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Hr. 33 Jllarölirg, Freitag, den 9. Februar. 1872.

Oberhessifchk Leitung.

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fitfdbeint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberhesfischeu Zeitung mit KrriSblatt durch die Expedition (Koch'sch« Buchdrucker ei) bezogen 281 ®«r., durch die Postämter 27 Lgr. S Pfa. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für daS Ausland excl. Stempel 22 Egr. — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile I Sgr. Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

Fürst Bismarck und die CentrumSparlei.

Die Aeußerungcn, mit welchen der Präsident des Staats-Ministeriums, Fürst Bismarck, im Laufe der vorigen Woche das Auftreten der sogenannten Ccn- trulySfraktion im Abgeordnetenhause gekennzeichnet hat, haben, wie es nicht anders sein konnte, einen tiefen Eindruck in allen politischen Kreisen, namentlich auch unter den nächstbetheiligten kacholischcn Partzipolitikern gemacht.

Um die Wirkung der gewichtigen Rede abzu- schwächcn, sind die Vertreter dieser Partei bemüht, dieselbe als einen herausfordernden Angriff gegen die katholische Kirche und Bevölkerung darzustellen, wäh­rend die wirkliche Bedeutung derselben in der mah­nende» Abwehr gegen politische Bestrebungen beruht, welche unter dem Deckmantel deS religiösen Glaubens ganz andere Ziele verfolgen.

Aus den Aeußerungcn des Fürsten Bismarck geht klar hervor, daß unsere Regierung fern davon war und auch jetzt fern davon ist, die katholische Bevöl­kerung irgendwie in ihrem kirchlichen Leben anzutasten oder zu beunruhigen: auch die Beschlüffe des vatica- uischcn Concils über die päpstliche Unfehlbarkeit haben die Regierung zu einer Aenderung ihrer Stellung zu dm inneren Glaubens-Angelegenheiten der Katholiken nicht bestimmt, und Fürst Bismarck hat in seinen Er­örterungen die vielfach aufgeworfene Frage, ob durch die jüngst verkündete Lehre nicht etwa die gesammte Grundlage des katholischen Glaubens eine durchgrei­fende Wandelung erfahren habe, auch nicht 'mit der leisesten Andeutung berührt.

Er erklärt bestimmt und ausdrücklich: „Dogma­tische Streitigkeiten über die Wandelungen oder Dekla­rationen, welche innerhalb des Glaubensgebietes der katholischen Kircye vorgekommcn sein können, zu be ginnen, liegt der Regierung sehr fern und muß ihr fern liegen"; — er fügte feierlich hinzu: „Jedes Dogma, auch das von uns sticht geglaubte, welches so und so viel Millionen Landsleute theilen, muß für ihre Mitbürger und für die Regierung jedenfalls heilig sein"; — er versichert ferner: „Es ist der ernste Wille der Regierung, daß jede Konfession und vor allen Dingen diese so angesehene und durch ihre Volks­zahl große katholische, innerhalb dieses Staates sich mit aller Freiheit bewegen soll."

Also nicht gegen den Glauben, nicht gegen die Ueberzeugungen von Millionen unserer katholischen Landsleute konnte irgend eine Aeußerung deS Mini- ster-Präsidenten gerichtet sein, sondern lediglich gegen das Verhalten der politischen Partei, welche im Land­tage und in der Preffc den katholischen Namen zu politischen Zwecken mißbraucht.

Fürst Bismarck hat wiederholt darauf hingewiesen, wie er noch bei der Rückkehr aus Frankreich, also lange Zeit nach der Verkündigung der vatikanischen Beschlüsse, die Hoffnung nicht aufgegeben hatte, mit der neu gebildeten katholischen Fraktion in ein günstiges Verhältniß treten zu können, wie er dann, überrascht durch die ersten Zeichen einer bedenklichen Haltung derselben, doch schweigend die weitere Entwickelung ab» gewartet habe, weil er im Vertrauen auf die erhabensten Zeugnisse von Seiten des Papstes und der Bischöfe über die ehrenvolle Stellung des Katholizismus in unserem Staate nicht glauben mochte, daß jene Partei sich wirklich zu einer feindseligen Haltung gegen die Regierung entschließen würde.

Die Hoffnung und das Vertrauen mußten aber schwinden, als die vermeintlich katholische Partei nicht nur in die Gemeinschaft, sondern unter die Leitung von Männern trat, deren politische Bedeutung und Wirksamkeit vor Allem auf der ausgesprochenen Feind­schaft gegen den preußischen Staat und gegen das neue deutsche Reich beruhen, und als die Vertreter Lieser Gemeinschaft in der Presse sich zur wirksamen Bekämpfung der preußischen und deutschen Regierung mit den Gegnern aller staatlichen, wie aller sittlichen Ordnung verbanden.

