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RTr* 18 Marburg, Dienstag, den 23. Januar. 1872.

Oberhessische Leitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn, und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberhessischen Leitung mit Kreisblatt durch die Expedition (Äo<6'f<6t Buchdruckerei) bezogen 82} Lar-, durch die Postämter 27 Tgr. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl- Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 «ar. —

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Bom Landtage.

Hau» der Abgeordneten. 20. Plenarsitzung vom 19. Januar 1872.

(Fortsetzung).

Nach Erledigung einiger Petitionen und Wahl- rrüfungen setzt da» Haus die Vorberathung des StaatS- hau-haltSetatS fort.

Betreffend den Etat der Staatslotterie werden auf Antrag deS Abg. Schröder (Königsberg) der bei der Lotterieverwaltung angestellte Vorsteher und die beiden Directoren auf einen Director und einen Justitiarius reduzirt.

Zum Etat der Seehandlung beantragen die Com miffarien des Hauses: 1) die Staatsregierung aufzu fordern: auf die baldige Veräußerung der gewerblichen Etabliffements der Seehandlung ernstlich Bedacht zu nehmen, 2) zu erklären: der Nettogewinn der See- Handlung aus dem Jahre 1870 im Betrage von 558,593 Thalern 19 Silbergroschcn 8 Pfennigen ist zu allgemeinen Staatszwecken verfügbar und dem Landtag ist über Verwendung dieser Summe eine Vor­lage zu machen.

Abg. Schröder (Königsberg). Seit 1850 drängte die Landesvertretung auf die Veräußerung der gewerblichen Etablissements der Seehandlung und in demselben Sinne hat sie vergangenen Jahres beschloffen, daß die Aktien der Patcutpapierfabrik ver­kauft werden sollen. Redner tadelt, daß die Regie- rung letzterem Beschlüsse nur theilweise nachgekommen sei und den auf den Verkauf der gemeinten gewerb- üchen Etablissements gerichteten Intentionen der Lan- desvcrtretung dadurch zuwider handle, daß sie solche Etablissements nm errichte.

Finanzminister Camphausen. Ich würde einer Veräußerung der gewerblichen Etablissements der See Handlung sofort zustimmen, wenn dieselben so leicht veräußerlich wären, wie der Vorredner anzunehmen scheint. Was den Verkauf der Patentpapierfabrikactien betrifft, so ist derselbe geschehen, soweit acccptable Preise für jene Papiere erlangt werden konnten, und ich rotrbt mit der Veräußerung fortfahren, sobald mir annehmbare Offerten vorliegen. Der Finanzminister weist des weiteren nach, daß im Betriebe der vom Vorredner angeführten Etablissements keine finanzielle Gefahr für den Staat liege und die Resultate des Betriebes keineswegs so ungünstig seien, als angenom­men werde. UebrigenS erklärt sich der Minister zum Verkaufe der Etablissements bereit, wenn günstige Offerten gemacht würden, woran cS bis jetzt gefehlt habe. Nächste Sitzung Montag 11 Uhr.

Der Tag zu Kassel.

Historische Erzählung aus der Jugendzeit Philipp des Großmüthigen.

Bon SS. Bennecke.

, (Fortsetzung.)

„Martha!" rief der Vermummte auf» Neue. ES »ar kein Zweifel, der Geliebte rief sie.

„Andres! Lieber Andres!" gab sic leise zurück.

Er trat dicht an'S Fenster.

„3a", sagte er, „ich bin's. Ich habe meinen Kopf mrf's Spiel gesetzt und bin hergekomme», um Dich !» sehen. Ich hielt es nicht länger aus. Du solltest Mindestens wissen, daß ich noch am Leben bio."

„Ach, Andres", klagte das Mädchen, „wie hab' ich um Dich geweint. Wo bist Du so lange gewesen?"

„Ei, Schätzchen", lachte der Gesell, „darnach frage »icht. Gut aufgehoben war ich und bin ich noch. Jetzt merke auf! Ich habe einen Auftrag an Dich und muß schnell sein, denn jeder Scharwächter könnte mich Steifen. Sage Deiner Bürgermeisterstochter, der Eva Schrendeisen, wenn sie den Balser Amrhein noch lieb hätte, so solle sie morgen Nacht, wenn Alles schläft, Aer in Dein Kämmerlein kommen, dann wollte ihr «räutigam da stehen, wo ich jetzt stehe und dann könnte sie ein Wort in Ehren mit ihm reden, hast Du es verstanden? Und vielleicht komme ich dann Mich mit. Lebe wohl!"

Noch ehe das Mädchen den Abschiedsgruß erwie mrn konnte, war der Gesell im nächtlichen Dunkel ^schwunden. Früh schon am nächsten Morgen wußte «va Schrendeisen die Botschaft ihres Bräutigams und mit Bangen sah sie dem Abend entgegen. Wie sollte £ die Wachsamkeit ihrer Mutter täuschen, deren dchlafgemach an das Ihre stieß? — Der Abend kam

«Marburg, 22. Januar.

