Mr. 32.
Marburg, Donnerstag, den 8. Februar.
1872.
0lierhessisthe Zeitung.
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Ko» Landlagk.
HauS der Abgeordneten. 26. Plenar-Sitzung vom 5. Februar 1872.
(Fortsetzung).
Tagesordnung: Gesetzentwurf, betr. die Erweiterung des Staats-Eisenbahnnetzes, die Verwahrung deS Betriebsmaterials der Staats-Eisenbahnen rc.
Der Handelsmini st erdankt den Commissionen und ihrem Referenten für die gründliche Berathung und den ausgezeichneten Bericht.
Abg. Glaser, gegen die Vorlage, erkennt das System deS Handelsministers, zur Anstrebung eines möglichst umfassenden Eisenbahnnetzes den Schwerpunkt der Verwaltung dem Staate beizulegen, die Verwaltungen oder Regierungen der Eisenbahnen zu decentralisiren und die Tarife zu vereinfachen, an, allein er bedauert den Maugel an Consequenz in Ausführung dieses Systems. Das Gesetz gehe in Zusammenlegung von Staatsbahnen willkürlich vor und vernachlässige verschiedene wichtige Kreise zu Gunsten anderer. So wichtig wie die Bahn von Memel nach Tilsit und von Harburg nach Stade, seien Eisenbahnen in den Kreisen Wittgenstein und Biedenkopf, welche ohne Eisenbahnen der Verarmung entgcgenge- führt würden; auch in Pommern schmachteten viele Kreise nach Eisenbahnen, denen gegenüber jetzt nicht mehr geltend gemacht werden könnte, daß die finanzielle Lage des Staates die» nicht gestatte. Bevor man zu Steuer-Erleichterungen schreite, solle man lieber etwas für jene armen Provinzen thun.
Abg. Ham mach er, für die Vorlage, bekämpft die Bedenken des Vorredners.
Nachdem noch die Abgg. v. Benda, Zugschwerdt, Braun (Waldenburg), Heise, Berger und der Handels- Minister gesprochen, wird in -hie -Special -DiLcussion cingetreten.
Der Gesetzentwurf ertheilt in seinem § 1 dem Minister für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten die Ermächtigung, für Rechnung des Staates folgende Eisenbahn-Linien: 1) von Tilsit nach Memel mit fester Ueberbrückung des Memelstromes bei Tilsit; 2) von Bebra nach F.riedland nebst einer Zweigbahn von Riederhone nach Eschwege; 3) von Harburg nach Stade; 4) von Arnsdorf nach Gaffen; 5) von Eschhofen nach Camberg zur Gesammtkcsten- summe von 22,750,000 Thalcrn auszuführen, so wie ferner zur Vermehrung des Betriebs-Materials der Staats - Eisenbahnen einen Betrag von 4,250,000 Thalern aufzuwenden. In Ansehung der Bahn von Tilsit nach Memel bestimmt der Schlußsatz des §. 1, daß deren Bau erst dann begonnen werden solle, wenn
der für die Bahn benöthigte gesammte Grund und Boden unentgeltlich und bedingungslos von den be- theiligteu Kreisen zur Verfügung gestellt sein werde.
Nach kurzer Debatte wird Nr. 1 deS §. 1 angenommen mit der Resolution von Haebler und Gen., die königl. Staatsregierung aufzufordern: „gleichzeitig mit dem Bau der Tilsit-Memeler Eisenbahn die Tilsit- Tauroggener Staatschaussee in stets wasserfreiem, fahrbarem Zustande und mit der festen Eisenbahnbrücke in Verbindung zu bringen." Ohne Diseussion wird hierauf die Nr. 2 desselben Paragraphen angenommen. Nach einiger Debatte werden auch die übrigen Nr. 3 4 und 5 genehmigt. Der §. 2 wird in folgender Fassung angenommen: „Der zu diesen Anlagen, und Beschaffungen erforderliche Geldbedarf ist in Höhe von 2 Mill. Thlr. aus den Beständen des StaatS-Activ- capitalienfonds zu entnehmen und im Uebrigen durch Veräußerung eines entsprechenden Betrages von Schuldverschreibungen der consolidir^en Anleihe (Gesetz vom 19. December 1869, Gesetz-Samml. S. 1197) auf- zubringcn; im Jahre 1872 sind jedoch nicht mehr als 14,000,000 Rthlr., im Jahre 1873 nicht mehr als 10,000,000 Rthlr. flüssig zu machen. Wann, durch welche Stelle und in welchen Beträgen bis zur Erfüllung der nach den vorstehenden Bestimmungen zulässigen Summen, zu welchem Zinssatz, Bedingungen der Kündigung und zu welchen Coursen die Schuldverschreibungen veräußert werden sollen, bestimmt der Finanz-Minister. Im Uebrigen kommen wegen Ve>. waltung und Tilgung der Anleihe, wegen Annahme derselben als Pupillen- und deposttalmäßigc Sicherheit und wegen Verjährung der Zinsen die Vorschriften des Gesetzes vom 19. December 1869 (Gesetz Samml. S. 1197) in Anwendung."
