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Nr. 302

Marburg, Freitag, 24. Dezember 1880.

XV.

ZahrMj

Anzeigen nimmt emgegtn: Sie Expedition ».Blatte», sowie d.Annoncen»Bureaux von LH, Dietrich & 60. in Raffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Hänfenstem L Bögler in Krankfurt a. M., Berlin, Leipzig, Mn re.; Rudolf Masse in Berlin, Frank­furt e. M. 2t.

AklMchc ZitilW.

Anzeigen nimmt! entgegen die Expedition b. Blatte» sowie d. Annoncen-Bureau; von ®. 8. Daube & Co. in Frankfurt a. M; JSger'sche Buchhandlung daselbst; Hermanstsche Buchhondl. daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. LhieneS in flttberfelh; 6. Schlotte in Bremen.

^4eint,»glich außer an den Werktagen nach Bonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen BeilageJ»UstxirteS LvuntaaSßlatt" dur<d die Srveditisn nifdie Buchdruckererl bezogen 35, Mark, durch die Postämter des Deutschen RercheS 3 Mark 50 Pfg. (e;cl. Bestellgebühr). JnfertionSgebühr für die gespaltene Zette 10 Pfg Für m der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 35 pfg. berechnet.

Bestellungen für das 1. Quartal 1881 der

Bberhessischen Zeitung

mit deren Gratisbeilage

JllustrirteS Sonntagsblatt

bitten wir baldigst machen zu wollen.

8äB* Die Landpostboten nehmen auf dem Lande Bestellungen entgegen.

Die Ex-ed. d. Oberh. Zeitung.

Gerechtigkeit

zu üben ist die erste Pflicht des freien Mannes, das Zeichen selbstbewußter politischer Bildung. Die Presse übt sie, wenn sie in ihren Spalten nicht jede aufregende Verhand­lung weitläufig wiedergiebt, sondern da» auswählt was den wahren Bedürfnissen ihres Leserkreises und den thatsäch- lichen Verhältnissen ihres lokalen Bezirkes entspricht. Das ist die Antwort auf die mehrfachen Anfragen, welche an die Oberhesfischc Zeitnng ergangen sind, warum sie die vorzugsweise in Berlin spielende »Judenfrage" und die sich daran fchließende durch die Interpellation des Abg. Hänel so ungeschickt hervorgerufenen Verhandlungen im Abgeordnetenhause nur kurz und tatsächlich mitgeteilt habe. Wie in unserem Lande, die Verhältnisse stehen, so treffen die Berliner Zustände hier nicht zu. Wenn aber der Versuch gemacht wird, hier in unserem Kreise das Urteil über die christlichen Männer, welche gegen die Anmaßungen des Berliner Judentums freimütig in die Schranken getreten sind, zu verfälschen, dann ist es Pflicht , der Gerechtigkeit unseren Lesern klar zu legen, welche maßlosen Dinge in Berlin vorkommen. Wir nehmen irgend eine Nummer der jüdischenBerliner Börsenzeitung" zur Hand und lesen in einer der letzten derselben über den Schluß des Landtags wörtlich folgendes:

Mit der Abwehr und Unterdrückung von Viehseuchen beschäftigte sich das Haus in seiner gestrigen letzten Sitzung. Hoffentlich genügt schon die erste Beratung, um die Seuchen in geziemender Entfernung zu halten, damit auch das liebe Vieh ruhige Weihnachtsferien hat. Die Ochsen auf dem Felde waren ja bei der Geburt Christi in so hervorragender Weise beteiligt, daß es wohl geraten ist, sie auch teil nehmen zu lassen an den Freuden des Festes. Möge also allen, welcher Partei sie auch angehören mögen, Herrn Stöcker und Herrn Windt- horst, Herrn v. Ludwig und dem lieben Vieh das Fest ein gedeihliches seinl Wir sind eben friedfertig und wünschen selbst Herrn Stöcker, daß er in den Ferien ruhig zu Hause bleiben möge; vielleicht ergreift ihn diese Milde so, daß

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Ludwig XVI und seine Familie im Gefäuguis.

