Marburg, Donnerstag, den 4. Januar.
1872.
Oherhessische Zeitung.
Hrscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für da» Quartal der Oberheffischen Zeitung mit KreUblatt durch die Expedition (Koch'sche vuchdruckerei) bezogen 22; »ar., durch die Postämter 87 ®gt. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl- Stempelsteuer), für da» Ausland exel- Stempel M — Jnfenionsgebübr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.
»Marburg, 3. Januar 1872.
Der Kaiser hat den Grafen v. Roon auf dessen Wunsch der Functionen als Marineminister entbunden und dabei in wärmsten Worten des Dankes die Bereitwilligkeit anerkannt, womit der Minister in einem langen Zeitraum sich der mühevollen Verwaltung der Marine unterzogen habe, welch letztere unter deS Grafen Leitung in so erfreulicher Weise in ihrer Entwicklung fortgeschritten sei. Zum Marineminister ist General v. Stosch ernannt. DaS Marineministe- rium wird, wie die „Kreuzztg." erfährt, bittet unter dem Reichskanzler stehen und eine dem ReichSkanzler- amte coordinirte Stellung erhalten.
1 In Oesterreich schließt das Jahr noch mit einem unklarm Wogen der Parteien. Aus Pest wird gemeldet, daß bei der Abgeordnetenwahl in Ujhely, dem bisherigen Wahlsitze des Grafen Andrassy, der sein Mandat niedergelegt hatte, der Candidat der Deakpartei, Graf Melchior Lonyay, in der Minorität geblieben ist. Die katholische Partei agitirte auf das Lebhafteste gegen Lonyay, weit dieser Protestant sei. Die Erscheinung, daß ungarische Kacholiken auS con- fesstonellen Gründe« ihre bisherige Haltung in der staatsrechtlichen Frage aufgeben und mit der Linken gehen, ist sehr auffällig uiib muß der Deakpartei zur Mahnung dienen, sich bei Zeiten vorzusehen. Sie ist stark und populär genug, um auch ohne die unverläßliche Alliance mit den Clericalen sich behaupten zu können, wenn sie sich nicht überrumpeln läßt. Lonyay wird übrigen» diese von geistlicher Wühlerei ihm beigebrachte Niederlage leicht ertragen Er wurde bereits in Werschetz zum Abgeordneten gewählt. — Die Situation in Böhmen wird hinreichend durch die Thatsache beleuchtet, Vnß am 30. „Politik", „Pokrok", „Narodni Listy", „Posel z Prahy", kurz sämmtliche czechische Journale confiscirt wurden. An demselben Tage mahnte das halbamtliche „Prager Abendblatt" in einem Leitartikel den conservativen Adel und CleruS, sich nicht länger mit Elementen solidarisch zu erklären,' welche daS Gesetz verhöhnen und das Recht erschüttern, da die Interessen der Kirche und deS Adels beide darauf weisen, Stützen deS Rechtes und Gesetzes zu sein. Der lemberger „Dziennik Polski" wünscht daS Verhältniß Galiziens zu Oesterreich derart geregelt, daß den Polen nichts zu wünschen übrig bleibe. AuS- gleichsgrundlagr müsse bleiben 1) eine verantwortliche Landesregierung betreffs der politischen Verwaltung, der Justiz, der Landesfinanzen und der Unterrichtsangelegenheiten; 2) Erweiterung der legislativen Land qBaSsSEiEgSSSiEE - 1 : . ■ r
Der Tag zu Kassel.
Historische Erxählung aus der Jugendzeit Philipp des Großmüthigen.
von W. vennrcke.
(Fortsetzung.)
Die Landgräfin war bleich geworden, schnell fuhr sie vom Sitz aus. „So will ich gehen!" sagte sic und schon wandte sie den Fürsten halb den Rücken, da flüsterte ihr Balthasar Schrautenbach einige Worte in« Ohr. Man sah, wie sie ihren Stolz bezwang und dann zu ihrem Sitz zurückkehrte. „Es sei", sagte sie, „ich will gegen den Landhofmeister Klage erheben, aber bedenkt, Ihr Ritter und Prälaten, Ihr seid eS gewesen, die Ihr meines Gatten Testament verworfen, mir meinen Sohn genommen und das Regiment in seine Hand gelegt habt. Was ist er jetzt? Ein stolzer, gewaltiger Mann, der nur nach seinem Nutzen herrscht! Doch glaubt nicht, daß es der Neid um die Herrschafr ist, der mich hierhergeführt und meine Stimme erheben läßt! WaS mich hcrtreibt, ist der Schmerz der Mutter. Ludwig von Boyncburg, Du hast mir mein Kind genommen, wa» hast Du aus ihm gemacht! Landhofmeister von Hessen, was hast Du mit Deinem zukünftigen Herrn, dem Landgrafen, meinem Sohne, gemacht? Hört'S, liebe Vettern, und. Ihr, versammelte Stände! Zwei Jahre haben Sie mich fern von. meinem Sohne gehalten und al» ich ihn endlich durch de« Kaiser? Wort Wiedersehen konnte, wie fand ich ihn dal WaS hattest Du mit Deinem Herrn gethan, Ludwig von Boyneburg? WaS mußte das Mutterauge sehen! Trunkene Knechte waren seine Gespielen, im wilden Rausch hatten sie dm zarten Knaben an die Bänke geschleudert, daß sein Leib einen Schaden empfing, bei dessm Anblick das Äug' der Mutter sich verdunkelt« und Dein Weib, Ludwig von
tags-Attribute in denjenigen Sachen, welche der Lan- de-executive zugewiesen sind; 3) die Bildung eine» engeren ReichSratheS für die deutschen Provinzen mit Ausschluß der Polen. AuS der Thronrede folge keineswegs, daß die Pole» im Eintausch für die Resolution für die direkten Wahlen stimmen müßten, vielmehr müßte,die Mehrheit der Deutschen nach Ausscheidung der Polen eine provisorische Wahlnovelle und ein directc» Wahlgesetz beschließen.
