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$r. ' Marburg, Sonnabend, den 10. Februar.

1872.

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-7 .... . be'n"SBeritaöen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberhesfische« Seitung mit KreiSblatt durch die Expedition (Koch'sche

erf»u4 b ud?t e ü be»ogen 82i Xr., but* di- Postämter 27 ®6t 6 Vfg. Bestellgebühr und inol-Stempelsteuer), ftir das Ausland excl. Stempel 22 Ggr. -

* Jntrrtionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoneen-BureauS nehmen Inserate an-

Vom Landtage. k-uS der Abgeordneten. 26. Plenar-Sitzung $ vom 8. Februar 1872.

(Fortsetzung).

Präsident v. Forckenbeck eröffnet die Sitzung um 11 ili Uhr Norm. Die Tribünen sind über­füllt. die Zuhörer stehen bis auf den Treppen. Am Ministertische die Herren: Falk, v. Selchow, ein Reg. - Kommissar. Dr. Zehrt (Erfurt) hat sein Mandat niedergelegt. Ei» Nachtrag über das Staatsschuldenwesen pro 1871 geht an die Budget- commifsion. Minister Selchow legt einen Ent umrf vor, betreffend die Aufhebung des Jagdrechts auf frembetn Grund und Boden, in Nassau, Kurhessen und Schleswig-Holstein. Es handelt sich darum, eine Anomalie zu beseitigen, welche darin besteht, daß die­ses Jagdrecht im größten Theil der Monarchie längst aufgehoben ist, in einem kleinen Theile aber noch fort­besteht Der Staat soll die Entschädigung zahlen, die aber nicht erheblich ist. Der Entwurf geht an die Agrareommission.

Erster Gegenstand der Tagesordnung: Petitionen. Dieselben sind von der Commission als zur Erörterung im Plenum nicht geeignet befunden worden; das Haus nimmt davon Kenntniß, verweist aber zwei Petitionen an Commissionen.

Zweiter Gegenstand der Tagesordnung: Vorbe- ralhung des Gesetzentwurfs, betr. die Beaufsichtigung des Unterrichts- und ErziehungswefenS. ES sind viele Anträge eingegangen, theils gedruckt, theils schriftlich überreicht, von den Abgeordneten v. Brauchlisch, v. Holtz, v. Boni», Devent u. s. w., auch mehrere An­träge aus namentliche Abstimmung. ES haben sich zur GeneraldiSkusston 23 Redner für, 17 gegen die Vorlage gemeldet.

Abg. Richter (Sangershausen) eröffnet als erster Redner die Debatte. Er weist auf die hohe Bedeutung der Vorlage hin. Der Entwurf sei nichlS Neues, er sei in der Derfaffung begründet; man müsse sich wundern über die gegen die Vorlage ange­strengten Agitationen. Im weiteren Verlaufe seiner Rede wendet sich der Redner hauptsächlich gegen die Centrumsfraetion.

Abg. Reichensperger (Olpe) legt die Stellung tlar, welche die Centrumspariei der Vorlage gegenüber einnimmt Religiöse Erziehung des Volkes sei abso­lute Bedingung der Erziehung des Volkes; diese könne nur durch Mitwirkung der Organe der Kirche erzielt werden. Der Entwurf aber bezwecke bie EAslösung

der Schule von der Kirche, darum sei die Vorlage zu verwerfen. Die Spitze derselben sei gegen die kath. Geistlichkeit gerichtet. Er, Redner, und seine Fraetion tänden loyal auf dem Standpunkt deS bestehenden Rechtes und der Verfassung. Auf die bekannte Rede »es Fürsten Bismarck zurückkommend, protestirl steichensperger gegen den Vorwurf, daß die Centrums- raction sich der Regierung feindlich gegenüberstelle und versichert, daß er gegen die Vorlage stimmen werde.

Abg. Virchow. Nur mit schwerem Herzen habe sich seine (Fortschritts-) Partei entschlossen, den Ver theidigern des Gesetzes sich anzureihen. Die Vorlage sei unvollständig, gar nicht auf lange Dauer berechnet; cs muffe fehr bald eine Erweiterung folgen. Die Sachlage spreche aber für die Opportunität auch die­ses unvollständigen Gesetzes. Die Kirche habe auf bie Schule, wie sie jetzt besteht, kein historisches An­recht. Die Kirche habe sich um Schule und Mensch­heit die höchsten Verdienste erworben, aber sie sei in dieser segensreichen Arbeit nicht ununterbrochen fort­gefahren. Redner protestirt des »eiteren gegen die Deutung, welche das Centrum der Unterrichtsfreiheit gebe; im Sinne der genannten Partei sei diese Frei­heit die Freiheit der Unwissenheit. Deswegen bestehe der obligatorische Schulunterricht und als direeteste Folge dieses das Aufsichtsrecht des Staates über die Schulen. Die Vorlage sei keineswegs von einer Feindseligkeit gegen die Kirche eingegeben; Niemand wolle die Entchristlichung der Schule.

