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Br. 7

Marburg, Mittwoch, den 10. Januar.

1872

I Oberhessische Zeitung.

grfleint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal der Oberhesfischen Zeitung mit Krri-blatt durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogrn 22j Gar., durch die Postämter 27 ®gt. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für daS Ausland excl. Stempel 22 Lgr.

JnfertionSgebübr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

* Marburg, 9. Januar.

Der Kaiser hat am 8. d. den neuernannten französischen Botschafter Bicomte de Gontaud-Biron nebst dem DotschaftSpcrsonal in Antrittsaudienz em­pfangen. Der Staatsanzeiger enthält eine» aller­höchsten Erlaß, durch welchen verfügt wird, daß da« Marine-Ministerium unter Fortdauer der durch daS Regulativ vom 15. Juni v. I. geschaffenen Einrich­tung der oberen Marinebehörde fortan den Namm Kaiserliche Admiralität" führen und einen Chef zum Vorstand erhalten soll, welcher die Verwaltung unter der Verantwortlichkeit des Reichskanzlers und den Oberbefehl nach den Anordnungen des Kaisers zu führen hat. Wie das Kieler Corresp.-Blatt meldet, hat die kaiserliche Adiniratität die Indienststellung brr PanzerfregatteFriedrich Carl" und deS Aviso'S Albatroß", so wie die Ausrüstung der bereits im Dienst befindlichen, für die atlantische Expedition be­stimmten Schiffe sistirt und die Entlassung der ein­gezogenen Marinereservm, soweit solche nicht unum­gänglich für die im Dienst befindlichen Schiffe er­forderlich, angeordnet.

Der Präsident des Wiener ActionScomite'S der Altkatholiken hatte, wie die Morgenblätter berichten, eine Audienz beim Cultusminister v. Stre- meyer, 'welcher versprach, der kirchlichen Reformbe- wegung volle Aufmerksamkeit zuwenden zu wollen. Die Plenarsitzungen deS österreichischen Abge­ordnetenhauses sollen in dieser Woche wieder ausgenommen werden, die erste Sitzung dürfte viel­leicht Donnerstag stattfinden. ES ist jedoch möglich, daß wenn die Berathungen der Adreßcommission über dm von Dr. Herbst auSgearbeitelen Adreßent- wurf längere Zeit währen und mehrere Sitzungen in Anspruch nehmen sollten die Wiederaufnahme der Sitzungm bis Montag, 15. d., verschoben wird. Die Adreßcommission des Herrenhauses nimmt am Diens­tag ihre Berathungen auf, Graf Anton Auersperg wird den Adreßentwurf der Commission vorlegen.

Gambetta, welcher sich im Augenblick in Mar­seille aufhält, sucht seinen Anhängern daS Bewußtsein beizubringen, daß sie die einzigen Repräsentanten Frankreichs seien. In einer seiner Reden zu Mar­seille sagt er z. B.: um daS Verbrechen des 2. De- ccmberS, die Schande einer zwanzigjährigen verächt­lichen Regierung auSzuwaschen, wäre es gut und moralisch gewesen, selbst diese verabscheuten Einrich­tungen wegzusegen, anstatt für ein PlebiScit zu stimmen, aus dem so viel Unheil entsprungen ist. Die Stunde sei gekommen, um die Vergangenheit wieder gut zu machen und die Zukunft vorzubereitcn.Dazu müssen sie aber Ihre Abgeordneten mit Umsicht wählen. Es handelt sich im Augenblicke nicht mehr darum, durch ts^======

Der T»g z« Kassel.

Historische Errichtung aus der Jugendzeit Philipp des Großmüthigen.

Bon W. ivennecke.

(Fortsetzung.)

Mit einem Satze war jetzt der Schmied auf der Hausflur.

Wo ist Dein Meister?" fragte er mit einer Stimme, die ihre Kraft wieder gewonnen hatte.

Weiß ich'S?" lachte der Gesell zurück.Wird er mir's gesagt haben?"'

Schlagt ihn nieder! Tod dcm Boyneburger!" grollte es aus der Menge vor der Thür.

Neben dem Gesellen erschien jetzt eine weibliche Gestalt, das Haar aufgelöst, die Aermel emporgestreist trat sie drohend aus den Schmied zu.

Ei, Ei!" rief sie mit kreischeuder Stimme.Seid Ihr friedsame Bürger oder ist'» eine Rotte Raub­knechte, die eingefallen find! Was, Greineisen? waS, George Bickel? Seit wann führst Du die Nadel? Was wollt Ihr hier, daß Ihr einbrccht wie Mord» brenner? Nun, so redet doch! Sagt offen raus, daß Ihr uns umbringen wollet, mich und meine Kinder dazu!"

Bei Leibe nicht, Muhme! Wo denkt Ihr hin!" mtgegnete verlegen Bickel.

Der Sauerwein, der brauchte auch nicht," brauste der Schmied.