„Times" gibt in einem längeren Artikel eine Uebersicht über die Verhältnisse der einzelnen Staaten Europas am Schluffe des Jahres. Nach zwei Jahren des Krieges wünsche alle Welt im Genuß des neu gewonnenen Friedens zu bleiben. Wer aber nach einem Grund sucht, an der Erfüllung dieses Wunsches zweifeln zu können, der blicke auf Frankreich. Die „Times" sucht diese ängstlichen Herzen zu beruhigen! Der Präsident der französichen Republik habe selbst zugestanden, daß die Befreiung des französischen Bodens von der fremden Occupation die erste Nothwen- digkeit sei und daß es nicht der Stahl, sondern das Gold sein müsse, durch welche« diese Befreiung zu bewerkstelligen sei. Gold sei aber das Blut Frankreichs, ohne es sei der Gedanke, die Waffen wieder aufzunehmen, unmöglich, eS müßte denn ein starker Verbündeter Frankreich zur Seite stehen. Wer aber wird für Frankreich in das Feld rücken? Rußland und Italien tragen kein Gelüste darnach. „Erkennt man daher", so folgert die „Times" weiter, „der reinen Tollheit auch den größten Spielraum zu, so läßt sich doch im nächsten Jahrc«zeitraum kaum die Möglich keil eines Kriege« von französischen Seite annehmen und wenn Frankreich in seinen Schranken bleibt, so drohen dem Frieden keine ernsten Gefahren. Leider aber ist es nicht nur der Friede, sondern auch die Ordnung in Europa, welche zum großen Theile von Frankreich abhängt, und es scheint fast natürlich, daß Frankreich in demselben Grade von inneren Zuckungen heimgesucht wird, wie es vor äußeren Zusammenstößen bewahrt bleibt. Doch liegt die Sache im Grunde so, daß Frankreich machtlos ist für inneres wie für äußeres Unheil." Das leitende Blatt wirst noch einen kurzen Blick auf andere europäische Staaten und kommt zu dem Schluffe: „Daö einzige Gemeinwesen, in wel chem Regierung und Volk mit vollkommenem Vertrauen Hand in Hand gehen, ist das siegreiche Deutschland. So lange Frankreich von Rache träumt, wird Deutschland an der Befestigung seiner Einheit arbeiten; und so lange Frankreich an dem Abgrunde der
Boyneburg, Dein stolzes Weib, selbst laut aufschrie!"
Anna hielt erschöpft inne. „Damals", begann sie aus's Neue, „schrieb ich an Herzog Ulrich von Wür tembcrg und habe ihm mein Leid geklagt. Er sandte seinen Arzt hierher und Du, Ludwig von Boyneburg, hast ihn nicht zu meinem Sohne gelassen, damit Deine Thal nicht ruchbar würde. Euch, liebe Vettern, Euch fleh ich an! Gedenkt Eures Eides! Gebt der Mutter ihr Kind zurück! — Und nun? soll ich von mir reden? Sprich, Landhofmeister, hast Du den Vertrag von Marburg, den Abschied von Rotenburg gehalten? Hast Du meine Tochter, wie Du versprochen, versorgt? Hast Du meinen Bevollmächtigten, den Herrman Riedesel zu den großen Sachen deS Fürstenthums und zu den Rechnungen zugezogen? Bei Deinem Eid! sprich Ja, wenn Du eS kannst! Was hast Du mit dem Landgraf Wilhelm, meinem Schwäher, dem Gott gnädig sei, begonnen? Erst au» dem Land gedrängt und dann ihn mit Kosten von 50,000 fi wieder zurückgeführt! Hast Du nicht widsr Recht Treysa und Homberg gebrandschatzt? WaS ist auS Schloß und Amt Schönberg geworden, so mein Gatte mit kämpfender Hand genommen. Rechtfertige Dich, Landhofmeister von Hessen. Was mir am Herzen liegt, liebe Vettern, daS ist die Wohlfahrt deS Landes und die Erziehung meines Sohnes, dazu sollt Ihr helfen, für mich verlang ich weder Gut noch Regiment, und Ihr, Ihr Stände von Hessen, Euch mach' ich verantwortlich für das Leben und die Gesundheit meines Sohnes, Eures Herrn, wenn er noch länger in der Gewalt dieses Landhofmeisters bleibt. Helft mir und mein Sohn soll's Euch dereinst danken! —
Die Landgräfin sank auf ihren Sitz zurück und Aller Augen richteten sich auf Ludwig von Boyneburg, der regungslos mit finsterem Ernst während
