Marburg, Donnerstag, den 11. Januar.
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OrfÄemt außer den Werktagen nach Sonn, unb Feirrtagen. Preis für daS Quartal der Oberhefstsche« Zeitung mit Krei,blatt durch die Expedition tKoch'f» Buchdrucker«,) be,ogen Ml »ar., durch die Postämter »7 «gr. S Pfa. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für daS Ausland erd. Stempel M «ar -
JnferlionSgebühr für die gespaltene Zeile 1 Egr. Eämmtliche Annoncen-BüreauS nehmen Inserate an. " ’
*Marburg, 10. Januar 1872.
Am 8. d. hat eine Plenarsitzung des BundeS- ratheS stattgefunden, in welcher Staatsminister Delbrück den Vorsitz führte. In derselben wurden mehrere Vorlagen den betreffenden Ausschüssen überwiesen und Ausschußberichte über die Zusatzconvention vom 11. Decembcr 1871 zu dem Friedensvertrage mit Frankreich und über einen Antrag WürtembergS, betreffend die Approbation der Thierärzte rc. erstattet. Von dentalen Blättern wurde behauptet, Prinz C a r l v o n Baiern habe an den König von Baiern ein Schrei« ben gerichtet, in welchem er denselben „vor den die Dynastie bedrohenden Gefahren der gegenwärtigen baierischen Politik" warnt. Von fortschrittlicher Seite wird die- in Abrede gestellt.
Nach einer telegraphischen Mittheilung aus Wien hat der AdrcßauSschuß des österreichischen Abgeordnetenhauses in seiner Sitzung vom 8. d. den von Dr. Herbst verfaßten Adreßentwurf angenommen. Die Adresse gibt der Ueberzeugung Ausdruck, daß die Befestigung deS verfassungsmäßigen RechtSzustandeS nur dadurch erreicht werden könne, daß die Reichsvertretung in selbstständiger, vom 53 e^ lieben der Landtage unabhängiger Weise gebildet werde, — also durch direkte Wahlen. WaS das Arrangement mit Galizien betrifft, so wird es von der Verständigung über daS Wahlsystem abhängig gemacht. Die -Polen Galiziens werden dennoch wohl thun, wenn sie ihre Prätensionen etwas mäßigen und sich erinnern, daß sie allen Grund haben, vorsichtiger als bisher auszutreten.
Ueber das Schicksal des französischen Unterrichtsgesetzes schreibt der „Schw. Mercur": Auch in Frankreich haben die ernsten Geister sich nicht verhehlt, daß die Niederlage, welche das französische Volk erlitten, eine tiefere Ursache habe, als nur daS Ungeschick der Generale. ES war sehr bequem, alles auf ben Kaiser und dm „Verrath" der Heerführer abzuladen, aber dieser Trost konnte doch nur einem sehr oberflächlichen Chauvinismus genügen. Jene Männer haben seitdem unermüdlich darauf hingewiesen, daß wenn die Nation von ihrem Falle sich erheben wolle, dazu vor Allem eine moralische Wiedergeburt, die Hebung der sittlichen und intellectuellen Kräfte erforderlich sei, und sie erkannten, daß als Grundlage zu einer solchen moralischen Wiedergeburt die Einfüh- nmg deS allgemeinen Schulunterrichts unerläßlich sei. Die Franzosen marschirm zwar längst an der Spitze der Civilisation, aber es scheint, daß dazu keineswegs erforderlich ist, lrseu unb schreiben zu können, denn
Der Tag zu Kassel.
Historische Errählung aus der Jugendzeit Philipp des Großmüthigen.
Son SB. Bennecke.
(Fortsetzung.)
3.
Seitwärts neben der Hauptthüre, die in des Bürgermeisters Haus führte, war ein ÄeineS vergittertes Fenster wenige Fuß hoch von der Erde; am Abend imes für Kassel so bewegten Tages stand vor diesem Fknster jmer junge blonde Gesell, welcher Sauerweins Haus zu vertheidigen versucht hatte. Er lauschte auf dm Ton einer weiblichen Stimme, welcher zwischen dm Eisenstäben hindurch zu ihm hin drang.
„Ach, Theurer", klagte sie, „Du glaubst gar nicht, welche Angst ich auSgestanden, als sie sagten, sie stürm- tm Deine- Meisters HauS und wollten Euch alle Einbringen.
