Marburg, Donnerstag, den 18. Januar.
1812
Oterhessische Zeitung.
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Sn» Landtage, fsaw« der Abgeordneten. 18. Plenarsitzung * vom 15. Januar 1872.
(Schluß.)
DaS Haus geht über zum Etat der Eifenbahn- rerwaltung.
Der RegierungS-CommiffariuS macht zur Einleitung erläuternde allgemeine Bemerkungen, zeigt, wie olle Betriebsmittel vermehrt worden sind, und wie viel in diesem Jahre angeschasit werden soll. — Abg. Dr. Löwe wünscht eine größere Concentrirung des Eisenbahnwesens in den Händen der Regierung. Bei dem jetzigen System sei eS besser, daß der Staat allein baue; wolle man aber den Privatbau bestehen lassen, so müsse man die Zinsgarantien und besonterS die königlichen Verwaltungen von Privateisenbahnen beseitigen. Redner bittet den Minister, zu erwägen, ob et nicht zu einem bestimmten Princip nach der einen oder anderen Seite übergehen wolle. — Handelsmi- nister Graf Jtzen plitz: Was daS System anbetrifft, so wollen Sie sich daran erinnen, daß das gemischte System tm Lande schon in sehr großer Masse vorhanden war, als ich da« Ministerium übernahm. Die erste Aufgabe, die ich hatte, war, dem Lande recht viel Eisenbahnen zu geben. In den Jahren 1866 bis 69 sind allein 177 Meilen Eisenbahnen gebaut. Als ich in das Ministerium rintrat, halte ich nicht das Glück gehabt, von diesem Hause Geld zu Eisenbahnen zu erhalten. Wenn ich also vorwärts kommen wollte, mußte ich die Privatindustrie unterstützen. Ich habe wohl gesehen, daß es mit der Privatiudustrie seine großen Unzuträglichkeiten hat, und für die Zukunft weiß ich genau, was ich zu thun habe. Die Eisenbahnen muß der Staat bauen, und es ist mein Wunsch, daß die Nebenbahnen den Provinzen und Kreisen überlassen bleiben möchten. Dem. Princip der Garantieen bin ich nie hold gewesen, aber ich hatte es auch vor- gesunde». Garantieen haben sehr große Schattenseiten ; aber ich bleibe immer dabei: recht viele Eisenbahnen, das ist unbedingt die Hauptsache. (Zustimmung.) Was dir Calamität anlangt, so kann ich nicht verhehlen, daß ich im Stande gewesen wäre, derselben größtentheils abzuhelsen, dadurch, daß ich sofort nach den Punkten, von denen Klagen einliefen, Commissare zur Untersuchung gesendet hätte. Aber überall, das geht doch nicht. Geld ist jetzt zur Vermehrung der Betriebsmittel genug bewilligt, aber eS fehlt noch Material und Personal. — Abg. Schmidt (Stettin) meint, daß der Staat nicht die Sahne abschöpfcn und den Privaten' das Uebrige überlaffen dürfe, waS von Seiten des HandelSmini- strrS bestritten wird. Er fei nicht ein Hindern, fon dnn ein Förderer derselben. — Ein Schlußantraz wird abgelehnt. — Abg. Philipps tadelt, daß die Einrichtung der Tagesbillets bei unS nicht gehörig
cultivirt werde. Erfahrungssatz sei eS: je billiger der Preis, je lebhafter der Verkehr und je größer die Einnahme. Der Redner empfiehlt komfortable Einrichtung der Waggons — nach russischer Art — und bessere Behandlung des Publikums durch die Eisenbahnbeamten. — Abg. vr. Hammacher erkennt die Forderungen der Regierung im diesjährigen Etat dankbar an, er erkennt an, daß die Regierung thue, was von ihr verlangt werden könne, aber das, worum es sich hier vor allen Dingen handele, sei die Abhülfe des acuten Nothstandcs, der sich seit dem November v. I. herausgestellt habe. Die Situation der letzten drei Monate war eine partielle Stockung aller wichtigen Industriezweige, weil die Eisenbahnen nicht im Stande gewesen seien, die nothwendigen Bedürfnisse zu befriedigen, und eö müssen Vorkehrungen getroffen werden, welche derartige Calamitäten für die Zukunst verhinderten, eventuell auf ein Minimum beschränkten. Nach einer kurzen Erwiderung deS RegierungS-Com- mifiarS Weißhaupt wird die allgemeine Discussion geschlossen und darauf die Sitzung vertagt. — Schluß 41/4 Uhr. Nächste Sitzung Mittwoch, den 17. Jan., 11 Uhr. Tagesordnung: Vereidigung mehrerer Abgeordneten, Etat und Petitionen.
"Marburg, 17. Januar 1872.