Ohne Debatte wurden die übrigen §§. angenommen, rvÄche lauten: „§ 3. Jede Verfügung der StaatS- Regierung über die im §. 1 bezeichneten Eisenbahnen durch Veräußerung bedarf zu ihrer Rechtsgültigkeit der Zustimmung beider Häuser des Landtages. §. 4. Tie Verwendung der bei den Fonds für die vollständige Ausrüstung der Niederschlesisch-Märkischen Eisenbahn mit einem Doppelgeleise (Gesetz vom 2. Juli 1859) im Betrage von 696,071 Thlr. 28 Sgr. 8 Pf. erzielten Ersparniffe zum Umbau de» Bahnhofes Berlin der gedachten Eisenbahn wird nachträglich genehmigt. §. 5. Die Ausführung dieses Gesetzes wird dem Minister für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten und dem Finanz Minister übertragen.
Die auf das Gesetz bezüglichen Petitionen werden durch Aniiahmc desselben für erledigt erklärt. Nächste Sitzung Donnerstag 11 Uhr.
"Marburg, 7. Februar.
Die vorgestrige Sitzung des p r e u ß i s ch e n Herrenhauses wurde von der Generaldiscusston über den Entwurf des Gesetzes betr. den Eigenthumserwerb und die dingliche Belastung der Grundstücke, Bergwerke und selbstständigen Gerechtigkeiten ausgefüllt. Hierauf vertagte sich daS Haus bis Dienstag mit derselben Tagesordnung. Nach Erledigung einer Interpellation des Grafen v. Grassow, betr. den Ausschank von Branntwein u. s. w., begann am Dienstag die Special-Berathung des Gesetzes betr. den Eigenthumserwerb und die dingliche Belastung der Grundstücke u. s. w. — Der Geh. Reg.-Rath Karl v. Gräfe, Bruder deS berühmten verstorbenen Ophthalmologen, ist am 5. d. M. in Rom am ThyphuS gestorben. — Die baierische Abgeordnetenkammer ist den reichsräthlichen Abänderungen an dem Hcimathsgesetz beigetreten und hat die Staatsrechnungsnachweisung für 1869 genehmigt. Völk nannte hierbei diese Gmehmigungen leere Phrasen, tadelte die Zusammenstellungen als nicht übersichtlich und geißelte den Schlendrian in der Ausgabe der stenographischen Berichte. Die Entschädigungsansprüche pfälzischer Schafhändler wegen durch Franktireurs weggenommener Hämmel wurden, als außerhalb der Kammercompetenz liegend, abgewiesen.
Escadronschef Fürst Polignac und Lieutenant Delaferonaye gehen als französische Militär-Attaches nach Berlin. — Es wird als wahrscheinlich bezeichnet, daß Lefranc das Portefeuille des Innern übernimmt und Märtel Handelsminister wird, jedoch ist noch nichts Bestimmtes bekannt. — Glaubwürdigen Gerüchten zufolge soll der Seinepräfect seine Entlassung gegeben haben. — Der Ministerrath hat in Bezug auf Perier's Nachfolger noch keinen Beschluß gefaßt — Di« National - Versammlung verhandelte vorgestern über den Antrag Treveneuc in Bezug auf die Haltung, welche die Generalräthe für den Fall einer gewaltsamen Auflösung der National - Versammlung zu nehmen haben würden. Die Diseussion war sehr lebhaft und wurde TagS darauf sortgefetzt. — Der Pfarr-Vicar an der Madeleinekirche, Michaud, veröffentlicht im „Temps" einen Brief an den Erzbischof Guibert von Paris, in welchem er sich gegen Die Unfehlbarkeit und für die Altkatholiken erklärt, den Ultramontanismus als falschgläubige Secte zurückweist und eine Kirchenspaltung befürwortet. Er sagt ferner, er werde Priester bleiben, um weiter zu predigen und werde sich in Ermangelung eines ActionS- comites an andere rechtgläubige (altkatholische) Vereinigungen Europas anschließen.
Die belgische Rcpräsentantenkammer setzte letzter
3« Straßburg.
Erzählung von Emilie Heinrichs. -
, (Fortsetzung.)
Dieser betrachtete das Bild sehr ausmerksam und lange, er schien sich nicht davon trennen zu können ES war ein schönes Mädchen mit schalkhaften Augen und einem tiefen Grübchen im Kinn.
„Schelm im Sinn," sagte Ferdinand, auf das Letztere deutend.