So bekannt auch vielleicht unfern Lesern die Ereignisse der französischen Revolution sein mögen, wird es sie doch interessieren, einiges auS den schweren Zeiten der Gefangen­schaft von dem armen Ludwig XVI. und seiner Familie zu vernehmen.

Die Königliche Familie war am 13. August 1792 in den Tempel (so genannt von den Tempelrittern, die ihn erbaut) gebracht worden; von allen ihren Dienern hatte nur der Kammerdiener des Königs sie begleiten dürfen, der aber schon kurze Zeit darauf als Gefangener weg­geführt und durch den Kammerdiener des Dauphin, den treuen Clerq, ersetzt wurde.

Der kleine Turm, der ihr zur Wohnung diente, hatte 4 Etagen, deren erste aus einem Vorzimmer, dem Speise­zimmer und einem abgesonderten Kabinette bestand. In diesem letzteren befand sich eine Bibliothek- von welcher der König in den vier Monaten seiner Gefangenschaft 257 Bände laS. Im zweiten Zimmer war daS Schlafzimmer der Königin und des Kronprinzen, sowie der Prinzessin Elisabeth, der Schwester des Königs und der Prinzessin Charlotte, seiner Tochter. Der König bewohnte den dritten Stock.

Um 6 Uhr stand der König gewöhnlich auf und be­gab sich nach vollendeter Toilette in daS anstoßende Lese- kabinet, dessen Thür aber offen bleiben mußte, damit der wachhabende Offizier den König stets im Auge hatte. Zu­erst verrichtete der unglückliche Monarch auf den Knieen sein Gebet, dann laS er bis gegen 9 Uhr. In dieser Zeit begab sich Clerq zur Königin, die immer erst auf sein Pochen öffnete, damit die Wache nicht früher zu ihr ein­träte. Clerq machte dann den Damen und dem Dauphin

er überhaupt ruhig zu Hause bleibt. Quod dii bene velintl"

Unsere christlichen (gewiß auch manche jüdische) Leser wenden sich mit Abscheu ab von einer solchen frechen Ver- h nung des höchsten und heiligsten Festes der Christen­heit aber sie werden begreifen, daß wo solche Schand­artikel (und der obige ist nur eine kleine Probe) geschrie­ben werden können, eS Not tut, daß Manner von Festig­keit und Charakter diesem abscheulichen Treiben entgeaen- treten müssen.

Und wer wagt es, einen Mann dessen uneigennütziger Charakter und edler christlicher Sinn bis jetzt noch von Niemanden angefochten ist, der lauter und rein vor seinen Mitbürgern steht, wer wagt es den Hofprediger Stöcker einenVerleumder und Lügner" zu schimpfen das Marburger Tageblatt in Nr. 297 und warum? , weil der Abg. Stöcker es vermied die Namen der Männer von der Tribüne des Abgeordnetenhauses ins Land zu rufen, welcheam Tanze umö goldene Kalb" in den Gründerjahren Teil genommen, deren Namen er auf den Tisch de» Hauses niedergelegt und welche das Tageblatt anerkannte Ehrenmänner" nennt. ES befinden sich da­runter Leute, welche an den blutigsten Gründungen 1871 bis 1873 beteiligt waren und eS steht, wenn das bezweifelt werden sollte, ein reiches Beweismaterial zur Disposition um ein objektives Urteil über dieanerkannten Ehren­männer" des Tageblatts zu gewinnen.

Zu solchen Vorgängen kann man nicht schweigen aber das müssen wir zum Schluffe unseren Lesern im Hinblick auf das bevorstehende Fest der Christenheit, dem Feste der Liebe und Erlösung an daS Herz legen, daß nicht Haß und Verachtung, sondern Liebe und Versöhnung unfern Feinden gegenüber das erste Gebot unserer christ­lichen Religion ist und daß wir bei Verteidigung derselben nur ehrenwerter Mittel uns bedienen dürfen!

Deutsche» Reich.