Der neuesten Nr. der „Kreuzzeitung" zufolge ist die Annahme des Entlassungsgesuches des CultuS- ministerS v. Mühler unzweifelhaft, und fügt dieselbe hinzu, als Nachfolger der namhaft gemachten Candi- daten komme an maßgebender Stelle der auch in unserer gestrigen Berliner /X-Correspondenz genannte Geh. Ober-Justizrath und vortragende Rath Falk ernstlich in Betracht. Derselbe ist ein Sohn des früheren ersten Predigers und Consistorialraths an der Breslauer Hofkirche, jetzigen Pastors Falk in Waldau bei Liegnitz, Altpreuße, bearbeitete als Staatsanwalt in ©loyiu die von dem Präsidenten von Roenne herausgegebene vierte Auflage des Fünfmännerbuchs, welches seinen Ursprung in dem zu BreSlau erfolgten Zusammentritt von Gräff, Koch, Wentzel, Roenne und Heinrich Simon, behufs Sammlung der Ergänzungen zum allgemeinen Landrecht hatte. Durch diese Arbeite» und seine sonstigen Leistungen bekannt geworden, wurde Dr. Falk in das Justizministerium gezogen, hat hier eine hervorragende legislatorische Thätigkeit entwickelt und auch an den Sitzungen des Bundesraths als CommiffariuS einen thätigen Antheil genommen
Im Laufe der Adreßdebatte im österreichischen Abgeordnetcnhause betonte Abg. Blitzfeld unter Beifall der Mitglieder der Majorität, daß Oesterreich- glücklicher Bestand von der Freundschaft Oesterreichs mit Deutschland abhänge. Die Aussichten auf eine Verständigung zwischen den Deutschen und Polen im
Der Tag zu Kassel.
Historische Erzählung aus der Jugendzeit Philipp des Großmüthigen.
von W. Bknnecke.
(Fortsetzung.)
4.
Andre« war glücklich in den Fluß unter dem Schloßfenster hinabgekommen, und dann bis unter die Reut steinerne Drücke geschwommen Hier gelang es ihm an's Land und in die Stadt zu kommen. Was sollte er beginnen? Er wollte Marthchen noch einmal sehen und dann versuchen zu entkommen. Bald stand er unter dem kleinen vergitterten Fenster.
„Marthchen!" rief er mit gedämpfter Stimme. »Marthchen!" Und er warf mit kleinen Steinchen nach dem Fenster. „Marthchen!"
„Wer ruft da?" tönte eS leise zurück. „Bist Tu's, Andres?"
„Ich bin’«! Ja, leider bin ich'«!"
„Warum leider? WaS führt Dich her?"
„Dich noch einmal wollte ich sehen und Dir Lebewohl sagen; cs ist AlleS aus!"
„Sprech' nicht so! WaS ist geschehen?"
„Auf dem Schloß bin ich gewesen, habe Stricke hingebracht, an welchen sie den jungen Landgrafen ium Fenster hinaus lassen wollen und ihn nach Sach- fen bringen!"
„Was sagt er da?" ertönte plötzlich Armgards Stimmt hinter Martha. Die Bürgermeisterin hatte da« Rufen des Gesellen gehört und sich unbemerkt in
daS Zimmer des Mädchens geschlichen. „Was sagt er? Laß ihn ein, Martha!"
Einen Augenblick später stand Andre- mit noch vom Wasser triefenden Kleidern vor der Bürgermeisterin, welcher er sein Abentheuer erzählen mußte. Als er geendet, klopfte Frau Armgard ihm freundlich auf die Schulter.
„Du bist ein tüchtiger Bursche," sagte sie. „Aber jetzt lause »ach dem Pferdemarkl Kennst'wohl dort de- Schöffen Amrheius Haus? Klopfe den jungen Balser Amrhein heraus, erzähle ihm Deine Geschichte und sage ihm, ich hätte gesagt, er solle die Bürger zu dm Waffen rufen, Sturm läuten lassen, vor's Schloß rücken und den jungen Landgrafen heraus verlangen! Hast Du's verstanden? Eile Dich, ehe eS zu spät wird! Ich will dm Bürgermeister aufrütteln!"
Andre- eilte fort. Die Bürgermeisterin begab sich i» daS Zimmer, wo ihr Ehrherr noch im Nachsinnen über das Wohl der Stadt Kassel versunken, vor dem Abendwein saß.
„WaS!" schrie Armgard im Eintreten. „Hier sitzt der Bürgermeister und weiß nicht, was um ihn herum vorgeht. Den Landgrafm wollen sie nach Sachsen führen l"
Der Bürgermeister starrte seine Frau groß an „Weib!" rief er, „Du bist sinnverwirrt!"
