ffr. 12
Marburg, Dienstag, den 16. Januar.
1872
OberWfche Zeitung.
Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberhesfische« Zeitung mit KreiSblatt durch die Expedition (Koch'schr Buchdruckerei) bezogen 88} egt., durch die Postämter 87 ®gr. 6 Pfg. (erd. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl- Stempel 88 ®gt. — JnfertionSgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-BüreauS nehmen Inserate an.
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Bo» Landtage.
Hau» der Abgeordneten. 17.Plenarsitzung vom 13. Januar 1872.
Präsident Herr v. Forckenbeck eröffnet die Sitzung Vormittags 111/4 Uhr mit geschäftlichen Mittheilungen. Die Commission für die Vorberathung der Kreisord» nung ist gewählt und hat sich constituirt. Vorsitzender ist der Abg. v. Bennigsen, dessen Stellvertreter der Abg. v. Gottberg; Schriftführer sind die Abg. v. Wedel (VehlingSdorff), Zahlcwski, DeliuS. Unter dm übrigen Mitgliedern befinden sich die Abg. von Mallinckrodt, Dr. Friedenthal, v. Kardorf, Graf Be- chusy-Huc, v. Saucken (D. Cylau), v. Benda, Hänel, v. Brauchitsch, Miquel, Lent, Rauchhaupt, LaSker u. s. ro.
Auch die Commission zur Vorberathung des Gesetzentwurfes, betreffend die Errichtung eines Gesammt- consistoriumS für die evangelischen Kirchen im Regierungsbezirk Kaffel ist gewählt und hat sich constituirt. Vorsitzender ist der Abg. v. Eynem, deffen Stellvertreter der Abg. v. Hülsen, Schriftführer sind die Ab- geordnetm Florschütz, Müller (Berlin).
Das Haus tritt in die Tagesordnung ein: Spe- cialdiScussion über den Etat des Handelsministeriums. (Verwaltung für Handel, Gewerbe und Bauten. Der Etat weist nach an Einnahmen 371,764 Thlr., an fortdauernden Ausgaben 10,030,044 Thlr. und an einmaligen Ausgaben 3,420,000).
Auf eine Anfrage der Abg. Jacoby erwidert der Minister Graf Jtzenplitz, er halte eine neue Wegeordnung für ein Bedürfniß, habe eine solche auch be reitS früher dem Hause vorgelegt, sie sei aber abgewiesen worden, weil man zunächst eine Kreisordnung hadm wollte. Jetzt sei die Kreisordnung vorgelegt und eS liege in der Hand des Hauses, daß er (Mi uister) in der nächsten Session die Wegeordnung wieder verlege. Er sei bereit dazu.
Abg. v. Behr befürwortet energisch den Bau eines Kunstgewerbe-Mufeums und fragt den Minister, ob er einen solchen Bau beabsichtige.
Der Minister antwortet, eS sei eine unbestrittene Frage, daß ein Kunstgewerbe-Museum hergerichtet werden müffe. Innerhalb der ihm zu Gebote stehenden Fonds habe er überall Ankäufe gemacht und hier und da, wo Platz war, ausftellen lassen, die Baustelle sei ausgesucht, der Bauplan ausgestellt; eS werde augenblicklich darüber verhandelt, daß die Stadt Berlin den Vorbehalt zurücknehme, den sie bei "ber Dotation für
dieses Museum gemacht hat, nämlich den, daS Capital, zurücknehmen zu dürfen, wenn das Museum eine Staatsanstalt werden sollte. Noch gestern habe er Anlaß genommen, den Verhandlungen eine größere Beschleunigung zu geben.
Abg. Hennig würde'» sehr beklagm, wenn daS Museum StaatSanstalt würde; das wäre ganz gegen die Asicht des Gründers.
Abg. ReicheuSperger ist gegen die Centralisation, also gegen die Errichtung eines einzigen Museums in Berlin. Die Provinzen wollten auch leben.
Abg. Lasker geht wie die Vorredner auf daS Ken- stngtonmuseum ein. Ein deutsches Gewerbemuseum sei nicht in'S Auge gefaßt und man könne schon zufrieden sein, wenn sich ein Lokalinstitut in Berlin einbürgerte. Bis jetzt habe der Staat weniger dazu beigetragen, als Private und die Stadt Berlin; keinmfalls dürfe das Institut ein reines Staatsinstitut werden, es würde vielmehr allgemein befriedigen, wenn man ein gemischtes Institut schaffen wollte.
Die DiScussion wird geschloffen.
Ein Antrag des Abg. v. Bockum-Dolffs, wonach die BezirkSrcgierungen jedes Jahr durch das „Amtsblatt" eine nach Kreisen geordnete Uebersicht von der in ihren Bezirken im Laufe deS Jahres vorgekommenen Verwendung zur Beförderung des Gemeindewegebaues aus Staatsmitteln veröffentlichen sollen, wird angenommen.
