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sprüchc der Reichskasse rechtzeitig zu befriedigen, ohne wie bisher das Finanzwesen derselben in Unordnung zu bringen. — In dem zuletzt erschienenen Beiheft des „Militär-WochenblattcS", erfährt die Gewehrfragc eine eingehende Würdigung und constatirt der Ver- ?faffer im Eingänge der ausgedehnten Abhandlung, daß

fchon vor den, Kriege von 1870—1871 „man bei uns in Preußen zu der Ueberzeugung gelangt war", daß unser 1866 weltberühmt gewordenes Zündnadel» gewehr, um sich den in anderen großen Heeren in- zwifchen eingeführten Hinterladern gegenüber concur- renzfähig zu erhalten, „einschneidender Verbesserungen" bedürfe. Mit Ausführung solcher Verbesserungen sei auch schon kurz vor Ausbruch des letzten Krieges be­gonnen worden. „Wie man seitdem authentisch er­fahren, hatte dieses Vorgehen in Paris an entschei­dender Stelle zu der irrthümlichen Annahme geführt, als ob durch diese Umänderungsarbeiten unsere Wehr, kraft momentan eine bedeutende Schwächung erlitten, und eS ist keineswegs unwahrscheinlich, daß diese Vor­aussetzung zur Beschleunigung des Kriegsausbruches in verhängnißvoller Weise 6tigetragen. Das mag denn Denjenigen zur Warnung dienen, welche in ihrer öffentlichen Bmrtheilung bestehender militärischer Ein­richtungen mit einer häufig an Frivolität grenzenden Rücksichtslosigkeit vorgehen zu dürfen glauben." Weiter wird gezeigt, wie unpraktisch und schädlich es gewesen wäre, wenn man vor dem Kriege diesseits die Infe­riorität deS ZündnadelgewehreS gegenüber demChaffepot laut und öffentlich eingtftanben hätte, wenngleich ein solches bedingungsloses GingestLndniß nicht einmal der wirklichen Sachlage gleichgekommen wäre. ' Stank doch „schon vor dem letzten Kriege die Ueberzeugung / von der Ueberlegenheit unserer Armee in ihrer Or­

ganisation, in ihren moralischen und physischen Qua­litäten zu fest, um durch eine in einiger Hinsicht we Niger vollkommene Waffe wesentlich alterirt zu werden."

Karlsrnhe, 2. Januar. Das Kriegsministerium ist durch landesherrliche Verordnung vom 27. Dec. mit dem Heutigen definitiv aufgehobeu, nachdem in­zwischen die Mehrzahl der noch schwebenden Geschäfte der badischen Militärverwaltung definitiv erledigt worden ist. Für den Rest wird eine besondere Kommission eingesetzt.

Stuttgart, 3. Jan. Die Abgeordnetenkammer hat heute ihre Sitzungen wieder ausgenommen. Vor dem Eintritt in die Tagesordnung (Baugesetz) wurde der Minister des Innern darüber interpellirl, ob die Auszahlungen an Reservisten und Landwehrmänner bald erfolgen würden. Der Minister erwiderte, daß die Regierung die Angelegenheit möglichst beschleunigt.

München, 1. Jan. Ein guter Deutscher kann jetzt statt des Dante'schen Lasciate ogni speranza u. s. w. mit dem geraden Gegentheil ins neue Jahr eintreten, und auch hier zu Lande macht sich die libe­rale Partei über den Verlauf der nächsten zwölf Mo­nate keine Sorgen. Rur etwas Mühe und Arbeit gibt cs für die deutsche Sache; aber Baiern ist so lange der Hemmschuh der deutschen Entwicklung ge wesen, daß es eine Art geschichtlicher Gerechtigkeit ist, wenn im Augenblicke das Werk hier etwas schwerer geht als in den übrigen Theilen des Reiches. Das scheidende Jahr hat unS noch, hoffentlich nicht als Danaergeschenk, einen neuen Bischof für die Diöcese Speyer gebracht, den Abt des Benedictinerstuhls St. Stephan zu Augsburg. Müßte man alle Benedictiner