„Das war unnöthig, Marthchen", gab der Jüng Ung zurück. „Ich kannte sie ja Alle, den Greineisen, dm Bickel, den Schweinebraten, sie sind nicht so ge- sahrlich. BiS sie die Thüre eingeschlagen und sich von dem Schrecken erholt, dm meine Büchse ihnen verursacht, war mein Meister längst zur Hinterpforte ymaus und über den Stadtgraben, da lachte ich ihnen "'s Gesicht unb die Meisterin hat sie vollends davon ßeiagt. Ach Martha, wenn das meine einzige Be wrgniß gewesen wäre! WaS mich beängstigt, daS ist unsere Zukunft! WaS soll auS unS werden? Wenn
"ur wollte, dann könnte Alles noch so gut werden, «n Fürwort von ihr bei der Bürgermeisterin und ich
Meister werden und Dich heimführen, Kund- ichaft wollte ich schon erlangen! Aber so lange sie
eS giebt noch heute Departements, wo über die Hälfte der Bevölkerung unerfahren ist in diesen beiden Künsten. Bisher warm (nach dem Gesetze von 1833, daS schon einen großen Fortschritt bedeutete) zwar die Gemeinden schulpflichtig, aber nicht die Kinder, d. h. jede Gemeinde mußte eine Schule haßten und die armen Kinder unentgeltlich aufnehmen, aber die Eltern konnten nicht gezwungen werden, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Unter den Forderungen der Linken hat immer auch die der obligatorischen Volksschule sich befunden, und eS war vorauSzusehen, daß wenn ein Mann wie Jules Simon Unterrichtsminister würde, mit der so laut verlangten Reform Ernst gemacht würde. I. Simon hat auch einen Entwurf auSge- arbeitct, der zwar die Radicalen nicht ganz befriedigt, weil er den Unterricht durch Priester nicht ausschließt, sondern bloß der Staatsaufsicht unterstellt, der aber wenigstens den obligatorischen Elementarunterricht einführen, also jeden Franzosen zu einem gewissen bescheidenen Maß von Kenntnissen zwingen will. Allein eben darum hat der Entwurf noch viel entschiedenere Gegner auf der andern Seite die Radikalen tadeln ihn, weil er ihnen nicht genug thut: die Ultra- montanen und die Anhänger des bequemen Schlendrians schreien über unerhörten Zwang, weil er ihnen schon Biel zu viel ist, und nun ist der Gesetzesentwurf I. Simons wirklich in Gefahr, vor der Nationalversammlung ;u scheitern. Diese hat zur Prüfung des Entwurfs einen Ausschuß gewählt, der fast gänzlich aus Gegnern der Unterrichtsreform zusammengesetzt -st, und um keinen Zweifel über seine kirchliche Unterwürfigkeit aufkommen zu lasten, hat dieser Ausschuß einen Bischof zu seinem Vorsitzenden gewählt, und zwar den Bischof Dupanloup, denselben, der sich kürzlich so beleidigt gefühlt hat, daß einer der auSge zeichnetsten, aber allerdings wenig orthodoxen Gelehrten fiittre hat, beiläufig gesagt, Strauß erstes Leben Jesu ins Französische übersetzt — neben ihm einen Sitz in der Akademie erhalten hat. Von jeher hat Dupanloup mit besonderem Eifer gegen den obligatorischen Unterricht sich ausgesprochen, und seine Wahl zum Vorsitzenden der Commission ist um so bezeichnender, als dieselbe zusammentrifft mit einer! wohlorganisirten Agitation gegen die Unterrichtsreform, die jetzt von den Bischöfen ins Werk gesetzt wird." — Ueber das Resultat der Ergänzungswahlen zur französischen National - Versammlung wird ferner berichtet: Im Departement Gard wurde Lager, Candidat der republikanischen.Partei, gewählt; im Departement Somme siegte Dauphin und im Depar-
den unb 13. Uhr au- ngen wer- aden
tement PaS de Calais Levert, beide der- konservativen Partei angehörend. Im Oran wurden die Republikaner Lambert und Jacques gewählt.
Au» Konstantinopel wird unter gestrigem Datum von einem neuen Friedenszeichen telegraphirt • man behauptet nämlich daselbst mit Bestimmtheit, daß der Sultan im Frühjahr nach Petersburg zu reifen beabsichtigt.
Deutsche» Reich.
•• Berlin, 8. Januar. Die Eröffnungen des KnegSmmisterS in der heutigen AbgeordnetenhauSsttzung auf die Interpellation Richter'S in Bezug der in Folge des Krieges Vermißten dürften besonders dadurch Bedeutung erhalten, daß auS amtlichem Munde consta« ttrt wird, daß die barbarische Behandlung der Gefangenen in Frankreich doch nicht ganz richtig ist, daß also die Berichte der Zeitungen übertrieben gewesen, daß ferner die französische Regierung mit großem Entgegenkommen dem Anträge der deutschen Regierung begegnet ist.
ES wird unter den Namen, welche für die Berufung an die Straßburger Universität aufgeführt werden, auch der von Max Müller genannt; jedoch scheint diese Angabe keine Glaubwürdigkeit zu besitzen; da der Genannte sich schwerlich von seinem Wirkungskreise tn London trennen dürfte.
DaS Urtheil der öffentlichen MGNung über dir KreiSordnung spricht sich immer mehr günstiger auS; eS wird besonder« betont, daß in dieser Session daS Reformwerk zu Stande kommen müste. Diesem Gedanken gibt namentlich die „Magdeburgische Zeitung", die doch sonst nicht sehr für die aus dem Ministerium deS Innern kommenden Vorlagen eintritt, entschiedenen Ausdruck, sie erklärt e» geradezu für eine Nothwen« digkelt, daß durch Verständigung das Werk erreicht werden müsse.
