Nr. 297.
Jllacöurg, Sonnabend, 18. Dezember 1880.
XV. Jalrgaag
AttMche jritmig
I
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Mommsrn findet endlich mein Auftreten in der Jude«, frage inopportun; und hierin liegt, wie mir scheint der Kern feiner Ausführungen. Ich frage dawider: ist es patriotischer, einen vorhandenen, von aller Welt empfundenen sozialen Uebelstand in der Stille fortwuchern zu lassen, oder ihn nach der Weise freier Völker offen zur Sprache zu bringen? Ich habe da« letztere für richtiger gehalten. Meine ausgesprochene Absicht war, die gut deutschgesinnten Juden daran zu erinnern, daß die Haltung eines Telles ihrer Glaubensgenossen den Anforderungen nicht entspricht, welche jede große Nation an ihre Bürger stellen muß.
Der Artikel de« „Journal des Debats" über da« europäische Schiedsgericht hat die Presse irregeführt, insofern man diesem Schiedsgericht Schranken zuschreibt und zwar zunächst bei der französischen Negierung. Wir be- zweifeln die Richtigkeit dieses Schlusses. Der Artikel beweist nur, daß eine mächtige Strömung in Frankreich für die griechische Frage vorhanden ist, und auch, daß die französische Regierung es für gut hält, dieser Strömung zu schmeicheln. Vielleicht wird auch da« Schiedsgericht wie man zu sagen pflegt, im Prinzip angenommen, um nachher an den Ausführungsbestimmungen zu scheitern. Wir an unserm Teil bezweifeln das Zustandekommen des Schiedsgericht« ebenso wie den guten Willen Frankreichs für dasselbe. uw
Die telegraphisch« Nachricht aus Konstantinopel, die Pforte habe die Absicht, ein Rundschreiben an die Mächte wegen der griechischen Frage zu richten, aufgegeben, erklärt einerseits, wie man bis in die letzten Tage von dem Eintreffen dieser Note, bezüglich welcher mehrere Blätter schon den angeblichen Inhalt mitgeteilt haben, noch immer keine Kenntnis hatte. Auch ist dadurch bestätigt, daß die Absicht, ein solches Schriftstück abzusenden, bei der Pforte bestanden hat. Ueber die Gründe, welche dieser Absicht entsagen ließen, ist man vorerst aus Vermutungen angewiesen. Von einem Schiedsgericht will, wie stets festgehaltcn wurde, für jetzt wenigstens niemand wissen.
Tagesbericht.
Dem Bundesrate ist der „Nordd. Allgem. Ztg." zufolge eine Vorlage betreffend die Aufnahme einer Anleihe von 54 Millionen Mark für Zwecke der Post, Telegraphie, Marine und des Reichsheeres zugegangen.
Der bereits erwähnte kaiserliche Erlaß vom 9. d. M. bestimmt über dir Uebungen der Ersatz-Reservisten für das Etatsjahr 1881/82 folgendes: Die Vorbereitungen für diese Uebungen sind unter der Voraussetzung zu treffen, daß aus der Ersatzreserve erster Klasse einberufen werden: bei der Infanterie und den Jägern 28,623 Mann, bei der Fußartillerie 1320 Mann. Bei dem GardecorpS uno den im nächsten April neu zu bildenden Truppenteilen finden derartige Uebungen nicht statt. Die Dauer der Uebungen beträgt mit Einschluß des Eintreff- und Ent- laffungStageS zehn Wochen. Die übenden Ersatzreservifteu werden zu besonderen Kompagnicen formiert. AlS Uebungs- orte für die Infanterie werden in der Regel Garnisonortc dieser Waffe bestimmt. Die Jäger - Ersatzreservistcn üben bei den betreffenden Bataillonen. Die Zeit für die Uebungen aller Waffen ist, soweit e« angeht, auf die Herbstmonate, und zwar möglichst so festzusetzcn, daß die Uebungen mit der Rekrutencinstellung beendet sind. Für die schifffahrttreibenden Mannschaften finden die Uebungen tut Winterhalbjahr 1881/82 statt. Aus Hohenzollern üben die Ersatzreservisten erster Klasse mit denen de« 14. Armec- EorpS gemeinsam. Aus Elsaß-Lothringen der Ersatzreserve erster Klasse überwiesene Mannschaften üben bei den preußischen Truppenteilen des 15. Armeecorps und dem Braunschweigischen Infanterie-Regiment Nr. 92. Im Anschlüsse an diesen Erlaß bestimmt das Kriegsministerium, daß von Infanterie und Jägern bei dem 1. bis 10 Armeecorps je 2175 Mann, dem 11. ArmeecorpS 3132, dem 14. Armeecorps 2088, dem 15. ArmeecorpS 1653 Mann und zwar durchschnittlich bei jedem Bataillon 87 Mann, bei der Fußartillerie durchschnittlich 132 Mann bei jedem Regiment einberufen werden können.