nach dem Heern Dr. Huttler beurtheilen, der seinen Frieden mit dem crasien UltramontanismuS gemacht hat — um welchen Preis, wird er selbst am besten wissen — so könnte man auch hier auf das Dante' sche „Laßt alle Hoffnung fahren" kommen, aber die gegenwärtigeu Zustände, in der Diöcese Würzburg be- weisen wenigstens, daß ein verständiger, wohlwollender Bischof noch immer seinen Wirkungskreis hat und im niederen Clerus für eine milde Praxis das entgegen­kommende Verständniß noch vorhanden ist. Die schließ liche Abrechnung zwischen Kirche und Staat kann natürlich durch Zwischenfälle nicht abgewendet werden, und sie ist um so dringlicher, als so wohl in der katholischen als protestaimschen Kirche, und zwar unter den verschiedenen Richtungen in beiden, das Bewußt­sein immer stärker wir, daß eine ehrliche Auftheilung der Gemeinschaft im allseitigen Interesse liegt Aber auch für diese unabwendbare Lösung ist eS werthvoll, daß Männer von deutscher Bildung und maßhaltendem Urtheil die Bischofssitze einnehmen und keine Jcsuiten- zöglinge oder schwankende Rohre ohne Wissen und Willen.

Oesterreich-Ungar«. i

Wien, 1. Januar. ES scheint freilich ein über aus müßiger Klatsch zu fein, den die „Deutsche Ztg." ihrem bereits sehr zusammeuschmelzenden Publicum als Neujahrs-Angebinde bringt, daß das Ministerium AuerSp^rg schon gründlich unterminirt und ein Mi­nisterium Belcredi - Elam im Anzuge sei; aber doch möchte dem gegenwärtigen Qabinet sehr ernstlich zu rathen fein, sich nicht durch die dichten Weihrauchs­wolken, in welche die Parteipresse,e5 täglich hüllt, den freien Blick und das unbefangene Urtheil trüben zu lassen. Die Lösung der beiden großen Fragen, der Wahlreform und des staatsrechtlichen Verhältnisses Galiziens, ist in der Thronrede angekündigt; ober der Modus soll doch noch erst gefunden werden, und die Verfassungspartei, die sich augenblicklich und unter der Nachwirkung der eben bestandenen .Gefahr, zu einem geschlossenen Ganzen constituirt har, könnte leicht gerade Angesichts jener beiden Fragen wieder auseinandergesprengt werden. Es ist unvergessen, wie weit damals, alS das Gutachten der einzelnen Land­tage über die bireclen Wahlen eingeholt wurde, die Meinungen innerhalb der Partei auseinander gingen, und es ist ein öffentliches Geheimniß, daß der weitaus größere Theil der Partei den Polen wohl ausgedehnte administrative Zugeständnisse, nicht aber eine politische Sonderstellung zu gewähren bereit ist, welche auf das ohnehin schon zu bunte österreichische Staatsrecht noch einen weiteren Flicken heften und das Räderwerk der Staatsmaschine noch complicirter und undehülflicher machen würbe. Es ist" möglich unb steht zu hoffen, baß ber Regierung inmitten ihrer Action ber leitenbe Faden nicht verloren geht unb baß sie im Staube ist, bei bieser Action bie Führung in Hauben zu behalten; aber bis jetzt scheint sie, soweit es sich um mehr als papierene Programme hanbelt, nur zu geneigt, bas minima non curare des Prätors sich nicht zur Richt­schnur zu nehmen, sonber» ihre Energie in Kleinlich­keiten unb ber Geltenbmachung persönlicher Bebeutung zu verzetteln. Wenn beispielsweise Hr. Unger nichts Dringenderes zu ihun hatte, als die T hatjache, baß bie Rebaction ver Thronrebe sein alleiniges Werk sei. mit Ingrimm zu eonftatiren, so hat er sich bamil als

Preßminister in einer Weise eingeführt, welche in bie Zeiten ber alten Polizei zurückversetzt.

Frankreich.

