exaltirt mit ihm anstoßend, daß der köstliche Wein halb verschüttet wurde.
„Auf den baldigen Frieden I" setzte Stauffen hinzu.
„Für Frankreich ehrenvollen Frieden!" nickte Jeannette», da- Glas an ihre Lippen führend.
„Ist cs eine Schande, ein jahrelanges Unrecht zu sühnen, mein Fräulein?" fragte Ferdinand ruhig.
„Ein neuer Raub sühnt kein verjährtes Unrecht," entgegnete sie trotzig die Lippen aufwcrsend.
„Ah, was hatte denn Frankreich mit unS im Sinne, im Fall cs Sieger blieb?"
„Rechten Sie in diesem Punkte mit Napoleon, mein Herr! mag sich doch Deutschland an ihn halten, der Alles verschuldet."
„Ganz wie Gambetta und Genoffm," sagte Ferdinand lachend, Sie sind also jetzt Republikanerin, mein Fräulein? wie Sie sicherlich einst für Napoleon III. und die schöne Kaiserin geschwärmt haben."
Jeannette preßte zornig die Lippen auf einander und schwieg.
„Eine solche Wandelbarkeit der Gesinnung finden Sie in Deutschland nirgends," fuhr Ferdinand fort, „darin allein leistet Frankreich das Unerhörteste, weil das Wort Treue sich bei ihm nicht auf Reue reimt. Doch lassen wir die Bitterkeiten, mein Fräulein, ich kann sie Ihnen weder als Mann, noch als — Sieger zurückgeben. Im Gegentheil hoffe ich, daß wir über kurz oder lang als wahre Freunde scheiden werden und ich die schöne Tochter Straßburgs noch dereinst einmal in meinem gastfreien Hause an der schönen Alster freundlich begrüßen darf."
„Eher möchte der Rhein seinen Lauf verändern."
„Und Deutschlands Strom, nicht Grenze werden," fiel Ferdinand lächend ein, „dann sehe ich Sie ganz gewiß in Hamburg wieder, Fräulein!"
Jeannette warf ihm einen vernichtenden Blick zu und verließ rasch das Zimmer.
„Entschuldigen Sic meine Tochter," beeilte sich jetzt Günther zu sagen.
„O, seien Sie doch unbesorgt, Herr Günther!" lächelte Ferdinand, „nur der wirkliche, der thatsächliche Berrath wird bei uns bestraft, nicht eine Meinung, die uns durchaus nicht schaden oder einen Augenblick im Siegesläufe aufhalten kann."
„ES war hier schlimmer," sagte der Kaufmann gedankenvoll, „ein hiesiger Bierbrauer erlaubte sich, nur eine günstige Meinung von den Preußen zu haben, — er wurde sogleich erschossen."
„Das ist barbarisch und kommt bei uns niemals vor. Besser ist es freilich und auch klüger, mit der Thatsache zu rechnen und sich in das Unverineidliche zu fügen. Der böse Gedanke führt ost wider Willen zur bösen Thal." •
»DaS predige ich meiner Tochter stündlich vor, sie hat kein Ohr dafür, es ist die Exaltation des Unglücks. Hätte sie ihre Mutter noch! —
„Ach, deßhalb trägt das Fräulein Trauerkleider."
„O nein, die Mutter ist schon einige Jahre tobt, sie trauert um ihr Vaterland."
„Armes, thörichtes Kind!" sprach Ferdinand leise.
Die Herren blieben noch eine Zeitlang beisammen, worauf die beiden Deutschen sich mit dem Versprechen, die Gastfreundschaft täglich zu benutzen, empfahlen.
Als sie sich draußen auf der Straße wieder befanden, sagte Stauffen: „Eine schreckliche Patriotin, diese Straßburgerin, bei der kann man sich auf Gift und Dolch gefaßt machen."
„Meinst Du?" sprach Ferdinand zerstreut.
„Na, meinst Du etwa nicht?" fuhr Stauffen eifrig fort, „ich wette, daß sie lieber heute als morgen die Guillotine hier für uns errichtete und stch zur Freiheitsgöttin proclamiren ließe."
„Unsinn!" rief Ferdinand, „es ist ein prächtige- Weib, eine trauernde, nein, zürnende Germania."
1872
Marburg, Mittwoch, den 7. Februar.
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rücksichten in allernächster Zeit seine Entlastung fordern werde. In unterrichteten Kreisen ist aber von einer bevorstehenden Demission des Ministerpräsidenten nichts bekannt. — Dem Stuttgarter „Beobachter" geht die Nachricht zu, daß am 2. d. M. Ludwig Simon von Trier (bekannt aus dem Franh furter Parlament von 1848/49) in Montreux (Canton Waadt) gestorben ist.
