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Marburg, Sonntag, den 21. Januar.

1872

Olmhessische 3cituno

Erscheint täglich außer ben Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal der OberüeMCcken Seitüüä »itt »rettträtt j. iZ SZZiZiTbTTT JnfertlonSgebühr für bie gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-BüreauS nehmen Inserate au. ® "

Graf Auersperg verfaßt, bestnbet sich in Ueberein- stimmung mit der Regierung; die Adresse beS Abae- ordnetenhauses, aus der Feder des Abg. Herbst, zeigt sich nicht ganz in Harmonie mit dem neuen Ministerium des Fürsten Auersperg.

Das Interesse Frankreichs hat sich in letzter Woche einem für den französischen und internationalen Handel höchst wichtigen Steuerprojecte des Hrn. ThierS zugewendet. Zur Aufbringung der nöthigen 250 Mil­lionen Steuern strebt Hr. Thiers eine Erhöhung der Steuern auf Rohstoste an und hat am letzten Samstag in Versailles alle rednerische Kraft zu Gunsten dieses Prvfectes aufgewendet. Die Nationalversammlung hat aber den Schluß der Verhandlungen abgelehnt. Unterdessen hat das Land Zeit gewonnen, sich über den Plan Thier'S, der mit Abtretung gedroht hatte wenn er seine Absicht nicht erreichen würde, auszu­sprechen, und hat dieS zum Theil bereits in verwerfen­dem Sinne gethan. So befindet sich die Sache noch in der Schwebe.

Wenn der einstimmig ausgesprochene Wunsch des Comites deS CongresseS für auswärtige Angelenheiten zu Washington zur realen Geltung käme, so wurde die Gesandtschaft in Berlin denen in London und Paris an Rang gleichgestellt werden.

Deutsches «eich.

Berlin, 19. Jan. Das Entlassungsgesuch deS Herrn v. Mühler ist bereits am 17. Abends von Sr. Majestät genehmigt worden, der betreffende Erlaß ftdoch erst gestern nach Abhaltung des OrdenscapitelS dem Staatsministerium zugestelll. So fand noch im Laufe des Nachmittags das Gerücht Glauben, der Minister werde bis zum Schluß der parlamentarischen Session im Amte bleiben. Man vergaß dabei, daß die Situation sich seit voriger Woche wesentlich ge­ändert hatte. Herr j. Mühler scheint sich selbst über- zeugt zu haben, daß seine Stellung durchaus unhalt­bar geworden. Dies hat ihn auch wohl veranlaßt, noch in den letzten Stunden zu der ursprünglich von ihm ausgestellten Tagesordnung zurückzukehren, um ich auf diese Weise wenigstens den Ruhm der Eon- equenz zu retten. Noch am 12. d. M., am selbigen Tage, wo er um seinen Abschied einkam, richtete er an das Staatsministerium ein Schreiben, worin er erklärte, daß er mit den von ihm eingebrachten Vor- agen über Eivilehe und Unterricht nicht mehr im Einklang stehe und dieselben zurückziehen müsse. Ueber den Nachfolger des Herrn v. Mühler ist noch immer kerne Entscheidung getroffen und dürste auch im Laufe des heutigen TagcS noch nicht getroffen werden. Wie man hört, wird der König sich vorher noch einmal mit seinem Ministerconseil berathen. Einen störenden Einfluß auf die Entwicklung der Verhältnisse übt

Z« ttn Wald.*)

Hinaus! hinaus! Zn den wilden Wald, Wo des Windes Gesang Durch die Bäume rieht; Die weißen Wolken Hoch oben fliehen, Die alten Tannen Mit bärt'gen Gesichtern Nickend stehn, Und tief im Grün Wildrose glüht. In den Wald, Wo des Frühroth's Schein r

Schlaftrunkene Blumen Beschleicht und küßt Und in den Sproß der Morgengabr Die wafferhellen Perlen gießt; Wo der Specht anklopft An den hohlen Baum: Mach' auf! mach' auf! Und die Drossel den lieben Morgen grüßt! Steh' nun auf! steh' nun auf!

j*) Dieses reizende Gedicht wurde dem BerlinerVolks- sskUnd" mit der Bemerkung übersandt, daß es in den Jahren Mchen 1844 und 1847 in einer schönwiffenschaftlichen «Uung gestanden und die UnterschriftH. von Mühler" Amgen habe. In der Sammlung der Gedichte des ver- MEN Herrn Kultusministers befindet es sich nicht. Die kt c.'ncS Jnsthums in obiger Angabe ist nicht aus- -^chlofsen: innere Gründe aber sprechen für den angegebe» a? .«Erfasser. Auf die Entstehung des Gedichtes hat ohne Geisel das Mährchen im Spessart von Jmmermanu in

^ut3 zuvor erschienenen Münchhausen den erheblichsten

Wo der Weg, der Steg, Ueber'n Bach, über'n Moor Und den Berg empor;

Zur Biene, wann sich die Lind' aufthut Zum Schmetterling.