„Aber reizend," erwiderte Stauffen, „wen stellt das Bild vor?"
_ »Meine Cousine Bertha Sannemann, wenn das Schicksal es will, meine künftige Gattin."
»Dann gratulirc ich," sprach Stauffen, ihm mit einer merkwürdigen Hast die Photographie hinreichend.
„Gefällt sie Dir bester, als die trauernde Germania?" fragte Ferdinand lächelnd.
„Welche Frage, diese ist ein Engel, während die Straßburgerin etwas von einem Dämon an sich hat."
„Ich liebe solche Frauen, sie haben Character; doch gleichviel, gefällt Dir das Bild, dann behalte es in Gottes Namen."
„Deine Braut?"
. „Ach, wir Hamburger find nicht so sentimental ln solchen Dingen," lachte Ferdinand, „bei uns ist Alles praktisch, auf geschäftlicher Basis, was darüber, ist vom Uebel. Es ist mir, als sähe ich die kleine Bertha mir freundlich Beifall winken. Behalte also nur ihr Conterfei, wenn's Dir Spaß macht; sollte sch wirklich Sehnsucht nach ihr bekommen, dann laß tch's mir mal zeigen."
Stauffen behielt wirklich das Bild, er verbarg es
hastig unter seiner Uniform, machte aber doch ein recht finsteres Gesicht dabei.
»Ich glaube gar, Du legst es an Dein Herz," neckte Ferdinand, der außerordmtlich aufgeräumt schien, „nimm Dich in Acht, die Kleine ist ein Schelm, denk an daS Grübchen im Kinn, sie könnte Dir Herzweh bereiten."
„Laß die Scherze, Freund!" bat Stauffen un- muthig, „Du scheinst wenig Begriffe von der Ehe zu haben, sonst würdest Du nicht so grenzenlos leichtsinnig darüber schwatzen."
„Na, Bruderherz, laß es gut sein," sagte Ferdinand gutmüchig, „die Geschichte ist ja noch in weitem Felde. Vielleicht ist Bertha schon verheirathet, wenn ich glücklich heimkehre; die gegenwärtige Völkerwanderung durch Deutschland vereinigt Nord und Süd auf wunderbare Weise, und meine kleine Cousine trägt natürlich das rothe Johanniterkreuz."
„Du bist ein seltsamer Mensch," lächelte Stauffen kopfschüttelnd.
„Nein, Bruderherz, ich bin einfach praktisch und betrachte die Dinge, wie sie sind,.nicht, wie ste fein könnten. Apropos, gehst Du zur Armee?"
„Nein, ich werde wohl hier bleiben müssen, — es thut mir leid."
„Warum? Straßburg ist trotz seiner Zerstörung eine höchst interessante Stadt. Kannst Du mich nicht bei Dir behalten?"
„Gewiß, ein Pferd kannst Du doch noch nicht besteigen; — ist es Dein Wunsch, dann kostet e» nur ein Wort beim Hauptmann." .
„Du bist ein prächtiger Mensch, Stausfen! — riskire das Wort, ich zahle eS doppelt heim. Sieh,
Freund, mich kitzelt die Aussicht, eine Elsässerin zum alten Vaterlande zu bekehren."
„Verbrenn' Dir die Flügel nur nicht, Mer Schmetterling!" sagte Stauffen, „übrigens wirst Du dieses Wunder nicht vollbringen."
„ES gilt die Wette; gewinn ich, dann kommst Du nach dem Frieden auf vier Wochen in meine Heimath."
»Zugestanden 1" nickte Stauffen, „im andern Falle sehe ick Dich bei mir in Würtemberg."
„Abgemacht, natürlich mit dem Vorbehalt, daß wir bis dahin noch am Leben sind, — ein Geister- Rendezvous liebe ich nicht."
„Ist auch nicht nach meinem Geschmack," meinte der ehrliche Stauffen, des Freundes Arm ergreifend, um mit ihm nach dem Münster zu gehen.
Am nächsten Tage stellte sich Ferdinand Wallner wieder bei seinem Geschäftsfreund Günther pünktlich ein. Er kam allein, Limteuant Stauffen hatte Dienst, schien sich auch nicht viel aus dieser Bekanntschaft zu machen.
Der Kaufmann empfing ihn sehr freundlich und suchte in seiner Unterhaltung jede Art von Politik zu vermeiden; desto mehr fragte er nach dem Großvater, nach Hamburg und den dortigen geschäftlichen Ver- hältniffeu.
„Sind natürlich augenblicklich vom Kriege in Mitleidenschaft gezogen," versetzte Ferdinand achselzuckend, „die Blokade hemmt Handel und Verkehr, das ist einmal nicht anders."
„Hm, Hamburg wird von dem sogenannten Deutsch- thum wohl wenig erbaut sein, so wenig, wie von diesem Kriege."