(Fürst Bismarck und die Minister Graf Eulen­burg und Camphausen sind unterdessen eingetreten.) (Fortsetzung in der nächsten Nummer.)

»Marburg, 9. Februar.

Das preußische Herrenhaus hat in seiner vor­gestrigen Sitzung die Gesetze betr. den Eigenthums- erwerb, die Grundbuchordnung und den der letzteren beigefügten Kostentarif mit großer Majorität ange­nommen. Das Abgeordnetenhaus begann gestern die Debatte über das Schulaufsichtsgesetz. Von den 40 Rednern, die sich gemeldet, kamen gestern folgende zum Wort: für die Vorlage Richter (Sangershausen), Virchow, Lasker; dagegen Reichensperger (Olpe) und Windthorst. Heute wurde die Debatte fortgesetzt. Der Präsident des deutschen Reichstages Dr. Simson hat für den Posten eines Bürcau - Direetors den Geh. Kanzleirath Happel, langjährigen Bureau Director des Abgeornctenhauses, gewählt. -- Am 12. d. M. tritt die Reichsschnleommission, welche die Aufgabe Hai, die

Lehranstalten zu bezeichnen, deren Absolvirung zum einjährigen Freiwilligen-Dienst berechtigt, zu einer Be­dachung in Berlin zusammen. Bisher aus drei Mit­gliedern bestehend, ist sie neuerdings um zwei weitere, [e eines für Würtemberg und Baden, verstärkt wor-' icn. Laut telegraphischer Meldung wird Angesichts der Verschleppnngspolitik Luxemburgs in der Eisenbahnfrage die kaiferl. Verwaltung im-Elsaß voraussichtlich bald die Verwaltung der Luxemburgischen Eisenbahnen überneh­men. In der Prozeßfache des RedaeteurS desHamb. Correspondenten" Dr. Julins Eckhardt wegen Ver- eumdung des Oberpräsidenten Baron v. Scheel- Plessen ist gestern daS Erkenntniß ergangen, nach welchem Ersterer von der Anklage wegen Verleumdung reigesprochen, dagegen wegen Beleidigung eines Be­amten zu 100 Thaler Strafe event. 20tägiger Haft vernrtheilt wird. In der gestrigen Sitzung der baierischen Abgeordnetenkammer wurde der neu ein- tretende Abgeordnete Engert beeidigt, daS Austritts­gesuch Kolb's genehmigt. Hierauf sprachen für den Jnitiativ-Antrag Schüttinger's der Referent Sedlmaier, Huttler und Schüttinger, Völk dagegen; durch königl. Botschaft wurde der Landtag bis zum 23. März ver­längert. Bei der Fortsetzung der Berathung über den Antrag Oesterlen in der würtembergischen zweiten Kammer erklärte der Justizminister Mitlnacht Namens der Staatsregierung und mit Genehmigung Sr. Maj. des Königs, daß nach der Auffassung der Staats­regierung unter der Zustimmung des berechtigten Bundesstaats in Art. 78 der Reichsverfassung zu verstehen, sei die Zustimmung der Bevollmächtigten im Bundesrath. Der Minister führte hiefür den histo­rischen und logischen Beweis, insbesondere betonend, daß Absatz 1 und 2 des Artikels nicht getrennt wer­den dürsten. Mit der von Sick und Gen. gewünsch­ten Vorlage eines Gesetzes über die Ministerverant­wortlichkeit könne die Regierung sich einverstanden erklären. Auch sei die Erwartung berechtigt, daß die Regierung nur in Uebereinftimmung mit der Landes­vertretung vorgehen werde, aber Sick's Antrag als Ganzes sei unannehmbar wegen dcS Mangels eines klaren Ausspruchs über daS Materielle der Frage. Nach lebhafter Debatte wurde Sick's VermittelungS- antrag mit 73 gegen 16 Stimmen abgelehnt und die von der Commission vorgeschlagene motivirte Tages­ordnung mit 60 gegen 29 Stimmen angenommen. Die Erklärung der Erwartung eine- Gesetzes über Verantwortlichkeit der Minister wurde aus Sick's Antrag mit 80 gegen 9 Stimmen hinzugenommen.

Zn Straßburg.

Erzählung von Emilie Heinrichs.

(Fortsetzung.)

Der Arzt war gekommen und untersuchte die Wunde, die Kugel war in die Brust gedrungen; er zog dieselbe mit großer Geschicklichkeit heraus und er­klärte dann bestimmt, dast der Verwundete, den er bei aufmerksamer Pflege zu retten hoffte, hier bleiben müsse.

Günther beeilte sich, seine volle Bereitwilligkeit zu erklären. ;

Er ist in diesem Hause, wo man die Gäste hin­terrücks mordet, nicht sicher," sprach Stauffen hart, ich kann meinen Freund hier nicht lassen."

