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$r. IO* Marburg, Sonnabend, den 13. Januar. 1872.

Oberhessifche Zeitung.

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«Marburg, 12. Januar.

DerSchwab. Merkur" enthält ein Telegramm aus Berlin, nach welchem der Kaiser die Entschei­dung der S. Juan Streitfalles bis zur zweiten Replik Englands, welche binnen 6 Monaten vom 17. Dec. v. I. an gerechnet, zu erfolgen hat, verschoben hat. Die baierische ReichsrathSkammer hat die Gesetzentwürfe über die Ergänzung des PserdebedarsS für das Heer, über die Steuer-Forterhebung, die Aen- deiung der Gemeinde-Ordnung und des Geschäfts­ganges deS Landtags angenommen. Der Finanzmi­nister sagte baldigste Vorlage eines Gesetzes über Ge­haltsaufbesserungen zu.

Die Wiener Blätter sprechen sich immer noch mit einer gewissen Angst über den regen Zusammen­hang zwischen der Wahlreform und dem Ausgleich mit den Polen aus. So schreibt dasFremdenblatt": Diejenigen erweisen dem Ministerium Auersperg einen schlechten Dienst, die darin einen Gegensatz erblicken wollen, daß in dem Adreßentwurse deS Herrn Dr. Herbst nachdrücklicher als in der Thronrede, die Dring- lichkeit der Wahlreform betont wird. Der Standpunkt, welchen der Berichterstatter deS AdreßausschusscS in dieser Frage einnimmt, ist der einzig correcte. Die Majorität des Abgeordnetenhauses wird sich durch die Annahme der Avresse dieselbe Austastung aneignen, und Jom Herrenhause ist es soviel wie gewiß, daß die Majorität den ihr nicht sympatischen Ausgleich mit den Polen ebenfalls von der Wahlreform abhängig machen wird. Die Ereignisse de« letzten Jahres sprechen eben in so überwältigender Weise für die direkten Wahlen, daß alle früher geltend gemach­ten Bedenken zurückgedrängt werden. DaS Wider streben gegen Zugeständnisse an die Länderautonomie, die Bejorgniß, damit wieder auf die abschüssige Bahn der AuSgleichSpolitik zu gerathen, sind so bedeutend, daß der galizische Ausgleich scheitern müßte, wenn er nicht mit der Wahlreform in Verbindung gebracht würde. Nur die Selbstständigkeit deS Reichs rathes gegenüber den Landtagen kann die verfassungs­treue Partei für die Opfer entschädigen, welche der galizische Ausgleich fordert. Wäre also die Regierung nicht geneigt, diesen Grundsätzen, von welchen sich die Majorität des RcichsrathcS und die gesammte verfassungstreue Bevölkerung leiten läßt, Rechnung zu tragen, so müßte sie ihre Person als gescheitert be-

Der Tag z« Kastel.

Historische Erzählung aus der Jugendzeit Philipp deS 1 Großmüthigen-

von W- Bennecke.

(Fortsetzung.)

Die Fürsten mit ihrem Gefolge verließen das Ge­mach. Andres war allein. Ihn hatte der Auftrag, der ihm zu Theil geworden war, mit einer gcwisten Freude erfüllt. Gerade wir er so von ganzem Herzen gewünscht hatte, ein Mittel zu finden, in den Stand gesetzt zu werden, Martha heimzuführen, hatte er jene zwei Männer gefunden; von hohem Rang mußten sie sein, daS war ihm klar und so schienen sie ihm von der Vorsehung gesandt,'um vielleicht auf sein ganzes Leben eine günstige Einwirkung zu üben. Jetzt wo er allein in dem Erkerstübchen deS Schlosses war, wurde ihm doch so sonderbar zu Muthe. Er trat ans Fenster, öffnete es und blickte hinab auf den träg da­hin schleichenden Fluß. Dahinab sollte ein mensch - liches Wesen gelassen werden? Und wer mochte eS wohl sein? Doch waS ging es ihn anl Frisch an'S Werk. Er band einen seiner Stricke los und ließ ihn hinab, bis er in'S Wasser schlug. Die Läng« hatte er so gefunden und bald hatte er am Fenster eine Vor­richtung angebracht, an welcher, wie er glaubte, der stärkste Mann ohne Mühe und Gefahr hinabgelassen werden konnte. Als er hiermit fertig war, begab er sich an die Thüre, um Oeffnung zu verlangen, da schlugen Stimmen an sein Ohr und unwillkührlich lauschte er. Es waren zwei Männer, die mit einander sprachen.

»Ich kann eS nicht gut, heißen, ihn auf diese Weise aus der Stadt zu entfernen!" sagte der Eine.

ES war unmöglich, ihn durch die Stadt, durch di« Wachen und Diener zu führen! ' Es würde Ge­schrei gegeben und blutige Fehde daraus entstanden sein! Glaube cs mir, Waldeck!" antwortete der Andere.