Was? Und da meine Thür in Stücke!" rief die Frau, als ob sic eben erst diese» Schade» bemerk:«. »Wer hat das getha», wer hat mir die Thür zerschla-

die Wahl von Deputirten, welche besonderen Verfol­gungen ausgesetzt waren, zu protestiren. Heute ist die demokratisch - republikanische Partei nicht mehr eine Fraction der öffentlichen Meinung, sie ist eins mit Frankreich selbst; sie muß sich daher kategorisch und energisch, aber zugleich mit Einsicht zur Geltung brin­gen. Ihre Repräsentanten sollen nicht wie schmach­tende Liebhaber sein, die ihr Idol kaum zu berühren wagen; nein, sie sollen zu wollen, zu fordern, zu er­tragen wiffm." Dagegen verzweifeln die Orleanisten an der Gegenwart. DaSJournal de Paris", ge­genwärtig das Hofblatt der orleanistischen Restaura­tion, ist entmuthigt und gelangt das Blatt zu dem Eingeständniß:Die französische Bourgeoisie, welche die Reichthümer untAdie Intelligenz des Landes in sich vereinigt, bekundet abermals, daß die großen Capitaliste» und die academischen Toctrinäre, welche das pays legal Louis Philipps, der Guizot, Thiers und Genossen bildeten, weder die Macht noch den kräftigen Willen zur Wiederherstellung der constitu- tionellen Monarchie besitzen.

Die neuesten Bulletins über die Genesung deS Prinzen von Wales melden, daß dieselbe in be­friedigender Weise fortschreitet. Der englische Hof wird amL.nachOsborne übersickelnund i» etwa 14Tagen nach Windsor zurückkehren. Die Prinzessin Ludwig von Hessen hat am 8. ihre Rückreise nach Darmstadt angetreten.

Aus Madrid wird telegraphssch gemeldet, daß die Legislatur von 1871 durch königlichen Erlaß für geschlossen erklärt wurde, und die CorteS auf den 22. d. einberufen sind.

DaS rumänische Eiscnbahngesetz ist, nach­dem dasselbe die Sanctionirung deS Fürsten erhalten hat, promulgirt worden.

Am 7. Januar wurde tn New - Dork der als Schwindler bekannte James Fisk, Dircctor brr Eriebahn, im Corribor des Gcanb Hotel von Ebwarb StokeS durch einen Pistolenschuß tödtlich verwundet. Der Mörder hatte einen langwierigen Proceß mit Fisk wegen einer Maitresse.

Deutsches «eich.

A Berlin, 8. Jan. Der jetzt endgültige fest- gestellte Etat für Elsaß-Lothringen weist an fort­dauernden Ausgaben nach: für das Oberpräsidium 167,550 Thlr. (die Besoldung des Ober-Präsidenten beträgt neben seiner Dienstwohnung 10,000 Thlr., für die Bezirkspräsidien 315,405 Thlr., für die Haupt- kaffe 44,205 Thlr., für die KreiSdirectionen 150,655 Thlr, die Polizei Directionen 118,950 Thlr., die KreiS- Schul-Jnspectoren 34.240 Thlr., die Kantone-Polizei- Commiffarien 100,000 Thlr. und die Forstdirectionen

gen! Vor vier Wochen erst hat sie Meister Herbold zusammengefügt. Da kommt der Bürgermeister! Der wird mir zu meinem Recht helfen. Herr Bürgermei ster, diese Thür haben sie eingeschlagen und mich und meine Kinder am Leben bedroht! Wer muß die Thür zahlen, wer hat's gethan!"

Schrendeisen mit Amrhein waren herangekommen. Verlegen drehten die Führer deS Haufens ihre Mützen in den Händen herum.

Was liebe Meister," redete sie der Bürgermeister an,muß ich heut an Euch erleben, den Frieden der Stadt so zu bedrohen!" '

~Wenn Euer Gestrengen wüßtm," begann der Schmied,was der Sauerwein"

Wer bezahlt dir Thüre!" unterbrach ihn des Seilers Weib,Bürgermeister helft mir zu meinem Schaben!"

Ter Bürgermeister bemerkte bas Bemühen der Frau Sauerwein, die Gedanken der Anwesenden von ihrem Manne abzuwenden, und ging darauf ein.

Wer von Euch war es," fragte er streng,der diese Thür hier zertrümmert hat?"

Schweinebraten, Bickel und Greineisen sahen sich gegenseitig an, während von dem übrigen Troß einer nach dem Andern sich wcLzuschleichen suchte.

Wer war es?" wiederholte der Bürgermeister seine Frage.

Greineisen, der Schmied, hat eS angegeben!" rief eine Stimme.

