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Mr. 2S

Marburg, Mittwoch, den 31. Januar.

1872

Oberhessische Zeitung.

fieint täglich außer den Werttagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberhesflschen Zeitung mit KreiSblatt durch die Expedition (1och'sche »uchdruckerei) bezogen 881 Ear., durch die Postämter 87 Ggr. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl- Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 88 Ggr. Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

«ür die Monate Februar und März nehme» O alle Postanstalten (auf dem Lande auch die Land­briefträger), sowie die Expedition Bestellungen auf die Oberhefsifche Zeitung entgegen. Mit Anfang Februar beginnt im Feuilleton eine höchst spannende und interessante Original- Erzählung :

In Straßburg.

Von Emilie Heinrich».

«Marburg, 30. Januar.

Das Staatsministerium hielt vorgestern Mittag im Auswärtigen Amte unter dem Vorsitze des Mini­sterpräsidenten Fürsten BiSmarck eine dreistündige Sitzung, in welcher CultuSminister Falk in das Staatö- ministcrium eingeführt wurde. Der Meininger Landtag hat am letzten Freitag 26. d. dem Verkauf de» weithin bekannten Bades Liebenstein seine Zu- stimmung ertheilt. Demgemäß gehen sämmliche Bade­anstalten mit Inventar, die Park- und Gartenanlagen, das Kurhaus mit dem Langbau und das großartige erst vor wenigen Jahren von Herzog Georg im Schweizerstyl erbaute Hotel Bellevue für 450,000 fl. in das Eigenthum des Bankhauses M. Schic Nach­folger in Dresden über. Man hofft von diesem Ge­schäft einen gesteigerten Aufschwung des reizenden Badeortes.

Ein den Zeitungen von amtlicher Seite zugegan- genes Communiqus meldet, daß am Sonnabend ein Courier des e n g l i s ch e n Ministeriums mit wichtigen Depeschen an Lord Lyon» abgereist ist. Es wird in denselben die Haltung, welche die englische Regierung der Frage des englisch-französischen Handelsvertrages gegenüber einnimmt, auSeinandergesetzt und den unrich­tigen Vorstellungen, welche in Frankreich darüber ver­breitet zu sein scheinen, entgegengetreten.

Die Budget-Commission der italienischen Kam­mer hat ihre Zustimmung zu der von Sella projec- tirten Anleihe von 300 Millionen gegeben. Der Cardinal-Vicar hat im Namen des Papstes gegen die Beschlagnahme der Basilika von San Vitale protestirt. Der Gesetzentwurf wegen Reorganisation der Ma­rine wurde von der bett. Commission der Kammer angenommen.Opinione erklärt, daß das Staats- Ministerium aus der Annahme des Gesetzentwurfs, die tlebertragung des Schatzdienstes an die Banken be­treffend, keine Cabinetsfragc machen werde.

Kiamil Pascha wurde an Stelle Mustapha Hazyl Pascha'S zum türkischen Justiz-Minister, Achmet Vefik zum Mustaschar im Großvezirate und Ghalib Bey zum Chef beS Zollwesens ernannt.

DcutschesHhT"

» Berlin, 29. Jan. In der gestrigen Sitzung des Staatsministeriums unterlag neben den laufenden Geschäften auch die Stellung des Cultusministers zu den im Landtage an ihn herantretenden Fragen einer vertraulichen Erörterung. Herr Dr. Falk wird sich morgen im Abgeorduetenhause näher über die leiten den Gesichtspunkte seiner speciellen Verwaltung auS- sprechen. Ein dctaillirtes Programm wird indessen eben so wenig der Volksvertretung vorgelegt werden, wie auch seiner Zeit weder dem König noch dem Staatsministerium eins unterbreitet worden ist. Die Kraft und die Erfolge des Ministeriums Bismarck beruhen hauptsächlich darauf,.daß man sich stets mit Beseitelassung aller principiellen Vorurtheile im gege­benen Momente über die Erledigung praktischer Auf­gaben verständigt hat. Auch in parlamentarischen Kreise» kommt man allmählig von jener doctrinären Sucht nach Programmen zurück, durch welche den unberechenbaren Ereignissen von vornherein die Bahn angewiesen und an Stelle der energisch eingreifenden Thatkraft die blinde Tyrannei des Princips gesetzt wird. Wie schwer es übrigens sein möchte, alle Theile durch ein solches Programm zu befriedigen, zeigt der Krieg, der in jüngster Zeit zwischenVolks-" und National- Zeitung" entbrannt ist. DieNatioual- Zeitung" kann sich mit einer radicalen Umgestaltung der Verhältnisse nicht befreunden und meint, eine voll­ständige Trennung zwischen Staat und Kirche passe weder zu unseren Verhältnissen, noch zu den Anschauun­gen unseres Volkes. Eine unbedingt confesstouslose, gänzlich von den religiösen Genossenschaften losgelöste Volksschule kann nur Jemand befürworten, der sich niemals um dieselbe bekümmert. Im Ganzen müsse der Grundsatz der preußischen Verfassung als richtig anerkannt werden, daß die Schule im Zusammenhang mit der Religion bleibe, aber unter Oberaufsicht des Staates stehe. DieVolks-Zeitung" bekämpft natür­lich diese Ausführungen, als die vonHalbzeistern." In der morgigen Sitzung des Abgeordnetenhauses wird auch der Minister des Innern über die ConftS cationS-Angelcgenheit sprechen und sein Bedauern über das arge Versehen der Polizeibehörde kundgeben.