SöpttS, 1. Jan. Mit einiger Spannung hatte man vas Erscheinen von Mazabe's Rundschau in der Revue des dcux Mondes erwartet. Sie liegt jetzt vor und man kann nicht sagen, daß sie sich, gleich frühe­ren Arbeiten diese« Publicisten, vor der Masse der Pariser Blätter durch neue Gesichtspunkte und feine Bemerkungen besonders auSzeichnete. Die Lage Frank­reichs erscheint Herrn v. Mozade allerdings noch „dunkel unb schwierig", bie „moralische, politische wie materielle Liquidirung gleichzeitig mit ber vollstäilbigen unb befiniliven Befreiung bcS Gebietes" hat ihre Schwierigkeiten, bcch König Wilhelm hält nicht mehr Neujahrs-Empfang in Versailles unb Frankreich hat wieher eine National - Versammlung und eine Negie­rung, obwohl eS nur erst halb begagirt ist. Letzteres hat neuerdings Herr v. Bismarck „mit berechneter Brutalität" in einer Depesche in Ekinnnung gebracht, worin er „sein Recht mißbraucht"; „der deutsche Kanzler benimmt sich jetzt wie ein anderer Siegreicher, der zu seiner Zeit allein Bismarck, Moltke unb ben König Wilhelm auftoog unb ber Preußen mit einer wenig einsichtigen unb wenig vortheilhaften Rauhigkeit behanbelte." Nach bieser unb vielen anberen kleinen Bosheiten und Witzeleien empfiehlt der Rundschauer: „Die Depesche des Herrn v. BiSmarck ist wirklich choquant, das geben wir zu, sie ist auch von Europa verurtheilt [?], unb wofern sie nicht eine tiefe Be­rechnung verbirgt, kann sie nur gegen ben Zweck, ben - man im Auge hat ausschlagen; sie würbe keineswegs unnütz fein, wenn inan sie täglich wieder lesen wollte, bevor man sich der Wuth der Parteien ober den leren DiScujfioiien überließe." Diese letzten schwarzen Punkte trüben Mazadc'S Horizont unb er ermahnt beßhalb zur Eintracht; ob bie Regierung eine befinitive ober provisorische, ob Republik ober Monarchie sei, barüber soll man sich bann keine Sorge machen. Allerbings kann er nicht verschweigen, daß dem Gange ber Geschichte „eine gewisse einfache Einsicht in bie Verhältnisse, eine gewisse Entschiebenheit, eine gewisse Großartigkeit" fehlt; ba« Laub würde nichts lieber haben, als „sich geleitet unb fortgerissen zu sehen unb bas Beispiel zu befolgen, das es schon einmal, 1815, gegeben; bas Lanb hat guten Willen unb trotz aller Leiben „siub bie Steuern kaum um 3 bis 4 Millio­nen im Rückstanbe unb bie Einnahmen von ben in- biretten Steuern kommen benen ber früheren Jahre gleich." Was „ließe sich mit einem solchen Lande nicht alles machen" 1 Besonders trostreich ist Herrn v. Mazade's Beurtheilung von Algerien« Lage: „Wenn man uns Provinzen durch die Allmacht der Eroberung entreißt, so ist es miiidestens unser Fehler, wenn wir ein Gebiet unfruchtbar lassen, aus dem wir ein Königreich auf ber anderen Seite be« MittelmecreS machen." . . . Schließlich tröstet ber Runbschauer Frankreich bamit, „baß, wenn es in feinem Glücke Reiber gehabt, eS in feinem Unglücke keine Feinde mehr habe"; mit Ausnahme Deutschlands „haben alle anderen Völker das größte Interesse, Frankreich aus seinen Ruinen auserstehen, seinen Platz in ber Welt roieber cinnehmen zu sehen; bieS ist eine ber glücklichen Bebingungen bcS neuen Jahres". Sv der wesentliche Inhalt bieser leidlich oberflächlichen Betrachtungen.

Die Einschließung von Paris und der artilleristische Angriff.

(Ein Rückblick.) (Fortsetzung.)

Die Hauptericeinte von Paris hat einen Umfang von circa 4 Meilen, eine Verbindungslinie der Forts ist circa 7Vz Meilen lang. Die von den deutschen Vorposten zu besetzende CernirungSlinie hatte dagegen eine Länge von 11 Meilen unb bie birette Telegra phenverbindung ber für bie Armee-Corps bestimmen Hauptquartiere eine Länge von über 20 Meilen' Hält man diese Zahlen zusammen unb erinnert sich der Ziffer ber in Pari« vorhaubenen, wenn auch größtentheilS noch sehr mangelhaft organisirteu Streit­kräfte, so unterliegt eS keinem Zweifel, baß bie Cer- nirung von Paris ein kühnes Unternehmen war. T ic deutsche Heeresleitung schrak aber vor dieser Aufgabe nicht zurück, weil.sie in ber Jsolirung unb Unterwer­fung ber Hauptstabt mit ben bann versammelten be­deutenden Streitkräften das sicherste Mittel erkannte, da« feindliche Lcmd zur Nieberlegung ber Waffen zu zwingen.