Ich? Donner und Wetter!" fuhr der Schmied aus. Friede, liebe Bürger!" legte sich Schrendeisen

56,350 Thlr., im Ganzen 987,400 Thlr. Außer der bereit« erwähnten Besoldung des Oberpräsidenten be. trägt diejenige des Vicepräsidenten 4000 Thlr. und die von 9 Obcr-Präsidial-Räthen je 1700 Thlr., so­wie von zwei Hülfsarbeitern je 1000 Thlr. Die Be- zirkspräsidenten zu Straßburg Und Metz erhalten jeder 600Ö Thlr., der Bezirkspräsident zu Kolmar erhält als Besoldung 5000 Thlr. Der Herzog v. Gra- mont, aus den das Hauptgewicht der Verantwortung für die mehr als frivole und an das Verbrecherische streifende Art und Weise der französischen KriegS- herausforderung fällt, hat vor der betreffenden Com­mission mit nicht minderem Leichtsinn versucht, jene von ganz Europa verurtheilte Schuld von sich ab und auf die Schultern Preußens zu wälzen. In einer Depesche von Lord LoftuS soll angeblich die Erklärung enthalten sein, daß dieser englische Staatsmann aus einer Unterredung mit dem damaligen Grafen Bismarck die Uebcrzeugung entnommen habe, daß Preußen unter allen Umständen Frankreich habe zum Kriege zwingen wollen. Aus dem Wortlaut der ge- dachten Depesche (abgcdruckt in dem bekannten Ur« kundenbuche des Geheimerath Hahn) geht nun aber auf daS Schlagendste hervor, daß Graf Bismarck sich lediglich dahin geäußert: er glaube, daß Frankreich sich bei der geschehenen Zurückziehung der Hohenzol- lern'schen Candidatur nicht beruhige» und weitere, den Frieden in Frage stellende Forderungen erheben werde. Zu derselben Zeit hatte Lord Lyons zu Paris eine Unterredung mit dem Herzog von Gramont, in wel­cher dieser letztere dieselben Forderungen andeutungs­weise bezeichnete, die kurz daraus Graf Benedetti in Ems zu stellen vom Herzog von Gramont be­auftragt wurde. (Auch die Depesche von Lyons findet sich in dem gedachten Buche S. 358 abgedruckt). Wie man hört, ift der Geh. Ober-Justizrath von Schelling im Justizministerium zum Nachfolger deS kürzlich verstorbenen UnterstaatSsecretär Lchnerdt im CultuSministerium bestimmt.

8- Hatmover, 8. Jan. Dcm hiesigen außer­ordentlich segensreich wirkendKi Gewerbe-Verein ist die erfreuliche Mittheilung geworden, daß der Herr Minister für Handel rc. sich bereit erklärt hat, dem Verein für daS Jahr 1872 eine Unterstützung von 9670 Thlr. zu gewähren, während der in den letzten. Jahren bewilligte Zuschuß sich nur auf 8000 Thlr. belaufen hat. Mit der Abhaltung deS deutschen Schützenfestes in unserer Stadt "scheint cs schließlich doch Ernst zu werden, in den letzten Tagen waren nämlich hier Delegirte deS deutschen Schützenvereins anwesend, um die hiesigen Localitäten zu besichtigen. Der berüchtigte Einbrecher Walter, der vor Kurzem aus dem Zuchthause zu Celle entsprungen war und

ins.Mittel. Geht nach Haus, überlegt'« Euch! Und Euch, Ihr Meister, will ich morgen früh auf der Rathsstube sehen, dort können wir das Weitere be­sprechen!"

Ja!" stimmte Greineisen ein,Gehen wir!" Und noch einen Blick auf die zertrümmerte Tbür werfend, fügte er halblaut hinzu:Der. Schaben wirb nicht so groß sein! Nichts für ungut Sauerweinin!"

»Ja! Ihr habt gut sagen, nichts für ungut", gab biese zurück. Richtet mir meine Hausthür wieder her. Mehr verlang ich nicht!"

Soll geschehen, Gevatterin, beruhigt Euch nur!"

Ünb still zogen sie von bannen, die noch vor wenig Minuten mordschnaubenb einherstürmten.

Lachenb sah ihnen Schrendeisen nach.

Siehst du, so ist das Volk! sagte er zu Amrhein Schnell zur Gewaltthat und eben so schnell wieder zum Guten!"

Während dies sich vor dem Hause des Seilers zutrug, hatte der von Mcyscnbug aufgcreizte Volkshaufen seinen Weg nach dem Schloß fortgesetzt. Auf einzelne Diener und bekannte Anhänger Boyneburg'S hatte man Schüsse abgefeucrt und rückte nun unter wildem Geschrei gegen die Burg selbst vor, deren Thore sich vor den Aufrührern schloffen. Immer näher rückten diese heran, immer dreister wurde ihr Gebühren, nach den Wachen aus den Wällen wurden Büchsen abge­feuert und man schien die landgräfliche Behausung von allen Seiten umlagern zu wollen.

Immer mehr wuchsen die Haufen an; da öffnete sich das Burgthor und begleitet von einem