Diese leidenschaftliche Stellung der katholischen Parteipolitiker ist cS, welche Fürst Bismarck als den Hauptgrund und Ausgangspunkt des jetzigen bedenk­lichen Widerstreits zwischen den staatlichen und dcy kirchlichen Interessen bezeichnet hat.

Die scharfe Verurtheilung jenes politischen Treibens war mit dem ernsten Ausdruck des Bedauerns über die eingetretene Entwickelung und mit der Mahnung verbunden, von der bisherigen politischen Leidenschaft­lichkeit abzulaffen.

„Suchen wir", sagte er, „aus dieser für das Vater­land großen Kalamität von theologischen Erörterungen auf politischem Gebiete einen friedlichen und ruhigen Ausweg zu finden.

Von dem weiteren Verhalten der sogenannten Eentrumspartei wird eS vor Allem abhängen, ob und wie bald dieser im beiderseitigen Interesse der Kirche wie des Staats begründete Wunsch in Er füllung gehen soll. (Prov.-Corresp.)

»Marburg, 8. Februar.

Das Staatsministerium ist vAgcstern um 8 Uhr Abends zu einer Sitzung im Auswärtigen Amt unter Vorsitz deS Ministerpräsidenten Fürst Bismarck zusammciigctreten. Eine Fortsetzung dieser Berathung folgte gestern Mittag 2 Uhr im Conferenzzimmer des Herrenhauses. — Aus Tilsit wird unterm 7. d. M.

gemeldet: Der hier versammelte Kreistag hat in seiner gestrigen Sitzung mit 23 gegen 3 Stimmen beschlos­sen, das zum Bau der Tilsit Memcler Eisenbahn er­forderliche Terrain unentgeltlich und ohne jede weitere Bedingung zur Verfügung zu stellen. — Die „Kieler Zlg." erklärt sich zu der Mittheilung ermächtigt, daß die Prinzessin Henriette von Schleswig-Sondcrburg- Augustenburg sich demnächst mit dem Geh. Med.-Rath Prof. Dr. Esmarch in Kiel vermählen wird. — Die sächsische zweite Kammer bewilligte in ihrer vorgestri­gen Sitzung fast einstimmig die Gehaltserhöhung für sämmtliche Beamte mit 164/2 Procent in den unter­sten, 12, 10, 8 Procent in den höheren Stufen. Der Gesammtbetrag, welcher bewilligt wurde, beläuft sich auf 600,000 Thaler. — In der würtembergischen Abgeordnetenkammer kam gestern der Antrag Oesterlen, bett, die Reservatrechte zur Berathung. Sämmtliche Minister waren anwesend, 13 Redner eingeschrieben, die Gallerte schwach besetzt. Der Antrag der Com­mission lautete auf Uebergang zur Tagesordnung, in Erwägung 1) daß die Regierung berechtigt ist, bezüg­liche Bundesrathsbestimmungen ohne Zustimmung der Stände vorzunehmen; 2) daß vermöge verbindlicher Kraft der Reichsverfassung für Württemberg durch solche Abstimmungen die Landesverfassung nicht verletzt werden kann. Sick und Genossen, welche der regie­rungsfreundlichen Partei angehören, beantragten eine folgendermaßen motivirte Tagesordnung: 1) Wie in Nr. 1 des Commissionsantrages, 2) in Erwägung, daß nur in Uebereinstimmung mit der Landesvertretung eine Verzichtleistung auf ein Sonderrecht erfolgen würde, 3) daß die Regierung ein Gesetz über die Verantwortlichkeit der Minister vorlegen möge.

Die vom „Pe st her Lloyd" gebrachte Mittheilung über den angeblich erfolgten Abbruch der Verhand­lungen mit den Kroaten wird vom „Pesti Naplo" als unrichtig bezeichnet. Eö sei vielmehr über alle Hauptpunkte ein vollständiges Einvernehmen erzielt worben, und nur, als die Nationalen verlangten, daß sofort alle höheren Aemter in Kroatien mit ihren Parteigenossen besetzt werden sollten, habe der Mini­sterrath entschieden, daß die Eröffnung des Landtages und die Gruppirung der Parteien auf demselben ab­gewartet werden solle, ehe zur Besetzung der höheren Aemter geschritten werde. Hierüber hätten sich die Führer der Nationalen allerdings verstimmt gezeigt, doch sei die Angelegenheit noch nicht als abgeschlossen zu betrachten.

Der schweizerische Ständerath hat mit 21 gegen 20 Stimmen die vom Nationalrath beschlossene Abschaffuilg der Todesstrafe genehmigt.

Thiers ist zur Commission für die Einkäufe

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Zu Straßburg.

Erzählung von Emilie Heinrichs.

(Fortsetzung.)