Sc. Majestät der Kaiser hat dem Könige 'von Baiern den Schwarzen Adler-Orden mit der Kette ver­liehen. Die Insignien desselben wurden dem Könige 'letzten Freitag vom preußischen Gesandten v. Werthern, begleitet von dem Gesandtschaftspersonal, dem LegationS- Secretär v. d. Brinken und dem Hauptman Stülp- nagel, feierlichst überreicht. — Ueber die Neubesetzung des CultuSMinisteriums verlautet noch nichts. Der „Kreuzzeitnng" zufolge, dürfte sich dieselbe noch um einige Tage verzögern.— ÄuS Dresden wird der wiener „Pr." gemeldet: Auf Grund der während der social'demokratischen LandeSversammlung gesammelten Erfahrungen hat die Regierung die Auflösung sämmt- licher in Sachsen bestehenden internationalen Gewerksge- noffenschasten (Chemnitz, Mittweida, Crimmitschau, Lim- bach, Rottluff, Altendorf, Ober- und Niedcr-Rabestein rc.) verfügt. — Der Antrag der bairischen Staatsre­gierung auf Erhöhung der Beamtengehaltc ist in Form eines Nachtragspostulats zum Budget an die Kammer ge­langt. Die geforderte Summe beträgt 1,600,000 fl. und die Verbesserung der Gehalte wäre darnach durch­schnittlich 19Vs Proz. — In der Abendsitzung der würtembergischen Abgeordnetenkammer vom letzten Freitag interpellirte Pfeiffer die Regierung, ob sie Schritte zur Einführung der Reichspost in Würtem berg beabsichtige. Oesterlen erneuerte seine Interpellation, betr den Maßstab derVertheilung derKriegscontribution. Dem General v. Werder in Karlsruhe, com mandirenden General des 14. Armeecorps ist vom Kaiser unterm 16. d. M. folgendes Telegramm zuge­gangen: „Die Erinnerung an ewig denkwürdige drei Siegestage begehen wir in diesen Tagen und muß Ich Ihnen, unter dessen Führung so Wichtiges erfochten wurde, Meine ganze Anerkennung und den Truppen, die so hcldenmüthig fochten und ausdauerten, Meinen innigen Dank wiederholt aussprechen."

Im VerfassungSauSschusse des österreichischen Abgeordnetenhauses erklärte der Ministerpräsident, die Regierung könne unmöglich der galizischen Resolution im Ganzen und Allgemeinen beitreten. Auf dieser Grundlage würbe sich ein Staat im Staate bilden, waS wegen der inneren und äußeren Verhältnisfe verhütet werden müsse. Die Regierung werde indessen allen mit der Reichseinheit verträglichen Conccssiouen an Galizien bereitwillig zustimmen und halte in die­ser Beziehung den im Vorjahr eingebrachten Antrag als die geeignete Basis weiterer Verhandlungen. Derelbe erklärt,e ferner, die Regierung wünsche die Herstellung eines Vollparlaments; dies sei durch ein Nothwahl-

gesetz erreichbar. Der Ausschuß beschloß die Ein- i setzung eines SubcomiteS von sieben Mitgliedern. — Der Finanzausschuß beschloß bei Berathung der Re­gierungsvorlage, die Abänderung Jbe» §. 14 der Bank­statuten betr., die Regierungsvorlage unverändert zur Annahme zu empfehlen, nachdem in eingehender De­batte allseits anerkannt worden war, daß die bean­tragte Aenderung, die Einführung der Golddeckung betreffend, ebenso nothwendig als dringend sei.

Der schweizerische Nationalrath verwarf mit großer Majorität die von einem Genfer Mitgliede beantragte dirccte Wahl des BundeSratheS durch daS

Jn der Sitzung der französischen Nativ- nalversammlung am letzten Samstag gelangte eine Botschaft ThierS’ zur Verlesung, worin .c an« zeigte, daß er seine Demission als Präsident der Re­publik gleichzeitig mit der Demission der Minis er gebe. Auf den Antrag des Deputirten Batbie erklärte hier­auf die Versammlung einstimmig, mit Ausnahme von 6 Mitgliedern der Rechten, daß der gestrige Beschluß, betr. die Zurückweisung des CompromißvorschlageS Perier's und die Annahme deS Antrages Feray's, in keiner Weise ein Mißtrauensvotum gegen Thiers be­deute und wählte eine Commission, die eine Versöh­nung bei ThierS versuchen solle. Die Deputation be­gab sich hierauf zu Thiers. Abend« theilte Benoist d'Azy der Nationalversammlung mit, Thiers habe der Deputation geantwortet, er willige ein, im Dienste der Nationalversammlung und des Vaterlandes zu bleiben. Ueber die Demission der Minister habe er nichts ge­äußert.