DieBörsen-Zeitung" und einige andere Blätter halten noch immer an der Ansicht fest, die Maßregel sei auf sein- Veranlassung erfolgt. Es muß nochmals erklärt werden, daß der Minister erst nachher Kennt- niß von dem Geschehenen erhalten hat. Richtig ist nur, daß die Polizei Behörden Seitens des Handels- Ministeriums auf die Ankündigung einer Prämien- Anlcihe und den fraglichen Charakter derselben auf­merksam gemacht sind. Wenn die Redactionen je:r.r Blätter nicht glauben wollen, daß die Handlungsweise der Polizei im ausdrücklichen Widerspruche mit den Weisungen des Ministers steht, so mögen sie sich den Erlaß desselben vom 30. Januar 1865 ansehen. Große Sensation erregt allseitig das Abschiedsgesuch des Oberbürgermeisters von Berlin. Es dürste nicht unwahrscheinlich sein, daß abgesehen vom angegriffenen Gesundheitszustand des Herrn Seydel, auch die Rei­bereien zwischen^dcn verschiedenen städtischen Behörden ihn zu diesem Schritte bewogen haben.

DieKarlsr. Zlg." bezeichnete cs als ein Ver­sehen, daß Hr. Dr. Falk bei seiner Ernennung zum Cultusminister nicht gleichzeitig zum StaatSminister ernannt worden sei. Es liegt aber hierbei weder sach­lich noch formell eine Lücke vor, da die Eigenschaft als Staatsminister für einen zum activen Chef eines bestimmten Ministeriums ernannten Minister selbst­verständlich ist.

ES lag in der Absicht des Polizeipräsidenten, die confiScirten Blätter wieder frcizugcben, weil man im ersten Augenblick bei Besprechung der Angelegenheit richterlicherseits der Ansicht war, daß das in Rede stehende Inserat desVerwaltungsrathcs der deutschen Hypothekenbank in Meiningen" mit der Prämien-An- leihe keinen Zusammenhang habe. Bei längerer wohl­erwogener Berathung ist man.,jedoch zu der Ansicht gelangt, daß eine Vermehrung des Äctiencapitals dieser Bank in enger Beziehung stehe zu der in dem ersten Inserat angezcigten Vermehrung der Pfandbriefe des genannten Instituts. Da nun aber nach der Ansicht der Staatsanwaltschaft diese Vermehrung der Prämien- Pfandbriefe ohne vorhergegangene Genehmigung durch ein Reichsgesetz dem Sinne deS Reichsgesetzes über die Ausgabe von Jnhabcrpapicren vom 8. Juni 1871 widerspricht und der Staatsanwalt beim hiesigen Stadt­gericht deshalb bereits die Voruntersuchung gegen die in diese Angelegenheit verwickelten Personen des dies­seitigen GerichlLbezirks eingeleitet hat, so wurde auf Anordnung des letzteren die Beschlaguahmr der vier

Eine unfreiwillige Alpenbesteignug.

Von Wilhelm Baumann.

(Schluß.)

Wiffenschastliche Bedeutung gewann der Monte rosa erst seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts durch Sauffure, der dort seine berühmten Beobachtungen über die Alpenwelt anstellte. Die erste mit vollem Crsolg gekrönte Besteigung deffclben führte zu An­fang unseres Jahrhunderts der ältere Parrot aus, »ach dem die nordwestliche dieParrot-Spitze" be­nannt worden ist. Nach vier vergeblichen Steigungen in den Jahren 1819 bis 1822 gelang es bei der fünften dem Ortsbewohner Zumstein (genannt Dela- pierre) mit Genossen eine der höchsten Spitzen zu er­steigen, welche er Signalkuppe nannte. Ein anderer rüstiger Bergsteiger ist der Pfarrer Guifetti in Alagna, welcher nach Anhörung meiner Erlebnisse schelmisch lächelte und mir erklärte, ich sei wie durch ein Wunder dem Leben wicdergegeben. Von Jugend auf aus Bergsteigen gewöhnt, erst nachdem er sich zwei Som- wer hindurch noch eigens darauf eingeübt, hat dieser Mann im Jahre 1834 im kräftigsten Lebensalter sich entschlossen, mit vier mulhigen und starken Gefährten den Bergriesen zu ersteigen. Dennoch waren drei Steigungen vergeblich, und erst bei der vierten, mit allem dazu nöthigen Zubehör versehen, in Begleitung »vn neun Gefährten, gelang eS ihm am 9. August 1842 den Gipfel zu erreichen und zwar bei der Sig- »alkuppe, auf deren massiven Obelisk unter dem Jubel der Gesellschaft die zwei muthigsten aus derselben, Eiordani und Farinetti, eine riesige rolhe Fahne aus- dstanzten, welche man noch lange nachher von Alagna aus gesehen hat. Außer dieser letztgenannten hat der Monte rosa noch acht Kuppen, von welchen die soge­nanntehöchste Spitze" einen zuckerhulförmigen Gra- uftkegel bildet, von Schnee gänzlich entblößt, unersteig­