„Hadern Sie deßhalb mit Frankreich, mein Herr, das uns wahrlich nicht geschont hätte im Falle solcher Siege, und kein Erbarmen mit Deutschland gefühlt, um es ganz und gar zu zerschmettern und sich auf unsere Kosten zu vergrößern, während wir nur deut­sches Land zmückfordern, das uns 1815 von unjern Verbündeten neidisch vorenthalten worden. Frankreich jammert, daß Europa es im Stiche lasse, auch wir stehen allein, es ist nur Deutschland ohne Deutsch Oesterreich, das sie vor sich sehen; wohlan, die beiden Nationen haben ihre Kraft gemessen und Frankreich ist zu leicht befunden, Frankreich, das stets mit Hohn und Spott auf uns herabgesehen, das uns bevormun­den, gängeln wollte wie ein unmündiges Kind. Doch, was streiten wir uns darum, Ihr Schicksal ist nun einmal unwiderruflich beschlossen und nie soll Straß­burg wie das übrige Elsaß es bedauern, wieder deutsch geworden zu sein. Ihre Fräulein Tochter — "

„Ist leider krank", fiel Güncher hastig ein, „ich bitte, sie zu entschuldigen."

„Ach, das betrübt mich tief, — es wird hoffent­lich nicht von Bedeutung sein."

„Lieber Himmel! ist eS nicht ein Wunder, daß wan überhaupt noch lebt nach all' dem Jammer und all' der entsetzlichen Angst?"

„Warum sind Sie überhaupt in der Stadt ge blieben, Herr Günther? Ihre Verhältnisse erlaubien Ihnen doch eine Uebersiedelung?"

„Freilich, freilich", seufzte der Kaufmann, „ich be­

stand auch darauf, mindestens, daß meine Tochter nach der Schweiz sich begeben sollte. Sie war nicht dazu zu bewegen, eS ist ein Trotzkopf, Herr Wallner! ich mußte nothgedrungen nachgeben. Jetzt läßt die Spann­kraft der Seele nach, die Folgen der ertragenen Leiden machen sich gelten."

In diesem Augenblick wurde an die Thür geklopft. Lieutenant ©tauften trat herein, um den Freund wegen dienstlicher Verhältnisse abzuholen.

„Es ist soeben aus einem Hause auf einen Sol­daten geschossen worden," sagte er erregt, „wahnsin­nige Menschen, die sich rächen wollen durch Meuchel­mord und viele Unschuldige damit in's Verderben stürzen."

Günther wurde sehr unruhig.

„Man hat den Thäter doch ergriffen?" fragte er mit zitternder Stimme.

„Nein, alle Bewohner jenes Hauses, aus welchem der Schuß gefallen, müffen es entgelten. Sie kennen doch Kriegsrecht, mein Herr!"

„Aber das ist ja fürchterlich," rief der Kaufmann erregt, „das ist ein barbarisches Kriegsrecht."

„Nicht doch," versetzte ©tauften ernst, die „Kriegs­artikel aller civilisirten Nationen enthalten diesen Pa­ragraphen; eS ist Nothwehr im Feindesland."

Günther war sehr bleich geworden, eine furchtbare Unruhe schien ihn zu foltern. Er wollte etwas sagen und schwieg dann plötzlich.

Tie beiden jungen Männer empfahlen sich.

„Ich werde Sie einen anderen Weg führen, meine Herren", sprach der Kaufmann hastig. „Der gewöhn-

liche-Äusgang ist nicht sicher, droht dem Einstürze. 'Sitte, folgen Sie mir gütigst."

Er schritt voran, unsere beiden Freunde folgten verwundert.

Er führte sie durch einen langen Corridor auf eine Seitentreppe, wie eS schien. Es war hier ziem­lich dunkel.

Plötzlich wandte sich Ferdinand hastig um, eS war ihm, als hörte er ein Geräusch hinter sich auf der Treppe.

„Mörder!" schrie er auf und zog den Freund heftig zur ©eite.

Im nächsten Augenblicke knallte ein Schuß, Fer­dinand stürzte getroffen zusammen, von dem entsetzten Stauffen und dem Hausherrn gehalten.

Ter Thäter war verschwunden, Günther war außer sich vor Schrecken; der Verdacht der Mitwissen­schaft mußte jetzt zwiefach auf ihm lasten, da er so geflissentlich diesen Weg gewählt.

Ferdinand wurde in des Kaufmanns Schlafzimmer gebracht, wo sich Jeannette einfand, welche leichenblaß und entsetzt den Vater anstarrte, als wolle sie auf feinem bleichen Antlitz die Schuld entdecken.

„Ein Arzt!" befahl Stauffen, deffen ganzes Wesen sich plötzlich verändert und der soldatischen Strenge Platz gemacht hatte, „sorgen Sie bafü, mein Fräulein, daß ein solcher sogleich erscheine."

„Ich will ihn selber holen," rief Günther.

«Nichts da, Sie entfernen sich uidjt von der Stelle, — fort, mein Fräulein, ein Arzt!"

Der Lieutenant stampfte mit dem Fuß Jeannette flog eilig hinaus.