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Jfr. 1L Marburg, Sonntag, den 14. Januar. R8I2

' OterhesMe Zeitung.

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Palitifche W-chen-Ueberstcht

Wenn wir auf die ersten Wochen deS laufenden JahreS zurückblicken, so finden wir, daß überall im Volk»- und Staatsleben mit erneuter Thätigkeit die Arbeit wieder ausgenommen wurde.

Das preußische Abgeordnetenhaus hat am 8. d. seine Sitzungen wieder begonnen. An neuen Vorlagen sind demselben bis jetzt zugegangen: ein Gesetzentwurf betreffend die Errichtung eines @r sammtconsistoriumS der evangelischen Kirchen im Re gierungsbezirk Kassel, ein Gesetzentwurf betreffend die Aufbringung der Synodalkosten für die evangelischen Kirchen der Monarchie, das Nachtragsgesetz zu dem Etat pro 1872, sowie einen Gesetzentwuf betreffend die Penstonirung der Staatsbeamten. Das Haus be willigte die Ueberweisung von Geldern an den com- muiialständischen Verband des Regierusbezirkes Wies­baden. Auf eine Interpellation Richters in Betreff der Vermißten, ertheilt der Kriegsminister erschöpfend Auskunft. Mit Beginn dieses Jahres wurde Herr von Roon den Funktionen eines Marineministers enthoben und General von Stofch zum Chef der Admiralität ernannt.

In Bayern und Württemberg haben die Kammern am 3. ihre Sitzungen wieder begonnen. In Baden verfügte eine landesherrliche Verordnung eine nahmhafte Revuction in der Justiz - Verwaltungs- Organisation. Das badische Kriegsministerium ist zu Anfang des Jahres aufgehoben worden.

In Oesterreich haben die Commissionen der beiden Häuser Adreßentwürfe als Beantwortung der Thronrede angenommen, in welchen- sie ihr volles Zutrauen zu der Regierung aussprechen. Ueberhaupt hat die versöhnliche aber feste Haltung der Thronrede, mit welcher der Kaiser Franz Joseph die Session des ReichSratheS am Schluffe deö Jahres eröffnete, ihre Wirkung nicht verfehlt. Die Czechen toben und schimpfen freilich «eiter, so daß die Regierung fort- sährt, die czechischen Blätter mit Beschlag zu belegen. Aber dem czechischen Uebermuthe und de» Föderalisten ist doch der Kamm gefallen. Ein neues wiener Blatt, -dieDeutsche Zeitung", verficht die deuffchen Inter- essen-mit Energie und verlangt sogar, daß da» Mi­nisterium Hohenwart in Anklagestand versetzt werde. Allzu scharf macht schartig! DaS nächste practische Ziel für die Deutschen ist eS, die Polen für sich zu gewinnen, die der ReichSverfassunz wenigstens nicht mit grundsätzlicher Feindseligkeit gegenübcrstehen, und stch auf diese Weise eine hinlängliche Mehrheit im Reichsralhe zu verschaffen, um allgemeine Reichswahlen

Der Tag z« Kassel.

Historische Erzählung aus der Jugendzeit Philipp des Großmüthigen.

Bon SB. Bei» necke.

(Fortsetzung.)

Bride standen jetzt vor einer hohe», mit Eisen beschlagenen Thüre. Grebe fragte einen Kammerknaben, welcher auf dem Gange auf und abging, ob sie bei deS Landgrafen Gnaden eintrctm könnten. Der Knabe nickte. Grebe öffnete die Thüre, hob die dahinter be­findlichen Vorhäng'e in die Höhe und ließ Philipp den Heffm in ein spärlich erleuchtetes Zimmer treten, er selbst folgte nach. Vor den Eintrctenden saß an , einem runden, mit Büchern bedeckten Tisch, über welchem eine kleine Ampel hing, ein langer hagerer, mit einem braunen pelzgefütterten Rock bekleideter Mann. Das braune Haar hing ungekämmt um ein knochigcS Gesicht, dessen untere Hälfte ein unge­pflegter Bart bedeckte; die großen grauen Augen waren auf die Schriftzeichen eines mächtigen Folianten geheftet, welchen zwei magere durchsichtige Hände em­porhielten. Dies war Landgraf Wilhelm der Aeltere den Hessen. Wilhelm war der älteste Sohn Ludwig drS Freimüthigen, und auf 14 Juli 1466 geboren. 3n seiner Jugend ein schlanker, in allen Leibesübungen gewandter Ritter, wurde er, zur Regentschaft gelan gend, der Abgott seine« Volkes, dessen volle Liebe er besaß. Von 1483 bis 1493 herrschte er in Rieder- ^ffcn. Im Jahre 1491 beschloß Wilhelm, dem Bei­spiel seines Großvaters zu folgen und eine Pilger­fahrt nach dem heiligen Grab anzutreten. Die Abcn- leuer dieser Reise hat Dietrich von Schachten, einer brr Begleiter deS Landgrafen, beschrieben. Glücklich ^reichten die Pilger Jerusalem. Aus der Rückreise

durchzusetzen. Leider wird die politische Bewegung in Oesterreich durch die religiöse zersetzt, und echt deutsche Landschaften, wie Tirols stehen auS kirchlichen Rück­sichten auf Seiten der Gegner des deutschen Volks- thumeS.