Zu der Käferbrut,

Zur Spinn', wo sie ihr Nest soll bau'n. Das Mücklem warnt es, wohl um sich zu schau'n Und zur trägen Raupe sie hat nicht Schu.o - Sprrcht's tröstend: Geduld! Geduld!

In die Scholle legt's

Das Gold und die Steine

Verborgen und tief, Den Quell, den singt es Mit Zauberliedern Heraus aus den Klüften, Wo er schlief.

Der Wermuth bitteres HeilungSkraut

Ist ihm vertraut.

Und den kreischenden Alraun,

Der den Schatzgräber zum Wahnsinn schreckt, Sat es unter die Tannenwurzeln

or der Unschuld Augen Sorglich versteckt.

Aber wer hat Dir dies Alles gesagt?

'S ist ja nicht wahr! 9

Die Bäume sind nichts, als eitel Holz Und die Vögel schwatzen dummes Zeug. Armer Mann!

Der nur so vernünftig denken kann:

Es giebt eine Sprache,

Di- aus Wolken und Winden,

Bäumen und Blüthen, Monden und Sternen vernehmlich spricht, Aber Jeder fteilich verficht sie nicht!

schieden- Entlassung des CultuSministers v. Mühler. Die betreffende Ordre lautet: An den Staatsminister v. Mühler.Auf Ihren Antrag vorn 12. d. M. will j Ich Ihnen die von Ihnen nachgesuchte Entlassung

aus Ihrem jetzigen Amte unter dankbarer Anerkennung der Mir geleisteten Dienste, von welchen später wieder

- Gebrauch zu machen Ich Mir Vorbehalte, unter Be- , willigung der reglementsmäßigen Pension nnd unter . Belassung des Titels und Ranges eines Staatsmini- i sters hierdurch ertheilen und habe dies dem Staats.

Ministerium bekannt gemacht." ^Berlin, den 17. Jan. i 1872. gez. Wilhelm, gegengez. von BiSmarck. ; Von dieser Entschließung Sr. Majestät hat derReichS- . kanzler Fürst v. BiSmarck das Abgeordnetenhaus am

Donnerstag, 18. d. M., Nachmittags, durch nachfol­gendes, an den Präsidenten deS Hauses v. Forckenbeck gerichtetes Schreiben in Kenntniß gesetzt:Indem ich Ew. Hochwohlgeboren in der Anlage Abschrift der allerhöchsten Ordre, die Annahme deS Entlassungsge­suches deS Staatsministers v. Mühler betreffend, er gebenst mitthcile, stelle ich gleichzeitig anheim, die Be rathung der das Ministerium für geistliche, Unterrichts­und Medicinalaugelegenheiten betreffenden Vorlagen, in Erwartung der Neubesetzung desselben, auf einige Tage aussetzen zu wollen, gez. v. Bismarck.". Ein Nachfolger im Amte deS Herrn v. Müher scheint noch nicht ernannt zu sein. An demselben Tage, an wel­chem der Personenwechsel im preußischen Cultusmini- sterium die königliche Genehmigung erhielt, waren eS 171 Jahre, daß der erste König von Preußen ge­krönt wurde, zugleich jährte sich an diesem Tage zum crstenmale, die Annahme der deutschen Kaiserwürde durch König Wilhelm. Beide Erinnerungen wurden in den höchsten Kreisen zu Berlin durch die am 18. b. M. statutenmäßig stattgefunbene Sitzung bes Kapitels bes schwarzen Adlerordens und das darauf folgende Banket gefeiert, bei Gelegenheit dessen der Kaiser und König in seinem Toaste auf die Bedeutung dieses denkwürdigen DoppelfesteS hinwieS. DaS preußische Abgeordnetenhaus hat die EtatS- bcrathungen aus der vorhergehenden Woche fortgesetzt und die Berathungen des Etats der Eisenbahnverwal tungen bis zur Specialdebatte erledigt. Die bai­rische zweite Kammer hat sich mit den Rech nungSnachweisungen der verschiedenen Ministerien be­lästigt. In der sächsischen Kammer der Ab- geordneten ist die Vorberathung des VerwaltungSor- I ganisationsgesetzeS zum Schluffe gelangt. In B a d e n wurde zu Ende der Woche der Jahrestag der sieg- 1 reichen Kämpfe bei Belfort mit Fackelzügen u. s. w. I glänzend gefeiert. ,

Die beiden österreichischen Häuser haben i sich mit der Antwort auf die Thronrede vorn 27. Dec. i v- 3- beschäftigt. Die Adreffe des Herrenhauses, die l

Wo der Zeisig ben einsamen Wanderer neckt: Was giebts? was giebts?