Aber bedenke, Boyucburg", wandte der mit Wal­

trachten. Hätte die Regierung die Absicht, den galt» zischen Ausgleich ohne die Wahlreform auf die Tages­ordnung zu stellen, den Ersteren zu unterstützen, die Letztere aber zu vertagen, so befände sie sich nicht mehr im Einklänge mit der verfassungstreuen Partei, auf deren Vertrauen ste angewiesen ist. Das ange­kündigte Nothwahlgesetz wird zum Schutze der Ver­fassung nicht genügen, selbst wenn es trotz aller Be­denken, die gegen solche Auskunftsmittel sprechen, in's Leben treten sollte. Man müßte also annehmen, daß das Ministerium AuSerSperg mit offenen Augen in einen verhängnißvollen Conflict hineintreibt, wenn man eS nicht verzieht, die gewiß falsche Voraussetzung fallen zu lasten, daß in Bezug auf die Behandlung der beiden wichtigsten staatsrechtlichen Fragen eine grundsätzliche Differenz zwischen der Regierung und der Majorität bestehe.

Privatnachrichten zufolge, soll der französische Botschafter am deutschen Hofe, Gontaud-Biron, nach Paris berichtet haben, daß der Kaiser und der Kron­prinz ihre Bereitwilligkeit gezeigt hätten, Frankreich politische und finanzielle Verlegenheiten zu ersparen. Den umlaufenden Nachrichten entgegen beansprucht Pouyer-Quertier nichts von der Bank. In franzö­sischen Finanzkreiscn spricht man von einer im April oder Mai aufzunehmenden Anleihe von 2 Milliarden zum Emissionscourse von 85 oder 87. Ueber den Eindruck, welchen das Resultat der Ergänzungswahlen zur Nationalversammlung bei den verschiedenen poli tischen Parteien in Frankreich gemacht hat, schreibt der pariser Corresp. derKöln. Ztg.".- Die monar­chistische Welt beider Zweige deS Königthums affec« tirt eine große Bestürzung oder ist vielleicht auch wirklich überrascht von dem Ausfälle der Provinz Nachwahlen. Die Orleanisten, eS ist wahr, hatten sich fast überall der Aufstellung eigener Candidatrn ent­halten; aber die Siege des Radikalismus und der Bonapartisten berühren sie darum nicht minder unan­genehm. Die Freunde der Legitimisten dagegen haben in verschiedenen Fällen direkte Niederlagen zu erleiden gehabt, und ihr Ach- und Wehgeschrei ist um so be­rechtigter, als sie seit Jahresfrist volle Gelegenheit halten, den absteigenden Lauf ihrer Wahlaussichten zu erfahren. Die Wichtigkeit deS ErgebniffeS an sich liegt daher viel weniger in dem größeren oder gerin­geren Zuwachse an Stimmen, welche die einzelnen

deck angeredete ein,wenn er sich widersetzte, würdest Du Gewalt brauchen? Oder gar wenn ihm ein Un­glück zustöße? Bedenke, er ist Landgraf Wilhelms Sohn, kurz gesagt, er ist unser Herr!"

Andres begann eS bei dem Gehörten vor den Augen zu flimmern. Also der Landgraf, der junge Landgraf sollte an seinen Stricken hinabgelassen »erben! Und wer wußte, wohin man ihn bringen wollte. Und dazu sollte er hülsreiche Hand bieten? Wenn man in Kassel erfuhr, daß er eS gewesen? Wenn ein Unglück wirk­lich geschah? Dem jungen Gesellen schwindelte. Er eilte an's Fenster zurück, ließ die Stricke sich abrollen, schwang sich über die Fensterbrüstung und glitt an de» Seilen hinab.

Nachdem Doctor Grebe mit Philipp von Hessen jenes Erkerzimmer verlassen, schritt er langsam und zögernd mit dem Knaben durch die Corridore des Schlaffes nach jenem Flügel hin, in welchem sich feine und seines Zöglings Gemächer befanden. Die Eröffnung des Herzogs Johann von Sachsen, daß Philipp Hessen verlaffen sollte und seinen Aufenthalt am sächsischen Hofe nehmen, war ihm schwer auf die Seele gefallen. Philipp war der letzte männliche Erbe des Hauses Brabant; schlosten sich seine Augen, so fiel Hessen, das gesammte Hessen an Sachsen. Er mußte dies ja genau wissen, hatte er doch als Geheimschreiber Landgraf Wilhelms des Mittleren am Tage der Hochzeit desselben mit Anna von Meck­lenburg jene geheime Verabredung selbst abgefaßt, durch welche die erbverbrüderten Fürsten von Sachsen für ben Fall des Aussterbens der hessischen männlichen Linie zu Erben ber Landgrafschaft eingesetzt wurden.