„Schön sinnverwirrt! Wäre Jeder so seiner Sinne mächtig, wie ich! Hab' ich doch Marthchens Liebsten eben gesprochen, der hat die Stricke auf'- Schloß ge
Abgeordnetenhause haben sich sehr vermindert und dürften ganz zu Wasser werden, falls nicht die Regierung die entstandenen Gegensätze noch rechtzeitig zu vermitteln versteht. Bekanntlich fordern die Polen be- dingung-lose Anerkennung ihrer in der „Resolution" formulirtm autonemistischen Ansprüche und die Regierung scheint geneigt, dieselben soweit sie nicht politischer, sondern nur administrativer Natur sind, zu erfüllen; die VerfassungSpartei jedoch fürchtet offenbar, daß die Polen, nachdem ihnen bedingungslos Alles gewährt fei, was für sie irgend erreichbar war, nachträglich hinsichtlich der Wahlrefonn (an der sie .unter allen Umständen nicht participiren sollen) Schwierigkeiten erheben resp. sich auf den Standpunkt zurückziehen könnten, daß die Wahlreformfrage sie nichts angehe, sie also bei der Verhandlung und Abstimmung darüber nicht Theil nehmen wollen. Diesen letzteren Fall angenommen, würde es allerdings mehr als zweifelhaft sei», ob im Reichsrath noch eine Majorität für directe Wahlen übrig bleiben würde. Man steht, die Ver- fasfungSpartei hat für ihr Verhalten gute Gründe und wenn die Regierung ihrerseits dm polnischen Ansprüchen zunächst daS Wort redet, so geschieht eS wohl im Hinblick auf vertrauliche Zusicherungen der polnischen , Deputirten, aber mehr vielleicht noch im Hinblick auf die Peinlichkeit der Lage, in welche die Regierung versetzt werden würde, wenn sie schon bei dem ersten Schritte zur „Action" strauchelte.
In Frankreich wird das politische Interesse durch zwei Ereignisse in Anspmch genommen und zwar zunächst durch die Rede, mit welcher Herr ThierS in der Sitzung der Nationalversammlung vom 13. d. M. in die Steuerdebatte mit seinem bekannten Eifer und ' der an ihm gewohnten Hingebung zu Gunsten deS von der Regierung vorgeschlagenen Systems, das bekanntlich vornämlich auf eine Besteuerung der Roh- produckte ausläuft, eingriff. Den auf volkswirthschaft- lichm Ersahrungm beruhenden Gründen fügte Herr ThierS solche, welche auf der moralischen Ordnung fußten, hinzu, und machte so einen tiefen Eindruck auf daS Publikum. Er wies auf die für die Regierung so schwer wiegende Nothwendigkeit hin, daß sie in der Versammlung eine wesentliche Stütze habe. Nach seiner Ueberzeugung seien die Hindernisse, welche die intellectuelle Anarchie der Reorganisation deS Landes entgegenstelle, weit gefährlicher, als die der politischen Anarchie. Und in zweiter Linie ist es der Vorschlag Ernst Picards betreffs der Proclamation der definitiven Republik. Picard hielt in der Versammlung des linken Centrums eine bemerkmswerthe Rede zu Gunsten der republikanischm Regierungsform. Ihm zufolge handelt eS sich übrigens keineswegs darum, sofort einen Antrag vor die Versammlung zu bringen, sondern darum, die „Union" auf dem Terrain der Re-
bracht, an welchem sie den Junker hinablassen wollten!"
„Müssige Erfindung eine.- verliebten Seilergesellen!" warf Schrendeisen ein.
„So? glaubst Du?" eiferte die Bürgermeisterin weiter. „Hab' ich ihn doch selbst gesehen mit durchnäßten Kleidern, denn wie er gehört hat, der Landgraf solle an seinen Stricken hinabgelassen werden, hat ihn die Angst gepackt, er ist selber daran hinunter und durch die Fulda geschwommen! Ich habe ihn zu Balser Amrhein geschickt, der soll Sturm läuten lasten!"
„Weib! Weib!" schrie Schrendeisen auf, „was hast Du gethan! Du stürzt die Stadt in« größte Unglück! Hoffentlich ist eS noch Zeit! Meine Kappe, meinen Mantel! Ich will sehen, waS sich noch gut machen läßt!"
„Bürgermeister, Dein Platz ist an der Spitze der Bürger, um sie gegen die Sachsen zu füh.in, die Deinen Herrn außer Landes bringen wollen!" rief Armgard ihrem Gemahl eutgegentretend.
„Mein Platz ist da, wo ich Blutvergießen verhindern und die Stadt vom Verderben erretten kann! Laß mich, Armgard!" entgegnete Schrendeisen.
„Wenn Du für Boyneburg eintreten willst, so kommst Du nicht fort!" erklärte die Bürgermeisterin, sich zwischen Schrendeisen und die Thür stellend. Da wurde diese geöffnet und der lange Jörg, der RathS- dicner, trat ein.
„Euer Gestrengen," keuchte a athemloS, „die Schmiede stürmen da« Zeughaus, und die Gerber