Französische Gensd'armen haben aus Frankreich ausgewiesene Communarden der Schweiz zugeschoben Der Bundesrath protestirte in Paris gegen dieses Vor. gehen als das Völkerrecht verletzend.
Die Umbildung des rechten Centrums der französischen Nationalversammlung mit einem entschieden parlamentarischen Programm ist beschlossen. Dieselbe soll die Antwort der Prinzen von Orleans auf das Manifest des Grafen Chambord sein. — DaS „Journal officiel" meldet den Rücktritt Cas. Perier's von dem Ministerium des Innern. — In den Bu- reaux deS Comptoir d'EScompte und unter Mitwirkung dieses Instituts erfolgte vorgestern die Constituirung der Französisch-Holländischen Bank. Das Kapital derselben ist auf 150 Mill, festgesetzt, wovon eine erste Serie von 50 Mill, bereits gezeichnet ist. Unter den Gründern und den Zeichnern der ersten Serie befinden sich die Amsterdamer Häuser: Becker, Fuld, Jnsinger und Co., Lippmann, Rosenthal und Co., Werthheim und Gompcrtz, sowie die Amsterdamer und Rotterdamer Bank. — Aus Paris und Nancy wird unterm 4. Febr. gemeldet: Seit Abends 6 Uhr ist ein prachtvolles Nordlicht sichtbar. Dastelbe wurde in Chaumont schon gegen 5 Uhr 55 Minuten bemerkt. Die deutschen und französischen Telegraphenleitungen sind momentan gestört.
Die anglo-österreichische Bank hat mit einer Gruppe italienischer und auswärtiger Bankhäuser ein Uebcreinkommen zur Gründung einer österreichisch- italienischen Bank getroffen Das Kapital derselben soll 50 Millionen betragen und werden die Zeichnungen in Wien und Italien stattfinden. — Die Kammer hat sämmtliche Artikel des Waldschutz-Ge- setzeö, sowie die Kosten für die Durchbohrung des Col di Tenda genehmigt. Die Finanz Commission hat Minghetii zu ihrem Berichterstatter ernannt, und eS soll dieselbe, wie die „Opinione" meldet, die Vorlage, nach welcher der gcsammte Schatzdienst den Banken übertragen werden soll, mit einigen Modifi-
I» Straßburg.
Erzählung von Emilie Heinrichs.
(Fortsetzung.)
Jeannette wandte sich in der Thür um, sie schien ein bitteres Wort auf den Lippen zu haben; ein Blick des Vaters ließ sie verstummen und sich rasch entfernen.
„Wozu die Plänkelei," nahm jetzt der ehrliche Stauffen das Wort; „cs kommt nichts als böses Blut dabei heraus. Ich schlage Neutralität vor."
„Ein gescheivter Einfall," rief Günther, „accep- titm Sie den Vorschlag, Herr Wallner?"
„Von Herzen gern," versetzte dieser, „wenn Ihre Fräulein Tochter nur keine Winkelzüge macht, sie scheint viel Haß in sich zu bergen."
„Gan; natürlich," meinte Günther, einen Seufzer Unterdrückend, „wir sind französisch und werden cs dlriben, verlaffen Sie sich darauf."
„Respectiren Sie die Neutralität," mahnte Stauffen, »der Boden ist hier gefährlicher als anderswo."
„Ach, wovon soll man denn anders reden, als den seinem Unglück?" seufzte Günther.
„Von der Zukunft," meinte Ferdinand.
„Die ist dunkel."
.„Hoffentlich licht und froh, — doch da kommt Fräulein Jeannette.
Die junge Dame trat in'S Zimmer, von einer Magd gefolgt, welche Wein brachte. Sie warf einen srindseligen Blick auf Ferdinand und ordnete dann d«i Tisch. Bald klangen die Gläser lustig zusammen.
»Worauf stoßen wir denn eigentlich an?" fragte blausten.
„Auf die Zukunft des Vaterlandes!" sprach Ferdinand, sich ernst und feierlich erhebend.
Hastig ergriff Jeannette ein Glas.
„Ja, auf die Zukunft des Vaterlandes!" rief sie,
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cationen angenommen, die Gewerbesteuer abgelehnt und sich für eine Erhöhung des Kapitals der Nationalbank auf die Summe von 200 Millionen sowie dafür ausgesprochen haben, daß durch die Nationalbank die Convertirung der Nationalanleihe angenommen werde. Nach der „Italia" wäre von der Commission auch die Erhöhung der Petroleumsteuer genehmigt, die Kaffeesteuer aber abgelehnt. — Vom Papste wird in der zweiten Fastenwoche ein Con- sistorium abgehalten werden.
