Wr. IS
Marburg) Freitag, den 19. Januar.
1872
OteMsische Zeitung.
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Sm Landtage.
Hau» der Abgeordneten. 19. Plenarsitzung vom 17. Januar 1872.
Der Präsident Abg. v. Forckenbeck eröffnet die Sitzung um IH/4 Uhr Vormittags.
Am Miniftertische: Graf v. Jtzenplitz u. RegierungS- Commissarien. Der Abg. Vogtherr (Frankfurt) hat sein Mandat niedergelegt. — Die Commission zur Vorberathung deS Gesetzentwurfs wegen Pensionirung der Civilbeamten ist gewählt und hat sich constituirt; sie hat zu ihrem Vorsitzenden den Abg. Hoehne, zu dessen Stellvertreter den Abg. v. Lattorf, zum Schriftführer den Abg. Hahn und zu desien Stellvertreter den Abg. Sentrup ernannt.
Der Antrag BvninS wegen der Vorbereitng der Verwaltungsbeamten wird durch Schlußberathung er ledigt werdm; der Antrag von Beughem wegen Abänderung de« §. 225 des Burggesetzes wird an eine Commission von 14 Mitgliedern verwiesen. —
Nach der Vereidigung mehrerer Abgeordneten fährt das HauS in der Berathung des Etats der Eisenbahnverwaltung fort und zwar zunächst über die beiden Anträge der Commisiarien des Hauses, die Regierung aufzufordern:'l) die von ihr bereits getroffenen Maßnahmen behufs Beseitigung der jetzigen Verkehrsstockungen aus vielen Bahnen zu vervollständigen und die Wiederkehr ähnlicher Calamitäten möglichste zu verhindern; 2) Einrichtungen dahin zu treffen, a) daß die Centraldirectionen der größeren Saatsbahnen und unter Staatsverwaltung stehenden Privatbahnen von untergeordneten Geschäfte» entlastet werden, damit sich dieselben vorzugsweise der oberen Beaufsichtigung und Controle der wichtigen fiinanziellen, organisatorischen, Tarif- und Fahrplan - Angelenheiten widmen können; b) daß zur Beaufsichtigung des Dienstes auf den einzelnen Strecken und zur Ueberwachung der Ausführung der von der Cenrraldirection getroffenen Anordnungen besondere Organe mit ausgedehnten Befugnissen (Betriebs-Commissionen) etablirt werden; c) daß in den künftigen Etats die Mittel gefordert werden, um durch Gewährung von Localzulagen die an den verschiedenen Orten herrschenden Preisdifferenzen der nothwendigen Lebens-Bedürsnisie auszugleichen. Abg. Hoverweg, einer der Commisiarien, motivirt ausführlichst mit vielen Zahlen und vielen Belägen den ersten der vorgenannten Anträge und constatirt hierbei namentlich das Fortbestehen der Kohlennoth, welche schon zum Ausblasen vieler Hochöfen geführt habe, und zeigt, wie berechtigt auch die 3 Punkte des zweiten Antrages seien. Der RegierungS-Commisiariu« giebt das Vorhanden
sein der Verkehrsstockungen zu und giebt deren Ursachen an. Die Regierung habe aber auch energisch eingegriffen, um die alte Ordnung und den guten Ruf der preußischen Eisenbahnen wieder herzustelle», und die Klagen seien seltener geworden. Die Regierung hätte gern früher mehr angeschafft, aber man habe nicht alles Geforderte erhalten können; z. B. sei von einer am 3. October zu effectuirenden Lieferung am 1. Januar erst die Hälfte ausgeführt worden. Im vorigen Jahre seien 4 Millionen auf Ausrüstung der Eisenbahnen mit Material verwendet worden. Die Besoldungssätze, welche nach der Vorlage für die Beamten auf den Staatsbahnen in Vorschlag gebracht sind, sollen auch auf die Beamten derjenigen Privatbahnen, welche vom Staate verwaltet werden, Anwendung finden. — Abg. von Benda kann den ersten Antrag nicht unterschreiben; die hereingebrochenen Uebelstände seien nicht auf den Krieg allein zurückzuführen; ihr acutes Auftreten entspringt alten Sünden. — Minister Graf Jtzenplitz: Früher habe ich daS gewünschte Geld nicht erhalten können, jetzt ist das anders. Genehmigen Sie das Eisenbahngesetz und ich kann die Bestellung sofort vornehmen. Ich habe überall in'S Ausland geschickt, um zu kaufen: etwas habe ich bekommen, aber nicht viel; weil dort dieselben Zustände herrschen, wie.hier. Am 28. December waren noch 582 preußische Beamte der Staatsbahnen auf den Bahnen in Elsaß-Lothringen, das ändert sich jetzt. Ich werde auf das Zurückgcbcn des Materials dringen. Ich