Der Arzt, ein Straßburger, schrack sichtlich zu­sammen und - warf dem Kaufmann einen besorgten Blick zu. ,

»Sie selber sind nicht der Mörder, das weiß ich allerdings," erwiderte Stauffen,doch sein Helfers­helfer, der ihm das Wild in den Schuß jagte. Sie sind so strafbar wie der Thäter, ich will und darf Sie nicht verschonen, mein Herr!"

Mein Vater ist unschuldig," ertönte eine feste Stimme von dem Eingänge her,ich vollbrachte die That, er kannte meinen Vorsatz und wollte Sie retten. Uebergeben sie mich der Gerechtigkeit und lassen Sie meinen Vater unbehelligt."

Jeannette! Kind!" rief Günther außer sich, glaubst Du, ich würde das dulden?".

Ich weiß wohl, daß Du Dich für mich opfern würdest, Vater!" erwiderte sie traurig lächelnd,es könnte Dir nichts nützen, ich stürbe mit Dir, ein herr­liches Loos in dieser Zeit grenzenloser Schmach."

Stauffen befand sich in einer höchst unerquicklichen Lage, ans diesen Heroismus war er nicht gefaßt, ob­

gleich er fest überzeugt war, daß Jeannette den Mord nicht begangen.

Der Arzt hatte sich angelegentlich mit dem Ver­wundeten beschäftigt, der fein Bewußtsein wieder er­langt und das Gehörte zu begreifen schien.

Er machte eine Anstrengung, um zu sprechen.

Still, lieber Herr!" gebet freundlich der Arzt, Sie dürfen sich nicht anstrengen."

Stauffen trat zu dem Freunde, der ihn ängstlich bittend anschaute.

Willst Tu in diesem Hause bleiben, mein armer Freund?" fragte Jener leise.

Günther trat rasch hinzu.

Sie würden mich und meine Tochter dadurch glücklich machen, Herr Wallner!" sprach er mit be­wegter Stimme,nicht wahr, Sie glauben es nicht, daß die fluchwürdige That von uns ausgehen konnte?"

Ferdinand schüttelte langsam den Kopf.

Der Herr Lieutenant will uns dem Kriegsgericht überliefern", fuhr Günther rasch fxrt,eS kann Ihr Wille nicht sein; meine arme Tochter wird in diesem Falle mit mir sterben."

Der Kranke warf einen drohenden Blick auf Stauffen und schüttelte wieder den Kopf.

Es soll also nicht sein, Freund?" fragte dieser düster.

Nein, nein", tönte eS wie ein Hauch von Fer- d'nand's Lippen.

Dann sind Sie mir mit Ihrem Leben für ihn verantwortlich", fuhr Stauffen finster.fort,ich werde täglich kommen, mich davon zu überzeugen."

Er drückte des Freundes Hand, Üißte ihm die bleiche Stirn und entfernte sich ohne Gruß.

Günther athmete tief auf, als wiche eine Felfen- last von feinem Herzen und warf feiner Tochter einen

unaussprechlichen Blick der Freude zu, den diese nicht bemerkte, da ihre Augen mit starrem, düsterm Aus­druck auf dem Verwundeten ruhten, der sie nicht sehen konnte.

Ja, mein lieber Herr Günther", sprach der Arzt jetzt,die allersorgfältigste Pflege ist hier von Nöthen, ich brauche sie Ihnen unter den obwaltenden Um­ständen nicht noch besonders ans Herz zu legen."

Er soll gepflegt und behütet werden, wie ein Lohn des Hauses," versetzte der Kaufmann eifrig, meine Tochter wird sich mit Freuden dieser heiligen Pflicht unterziehen."

DaS werde ich ganz gewiß, Herr Doetor!" sagte Jeannette ruhig und der Arzt ging.

Ferdinand fiel in einen leichten Schlummer.

Acht Tage waren vergangen.

Die unselige That im Hause des Kaufmanns Günther war nicht in die Oeffentlichkeit gedrungen, die Verwundung des jungen Mannes feiner eigenen Unvorsichtigkeit zugeschrieben worden.

Jeannette wich nicht von seinem Lager, ihr ganzes Wesen schien verwandelt und in aufopfernder Men­schenliebe aufgegangen zu sein; der Vater wußte sich nicht mehr in die Tochter zu finden, die einer barm­herzigen Schwester glich.

Stauffen theilte sich mit ihr in die Pflege des Freundes, besonders weilte er Nachts an seinem Lager, wo er hinlänglich Gelegenheit fand, das junge Mäd­chen zu bewundern und ihr im Stillen für sein frü­heres schroffes Urtheil Abbitte zu thun.

Vielleicht wäre sie nicht so unermüdlich in dieser Pflege und Aufmerksamkeit gewesen, wenn Ferdinand dieselbe hätte sehen und empfinden können. So aber lag er in dieser ganzen Zeit, nachdem schon in der ersten Nacht das Fieber eingetreten, in wilden Phan-