Abg. Reichensperger macht darauf aufmerksam, daß es gut wäre, die Reisestipendien für die Architekten nicht zu Reisen inS Ausland zu bestimmen, sondern besser die Studien im Jnlande zu machen. Auch Du- mesnil habe gesagt, die Architekten thätm besser, im Schwarzwald, in Tyrol Holzbauten zu studiren, als Zeichnungen von Säulen aus Italien in ihren Mappen mitzubringen. Auch gegen bir Vielwisserei tm Bau wesen nach der bureaukratischen Schablone spricht sich Redner au«. Das führe zur Langweiligkeit und hievon gäben die Bauten an den Eisenbahnstraßen ein schlagendes Beispiel. Nur Hannover und Baden machten hiervon eine Ausnahme; dort sehe man schöne geschmackvolle Eisenbahngebäude. Man müsse daS Ingenieur- vom Archilcktenwesen trennen. Der Minister kann diese Beschränkungen im Reisen nicht ersprießlich erachten.
Abg. v. D e n z i n findet die Forderung von 800,000 Thlr. für Stromregulirung rc. zu gering im Verhält-
niß zu der Pasition von 4 Millionen für Chausfee- und Landwegebauten.
Der Handelsmini st er zeigt, daß der Etat für die Verbesserung der großen Ströme bedeutende Summen aussetzt.
Titel 18 wirft als Zuschuß für die Bauakademie die Summe von 9540 Thaler au«. Abg. Karsten findet diese Summe zu gering, und vermißt überhaupt die wünschenSwerthe Fürsorge für jene Anstalt. Die- selbe habe eine außerordentlich schnelle Entwickelung gehabt und sei in kurzer Zeit von 300 auf 783 Zuhörer gestiegen. Unter solchen Verhältnissen sei eS merkwürdig, daß die Etatsposition fast unverändert dieselbe geblieben fei. Diese Sparsamkeit liege indessen keineswegs im Jntereffe der Anstalt, die nur vier Vorlesungssäle habe, also bei ferner zunehmender Frequenz absolut den Anforderungen nicht genügen tonne. Auch die Kräfte deS bisherigen LehrerperfonalS seien unzureichend und müßten verstärkt werden. Der Redner geht sodann näher auf die Art der Ausbildung der das Baufach Studirenden über, tadelt den allzu großen Umfang der Anforderungen beim Baumeister- Examen, da eine gleichzeitige Berücksichtigung der technischen und der künstlerischen Seite, wie sie die Prüfung verlange, sich schwer vereinigen lasse und beantragt endlich eine Resolution, worin er eine Reorganisation dieser Verhältnisse beantragt. '
Der Handelsminister bemerkt, daß der starke Zuwachs, den die Zahl der Bau Akademiker erfahren, sich erst im October nach Beendigung des Krieges herausgestellt habe. Die Räumlichkeiten seien dadurch allerdings so beschränkt, daß man, so wenig wünschenS- werth eS fei, den Director aus der Anstalt werde auSquartieren müssen. Ebenso müsse ein Theil deS Schinkelmuseums aus dem Gebäude entfernt werden, obwohl man noch keine disponiblen Räume für die anderweitige Aufstellung desselben habe. Auch auf die Ergänzung der Lehrkräfte solle Bedacht genommen werden. Ein Hilfslehrer sei bereits angestellt und weitere Kräfte in Aussicht genommen. Mit der Er- weitemng des Lehrerpersonals werde sich allerdings voraussichtlich auch die Frequenz der Anstalt steigern und so die Mehrkosten decken, sollte jedoch der Etat dadurch überschritten werden, so hoffe die Regierung auf die Nachsicht deS Hauses. Die Beschwerden über die Art der Ausbildung erkennt er theilweise als berechtigt an; er habe auch bereits darauf Bedacht ge
Der Tag zu Kaffel.
Historische Erzählung aus der Jugendzeit Philipp des Großmüthigen.
von SB. JBennetfe.
(Fortsetzung.)
Der Landgraf schien die Eingetretenen anfänglich nicht bemerkt zu haben. Plötzlich sah er vom Buche auf und seine Blicke fielen auf Grebe. „Ah, Doctor!" tief er au«, „gut, daß Ihr kommt! Ihr seid ein gelehrter Mann, kennt Ihr dieses Buch? ES ist —" Jetzt erblickte er seinen Neffen. Ein freundliches Lächeln überflog sein bleiches Gesicht, als er sagte: „Ei, Lips, kommst Du auch einmal zu Deinem Ohm? WaS sührt Dich hierher, mein Sohn?"