Berlin, 22. Dez. DieProvinzial-Corresp." hebt hervor, ;daß unter den noch zu erledigenden Landtagsar­beiten die Frage des Steuererlasses in Zusammenhang mit der Frage der Verwendung der Reichssteuern die Haupt­stelle einnehme. Bekanntlich habe die Fortschrittspartei einen dauernden Steuererlaß beantragt; man sei jedoch seitdem darüber belehrt worden, daß dem Anträge eine ernste Absicht nicht zu Grunde lag, daß vielmehr die Fort­schrittspartei dem Steuererlaß absolut entgegen sei. In­zwischen hätten die Konservativen, von dem Wunsche be­seelt, die Frage des Steuererlaßes in einer dem wirklichen Wohle und Interesse des Volkes entsprechenden Weise zu lösen, Verhandlungen mit dem Finanzminister angeknüpft welche möglichenfalls die dauernde Bewilligung wenigstens eines Teiles des Erlasses herbeizuführen geeignet erschienen, bic Haare und benützte diese Zeit meist dazu, um ihnen Nachrichten von der Außenwelt beizubringen. Ein Zeichen reichte hin, um eine der Damen zu veranlassen, sich mit der Wache zu unterhalten und dadurch die Aufmerksamkeit derselben abzulenken.

Gegen 9 Uhr gingen dann die Königin, ihre Kinder und Madame Elisabeth zum gemeinschaftlichen Frühstück in das Zimmer des Königs. Dann brachte Clerq die unteren Zimmer in Ordnung, wobei ihm Tiffon und feine Frau halfen. Letztere waren eigentlich nur als Spione sowohl für die Königliche, Familie, al» für die Wachen angestellt und sie waren dieses Amtes würdig. Denn Tiffon war ein bösartiger Greis, der kein Mitleiden kannte, Frau Tiffon aber machte sich einer falschen Angabe gegen die Königin schuldig und ward aus Reue darüber wahn­sinnig.

Gegen zehn Uhr begab sich der König, in das Zimmer seiner Gemahlin und brachte hier den Tag zu. Er be­schäftigte sich, mit dem Unterrichte seines Sohnes, ließ ihn Gedichte auswendig lernen, gab ihm Geographie-, GcschichtS- und lateinischen Unterricht und lehrte ihn Landkarten zeich­nen. Der frühreife Verstand des jungen Prinzen lohnte das treue' Mühen der Eltern reichlich. Die Königin leitete den Unterricht ihrer Tochter. Darauf nähten, strickten und stickten die Damen bis gegen 1 Uhr, wo sie, wenn daS Wetter günstig war, von vier Soldaten und einem Offizier begleitet, sich nach dem Garten begaben. Clerq spielte dort mit dem Dauphin Ball oder sonst etwa», um dem armen Kinde wenigstens eine kleine Freude zu machen. Gegen 2 Uhr begab sich die ganze Familie zum Mittagessen in den Turm zurück. Zu dieser Stuude kam regelmäßig der Bierbrauer Santezre mit zwei anderen Nationalgardisten

Wenn diese Verhandlungen, wie man hoffen dflrfe, zu einem Resultate führten, würde die Regierung sich darüber demnächst mit den übrigen Parteien, welche sie zu unter­stützen geneigt seien, zu verständigen suchen. Dasselbe Blatt bespricht die Reichstagswahlen, bei welchen einige Sitze der Nationalliberalen und Freikonservativen in die Hände der Fortschrittspartei übergegangen seien, und richtet an die nationalliberale Partei, wenn sie einem weiteren AbbröckelungSprozeffe vorbeugen wolll, die Mahnung, sich des entschiedenen Gegensatzes zu den Secesstonisten bewußt zu werden und zu ihren politischen Grundsätzen zurückzu­kehren. Sie werde sich auch künftig der Compromißpolitik nicht entziehen dürfen, welche keineswegs ein Aufgeben der liberalen Grundsätze erfordere, sondern letztere nur unter Berücksichtigung der praktischen Ziele und Bedürfnisse im Staatswesen und unter Beachtung anderer zur Mit­wirkung berufener Parteien verwirklichen wolle. Die Re­gierung habe ihrerseits das Zusammenwirken mit verschie­denen und selbstständigen Parteien nie anders verstanden; aber die erste Bedingung sei, daß die betrsfenden Parteien selbst an die Stelle beschaulichen Verhaltens thatkräftigeS Handeln setzten, um auf jener Grundlage nicht bloS ihre eigene Stellung mit Erfolg gegen den Ansturm von links zu verteidigen, sondern auch für die weitere gesegnete und gesunde Entwickelung des Staatslebens ihren schwerwiegenden Einfluß geltend zu machen. Zu der Angelegenheit der angeblichen Eidesverweigerung eines evangelischen Geistlichen vor dem Schöffengericht in Wittenberge erfährt diePost", daß die Strafkammer de« Landgerichts zu Neuruppin auf die von dem Geistlichen und der Staatsanwaltschaft er­hobenen Beschwerden die Straf-Festsetzung des Wittenberger Schöffengerichte» als nicht ausreichend gesetzlich begründet aufgehoben hat.

