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LI JRarßurg, Sonntag, den 18. Februar. 1872

OberhesMe Zeitung.

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Low Landtage.

Laus der Abgeordneten. 32. Plenar-Sitzung * vom 16. Februar 1872.

Präsident v. Forckenbeck eröffnet die Sitzung um 111/4 Uhr Dorn,. Am Ministertische Finanzmister Camphauscn, Reg-Commissar Wolley. Tagesordnung: Fortsetzung der Berathung über daS Gesetz wegen der Einrichtung rc. der Oberrechnungskammer.

Abg. Lasker (Referent) wendet sich gegen einige Redner der gestrigen Sitzung.

Nach einer persönlichen Bemerkung des Abg. Engelke geht da» Hau» zur Specialdebatte über. Z. 1 wird unverändert und ohne Discussion ange­nommen. 2 wird ohne DiScussion nach den Vor schlagen der Commission angenommen. Ein Gleiches ist der Fall mit den §§. 3—7. Die Berathung über §. 8 wird bis nach Beschlußfassung über §. 21 aus- gesetzt. $. 9 ist in zwei Punkten abgeändert und wird trotz deS Widerspruchs des'RegierungscommissärS mit 169 gegen 140 Stimmen in der Fassung der Com­mission angenommen. §. wird nach Ablehnung deS Commissionsantrags, der Regierungsvorlage ge­mäß, mit dem Amendement Engelken angenommen. Der Finanzminister hatte dringend die Ablehnung der Anträge der Commission empfohlen. Bei §. 18 er­klärt sich der Finanzminister ebenfalls gegen dir An­träge der Commission. Das Haus vertagt die Fort sctzung der Debatte. Nächste Sitzung Sonnabend.

Politische Wocheu-Uebersicht.

Letzten Mittwoch Abend ist in Paris der neue Post- vertrag zwischen dem deutschen Reich und Frank­reich unterzeichnet worden. — Am 8. d. M. wurde dem preußischen Abgeordnetenhause der Gesetzentwurf über die Schulaufsicht vorgelegt. Die Generaldiscussion, in welche sofort eingetreten ward, ging am 10. zu Ende. Die Specialdebatte wurde am 10. begonnen und beendigt und die Vorlage gelangte am gleichen Lage in erster Lesung mit einigen unwesemlichen Aen- derungen zur Annahme. Am 13. d. M. wurde daS Gesetz in zweiter Lesung genehmigt. Das erste mal ergab sich eine Majorität von 26 Stimmen, das zweite mal hatte sie sich gerade verdoppelt, denn sie betrug 52 Stimmen. Außer dem Schulaufsichtsgesetz ist von dem Material, welches die vergangene Woche das Haus beschäftigte, noch hervorzuheben der Gesetzentwurf betr. die Befugnisse der Oberrechnungskammer. Das Herren­haus hielt verflossene Woche keine Sitzung. — In den Kammern der beiden größten süddeutschen Staa len ist nach der jüngsten gegen die Legislative des deutschen BundeSrathes vergeblich andringende Fluth wieder völlige Ebbe eingetreten; auch in den übrigen deutschen Landtagen wurde nicht» von großer Bedeu lung verhandelt.

^Jm österreichischen Abgeordnetenhause hat

die Regierung das sog. Nothwahlgesetz vorgelegt, welches den Kaiser befugt, für die im Reichsrathe während dessen Session in Erledigung kommenden Sitze solcher Abgeordneter, die aus dem Landtage dahin gewählt worden sind, sofort die nöthigen Neuwahlen anzuordnen. — DaS Subcomite des VerfassungSaus schusfes hat das Resultat seiner Berathungen über die galizische (polnische) Frage zu Anfang der Woche dem Verfassungsausschuß zur Beschlußnahme vorgelegt. Doch hat letzterer die Verhundlungen darüber noch nicht begonnen. Allgemein wird der vom Subcomite aus- gearbcitete Gesetzentwurf als geeignet begrüßt, den langgenährten Streit beizulegen. Die den Polen durch den Entwurf gemachten Zugeständnisse sind sehr weil- gehend; absolute Autonomie, die sie forderten, kann ihnen natürlich nicht gewährt werden.

Nationalrath und Ständerath der Schweiz hatten sich vorletzte Woche vertagt, ersterer bis zum 19. letzterer bi» zum 13. Der Ständerath hat dem­gemäß seine Berathungen über die Bundcsrevision bereits wieder ausgenommen.