Der Präsident der französischen Republik empfing am Neujahrstag das diplomatische Corps, je­doch wurde keine besondere Anrede gehalten. Die Na- tionalvcrsammlung genehmigte in diesem Jahre bis jetzt folgende Vorlagen. Einen Gesetzentwurf, durch welchen den Deputirten untersagt wird, öffentliche mit Gehalt verbundene Aemter anzuliehmen, mit Ausnahme der auf dem Wege der Mitbewerbung oder der Wahl erlangten und die Aemter eines Ministers, Botschaf­ters und bevollmächtigten Gesandten; und ferner die Zusatz Convention zu dem Friedensvertrag mit Deutsch­land. Die'Jnitiativcommissiou der Versammlung hat sich mit einer Majorität von 10 Stimmen gegen den Antrag auf Rückkehr der Versammlung und der Regierung nach Paris ausgesprochen. Am 9. überreichte Graf Arnim Herrn ThierS seine Creditive als Botschafter deS deutschen Reichs und wurden hierdurch die diplo- tischen Beziehungen zwischen Frankreich und Deutsch­land wieder hergestellt. Bei den ErgänzungSwahlcn für die Nationalversammlung siegte in Paris Vautrain über Victor Hugo. Vautrain nahm seinen Sitz bei den gemäßigten Republikanern. Man glaubt, daß sich die neu erwählten 17 Deputirten dermaßen auf die verschiedenen Parteien vertheilen, daß die republikanische auf 11, die monarchische auf 4 und die bonapartistische auf 2 derselben rechnen könnte

Der Papst hat den Abgesandten deS Königs von Italien, welcher besten Glückwünsche zum neuen Jahr überbringen sollte, nicht empfange».

In Spanien wurde durch königl. Erlaß die Legislatur pr. 1871 geschloffen uiib die CorteS auf den 22. d. einberufen.

Die portugiesischen CorteS mürben am 2. eröffnet.

Die rumänische Eisenbahnfrage ist in den etften. Wochen dieses JahreS zum Abschluß gekommen. Depulirteiikammer und Senat haben den Gesetzentwurf der Regierung genehmigt und ist das Gesetz bereits promulgirt.

In Athen hat das Miuisterium, nachdem eS bei den AuSschußwahlen in der Kammer die Majorität nicht erhalten hatte, seine Demission gegeben und ist ein neues Cabinet gebildet worden. Die Deputirten» kammer wurde aufgelöst.

Die Moskauer Universität hat dem Prinzen Friedrich Karl die Ehrenmitgliedschaft ertheilt.

In Nordamerika hat sich der deS Mordes angeklagte MormonenhSuptling Brigham Douiig den Behörden gestellt. In Newyork wurde der Erie- sthwindler James FiSk meuchlings erschosten.

Deutsches Reich.

A Berlin, 12. Jan. In der baierischen Abge­ordnetenkammer wird binnen Kurzem der bekannte Schüttinger-Barth'sche Anteag zum Schutze der soge­nannten vaierischen Reservatrechte zur Verhandlung und Abstimmung kommen, und zwar auf Grund des vom Referenten deö betreffenden Ausschusses, Abg. Sedlmayer, zu erstattenden, die Annahme jenes An­trages empfehlenden Berichtes. ES handelt sich dabei bekanntlich um den Sinn deS Art. 78 der Reichs- verfastung, welche vorschreibt, daß diejenigen Bestim­mungen derselben, durch welche gewisse Rechte ein­zelner Bundesstaaten in deren Verhältniß zur Ge- sammtheit festgestellt worden, nur mit Zustimmung deS betreffenden Bundesstaates abgeändert werden können. Der obengedachtc Antrag und der Ausschuß- bericht behaupten nun, daß unter dem WorteBun­desstaat" alle drei gesetzgebenden Factoren deS be­treffenden Staates zu verstehen seien, daß mithin z. B. in Betreff Baierns bei Abänderungen in Gemäßheit deS Art. 78 die Zustimmung der Regierung und der Kammern erforderlich sein würde, und soll diesem an­geblichen Sinne des gedachten Art. 78 entsprechend ein von dem Referenten vorgeschlageneS Gesetz für Baiern erlassen werden. Da nun aber die Reichsver­fassung als Vertreter der einzelnen Bundesstaaten nur deren Bevollmächtigte im BundeSrathe kennt, und da ferner die Kammern der Einzelstaaten durch ihre Zustimmung zu der Reichsverfassung die Ausübung' ihres früheren Rechtes, die Zustimmung zu Aende- rungcn der Reichsvnffaffu.ig überhaupt und im Sinne deS Art. 78 jenem LundeSraihS-Bdvollmächtigten eo ipso übertragen haben, so schwebt der Schüttinger- Barth'sche Antrag vollständig in der Luft. Da nun auch der baierische Minister v. Lutz in der Sitzung des Reichstages vom 20. November v. I. ausdrücklich erklärte, daß unter dem betreffende» Bundesstaate des Art. 78 nur dessen Vertreter im BundeSrathe bei Abfassung der Versailler Verträge und späterhin ver­standen worden seien, so ist anzunehmen, daß die erforderliche 2/3 Mehrheit der baierischen Kammer für den gedachten Schüttinger-Barth'schen Antrag nicht zu Stande kommen werde. Die definitive Ernen-