„Mein junger, gnädiger Herr," nahm Grebe für seinen Zögling daS Wort, „wollte von Euren land- gräflichen Gnaden Urlaub nehmen, ehe er dies Schloß verläßt." —
„Willst Du auf Reisen gehen, Lips?" fragte der Landgraf. „So jung schon auf Reisen! Ihr werdet ihn begleiten, Doctor? Hütet ihn vor dem Süden, führt ihn nicht nach Venedig — die Weiber —"
„Ich weiß noch nicht, ob ich meinen jungen gnädigen Herrn begleiten werde," unterbrach ihn Grebe. „Landgraf Philipps Gnaden sollen fortan am Hose Herzog» Johann von Sachsen erzogen" werden, da hier besten Sicherheit bedroht!" —
„Seine Sicherheit hier bedroht!" fuhr Landgraf Wilhelm auf und erhob sich. „Hier in Kastel eine« Landgrafen von Hessen Sicherheit bedroht? Grebe, bas könnt Ihr selbst im Ernst nicht glauben. Laßt alle Thore, alle Thüren öffnen, entlastet die Wachen, die Trabanten, und ich will mich hier allein zur Ruhe legen und sicherer schlafen, als wenn sämml- liche Fähnlein der sächsischen Knechte um mich gereiht ständen! Ein Kastrier Bürger sollte meines Bruders Kind, vielleicht mich selbst bedrohen? Doctor, ich habe
sic gesehen, unsere guten Bürger, wie ihr Blut ge- flosten hatte, und sie vor Wuth schnoben, die blanke Wehre in den starken Fäusten, — so sah ich sie, Doctor, und im leichten seidenen Wams sprang ich unter sie, und ich sand in ihnen allen treue Hessen!" Er verfiel auf einige Minuten in Nachdenken, dann murmelte er vor sich hin; „Nicht sicher hier! Wer hat das auSgeheckt?"
Dr. Grebe nahm die Frage auf und entgegnete: „Die herzoglichen Vormünder von Sachsen glauben e«!"
„Bin ich nicht auch einer der Vormünder dieses Knaben? Wer steht ihm näher als ich?" rief Wilhelm der Aeltere zornig, hierbei fiel fein Auge wieder auf den Folianten: „Doctor," sagte er besänftigt, „Ihr seid ein gelehrter Mann, helft mir lesen! Dieses Buch habe ich lange gesucht. Helft mir und wir finden" er brachte feinen Mund dicht an daS Ohr Grebe'S — „wir finden den Urquell des Goldes!" —
Ehe der Lehrer des jungen Landgrafen etwas erwidern konnte, öffnete sich die Thüre und Graf von Thum erschien im Zimmer. Der Landgraf sah ihn finster an.
„Wer seid Ihr," fragte er barsch, „der glaubt, hier au«- und eingehen zu können, als ob dies Haus sein eigen!"
„Ich bin Friedrich von Thum, der Gesandte Sr. kurfürstlichen Gnaden von Sachsen!" entgegnete der Graf eben so rauh.
Der Landgraf trat dicht vor ihn.
„So roiffet, daß ihr vor Wilhelm von Hesten steht!" preßte er zwischen den bleichen Lippen hervor. „WaS führt Euch hierher?"
„Meines gnädigen Herrn und der fürstlichen Vormünder Wille ist e«, daß des jungen LandgrafS Gnaden diese« Schloß verlaste!" erklärte Thum.
„Und mein Wille ist eS, daß er hier bleibe!
Merkt Euch das, Friedrich von Thum!" keuchte der Landgraf. „Und wer steht Philippen von Hessen näher als ich! Ist er nicht meines in Gott ruhenden Bruders Sohn, he?"
(Fortsetzung folgt.)
8i»c* Mb Löwenbändiger.
(Schluß.)
Der Maccomos gab es zwei, doch einer nur war der echte. Vor zwanzig Jahren war George Hilton's Menagerie in Manchester und Kitty Lee war der Direclor. Ohne Kündigung verließ ihn fein Löwenbändiger Newsome, und Lee wußte nicht, was er ansangen sollte. Da kam ein Mann Namens Jemmy Strand, der eine Pfefferkuchenbude hatte, und erbet sich, an die Stelle zu treten; und Lee gab ihm den Namen Maccomo. Strand war ein Irländer wie der arme Macarty; aber fein Erfolg verdrehte ihm so den Kopf, daß nicht mehr mit ihm auszukommen war. Er war unetträglich in feiner Frechheit. Eines Tages auf dem Jahrmärkte zu Greenwich meldete sich bei Maunders, der Hilton's Menagerie übernommen hatte, ein Neger, der als Matrose gerade von der See kam und eine Stelle bei den wilden Thieren haben wollte. Maunders schloß mit Wn ab und ließ ihn sogleich in den Käfig gehen. Der Schwarze bewies eine wunderbare Herrschaft über die Bestien, so daß der Pfefferkuchenkönig seine Krone gleich verlor und der Schwarze seinen Namen Maccomo erhielt, den er trug, bi« er vor fünfzehn Monaten an der Schwindsucht starb. Mcccomo war der verwegenste Mensch unter Löwen und Tigern, den ich gekannt habe. Er nahm nie ein stärkeres Getränk zu sich als Kaffee; doch glaubte er immer, daß er eine« gemalt» thätigen Todes sterben würde. Er wurde oft fürchterlich zerfetzt, aber nie getöbtet Für ihn war die Sache viel gefährlicher als für einen Weißen, wenn es wahr