Außer ber Cernirung hätte zunächst nur noch ein Weg zur Erreichung biescs Zieles in Betracht kommen können: ber be« gewaltsamen Angriffs gegen Paris Die Aussicht auf bas Gelingen eine« solchen Angriffs gegen bie durch sturmfreie Fort« und eine sturmfreie Einceinte geschützte starke Festung war indeß äußerst gering. So mangelhaft die Organisation der feind­lichen Streitkräfte noch war, fo genügten dieselben doch, um hinter ben Wällen unb in ben cerbarrifabirten Straßen ber Hauptstabt mit ihrer dreifachen nume­rischen Ueberlegenheit einen Widerstand zu leisten,

welchen vielleicht das heldenmüthigste Sturmlaufen der bravsten Truppen nicht zu brechen vermochte. Die Mängel des Gegners in Bezug.auf militärische Tüch tigkeit wären durch die günstige Lage ausgeglichen worden, in welchen man ihn durch den gewaltsamen Angriff auf seine Befestigungen versetzt hätte. Die geigen eines abgeschlagenen Angriffs aber wären unberechenbar gewesen. Welchen Aufschwung würde die Organisation des Widerstandes iw ganz Frank reich genommen haben. Die moralische Stärkung de« VertheidigerS auf bet einen unb bie enormen Ver­luste , welche auf ber anberen Seite ber Angreifer bei seinem mißglückten Unternehmen erlitten Haden würbe, hätten es unmöglich gemacht, hinterher noch zur Cernirung von Paris überzugehen. Eine Jhbere Angriffsform aber konnte vorerst überhaupt nicht zur Ausführung kommen, ganz abgesehen bavon, daß sie nur in Vcrbinbung mit ber Cernirung einen voll stänbigen Erfolg versprach. So hätte also ber ge­waltsame Angriff alle bisher errungenen großen Re fultate in Fr ge gestellt, während mit ber Cernirung ber Weg eingeschlagen wurde, auf welchem man lang­sam aber sicher zum Endziele gelangte.---

—--„Nachdem beim ersten Anrückcn gegen

die Hauptstadt (heißt eS in ber Schrift später) von bem Versuche eines gewaltsamen Angriff« auS gewich­tigen Gründen hatte Abstand genommen werben müssen, konnte von einem solchen überhaupt nicht mehr bie Rede sein; bie Aussichten -auf den Erfolg eine« solchen Unternehmens verminderten sich natürlich mit jedem Zage. Es konnte sich nur noch fragen, ob man sich damit begnügen sollte, die Cernirung so lange durch» zuführen, bi« Hunger, Ermattung und vielleicht innere

Zerwürfnisse die Uebergabc veranlaßten; ober ob mau unter Aufrechthaltung ber Cernirung auf einem ober mehreren Punkten, sei es zum förmlichen, sei e- nur zum artilleristischen Angriffe übergehen sollte. — —

— Erwägen wir bie Mittel, welche ber deutschen' Heerführung für die Unterwerfung der Hauptstadt zur Verfügung standen, so haben wir unS zunächst zu erinnern, daß die Streitkräfte, mit welchen bie Cernirung am 19. September auSgefübrt würbe (122,000 Mann Infanterie unb 24,000 Mann Ca- oaUerie), unmöglich für bie Aufrechterhaltung ber Cer­nirung auf eine längere Zeitbauer ausreichen konnten. ES kam dabei wenig mehr als ein Infanterist auf jeden Schritt ber CernirungSlinie Nun konnte man zwar hoffen, baß der Feind unsere Schwäche nichts sogleich erkennen würbe, auch bedurfte derselbe noch einer gewissen Zeit für bie Organisation seiner eigenen Streitkräfte, ehe er zu größeren Offensiv-Unterneh- mungen überzugehen vermochte. Nach einigen Wochen aber mußte man auf solche ebensowohl gefaßt sein, wie auf feinbliche Beunruhigungen im Rücke» ber Cerniruugsarmee. Erwägt man ferner, welche bedeu­tenden Kräfte ber mühselige Vorpostenbienst unb bie uothwenbigen Arbeiten zur fortifieatorischen Verstär­kung ber CernirungSlinie unausgesetzt abjorbirten, so ist es einlcud-tenb, baß die im Anrücken begriffenen Verstärkungen — baS XI. und I. baierische Corp«, sowie ErsatztraiiSporte zur Complettirung ber CabreS — für bie Aufrechterhaltung bei Cernirung unent­behrlich waren, und daß es auch nach bem Eintreffen bieser Verstärkungen an Infanterie fehlte, um zur förmlichen Belagerung überzugchcn.

(Fortsetzung folgt.).