empfing der Landgraf in Rom vom Papste Ino. c-ntinS VIII. ein zur Vertheidigung des wahren Glau­bens geweihtes Schwert, und in Venedig credenzten ihm schöne weibliche Hände jenen Trank, welcher seine Sinne verwirrte. Zerrüttet an Geist und Körper kehrte er nach Kassel zurück und legte am 3. Juni 1493 die Regierung zu Gunsten seines Bruders Wil- Helms deS Mittleren nieder, nur für den Todesfall seines Vetters und seines BruderS sich das Erbrecht vorbehaltend. Er zoP nach Nürnberg und Augsburg und verschwendete in jenen Städten sein Vermögen in alchemischen Versuchen, sodaß er auf Befehl Kaiser Maximilian- nach Spangenberg gebracht und dort vierzehn Jahre in Verwahrsam gehalten wurde.

Bei dem Tode seines Bruders im Jahre 1509 verließ er jene Stadt und erhob, von seiner Gemahlin unterstützt, seine Erbansprüche auf Hessen, ließ sich in verschiedenen Städten huldigen und begab sich nach Straßburg zum Kaiser, um dort seine Ansprüche mündlich vorzutragen und die rückständigen Geldsummen zu reclamiren. Der Kaiser befahl den damaligen Re­genten von Hessen, den Landgrafen zu befriedigen und seinen Unterhalt zu zahlen. Ludwig von Bohne bürg und seine Genossen befolgten jedoch ba6 Mandat des Kaisers nicht, unter dem Vorwand, der Landgraf habe kein Recht, seine Pension im Ausland zu ver­zehren. Wilhelm und seine Familie geriethen dadurch ins tiefste Elend, bis endlich ein zweiter kaiserlicher Erlaß, welcher mit der vollen Ungnade Maximilian» drohte, die Regenten veranlaßte, für den Unterhalt der Landgräfin und ihrer Kinder zu sorgen, und dem Landgrafen selbst zu gestatten, seinen Sitz in Kassel zu nehmen So war Landgraf Wilhelm wieder in jene Burg gekommen, von welcher aus er einst Hessen be­

herrscht hatte. Damals ein Herrscher in der Blülhe seiner Jahre, die Brust geschwellt von mächtigen Ent­würfen, jetzt ein schwacher gebrochener Mann, der den Rest seine» Geistes in abenteuerlichen Plänen aufrieb. Das war der Fürst, zu welchem Dr. Grebe Philipp von Heffen geführt hatte.

(Fortsetzung folgt.)

Löwe» utt Löwenbändiger.

(Fortsetzung.)

Ihr möchtet wissen, Herr, wer der erste Löwen- könig in diesem Lande war? Ich kann Euch deren ganze Geschichte und von allen Menagerien erzählen. Der erste große Menageriebesitzer, von dem ich je gehört, war der alte Wombwell, der Anfangs ein Schuhmacher auf der Commercial-Road in London war und zuerst mit einer großen Schlange umherreiste. Ehe van Amburg'S Name bekannt war, trat der alte Manchester Jack in einer von WombwellS'S umher- ziehenden Menagerie» als Löwenkönig auf; eS mag etwa 50 Jahre her sein. Der Director war Broms- grove. Der Manchester-Jack war tüchtiger als van Amburg. Einmal sollten diese beiden in Southamptm eine reguläre Wetlvorstellung geben und es wurden ungeheuere Summen aus beide gewettet; aber als die Sache zum Klappen kommen sollte, fiel meinem Ame- ricaner das Herz in die Schuhe und er machte sich davon. Jack übernahm später einen Gasthof in Taunton, mit BromSgrove als Oberkellner, und starb vor sieben Jahren. Van Amburg, nachdem er auf dem Papier oft genug getödtet worden und ein ben­galischer Tiger ihm den Kopf abgerissen hatte, starb vor drei Jahren im Bette; aber er trug jedenfalls fürchterliche Narbe» am Leibe. Einige der alten