DaS dänische Volksthing hat am 1. Februar das Kriegs - und Marine - Budget in dritter Lesung erledigt. Der Gesetzentwurf wegen Ausdehnung des Wahlrechts in den Gemeinden, der im Volksthing alle drei Lesungen glücklich bestanden, ist im Landsthing am 1. d. schon in' erster Lesung mit 32 gegen 16 Stimmen verworfen worden.
Der russischen „St. P. Ztg." zufolge sind die nach dem Archangel'schen Gouvernement sowohl auf administrativem, als auch auf gerichtlichem Wege verbannten Polen begnadigt worden und haben die Er- laubniß erhalten, in den inneren Gouvernements ihren Wohnsitz zu nehmen.
Gegen die drei bulgarischen Bischöfe, welche, um ihre Unabhängigkeit darzuthun, gegen den Einspruch des Patriarchen am Dreikönigsfeste die Messe in der bulgarischen Kirche celebrirt hatten, ist von der türkischen Regierung die Strafe der Verbannung verhängt worden. — Am 4. d. M., Abends 101/4 Uhr, war in Konstantinopel ein außerordentlich starkes Nordlicht sichtbar, welches erst nach 11/2 Stunden an Jnlensivität verlor. — Der neue österreichische Gesandte Graf Ludolff ist am 2. d. in Konstantinopel eingetroffen, desgleichen ein Gesandter des Emirs von Bokhara. — In Aleppo ist der syrische Landtag zum ersten Male versammelt gewesen und hat an den Sultan eine Bittschrift gerichtet um Abstellung vieler Mängel und Mißbräuche in der Verwaltung.
Aus Calcutta unterm 3. Febr. wird telegraphffch gemeldet: Die Regierung hat eine sofortige Untersuchung wegen der gegen die RookaS vollstreckten ©je« kutionen angeordnet.
Der im September von Südsee-Jnsulanern erschlagene anglicanische Bischof Patteson hatte sein ganzes Vermögen, mehr als 12,000 L., testamentarisch den christlichen Missionen vermacht.
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Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberhesfische« Zeitung mit Kreisblatt durch die Expedition (Koch'sche Buchdruäerei) bezogen 22; Lar., durch die Postämter 27 Lgr. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Egr. — JnfertionSgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.
Vom Landtage.
tz'auS der Abgeordneten. 26. Plenar-Sitzung vom 5. Februar 1872.
Präsident v. Forckenbeck eröffnet die Sitzung lli/4 Uhr Vorm. Am Ministertische: die Grafen Ztzenplitz, zu Eulenburg, Reg. - Commissarien rc. — Die aus dem Herrcnhause gekommene Vorlage wegen Aufhebung des Vorkaufsrechts in Hannover geht an die Justizkommission.
ES folgt die Interpellation des Abg. P! 0 h r und Gen., ob die Regierung gewillt sei, gemäß der in der 30. Sitzung vom 15. Februar v. I. gemachten Zusage noch dem gegenwärtigen Landtage eine Vorlage zu machen, welche geeignet ist, die Mißstände und llngleichheiten bezüglich des Besteuerungsrcchtes der Gemeinden in verschiedene» Provinzen zu beseitigen.
Minister des Innern: Die Regierung beabsichtigt noch in dieser Session einen Entwurf vorzulegen, welche sich auf die Communalsteuer der Forensen und juristischen Personen bezieht. Eine Vorlage über die allgemeine Regelung der Communalsteuer kann ich für diese Session nicht in Aussicht stellen.
Es folgt der Bericht der vereinigten Commissionen für Handel und Gewerbe und für Finanzen und Zölle über den Gesetzentwurf, betr. die Erweiterung des Eisenbahnnetzes, Vermehrung des Bctriebsmaterials u. s. w.
Position 2 des Eisenbahngesetzes, die Linie Bebra Friedland-Niederhohne-Eschwege betr., wird nach der Regierungsvorlage angenommen.
(Fortsetzung in der nächsten Nummer.)
"Marburg, 6. Februar.
Se. Maj. der Kaiser und König hat das Abschiedsgesuch de« Telcgraphendirectors v. Chauvin genehmigt. Derselbe macht bereit« seine Abschiedsbesuche und wird demnächst nach Freiburg i. B. gehen. — Der General-Lieutenant von PodbielSki ist an Stelle des verstorbenen Generals der Infanterie v. Hindersin mit Führung der Geschäfte der General - Jnspection der Attillerie beauftragt worden. — Die baierische Reichsrathskammer genehmigte gestern einstimmig die «vidirte Geschäftsordnung dieser Kammer, sowie den Gesetzentwurf über Pferdebedarfsergänzung für's Heer im Mobilisirungsfalle. — Verschiedene Blätter haben sich von München berichten lassen, daß der Ministerpräsident Graf Hegnenberg - Dux aus Gesundheils-