzten Sonnabend fand in Kalkutta das Lei- chenbegängniß des ermordeten VicekönigS statt. Das selbe war höchst imposant; das zahlreiche Gefolge umfaßte die Spitzen der Behörden und unzählige

der Aufführung vor, sonst würde das Publikum sicher wieder gelacht haben.

Da der Saal überfüllt und der Beifall enthu­siastisch war, so veranstalteten die Freunde Beethoven's eine Wiederholung de» Concertes, welche eine fast gleich große Einnahme abwarf. Für die nächste Zeit war daher Beethoven seiner Geldverlegenheit enthoben; doch soll sie aus gleichen Ursachen noch einige Male vor seinem Tode wiedergekehrt sein.

Bis zu diesem Zeitpunkt war eine Abnahme der Beethoven'schen Schöpfungskraft nicht zu bemerken. Da er aber von nun an, bet immer zunehmender Taubheit, gar keine Musik mehr hören konnte,, so mußte dies nothwendig lähmend auf seine Phantasie zurückwirken. Sein stetes Streben, originell zu sein und neue Bahnen zu brechen, konnte nicht mehr wie früher durch das Ohr vor Irrwegen bewahrt werden. War es daher zu verwundern, daß seine Arbeiten immer barocker, unzusammenhängender und unverständ­licher wurden? Zwar gibt es Leute, die sich einbilden, sie zu verstehen, und in ihrer Freude darüber sie weit über seine früheren Meisterwerke erheben. Ich gehöre aber nicht dazu und gestehe frei, daß ich den letzten Arbeiten Beethoven's nie habe Geschmack abgewinnen können. Ja, schon die viel bewunderte neunte Sym­phonie muß ich zu diesen rechnen, deren drei erste Sätze mir, trotz einzelner Genieblitze, schlechter vor­kommen, als sämmtliche der acht früheren Symphonien, deren vierter Satz mir aber so monströs und geschmack­los und in seiner Auffassung der Schiller'schen Ode so trivial erscheint, daß ich immer noch nicht begreifen kann, wie ihn ein Genius wie der Beethoven'sche niederschreiben konnte. Ich finde darin einen neuen Beleg zu dem, was sch schon in Wien bemerkte, daß

va« Landtage.

Bau» der Abgeordneten. 33. Plenar-Sitzung vom 17. Februar 1872.

Präsident v. Forckenbeck eröffnet die Sitzung um lli/t Uhr Bonn.

Tagesordnung: Fortsetzung der SpecialdiScusston über daS Gesetz wegen der Einrichtung der Oberrech- nungSkammer rc. und zwar über §. 18 (§. 17 der Regierungsvorlage).

Finanzminister Camphausen erklärt den Gedanken, daß Verstöße gegen Bemerkungen zum Etat ebenfalls jur Kemitnkß des Hauses gebracht werden müssen, als selbstverständlich. Eine Fassung des Paragraphen, um diesen Gedanken auszudrücken, wäre auf keine Schwierig­keiten gestoßen. Die Regierung halte eS für unzweck mäßig, alles waS als Verstoß erscheine, in Bemer­kungen zur Kenntniß der Landesvertretung zu bringen. Der Finanzminister gibt zu, daß dies ein zweifelhaftes Gebiet sei. Es könne sich nur um Meinungsverschie­denheiten zwischen der Oberrechnungskammer und den betreffenden RessortchefS handeln oder um Differenzen, welche der Monarch entscheide.

Absatz 1 des §. 18 wird angenommen. Bei Ab­satz 2 werden die CommissionSanträge im Wesentlichen angenommen. Der §. 18 wird sodann im Ganzen angenommen. Die Debatte wird hieraus vertagt. Nächste Sitzung Montag.

"Marburg, 19. Februar.

I. M. die Königin Wittwe ist, wie die „Kreuz Zig." Hirt, in der Nacht vom Donnerstag auf den Freitag nicht unerheblich erkrankt. — Folgende zu Präsentationswahlen berechtigte Städte sind zur Zeit ohne Vertretung im Herrenhause: Königsberg, Memel, Danzig, Thorn, Posen, Görlitz, Erfurt, Dortmund, Krefeld. — Die königl. sächsische Abgeordnetenkammer hat letzten Donnerstag den Antrag auf Niedersetzung einer Enquete - Commission behufs Verminderung der Leamtenzahl mit 48 gegen 24 Stimmen angenommen. — Vor Kurzem sind in Darmstadt etwa 11/2 Mil­lionen Gulden in Gold als roeitere Rate auf den hes­sischen Antheil an der französischen KriegScontribution eingetroffen. Die zweite Kammer tritt morgen zusammen, um zunächst über die Rechenschaftsablage der Jahre 1866—68 in Betreff der Straßenbauschulden zu be- rathen. — Die erste badische Kammer hat vorgestern ben badisch-bairischen Eisenbahnvertrag genehmigt. Die Minister v. Freydorf und v. Dusch erklärten, auS München beruhigende Zusicherungen über den Bau der Bergzabern-Zweibrücker Bahn als Hauptbahn er­halten zu haben.