Und Fink und Gimpel und all' das Volk Glumüthig fragt? Wie beliebtS?

Und Nachts, wenn die Bäume rauschen im Traum Und die Blume das Köpfchen senkt, Und über den Wolken im blauen Raum Der Mond, der schweigende, hängt

Dann glüht es auf:

Leuchtkäfer zündet die Lampe an Im grünen Tann,

Da regt sich ein wimmelnder Häuf:

Aus Knospe und Blume, Aus Busch und Dorn, Aus Ritz und Borke, Aus Quell und Born

Das Feenreich,

Wie wir's int Mährchenbuche lasen: Da wird's gestaltig, Geschäftig, lebendig, Tausendfältig.

Das llettert hinan den schlanken Schaft Dem schlafenden Muttervogel in'S Nest Und sagt dem Jungen im Ei,

Ob's Zeit bald sei;

Das webt den Knospen Die farbigen Kleider, Daß sie, erwacht, Beschämt die Augen niederschlagen. Wie die Kinder ob all' der bunten Pracht Zu Weihenacht.

Zur Ameis' kriecht's in den dunklen Ban Und sagt ihr ins schlafende Ohr genau, Wo die dustendsteu Tannen steh'n. Wo die Pfade geh'n.

Ko« Landtage.

Hau« der Abgeordneten. 20. Plenarsitzung vom 19. Januar 1872.

Präsident v. Forckenbeck eröffnet die Sitzung um 111/4 Uhr Vorm. Die Commission zur Vorbe­rathung des Antrags Beughem auf Abänderung des 8- 235 deS Berggesetzes ist gewählt: Vorsitzender Abg. Dr. Hammacher, Stellvertreter Abg. Koch, Schriftführer Abg. Ullrich, Stellvertreter Abg. v. Watzdorfs. Fortsetzung der Specialdiscusston der Verwaltung für Berg-, Hütten- und Saltnenwcsrn.

Abg. Berger kündigt an, daß er eine Resolution einbringen werde, dahingehend, daß die Landesvertre- tung erklärt, die Regierung dürfe StaatSeigenthum, das Einnahmen bringt, ohne Autorisation der LandeS- vettretung nicht veräußern; er nehme aber davon Abstand, heute schon einen so unvorbereiteten Antrag zu stellen.

Abg. Heise hält die Frage für wichtig, will aber nicht weiter darauf eingehen. Die Einnahmen werden bewilligt. Ausgaben. Der Antrag der Commissarien deS Hauses, die Regierung aufzufordern, i b-i der Aufstellung deS Etats pro 1873 darauf Be­dacht zu nehmen, daß das Gehalt der OberberganttS- Directoren dem der Provinzial-Steuer-Directoren und das Gehalt der Berg Revierbeamten dem der KreiS- richter gleichgestellt werde, wird nach dem Vorschläge des Finanzministers an die Budgetcommission verwie­sen; ein Gleiches geschieht mit dem Anträge der Com- miffarien, das Gehalt der etatsmäßigen HülfSarbeiter bei den Oberbergamis-Collegien dem der HülfSarbeiter bei den Bezirksregierungen (Landdrosteien) gleichzu- s stellen. Der Etat wird genehmigt.

Minister Selchow legt einen Gesetzentwurf vor wegen Ablösung der Reallasten in Schleswig- Holstein. Die Vorlage geht an die um 7, ad hoc gewählte Mitglieder verstärkte Agrarcommission.

Der Antrag des Bürgermeisters zu Kalk, betr. Heranziehung der Köln-Mindener Eisenbahngesellschaft zur Communal-Einkommensteuer aus dem Betriebe von Wagen-Reparaturwerkstätten, welche zu der Köln-Gie ßener Bahn gehörig und in dem Gemeindebezirk Kalk gelegen sind, wird nach längerer Debatte der Regie­rung zur Berücksichtigung überwiesen. Eine Peti- iivn von Magisträten, die Verpflichtung der Corn- i mandit-Gesellschafteu auf Actien, zu den Communal- lasten beizutragen, zu regeln, wird von der Tagesord­nung abgesetzt; sie soll bei der Berathung der KreiS- rrdnung wieder berathen werden.

(Fortsetzung in der nächsten Nummer.).

Politische Wochen-Ueberficht. '

DaS bedeutendste Ereigniß der Woche ist die * 1 am Freitag, 17. d M., allerhöchsten Orte» ent i