Und nun sollte Philipp, der nicht allzukräflige Knabe, außer Lande« nach Sachsen gebracht werden? Das behagte ihm nicht. Aber was sollte er thun? Seine Einrede war so gut wie keine. Den unmün­digen Knaben zum Wiekerstand aufreizen? Wohin sollte da« führen? ES gab noch Jemand, der ein

Fraktionen der Nationalversammlung erhalten haben, da derselbe nicht geeignet ist, die bestehende Majorität wesentlich zu verschieben, als vielmehr in der bloßen Erwägung, daß die Provinz den extremen monar­chischen Parteien keine neuen Recruten in die Ver­sammlung nachsendet und daß diese, falls sie von ihrer numerischen Ueberlegenheit überhaupt noch zu einem friedlichen Staatsstreiche Gebrauch machen wollen, sich sehr eilen und namentlich unter einander versöhnen müßten, sollen sie anders nicht von der wachsenden Sturmfluth ber Republikaner und Radi­kalen hinweggespült werden. Dies scheint auch die eigentlich ThierS'sche Partei der Volksvertretung, das linke Centrum, dem sich jetzt auch Herr Vautrain angeschlosten hat, eingesehen zu haben. Deßhalb soll auch von dieser Fraktion und gerade unter dem Ein­drücke des WahlergebniffeS eine neue Ausgabe dcS famosen Rivet'schen Vorschlages ausgehen, um die provisorische Republik, noch ehe die Versöhnung der Legitimisten und Orleanisten gelingt, endlich in eine definitive umzuwandeln.

Der König von Italien wird am 11. d. in Rom erwartet. Am nächsten Sonntag findet große« Hofdiner statt, wozu die Gesandten eingeladen sind. DieOpinione" dementirt, daß die Commission ber italienischen Kammer ben finanziellen Vorschlägen beS Ministeriums entgegen sei. Es sei bemnach bie Nachricht von einer angeblich befürchteten italienischen MinisterkristS unbegrünbet. Anläßlich ber von dem italienischen Finanzminister Sella beabsichtigten Be­steuerung ber Gewebe ist auf nächsten Montag eine aus bem ganzen Königreich beschickte Versammlung von Gewebefabrikanten angesetzt.

Zu ber perrinnirenden MinisterkristS inSpan i m ist nun bie Krankheit be« jetzigen Conseilpräsibenten hmzngekommm. Zufolge einer Nachricht aus Mabrid vom 5. glaubt bas Journal Argo'S zu wissen, baß im Falle in bem GefunbheitSzustanbe des Herrn Sagasta keine Besserung eintrete, Admiral Topete daS Präsidium und Herr Colmenares da« Innere interi­mistisch übernehmen würden. Demselben Blatt zufplge wäre die Regierung von in nächster Zeit beabsichtig- ten Unruhen benachrichtigt worden.

Nachrichten aus New-OrleanS zufolge kam eS im Schooßcder Legislatur von Louisiana anläß­lich politischer Meinungsverschiedenheiten zu einer

Recht hatte, Einsprache zu erheben, und der verlangen konnte, daß man ihn hörte, Landgraf Wilhelm ber Aeltere von Hessen, aber über besten einst so klaren Geist zogen bie Wolken beS Wahnsinns hin. Und doch war sein Verstand noch nicht vollständig um­flort, er hatte Stunden, Tage, wo er vollständig Herr feiner Geisteskräfte war; Boyneburg selbst hatte e« öffentlich anerkannt. Doctor Grebe bog plötzlich in eilten Seitengang ein.

»Wohin führst Du Mich?" fragte der Prinz.

Will mein gnädiger Herr nicht Abschied von seinem Ohm nehmen, ehe er abreist?" fragte Grebe.

O ja, wenn der gnädige Ohm nicht mehr krank ist!" gab Philipp zurück.

»Ich hoffe, er ist es nicht mehr! Geht mein junger gnädiger Herr gern außer Landes?" gab Grebe zurück.

Ich glaube, daß eS sich für einen Fürsten ziemt, gerade dann in seinem Lande zu bleiben, wenn Un­ruhen drohen! Aber ich bin noch ein Knabe, und bie gnädigen Obervormünber werben für r ein Bestes sorgen!" entgegnete Philipp.

(Fortsetzung folgt.)

Liwk» tu)»e>lbkndizer.

(Fortsetzung.)

Ich will nicht behaupten, baß e« allen Löwen­königen so bang zu Muthe ist, wie eS mir war. Ei­nige haben mehr Courage und befreunbm sich mehr mit ihrer Arbeit; aber keinen giebt e«, der nicht im Laufe der Zeit einmal zerbiffen oder sonstwie verstüm­melt worden ist. Ja, ich kenne die Geschichte der Löwenbändiger. Ich bin so lange in dem Handwerk gewesen, daß ich die meisten meiner Kameraden kenne. Es sind dreierlei Löwen, die hier in'S Land knmmen. Die weiften kommen vom Cap der guten Hoffnung; einige aus Aegypten, was aber eigentlich nubische Löwen sind, und za.-ar sind dies bie größten und ge-