Während vor drei Jahren die Unterrichtsverwaltung sich gegen die Anbringung von Blitzableiter auf Schul­häusern erklärt und sich dabei auf ein technisches, die Nütz­lichkeit und Notwendigkeit der Blitzableitrr selbst bestreitendes Gutachten bezogen hatte, ist dieselbe anderer Ansicht gewor­den und auf einen vorliegenden Antrag zu dem Beschlüsse gekommen, daß die Anlage von Blitzableitern zum Schutze der Schulgebäude, namentlich solcher, welche der Blitzgefahr 1 in besonderem Maße ausgesetzt scheinen, thunlichst zu för­dern sei. Zu diesem Zwecke werden, wo das Bedürfnis! die Anlage rechtfertigt, statistische Ermittlungen über jdie nach ihrer Lage und Bauart besonders gefährdeten Schulhäuser 1 veranlaßt, wobei es sich auch um die Angabe handelt, ob das Schulhaus abgesondert liegt, in welcher Entfernung die nächsten Gebäude liegen, und zwar nach den Himmelsgegenqen hin. Besonders hervorzuheben ist, wenn etwa in ebenem flachem Boden das Schulgebäude auf einer Erhöhung liegt.! Seit dem Bestehen des Reichsgerichtsverfassungsgesetzes und der Anwaltsordnung ist zum ersten Male der Fall borge,:

und untersuchte jedes einzelne Gemach. Später begab sich die Familie wieder in das Zimmer der Königin und füllten' die langen Stunden mit Arbeit und Lectüre aus.

Wenn das Abendessen vorüber war und die Kinder zu Bett gebracht werden sollten, so betete die Königin zuvor mit ihnen, wobei der Prinz die Erinnerung an die Fürstin! von Lamballe nie vergaß, so wenig als die Bitte um die' Erhaltung seiner Gouvernante, der Frau von Tourzel.!

Die Wahl der Wachen zeigte die zunehmende Gehässigkeit gegen den unglücklichen Monarchen und seine Familie Der Schuster Simon war nicht einmal der Schlimmste, obwohl er die Unverschämtheit recht eigentlich zur Schau trug, wie er denn manchmal in Gegenwart des Königs sagen konnte:Clerq, frage Capet, ob er sonst etwas be­dürfe, damit ich nicht ein zweites Mal heraufkommen muß." Die Gänge in den Garten wurden den Unglücklichen auch immer mehr zur Qual, welchen sie sich nur um ihrer Kruder willen unterzogen. Hier stieß in dem engen (Saite bald der eine Gardist eine Wolke stin'enden Tabaks in bat Gesicht des Monarchen. Ein anderer holte sich Sessel, um dm ohnehin schmalen Gang zu verengen. Waren die Ar­men endlich ins Freie gelangt, so sangen die Kanonier, die revolutionärsten Lieder, tanzten die wildesten Tänze und schwangen Bilder in der Hand, die z. B. einen Mann am Galgen hängend darstellten und darauf geschrieben stand Ludwig XVI. ein Luftbad nehmend." Doch sah Prin­zessin Elisabeth mehr als einmal eine Thräne über bi, Wangen einer entfernter stehenden Wache rollen. Die dem König anhänglichen Untertanen benützten diese Stund, gern, um aus den Fenstern der benachbarten Häuser zr scheu, und manchmal tönte ein leises:Es lebe der König," zu den Gefangenen herüber. (Fortsetzung folgt..