war niemals Protector der 100 Millwnen-Anlcihe, habe im Gegentheil veranlaßt, daß die Sache an den Landtag kam. Für das Publikum halte ich die Staatsbahnen für das Beste und dabei bleibe ich. — Abg. Ullrich tritt den Aeußc- rungen des Abg. Overweg, zunächst in Betreff der neuen Fahrordnung, entgegen und knüpft hieran allgemeine Bemerkungen über die Eisenbahnen, den Ursprung der Uebelstände ebenfalls in dem Geiste der Bureaukratie findend. Dir Ursache sei in dem System v. d. Heydt zu suchen. Juristen verstehen nicht Alles und zu einer geordneten Eisenbahnverwaltung gehörten vor Allem practische Kenntnisse, und Sachkenntnisse gingen zumeist den Juristen ab. — Der Minister antwortet dem Vorredner, daß Juristen zu vielen Geschäften unentbehrlich sind; außerdem habe man auch Regierungsbeamte und Techniker in der Verwaltung. — Abg. Dr. Hammacher vertheidigt die Anträge der Commiffarien de« Hauses und hebt hervor, daß die Reicksverfassung jeder Bahn, gleichviel, ob Staat« oder Privat-Eiseiibahn, die Pflicht aufer
legt, für das Vorhandensein der nothwendigen Be. triebsmatcrialien zu sorgen. Die Resolution enthalte nichts weiter, als die Mahnung an die Regierung, diese ihre Pflicht zu erfüllen. Die Gerechtigkeit erfordere es, zu constatiren, daß von Seiten des Handelsministeriums Alles geschehen ist, um dem Nothstande abzuhelfcn. — Die Discussion wird geschloffen, der erste Antrag (Resolution) wird mit großer Majorität angenommen. — Der Antrag II (Decentralisation) beleuchtet unter großer Unaufmerksamkeit des Hauses und unter lauten Gesprächen der Abg. Heise, einer der Commisiarien des Hauses. Er zeigt, wie vor- theilhaft der Antrag auf den Betrieb einwirken werde. — Der Antrag II wird oyne Weiteres angenommen.
(Schluß in der nächsten Nr.)
"Marburg, 18. Januar.
Die neueste Nummer der „Prov.-Corresp." schreibt in einem Artikel über die Errichtung der Provinzialfonds: „Da nach der übereinstinimenden Auf- fasiung der StaatSregicrung die Einrichtung der Selbstverwaltung der Provinzen nicht minder in ihrem, wie im Jnteresie des Staates liegt, welcher nach der im Jahre 1866 eingetretenen bedeutenden Gebiets Erweiterung einer Entbürdung seiner Verwaltung auf die Dauer nicht entbehren kann, so liegt es auch in der Billigkeit, daß der Staat aus den ihm in den nächsten Jahren zu Gebote stehenden reichlicheren Mitteln den Provinzen diejenige finanzielle Beihülfe gewährt, welche sie zu einer ersprießliche» Förderung der ihnen auf dem Gebiete der kommunalen, wie der obrigkeitlichen Verwaltung zuzuweisenden Aufgaben bedürfen. In solchem Sinne hat der Minister des Innern jetzt die Zusage ertheilt, daß nach weiterer Erfüllung der finanziellen Verpflichtungen Frankreichs den einzelnen Provinzen eigene Fonds für die Zwecke provinzieller Selbstverwaltung überwiesen werden sollen." — Dasselbe Blatt sagt ferner: „Es läßt sich schon jetzt übersehen, daß die Berathungen über den Staatshaushalt und die dazu gehörigen Gesetze das Abgeordnetenhaus nicht blos während des Monats Januar, sondern auch noch weit in den Februar hinein beschäftigen werden " — Das d<m Abgeordnetenhause vorgelegte Beamten- penstonSgesetz, zu dessen Vorberathung in gestriger Sitzung eine Commission gewählt wurde, schließt sich genau demjenigen für die Reichsbeamten an uno bringt den preußischen Beamten vielfache Vortheile. So z. B. die Pensionirung der Diätarien. Es hat sich besonder« die Abstellung der drei Hauptbeschwerdepnnkte de« bisherigen Pensionswesens zur Aufgabe gemacht,
Der Tag zu Kassel.
Historische Erzählung aus der Jugendzeit Philipp des Großmüthigen.
Bon W. Benn ecke.
(Fortsetzung.)
„Du, Hanne»!" rief er, „läufst in die Bäckerstuben und sagst ihnm an, wa« geschehen, und sie sollten nach dem Schloß aufbrechen! Du, Kurt, rennst zu den Gerbern, sag' sie sollten Sturm läuten und dann vor'S Schloß nachkommen! Du, Valentin, ruf' die Metzger aus die Stube und erzähl'S ihnen und sag' ihnen, ich selbst mit den Schmieden wäre am Zeughaus und holte die schweren Stücke! Und Du, Andres, begleitest mich!"