Bei den Erwägungen, welche bei der Berathung über d.e Maßregeln zur Verbesserung der Lage der Postbeamten stattfanden, hatte die Postverwaltung auch der Anwendung deS Princips der wirtschaftlichen Selbsthülfe ihre Aufmerksamkeit zugewendet. Es wurde beschlossen, daß der Versuch gemacht werde, den Post« beamten die Vortheile, welche Spar-, Vorschuß- und Credltvereine ihren Theilnehmern gewähren, in einer ben Verhältnissen entsprechenden Weise zugänglich zu machen. ES ist in Folge dieser Erwägungen nun von Seiten der Postverwaltung beschlossen worden, derartige Vereine im Kreise der Postbeamten unter Leitung und gewissermaßen Garantie der Oberpostdirectioneu
872.
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unb Andres zum Jüngling herangereift war, da wurde die erstere von ihrer Mutter zur Bürgermeisterin gebracht, dieser und ihrer Tochter sollte sie zur Hand gehen und dabei hatte die Wiltwe den Hintergedanken ihre Tochter unter der Protection der Frau deS Bür- germeisters anständig zu versorgen. Andres wurde Lehrling m der Werkstatt seine» Pflegevaters. Zwi- schen beiden jungen Leuten hatte sich auS der kind- lichen Zuneigung bald ein mächtigeres Gefühl entwickelt, die erste jugendliche Liebe. Wa» ihr Glück trübte, war der Blick in die Zukunft. Vor Allm war es Marthas Mutter, welche daS Verhältniß ihrer Tochter mit d. n armen, elternlosen Gesellen, d" wohl nie Aussicht hatte, selbständig zu werden, ungern sah, und derselben, wie Martha ihrem Ge- "evten erzählte, gern einen Diener deS Stadtraths zum Mann gegeben hätte. Andres' einzige Hoffnung bestand nun aber gerade darin, die Witwe Groskurlh dennoch für sich zu gewinnen und durch deren Einfluß auf die Frau des Bürgermeisters e« zu ermöglichen, Kasseler Bürger und Meister zu werden. Wie er diesen Umschwung in der Gesinnung von Martha'S Mutter hervorbringen konnte, darüber grübelte er M, al» er nach dem Hause seines Meisters zurück- kehrte.
„Andres! Ander«!,Mo bleibst Du so lange?" schr'e die Meisterin ihm entgegen. „Du weist doch, daß der Meister von HauS ist, Gott sei'S geklagt! Bist wohl bei der Liebsten gewesen? Hu'tig herein, dnnnm warten zwei Herren von der Burg, die wollen Seile und Gurten und einen Burschen, der f“ iu ^festigen versteht, und ich weiß nicht, was noch mehr! Und läßt mich so warten! Mach', daß Du hinein kommst!" w p'
mir widerstrebt, ist nicht daran zu denken und Du wirst endlich selbst andern Sinnes werden!"
»Ach, sag das nicht!" entgegnete die Stimme durch da» Fenster. „Mag auch die Mutter sagen und lhun was sie will! Erst heute noch hat sie mir zugesetzl, ich Jolle den langen Jörg, den Rathsdiener, nehmen, der habe sein gutes Auskommen und könne es zu was bringen! Mutter, habe ich da gesagt, rede nicht so! Du weift, ich habe den Andres lieb und mag kemen Andern! , Wie sie dann darauf von Dir geredet, das sag' ich nicht! Was kümmert's auch mich, ich bleibe Dir ja doch gut!"
»Oh!" fuhr Andres auf. „Wa» wird sie gesagt haben, der Lump, der hergelaufene Kerl, der Strickdreher! Oh, und ich bin so gut wie irgend ein Anderer und habe noch keine Söldnerjacke getragen wie der lange Jörg. — Wenn ich dem einmal begegne—"
— „Marthe! Marthe!" tönte im Hause die Stimme der Bürgermeisterin.
„Die Frau ruft!" flüsterte das Mädchen, „Gott schütz Dich! Kommst Du noch einmal heute?"
„Wenn'S möglich, ja!" —
Sie verschwand vom Fenster und er schlug mit gefinktem Haupte den Weg nach seines Meisters Behausung ein. Andres war der Sohn eines ftemden Steinrnetzgescllen, der mit Frau und Kind nach Kassel gekommen, um dort Arbeit zu suchen. Seine Eltern waren beide bald gestorben und Meister Sauerwein, in besten Nachbarschaft sie gewohnt, hatte sich des Waisen angenommen und ihn mit seinen Kindern er« Ziehen lasten. Zu den Gespielen seiner Kindertage gehörte auch Martha Groskurth, die Tochter einer RathSdienerSwittwe und die Milchschwester von deS Bürgermeisters Töchterlein. Al« Martha zur Jungfrau
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