Wir dürfen nicht unerwähnt lassen, daß die Prästdial- führung des Abgeordnetenhauses seitens des Herrn v. Köller sich der unbedingten Zustimmung nicht bloS seiner Partei, sondern des ganzen Hauses zu erfreuen hat. Es mag schwer sein, namentlich bei Verhandlungen, wie die diesjährigen, solche Anerkennung zu erreichen, und um so erfreulicher ist es, daß man unumwundene Aeußerungen in diesem Sinne jetzt aus allen Parteien hört.
Herr Professor von Treftschke veröffentlicht in den von ihm herausgcgebenen „Preuß. Jahrb." folgende Erklärung an Herrn Professor Th. Mommsen:
Rotkäppche«.
Erzählung auS der Haide von Klara Waldheim.
(Schluß i.
Sie mögen sich meine Lage denken, als ich, der an Unserm bedeutenden Reichtum nie gezweifelt hatte, auf einmal von allen Seiten von Gläubigern angegangen wurde, die Schuldenlast zu tilgen, die die etwas leichtsinnige Wirtschaft meiner Vorfahren angehäuft. Ich war gesetzlich nicht dazu verpflichtet; aber sollte ich den Namen meines Vaters noch im Grabe schänden? Und doch mußte ich mir sagen, daß, wenn ich unsere sämmtlichen Güter verkaufte, um die Schulden zu decken, meiner Mutter und mir höchsten« die Mittel zu einem kärglichen Lebensunterhalt bleiben würden. Die Mutter ist eine überaus zarte, nervenleidende Frau, eine Mitteilung wie diese mutzte ihr das Leben kosten. Lassen Sie mich schweigen, Leonie, von den Kämpfen und Mühseligkeiten der letzten Jahrei Ich bezog mit der Mutter ein Haus in der Stadt, ich verkaufte ohne ihr Wissen unsere liegenden Güter, ich schränkte meine Bedürfnisse auf da« Notwendigste ein, und doch sah ich mich am Anfang diese« Jahres in die bittere Lage versetzt, der Mutter, die gerade jetzt leidender war als je, auch das letzte Obdach zu nehmen und sie mit unseren traurigen Verhältnissen bekannt zu machen. Nur ihrer gänzlich zurückgezogenen Lebensweise, die ihr durch ihre Kränklichkeit geboten war, verdankte ich eS, datz sie nicht längst durch Andere darüber aufgeklärt worven. Ein Ausweg bot sich noch, der wenigstens vorerst Hilfe schaffte. Eine Reise in nn entferntes Bad. Auch der Arzt riet dazu. Aber woher die kostspieligen Mittel nehmen? Da führte mir mein unseliger Stern einen Studienfreund in den Weg, den ich
für meinen Freund hielt. Niedergebeugt und hoffnungslos, wie ich war, entdeckte ich ihm auf fein Befragen meine unglückliche Lage."
Hier hielt der Erzähler, sichtlich erschöpft, einen Augenblick inne. Leonie hatte den Blick abgewandt und unterbrach mit keinem Laute seinen Bericht.
