1872
Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn-' und Feiertagen. Preis für das Quartal der Overvefstsche« Seituna mit KreUblatt dnrck di- »TZiüZZ »>*»--»---» **> «i M-»-» «•«€.’« w«. tat. aMa***eÄ « &*!*'
JnsertionSgebübr für die gespaltene Zeile 1 Egr. Eämmtliche Rnnoncen-BüreauS nehmen Inserate an. * ’
nicht versteht, so ist eS, weil er sie zum Mindesten vor einer öffentlichen Zuhörerschaft nicht erklären kann. Fürst Bismarck versteht eS jedoch so gut wie Andere, politische Räthsel zu lösen, und es ist sicher, daß ein Zuschlag von drei Millionen Lst. auf das Militärbudget Frankreichs an diesem behutsamen und interesstrten Beobachter nicht unbemerkt vorübergegangen ist,"
Die Frage wegen der Zuständigkeiten der beiden nach Rom verlegten baierischen Gesandtschaften am italienischen Hofe und bei dem päpstlichen Stuhle ist mit königlicher Genehmigung in der Weise geregelt worden, daß der ersteren im Besondern der Schutz der sich in Italien aufhaltenden Baiern, sowie das gesammte Notariats- und Paßwesen, ingleichen der geschäftliche Verkehr mit den in Italien bestehenden deutschen Consulaten zugewiesen worden ist.
In Folge der Wahl Littre's zum Mitgliede der franzö- fischen Akademie hat der Bischof Dupanloup seinen Austritt aus der Akademie erklärt. — Das Gerücht, Graf von Harcourt, der französische Botschafter beim päpstlichen- Stuhl, sei abberufen wurden, wird von der „Aaence HavaS" dcmentirt.
Der Ausweis über die englischen Staatseinnahmen stellt einen Ueberschuß von 2 Mill. L. für das Verwalmngsjahr in Aussicht. — Das Be- finden des Prinzen von Wales ist besser. Die Schmerzen vermindern sich. Heute wird die Königin voraussichtlich wieder von Sandringham abreisen.
Der „Observer", welcher in seiner Nummer vom 31. Decbr., die Bismarck'sche Note vom 7. bespricht, bezeichnet dieselbe als ein „Meisterstück diplomatischer Strategie." — Der Sprecher des Unterhauses, Denny- son, wird, wie man hört, bei seinem Rücktritte zum Viscount ernannt werden.
Die rumänische Kammer hat in ihrer Sitzung vom 30. Decbr. die vier ersten Artikel der Eisenbahn- Convention genehmigt. Die Opposition zählte 5 Stim- men mehr als bei der letzten Abstimmung.
Der Tag zu Kassel *).
Historische Erzählung aus der Jugendzeit Philipp des Großmüthigen.
von W. venu ecke.
1.
Am 14. April des ZahreS 1514 war in dem großen Rittersaal der landgräflichen Burg zu Kassel eine glänzende Versammlung vereinigt. Da saßen unter Baldachinen die Herzöge Johann und Heinrich von Sachsen, sowie der Herzog Philipp von Braun schweig-Grubenhagen. da stand für den sächsischen Kurfürsten Friedrich von Thum und für den von Brandenburg Christian von Taubenhain, der Herzog Georg von Sachsen war durch den Grafen Bodo von Stoll- berg vertreten; da waren 16 hessische Ritter und die Abgeordneten der Städte Homberg, Marburg und Alsfeld, sowie Schrendeisen, der älteste Bürgermeister von Kassel. Dem Thron der Fürsten zunächst stand Ludwig von Boynebueg, der Landhofmeister, der allmächtige Regent von Heffen, ihm zur Seite Graf Philipp der Heitere von Waldeck, ein hochansehnlicher Ereis von einnehmender Gestalt und durchdringender Beredsamkeit. Und draußen in den Gängen und an den Thüren da standen in Eisen gehüllte Hellebardiere und auf den Wällen waren die Feld- und Roth schlangen gerichtet, die Lombarden und Falconetten -eladen und die Constabler und Büchsenmeister harrten, des Befehls gewärtig. Und auf dem Platz vor der Burg, nach dem obern Baumgarten hin, wo die Straßen der Stadt Kaffel münden, da standen Kopf an Kopf gedrängt Männer im Sonntagtgewande und aller Blicke waren nach der rochen Pforte gerichtet.
„Und ich sag' Dir, Meister Schweinebraten", rief Greineisen, der Schmied, und focht mit der gewalttgen
*) Nachdruck ist nicht gestattet.
Deutsches «eich.