Der alte Schöffe, welcher bei dem Lärm herbei- geeilt war, billigte die Anordnungen seine« Sohnes, und eilte selbst auf« Rathhaus, wo er glaubte, nütz- stch sein zu können.
Bald waren alle Zünfte aus ihren Stuben versammelt, die Sturmglocken heulten, und die Zunft der Metzger, bei solchen Anlässen stet« zur raschen Thal bereit, fiel unter Anführung ihres Zunftmeisters Helwig Wenzel vom oberen Baumgarten her in den Vorhof des Schlosses ein, während Balser Amrhein w Begleitung von Greineisen, der Schmiede- und Färberzunft nach Ueberwältigung der paar Stadtknechte, welche vor dem Zeughaus Wache hielten, in dasselbe eindrangen Bald waren die Feldschlangen und Bombarden von den kräftigen Armen der Schmicde- Sffellm hervorgezogen, Munitionswagen wurden herdeigeholt, und wer noch keine Waffe besaß, nahm Hackenbüchse oder Hellebarde.
Eben wollte der Zug aufbrechen, als der Bürger- gefolgt von den Boyneburg'sch gesinnten RathS
herren und einer Anzahl Stadtknechte und RathSdiener erschien.
„Halt!" schrie Schrendeisen den Bürgern entgegen. „Halt im Namen der Stadt! Wer wagt es, unseren Frieden zu brechen? Wa«? Balser Du hier! Kannst Du Dich so verirren? Hierher! A» meiner Seite ist meines Eidam'S Platz!"
„Des Bürgermeister« von Kassel Platz soll stets da sein, wo für das Recht de« Landgrafen eingetreten wird!" eroieberte Amrhein.
„Da« ist die Saat de« unglückseligen Weibes", murmelte Schrendeisen; dann Andre« erblickend rief er laut: „Ta ist der Bursch, welcher das thö richt- Gerede in Umlauf gebracht hat! Greist ihn!"'
Der lange Jörg und die Stadtknechte warfen sich auf Andres, zu dessen Beistand die Zupftgenossen her beieilten. Nach kurzem Kampf wurden die Ralhs- diener und Stadtknechte zurückgedrängt und von ihnen der Bürgermeister und die Rath«her«n mit fortge- riffen. Nun wälzte sich die Masse unaufhaltsam dem Schlosse zu.
Kopf an Kopf standen die bewaffneten Bürger rings um das Schloß herum, am Kirchhof vor der Tränkenpforte war der größere Theil der Bombarden und Feldschlangen aufgesahren, «ährend der Rest von den Schmieden und Färbern in den bereits von 'der Metzgerzunft besetzten Vorhof des Schlosses gebracht wurde, dort befanden sich auch Balser Amrhein, Grein- eijen und Andres.
„Gebt den Landgrafen heraus!" schrie eS in die Runde, „den Landgrafen heraus!"
Keine Antwort kam vom Schlöffe, welches unheimlich still und dunkel vor den aufgeregten Bürgern da lag
„Macht Euch fertig", rief Hellmuth Wenzel feinen
Zunstgenoffen zu. „Joachim lauf hinauf und fag'S den Meistern an, daß sie alle Stücke losbrennen und mit aller Macht anlaufen, wenn ich das Sturmge- schrei erhebe. Und Ihr, liebe Zunftgenossen, haltet mit den Schlangen auf da» Thor und dann Feuer!" Durch den Dampf hindurch wollen wir an die Sachsen! Draus und dran mit Gott und St. Lucas.
Auch Balser Amrhein zog jetzt seinen Rappier und stellte sich „eben den Zunftmeister der Metzger.
„Liebe Freunde", redete er die sich zum Sturm Vorbereitenden an, „gedenkt unserer Vorder»! Sie haben uns am ThomaStag den Weg in dieses Schloß gezeigt! Was sie vollbracht, das können auch wir rum Wohle Hoffens!"
„Wir könnens! Wir wollen«!" rief die Menge. Unb bann roiebtr: „Den Landgrafen heran«, dm Landgrafen heran«!"
Meister Greineism stand bei den Stücken, er hatte bie Labung überwacht, sie selbst gerichtet unb jetzt schwang neben jeber ber brei Feldschlangen ein rüstiger Schmiedegesell bie brennende Lunte, den Befehl seine« Meisters erwartend.
„Fertig!" schrie Greineisen. „Habt Acht!" (Fortsetzung folgt.)
A«S der Varzeit.
Die Bedeutung de» täglichen Geläute» in der Pfarrkirche zu Marburg.
Milgetheilt von W. B.
®» ist eint in Stadt und Land mehr ober weniger verbreitete Sage, daß da« eine ober das anbere in biefer ober jener Kirche zu bestimmten Stunden stattfindende und täglich wieder kehrende Geläute zu dem Zweck angeorbnet, bezw. gestiftet sei, verirrten Reisenden eine