In Frankreich wird die Lage immer kritischer. Bei der Uneinigkeit unter den Prätendenten der Königs­krone, desgleichen unter ihren Anhängern in der Na tionalversammlung, und bei der Kälte, welcher die Idee des Königthums im Lande begegnet, scheint es sich, schließlich nur um die Frage, ob definitive Repu­blik oder Restauration deS napoleonischen Kaiserthums, zu handeln. Pariser Nachrichten wissen von gewal tigen bonapartistischen Agitationen, geheimen und offe nen, zu erzählen und versichern, daß man dem ent­scheidenden Augenblick näher stehe, als man vermuthc. — Unterdessen schreitet die sog. Nationalsubscription zur Befreiung des occupirten Gebietes resp. zur Auf­bringung der noch an Deutschland schuldigen Kleinig­keit von drei Milliarden langsam — aber sicher, wie die Patrioten meinen, — fort. — Napoleon soll in letzter Zeit bedenklich an den Augen erkrankt sein — gewiß ein doppelt schlimmes Ereigniß gerade zu dieser Zeit, wo er sie so nöthig hat. — Von Gesetzent­würfen, welche die Genehmigung der Nationalversamm­lung erhalten haben, sind zu verzeichnen die Gesetz­entwürfe betr. die Verfolgung mehrerer Journale, betr. eine theilweise Amnestie, betr. die Reorganisation der Gerichte, betr. Aushebung des Verbotes von Jour­nalberichten über Preßprozesse und betr. die Inschrift der neuen Steuerrollen.

Ober- und Unterhaus deS englischen Parla­ments halten seil dem 6. d. M. Sitzungen. DaS Unterhaus hat den Gesetzentwurf, betr. geheime Ab stimmung bei den Wahlen, in erster und zweiter Le sung genehmigt. Ferner nahm dasselbe gegen den Willen Gladstone'S den von Golbsmith gestellten Antrag an, welcher die Vorlegung der britischen Denkschrift über die Alabamafrage fordert. — Der

Stand der Alabamafrage hat sich, was das Thatsäch- liche betrifft, um nichts geändert. Die Antwort deS Washingtoner Cabinetes auf die Note, welche Eng­land als Erwiderung auf die amerikanische Denkschrift an die Regierung der Verein. Staaten richtete, soll nach den neuesten Telegrammen nicht vor dem 24. d. M. zu erwarten sein. Inzwischen haben die Be­ziehungen der beiden Cabinette eine friedliche Lösung der Angelegenheit in Aussicht gestellt.

Die Ferien der italienischen Deputirten gehen mit dieser Woche zu Ende; nach ihrem Wiederzu- sammcntritt werden sich ihre Debatten hauptsächlich um die neuen Projecte des Finanzministers Sella drehen. — Am italienischen Hof hat die Lage des, Königs Amadeo von Spanien, bekanntlich Sohn Victor Emanuels, Erwägungen veranlaßt, von welchen man glaubte, daß sie zu irgend einer Intervention Italiens in Spanien führen würden; es hat aber davon bis jetzt nichts verlautet.

Der Generalgouverneur der asiatischen Be­sitzungen Englands, Lord Majo, Vicekönig von In­dien, ist am 8. d. M. auf den Andaman-Jnseln, im Meerbusen von Bengalen, wohin er sich zur Jn- spcction der dort befindlichen indischen Strafkolonie begeben hatte, von einem Sträfling meuchlings erdolcht worden. Eine Beziehung zu den jüngsten Aufständen einiger indischer Stämme hat dieser Mord nicht. ■

Allen Nachrichten zufolge ist die Stimmung im Norden von Amerika für einen gütlichen Austrag des Alabamastreitcs. — Während auf Cuba und in Mexico, wo Bentio Juarez am 1. Dec. v. I. abermals die vierjährige Präsidentschaft angetreten hat, die Auf­stände foridauern, kommt aus der Republik Uruguay die Nachricht, daß die Colorados und Blancos daselbst Frieden geschlossen hätten. Desgleichen meldet der Londoner Konsul für Venezuela, daß der dortige Bürgerkrieg zu Ende ist.

Deutsches Reich.

Berlin, 16. Febr. Alles politische Interesse dreht sich augenblicklich noch um die jüngsten Debat­ten im Abgeordnetenhause und das mmhmaßliche Schicksal des Schulaufsichtsgcsetzes. ES muß hervor­gehoben werden, daß aus den Kundgebungen der Presse deutlich zu erkennen ist, daß die konservative Opposition gegen die Regierungsvorlage sich auf sehr enge Kreise begrenzt. Schon der CultuSminister hat darauf hingewiescn, daß man auf die Anzahl der Un­terschriften unter den Petitionen, gegen das Gesetz kein allzu großes Gewicht zu legen Hal. Derartige Agi­tationen pflegen nur von denen in Scene gesetzt und mit dem gehörigen Eifer betrieben zu werden, denen varan liegt, das Zustandekommen irgend einer Sache zu verhindern und gegen eine von Oben gutgeheißcne Maßregel zu protestiren. Zu nichts lassen sich 6t-

Spohr «ter Beethoven. *)