Berli«, 1. Januar. Die Resultate der letzten Volkszählung haben so weit sie bis jetzt schon erliegen, mehr noch als die vorhergehenden Zählungen ein bedeutendes Anwachsen der großen Städte in Deuisch- land ergeben. Preußen, das nach den Befteiungs- iriegen nur eine einzige Stadt mit mehr als ■ 00,000 Einwohnern aufzuweisen hatte, nämlich seine Hauptstadt mit 197,000 Seelen, zählt jetzt außer der
schwenkte das hessische Panier und vor dem Thore » tönte Fanfare auf Fanfare, bis das Gitter sich hob und ein glänzender Zug in die Stadt einritt. An der Spitze auf hohem weißem Zelter Anna von Hessen, die Wittwe Wilhelms des Mittlern, die Mutter Philipps des Großmüthigen. Ihr zur Rechten ritt vollständig gerüstet Hermann Riebesel, der Erbmarschall, zu ihrer Linken im zierlich pelzverbrämten Kleide Balthasar Schrautenkäch und der Pfarrer Dr. Egra, ihre Räche, dann kamen die Grafen Philipp der Mittlere von Waldeck, Georg von Königstein, Bernhard von SolmS, die Aebte von Breitenau, Hasungen, Lpießcappel und Hayna, der Prior der Karthäuser von Eppenburg und der Präceptor der Antonitter von Grünberg. Diesen folgten mehr als hundert hessische Ritter, unter ihnen der Landmarschall Ziel von Löwenstein, Hermann Schenk, Caspar von Berlebsch, Georg von Hatzfeld, Heinrich von Bodenhausen, Jost von Baumbach und Wilhelm von Dörnberg. Der reisige Troß mußte vor den Thoren der Stadt zu- rückbleiben.
„Hoch! Hoch!" tönte es jubelnd aus der Masse der Bürger und die Mützen flogen in die Höhe, als die Fürstin ihren Weg nach dem Schlöffe einschlug. Nur hier und da standen vereinzelte Gruppen mit finster» Mienen und geballten Fäusten und „Weiberknechte!" tönte eS von dort herüber. Die Landgräfin begab sich ins Schloß, um dort ihr Recht als Regentin und ihren Sohn von den Obervormündern von Heffen, den Churfürsten und Herzogen von Sachsen, sowie dem Kurfürsten von Brandenburg zu verlangen.
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Vor fünf Jahren war Landgraf Wilhelm der Mittlere ;u seinen Vätern aeaanaen: er hinterliei
Faust in der Luft herum, „sie kommt doch und wenn sie auch das Schloß verbollwerken, als ob sie die Türken erwarten! sie kommt, sage ich, sie kommt!"
„Aber, Gevatter, schrei nicht so!" besänftigte Schweinebraten, der Sattler, „ich glaub« ja schon. Sieh', da stehen zwei Kerle in deS BemmelburgS Farben — wenn die Dich hören —"
„Und sie sollen mich hören! Und sie können mich hören!" schrie der Schmied immer heftiger, „und was ist er denn, der Herr Landhofmeister — wird sich bald ausgehofmeistert haben! Haben wir nicht unfern rechtmäßigen Herrn, lebt nicht noch unser Landgraf Wilhelm^, dem Gott seinen Verstand wieder schenke —"
„sch!" unterbrach ihn Schweinebraten und legte seine Hand auf des Schmieds Mund, dieser stieß sie unsanft zurück. „Laß mich!" rief er, „ich bin ein Kasseler Bürger und ich will sehen, ob ich nicht sagen kann, daß Gott dem Landgrafen seinen Verstand wieder herstelle und ich will sehen, ob mir so ein Regenl- schafter was anhaben kann, wie dem Pfarrer in der Siechen — Ah, Gott zum Gruß, Junker Amrhein!" unterbrach jetzt der Schmied seine Declamation und zog vor einem jungen modisch gekleideten Mann die Mütze. „Ist der gestrenge Herr Vater auch in der Burg?"
.„Nein, Meister Gremeisen", gab der Angeredete zurück, „so viel ich weiß, ist nur der älteste Bürgermeister entsandt."
„Sagt mir, was haltet Ihr davon, wird die gnädige Landgräfin kommen? Wird man ihr den Sohn, unfern gnädigen Herrn, noch länger zurückhalten? Wird dieser Bemmelburg noch länger —"
Gin Trompetentusch unteichrach seine Frage. Die Menge drängte vorwärts nach dem rothen Thurmthor. Oben der Thorwart bkieß ein luftig Liedlein und
Fragen noch keinen festen Entschluß gefaßt hat. Die Thronrede vermeidet sorgfältig jeden Ausdruck, durch welchen irgend eine Partei verletzt werden konnte, es wird ihr daher auch beinahe allseitig Beifall gezollt und besonders die liberalen Blätter sprechen ihre Befriedigung in lebhaften Worten au»; so schreibt der „Tagesbote aus Böhmen", das Organ der deutsch- böhmischen Partei: „Die Thronrede enthält keine orakelhafte Verheißung, indem sie am gewichtigsten die rüstige fortschreitende Arbeit auf der gegebenen Rechtsbasis betont, weckt sie die Hoffnung auf dauernde Zustände, auf ein bleibendes Werk. Unantastbar soll daS Gesetz bestehen und sich aus sich entwickeln. Im Rahmen der unerschütterlichen Verfassung soll Reueö und Nutzbringendes geschaffen werden. Kein neuer Versuch der Zerstörung oder Verwirrung — rückhaltlose Anerkennung de« zu Recht Bestehenden und umfassende, schöpferische Arbeit auf den Gebieten des öffentlichen und privaten Rechts, des Unterrichts und der Volkswirthschaft, das ist der erfreuliche Grundton der Thronrede."