bar für den menschlichen Fnß ist. Vor etwa zwanzig Jahren wurde der ganze Gebirgsstock von den Gcbrü dern Schlagintweit umfassend beschrieben und die Höhe (14,783 Fuß) genau gemessen, woraus sich ergiebt, daß der Rosa nur 26 Fuß niedriger ist, als der Bi­anco , ein bei solcher Höhe verschwindender Unterschied.

Guifetti's Beobachtungen bestätigen die an mir selbst gemachten; in größerer Höhe, als ich sie be­stiegen (11,500 Fuß), ergänzt er dieselben,steigert sich daö körperliche Unbehagen je nach der Persönlich­keit zu Klopfen an den Schläfen, zu Nasenbluten, Erbrechen und Ohnmacht. Von 11,000 Fuß an auf­wärts ist kein Wasser mehr zu finden; der Schnee wird fest, die versteckten Spalten verschwinden: die Natur starrt im ewigem Tode. Auf der zweiten Hochebene (11,500 Fuß) verschwindet auch das> Eis, während der Schnee, oft weite Spalten bildend, von der Härte des Eises erscheint; noch 1000 Fuß höher und man gelangt auf die dritte und letzte Hochebene. Auf solcher Höhe widersteht der menschlichen Natur der Wein und bringt eine der gewöhnlichen entgegen­gesetzte Wirkung hervor; das beste Getränk beim Berg­steigen ist Wasser mit Essig oder Citronensaft; um nicht zu verschmachten, muß der Wanderer sein Gesäß, tief unten im Thale mit Qucllwaffer gefüllt, bei sich führen." Der Ackerbau (Roggen, Gerste, Hanf, Kar­toffeln) steigt bis auf etwa 6600 Fuß hinauf, 500 Fuß höher stehen die äußersten Sennhütten bis 9000 Fuß erscheint noch das Rhododendron, nur wenig höher geht das Schaf, am höchsten oie Gemse: 9500 Fuß, wenn verfolgt, auch wohl bis 13,000 Fuß. Nur der Mensch allein erkühnt sich, das gewaltige Naturgebilde ganz sich zu Füßen zu legen. Welch ein Wagniß dies jedoch sei, entnehmen wir den Worten des alten erfahrenen Bergsteigers Guifetti:ohne es zu gewahren," schreibt er,ohne es auch nur zu ahnen,

in welcher Gefahr er sich befinde, schreitet der Gebirgs­wanderer über ungeheure Abgründe hinwea, über welche das im Sommer von der Höhe nachschiebende Eis oft sehr gebrechliche Brücken spannt. Wer nicht begabt ist mit Muth, mit Unerschrockenheit und Kaltblütig­keit, unterlasse es nur ja, sich in zahllose Gefahren zu begeben, weil jeder Schritt deren unvorhergesehene neue bringt. Wer aber den Kampf aufuehmen will mit dem brüchigen Element des Eises und sich vertiefen in die furchtbaren Abgründe, der mache sich zu steter Begleiterin: Vorsicht, Umsicht, und ununterbrochene an­gestrengte Aufmerksamkeit. Namentlich zu beachten ist dabei Folgendes: die offenen Spalten der Eismassen müssen durch Sprung überwunden werden, wobei natürlicherweise der kühnste und erfahrenste Wanderer voran muß, um den übrigen durch Entgegenreichen der Hand gegen Ausgleiten behülflich zu sein. Be­sondere Aufmerksamkeit erfordern die von Schnce und Eis verdeckten Spalten, welche man häufig mit Eisen­stab und Beil zu untersuchen gezwungen ist, denn auch das Fallcn zwischen kleine Eisspalten kann erhebliche Körperverletzungen zur Folge haben, die bei der Ent- fernung aller menschlichen Wohnungen um so gefähr­licher sind. Zu den sachlichen Erfordernissen für das Ersteigen der höchsten Alpen gehören folgende Gegen­stände: ein Zelt, Winterkleider (außer Pelz, Hand­schuhe, Gamaschen, auch Decken und Teppiche), Speise und Trank (am zweckmäßigsten Brot, Fleisch, Käse, Citronen, Wasser), ferner Fußhaken. eisenbeschlageNe Stangen, Beile, Seile, Leitern und endlich zuver­lässige Führer. Wohl aber erwäge jeder sorgfältig, daß es zu solchem Wagniß bedarf: großer Energie, nichtgewöhnlicher Körpeckraft, Jugendmuth, Gegenwart und Munterkeit des Geiste«, Vorsicht, Kenntniß der vielen Gefahren und endlich Empfänglichkeit für die Reize der Natur."