Nach meiner Ankunft in Wien suchte ich Beethoven sogleich auf, sand ihn aber nicht und ließ deßhalb Meine Karte zurück. Ich hoffte nun, ihn in irgend einer der musikalischen Gesellschaften zu findm, zu dmen ich häufig eingeladen wurde, erfuhr aber bald, Beethoven habe sich, seitdem stine Taubheit so zuge­nommen, daß er Musik nicht mehr deutlich und im Zusammenhänge hören könne, von allen Musikpartien zurückgezogen und sei überhaupt sehr menschenscheu geworden. Ich versuchte e» daher nochmals mit einem Besuche; doch wieder vergebens. Endlich traf ich ihn ganz unerwartet in dem Speijehause, wohin ich jeden Mittag mit meiner Frau zu gehen pflegte. Ich hatte nun schon Concert gegeben und zweimal mein Ora­torium aufgeführt. Die Wiener Blätter hatten günstig darüber berichtet. Beethoven wußte daher von mir, als ich mich ihm vorstellte, und begrüßte mich unge­wöhnlich freundlich. Wir setzten uns zusammen an einen Tiscb und Beethoven wurde sehr gesprächig, was die Tischgesellschaft sehr wunderte, da er ge­wöhnlich düster und wortkarg vor sich hiustatrte. ES war aber eine sauere Arbeit, sich ihm verständlich zu

. *) Das in den nächsten Tagen hier stattfindende Concert,

m dem seit einer längeren Reihe von Jahren Kompositionen SEr beiden berühmten Meister, Peethoven und Spohr, jar Anffahrnng gelangen, gibt uns zunächst Veranlaffung, Ur intereffante Skizze aus Spohrs Selbstbiographi« zum zu dringen.

machen, da man so laut schreien mußte, daß eS im dritten Zimmer gehört werden konnte. Beethoven kam nun öfter in dieses Speisehaus und besuchte mich auch in meiner Wohnung. So wurden wir bald gute Be­kannte. Beethoven war ein wenig derb, um nicht zu sagen roh; doch blickte ein ehrliches Auge unter den buschigen Augenbrauen hervor. Nach meiner Rückkehr von Gotha traf ich ihn dann und wann im Theater an der Wien, dicht hinter dem Orchester, wo ihm der Graf Palffy einen Freiplatz gegeben. Nach der Oper begleitete er mich gewöhnlich nach Hause und ver­brachte den Rest des Abends bei mir. Dann konnte er auch gegen Dorette und die Kinder freundlich sein. Von Musik sprach er höchst selten. Geschah es, dann waren seine Urtheile sehr streng und so emschieden, als könne gar kein Widerspruch dagegen statlfinden. Für die Arbeitm Anderer nahm er nicht das mindeste Interesse; ich hatte deßhalb auch nicht den Muth, ihm die meinigen zu zeigen. Sein Lieblingsgespräch in jener Zeit war eine scharfe Kritik der bcidm Theaterverwaltungen des Fürsten Lobkowitz und des Grafen Palffy. Auf letzteren schimpfte er oft schon überlaut, wenn wir noch innerhalb seines Theaters waren, so daß es uicht nur das auSströmende Publi­kum, sondern auch der Graf selbst in seinem Bureau hören konnte. Dies setzte mich immer sehr in Ver legenheit, und ich war nur immer bemüht, das Ge­spräch auf andere Gegenstände zu lenken.

Das schroffe, selbst abstoßende Benehmen Bcetho-

ven's in jener Zeit rührte theilS von seiner Taub­heit her, die er noch nicht mit Ergebung zu tragen gelernt hatte, theilS war es Folge seiner zerrütteten Vermögensverhältuisse. Er war ein schlechter Wirth und hatte noch das Unglück, von seiner Umgebung bestohlen zu werden. So fehlte es oft am Nöthigsten. In der ersten Zeit unserer Bekanntschaft fragte ich ihn einmal, nachdem er mHrere Tage nicht ins Speise­haus gekommen: „Sie waren doch nicht krank?" — „Mein Stiesel war'S, und da ich nur das eine Paar besitze, so hatte ich Hausarrest," war die Antwort.

Aus dieser drückenden Lage wurde er aber nach einiger Zeit durch die Bemühungen seiner Freunde herausgerisscn. Die Sache verhielt sich so:

Beechoven'S „Fidelio," der 1804 (oder 1805) unter ungünstigen Verhältnissen, während der Besetzung Wiens durch die Franzosen, einen sehr geringen Er­folg gehabt hatte, wurde jetzt von den Regisseuren deS Kärnlhnerlhor-Thcaters wieder hervorgesucht und zu ihrem Benrfice in Scene gesetzt. Beethoven hatte sich bewegen lassen, nachträglich dazu eine neue Ouver­türe (die in E), ein Lied für den Kerkermeister und die große Arie für Fidelio (mit den obligaten Hör­nern) zu schreiben, so wie auch einige Abänderungen vorzunchmen. In dieser neuen Gestalt machte nun die Oper großes Glück und erlebte eine lange Reihe ziemlich zahlreich besuchter Aufführungen. Der Com- ponist wurde am ersten Abend mehrere Male heraus- gcrusen und war nun wieder der Gegenstand allge-