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Anarchie zittert, wird Deutschland sein Heil in loyaler Treue und DiSciplin suchen. ES ist mit Recht bemerkt worden, daß Frankreich nicht daran denken darf, das preußische Militärsystem anzunehmcn, wenn e» nicht zugleich die staatlichen Einrichtungen Preußens mit hinüberpflanzen will. In anderen Worten: weder Frankreich noch irgend ein anderes Land kann hoffen, stark im Kriege zu sein, wenn eS nicht stark organi- firt im Frieden ist. Bei den Franzosen wie bei allen lateinische^ Völkern ist Freiheit zu lange gleichbedeutend gewesen mit Insubordination. Alle Parteien sind gleich ohnmächtig, weil sie alle gleich lose und unzusammenhängend sind; daher keine Partei das nöthige Selbstvertrauen hat, in der Lösung konstitutioneller Fragen den ersten Schritt zu thun. Dem Herrn ThierS gestattet man aus diesem Grunde, als dem Manne von keiner Partei, alle Lebensfragen so lange zuZver- tagen, bis das Land, welches allen Glauben an die Revolution verloren hat, immer mehr die Macht zur Wiederherstellung der Ordnung verliert. In dieser Unfähigkeit für die politische DiSciplin liegt die Hauptveranlassung zu dem Mißbehagen und der Unruhe, welche jetzt in Europa herrschen. Kriege gehen zu Ende, aber sic führen zu keinem wirklichen Frieden. Revolutionen sind niedergeschlagen, aber die Sicherheit der Gesellschaft gewinnt dadurch eben so wenig, wie die politische Freiheit.
Der König und die Königin von Spanien haben am 1. Januar die Deputationen des Senats und des CongrcsseS, das diplomatische Corps, bie verschiebenen Corporationen und die großen Functionäre der Civil« und Militärverwaltung, welche gekommen waren, ihre Ergebenheit zu bezeugen, empfangen. Die zahlreich besuchte Cercmonie fiel äußerst glänzenb aus. Die in Madrid von mehreren Blättern der Opposition verbreiteten Gerüchte über eine angeblich bestehende Ministerkrisis werden regierungsseitig als jeder Bc- gründung entbehrend bezeichnet. — Der spanischen Regierung sind auS Cuba befriedigende Nachrichten zugegangen.
Ein Telegramm der „Neuen freien Presse" meldet aus Konstantinopel: Der Sultan empfing den bisherigen österreichisch-ungarischen Botschafter, Baron v. Prokesch, in langer Abschiedsaudienz, umerhiclt sich mit ihm auf« herzlichste und überreichte ihm persönlich den OSmanie-Orden mit Brillanten.
Für de» Monat Januar hat der Schatzsecretär bet Vereinigten Staaten von Nordamerika den
der Rede der Landgräfi» dagesessen. Jetzt erhob er sich und da« Haupt von dem federumwallten Barett entblößend, begann er, gegen die Fürsten gewandt, seine VertheidigungSrede: „Wohl hoffe ich," Hub er an, „daß ich es nicht nöthig haben werdc, vor meinen gnädigen Herren von Sachsen, Brandenburg und Braunschweig mich zu rechtfertigen. Was ich gethan; das that ich mit meiner gnädigen Herren Erlaubniß! Nichts Wichtiges habe ich in Sachen des Landes gethan, ohne meine gnädigen Herren zu fragen, das werden sie mir zeugen! Wohl schmerzt eS mich, wenn ich höre, wie meines weiland gnädigen Herrn erlauchte Wittib so heftige Klagen gegen mich erhebt, als ob ich mich je in der Behandlung von meines weiland gnädigen Herrn Sohnes soweit hätte vergessen, daß er hätte Schaden tlehmen können. Mit jenem Leibesschaden, von welchem seine gnädige Mutter speicht, war mein junger gnädiger Herr schon bei der Geburt behaftet — —*
„Du lügst!" unterbrach ihn die Landgräfin heftig, „Du lügst!" Bei dem zornigen Ausbruch Anna'« von Hessen war Ludwig von Boyneburg plötzlich verstummt, aber kein Zucken in seinem ersten wettcrge- bräunten Gesicht zeigte von innerer Bewegung und keines Blickes würdigte er die beleidigte Mutter. Unruhig rückten die Herzöge auf ihren Sitzen hin und her, da legte sich Friedrich von Thum ins Mittel: „Verzeiht, landgräfliche Gnaden!" sagte er zu Anna gewandt, „Euer Wort war nicht am Platz! ES haben die gnädigen Herren mit Ruhe und ohne Unterbrechung Eure Rede gehört, so lasset auch jetzt den Landhofmeister reden! Ludwig von Boyneburg, sprecht weiter!"
(Fortsetzung folgt.)