Während so Kaiser Franz Joseph deutlich auS- spricht, daß das Ziel und Streben seiner Regierung der Frieden nach Innen und Außen ist, benutzt Herr Thier» die Diskussion über die Bankfrage, um eine Rede zu halten, in welcher er in ziemlich unverhüllter Weise darlegt, daß die Erhaltung des Friedens nicht sowohl der Wunsch seiner Regierung, als eine Noth- wendigkeit für die weitere Existenz Frankreich» ist. Verbrecherische Unvorsichtigkeilen, führt er aus, hätten Frankreich Worte zugezogen, auf welche Stillschweigen die einzige Antwort sein könne. Frankreich bedürfe unbedingt den Frieden. Je schmerzlicher der Frieden sei, desto größer sei die Nothwendigkeit, denselben aufrecht zu erhalten. Also nicht der Friedenswunsch, ondern das Friedensbedürsniß ist es, was momentan Frankreich zum Frieden zwingt. Der „Standard", das Organ der englischen Torypartei spricht eS offen aus, er glaube, daß die Finanzpolitik des Herrn Thiers, gepaart mit seiner vor Nichts zurückschreckenden Vorliebe für eine kleinere, aber specieller und rascher organifirte Armee, statt einer von größeren Dimen- ionen, aber lockerer DiSciplin und späterer Reife, unverkennbar auf eine nicht sehr ferne Zeit hindeuten, in welcher die Demülhigungen von 1870 auSgelöscht werden sollen. „Herr ThierS" — sagt das Blatt — „ist ein zu weiser Politiker, um seine Sprache in diesem Punkte mit seinen Actionen correspondiren zu lassen, und wenn daS französische Volk seine Politik .
Zum neuen Jahr
wünschen wir unser» Lesern viel Glück und Segen Das vergangene Jahr 1871 hat einen großen bedeutungsvollen Abschnitt in unserer Geschichte gemacht! Da mag sich Jeder glücklich preisen, der die Auferstehung des deutschen Reiches erlebt und was ihr vorangegangen ist. Und wenn wir fragen, wem wir diese große Wendung zu danken haben, so ist es der Geist der Arbeit, Mäßigkeit und Gerechtigkeit, mit welchem der Allmächtige seine auserwählten Werkzeuge, unfern Kaiser und König, seine tapfer» Heerführer und klugen Staatsmänner, sowie unser ganzes biederes deutsches Volk begnadigt hat. Lassen wir uns darum nicht von den großen Erfolgen, welche wir errungen, berauschen, sondern bleiben wit bei dem strengen ein- sachen Geiste, der uns groß gemacht. — Fleiß und Arbeit ist eS, was allein in allen Dingen den Erfolg gibt und von dem der Segen auSgeht. Damit, daß Jever an seinem Posten seine Pflicht thut, erreichen wir auch die echte wahre Freiheit hn Staate und der Gemeinde. Und wenn auch noch hier und da Spreu unter den Weizen kommt, wenn sich manche luftige Weisheit breit zu machen sucht, unser deutsches Volk hat bereits gelernt, das ächte Gold von dein »nächten zu unterscheiden, im Staats- und Gemeindeleben macht sich das richtige Verständniß dessen, was noth thut, geltend und den falschen Propheten wird nicht mehr geglaubt. Und in diesem Sinne wollen auch wir unbeirrt und feste» MutheS vorwärts gehn — Fleiß und Arbeit, Mäßigung und Gerechtigkeit immerbar unser Princip! Und dazu möge uns der Allmächtige seinen Segen geben.
*Marburg, 2. Januar 1872.
Wenn wir heute zum ersten Male im neuen Jahre unsere politische Umschau hallen, so müssen wir vor Allem zwei politische Ereignisse des alten JahxeS noch in den Kreis unserer Besprechung ziehen: die Thronrede des Kaisers von Oesterreich bei Eröffnung des Reich»rathS und die Aeußerung ThierS in der Debatte über die Bankfrage in Bezug auf die Note des deutschen Reichskanzlers. Die österreichische Thronrede stimmt mit den Andeutungen der „Montagsrevue" zu»! größten Theil überein, nur in den zwei Hauptpunkten, der Wahlresorm und dem galizischen Ausgleich drückt sie sich nicht so bestimmt aus, wie man nach den Aeußerunge» des officiösen Blattes erwarten konnte. Man glaubt durchschimmern zu sehen, daß die Regierung in Bezug auf diese beiden
®r‘ 1« T/O/^W Marburg, Mittwoch, den 3. Januar.
Oberhessische Reifung