Die Commission der italienischen Kammer hat die Regierungsvorlage in Betreff der Durchbohrung des Col di Tenda und bezüglich der Aufhebung des Unterrichts in den theologischen Wissenschaften auf den Universitäten angenommen. — Prinz Friedrich Karl von Preußen wird den Karneval in Rom zu­bringen. Desgleichen werden der Großfürst Michael von Rußland uild Gemahlin erwartet. — Sella, dessen Gesundheit sehr angegriffen ist, hat stch nach Neapel begebm. — Bischof Stroßmaycr ist vollständig genesen nach Rom zurückgekehrt. Der Herzog von Sermoneta veranstaltete ihm zu Ehren ein großes Gastmahl. — Cardinal Amat, der bekanntlich durch­aus nicht fanatische Prälat, ist von neuem erkrankt.

Der spanische Premier-Minister Sagasta hat das längst vorbereitete Rundschreiben an die Gouver­neure der Provinzen veröffentlicht, worin er dieselben beauftragt, mit allen gesetzlichen Mitteln den geheimen

und als nach und nach die Lichter in den Häusern erloschen, als die Scharwache ihre erste Runde gemacht, da schlichen zwei Männergeftalten an dem HauS des Bürgermeisters hin nach jenem kleinen vergitterten Fenster. Und drinnen im HauS stieg eS auf Socken im leichten Nachtgewand die steinerne» Treppen hinab nach jenem Kämmerlein und drängte sich mit klopfen­dem Herzen an daS Fenster und durch das eiserne Gitter zwängte sich eine weiße zarte Hand, die ein männlicher Mund mit Küssen bedeckte und Worte der Liebe wurden geflüstert und Schwüre der Treue für’« Leben getauscht; Wolken verhüllten den Mond und die Stunde schien der heimlichen Liebe geweiht, da schmet­terten plötzlich Trompeten klänge durch die Luft, und der Schein von Fackeln röthele den Himmel.

Als Anna von Heffen nach ihrer Zusammenkunft mit ben Obervormündern Kaffel verlassen hatte, war sie nach Homberg gezogen. Zu ihrem Anhänge zählte sie jetzt die gesammte Ritterschaft mit Ausnahme jener fünf, welche bei Ludwig von Boyneburg zurückgeblie­ben waren, sämmtliche Städte Hessens standen zu ihr, nur Kassel hatte sich noch nicht erklärt. Sie sandte von Homberg ihren Bevollmächtigten Hermann Riedesel mit 400 Reisigen nach Kassel, um die Huldigung dieser Stadt und später die der übrigen niederhessiscken Städte für sie entgegen zu nehmen. Zwar hatte Kassel Riedesel mit seinem Gefolge eingelaffen, aber Schrend eifert und die übrigen Anhänger Boyneburg'S wußten einen Beschluß über die Huldigung zu hintertreiben. Da beschloß Riedesel, deS langen Wartens müde, Kassel zu verlaffen. In jener Nacht, welche Amrhein zum Stelldichein mit Eva Schrendeisen erwählt, ließ er zum Aufbruch blasen und denselben mit vielem

Geräusch bewerkstelligen. Vielleicht hoffte er hierdurch die Anhänger Aima'S in der Stadt zu einer Demon­stration zu verleiten. Seine Reiter sprengten mit Fackeln durch die Straßen und seine Trompeten er­tönten in jedem Winkel der Stadt.

(Fortsetzung folgt.)

Der Kanzler M deutschen Kaiserreichs.

(Aue der „Jllustrirlen Zeitung").

Ala vor nahezu zehn Jahren jener Mann an die Spitze des preußischen Staates gestellt wurde, der heute der Kanzler des deutschen Kaiserreichs ist, da ging ein Ahnen durch alle Gemüther, daß die Cirkel des politischen Lebens eine andere Stellung erhalten werden. Schon lange zuvor flog ja der Name Bis­marck, einst an der Spitze der preußischen Junker­partei, wie ein Alarmruf durch die europäische Politik. Man kannte den rührigen Ehrgeiz dieses Mannes, der als Gesandter in Petersburg und bann in Paris Pläne der hohen Politik auf eigene Hand verfolgte, und man wußte, daß ihn die reactionäre Partei in Preußen als den energischen Geist betrachtete, der im entscheidenden Augenblick erst berufen werden sollte, um dem inner« Kampf im Sinne des strammen Ab­solutismus ein Ende zu machen. Seine Erhebung zum Ministerpräsidenten mußte also wohl als ein Zeichen dafür gelten, daß die preußifche Politik nach innen wie nach außen ein kühnes Spiel zu unter­nehmen gedenke, und überall blickte man deshalb mit Spannung, mit Haß und Argwohn auf ben geheim- nißvollen Staatsmann. Wer ihn näher kannte, hegte keinen Zweifel baran, baß e- sich um große Schläge hanbeln werde, daß Bismarck mit seiner Sache zu siegen oder zu fallen bereit fei.