„Daß ich es kurz mache," hob er nach einem Kampfe mit sich selbst an. „Er gehörte einer Falschmünzerbande an, und war beauftragt, eine große Summe falscher Banknoten in Umlauf zu setzen. Er gab mir eine Summe, die meinen Besitz um daö Dreifache überstieg, er streckte mir auch das Geld für die Badereise der Mutter vor, und ich trat ihm dafür schriftlich da» Letzte, was ich besaß, mein Hau», ab. Welch böser Geist mich oamal« verfolgte, daß ich auf den Vorschlag einging — ich begreife eS nicht. Die Reue darüber hat mich nie verlassen, sie scheuchte mich au« der Nähe der Mutter fort, die ich drängte, ihre Badereise sofort anzutreten, sie .verfolgte mich bis in diese einsame Gegend, wohin ich mich begab, um die ersten Banknoten von der erhaltenen Summe umzusetzen." —
Er machte wieder eine Pause und fügte dann aufatmend hinzu:
„Fast möchte ich eS dem Geschick danken, daß dieser Brief meines — Freunde« mir zum Verräter wurde. So werde ich noch einmal zurückgerissen von der Bahn de« Verderbens, auf der ich, seit ich meine Selbstachtung verloren, haltlos fortgewandelt wäre. Arthur Rhoden — ich nahm bei meinem unseligen Vorhaben einen andern Namen an — hat jetzt aufgehört zu existiren, aber Wolfgang von Gerau wird als ein Bettler in die Welt zurückkehren. Ich muß meine Uhr und meine Ringe verkaufen, um nur den Ansprüchen Ihres Herrn Vaters gerecht zu werden."
In dem Augenblicke, da dies Heft bereits geschlossen ist, erhalte ich die Schrift von Th. Mommsen. „Auch ein Wort über unser Judentum."
ES gereicht mir zur Freude, daß ein Mann wie Mommsen sich nicht dabei beruhigt hat, eine „Erklärung" zu unterzeichnen, deren hohle Schlagwörter an die schlimmsten Tage des Jahre« 1848 erinnerten, sondern nunmehr endlich seine Ansicht mit Gründen verteidigt. Ich erkenne auch dankbar an, daß er heute nicht mehr, wie in jener „Erklärung", alle Schuld auf feiten der Christen sucht, sondern auch für die Fehler der Juden einige Worte wohlberechtigten Tadels findet. Gleichwohl bleibt eine starke Meinungsverschiedenheit zwischen ihm und mir bestehen. Ich fasse sie kurz,in folgenden fünf Punkten zusammen.
Mommsen glaubt, das Judentum bilde in Deutschland „ein Element der Dekomposition der deutschen Stämme" und sei darum in der deutschen Hauptstadt so mächtig geworden. Ich bin der entgegengesetzten Ansicht, Blätter, wie der Börsencourier, vie Frankfurter Zeitung u. s. w. befördern durchaus nicht die Versöhnung zwischen den Sachsen, den Schwaben, den Franken, sondern lediglich ein heimatloses Weltbürgertum; sic thueu was in ihren Kräften steht, um unserem Volke den nationalen Stolz, die Freude am Vaterlande zu zerstören. Diese Elemente des Judentums sind allem deutschen Wesen feindlich.
Mommsen geht mit einigen gleichgiltigen Worten über den religiösen Gegensatz hinweg. Ich stehe anders als er ZU dem positiven Christentum. Ich glaube, daß unser tief religiöse« Volk durch die reifende Kultur zu einem reineren und kräftigeren kirchlichen Leben zurückgeführt werden wird, U»d kann daher die Schmähungen der jüdischen Presse gegen da» Christentum nicht mit Stillschweigen übergehen, sondern ich betrachte sie als Angriffe auf die Grundlagen unserer Gesittung, als Störungen des Landfrieoens.
Mommsen tadelt den unedlen Kampf der Mehrheit gegen die schwache Minderheit. Ich meine, daß dieser Tadel einer Begriffsverwirrung entspringt. Die schwache Minderheit beherrscht unmittelbar oder unmittelbar weitaus die meisten Organe d-r öffentlichen Meinung. Wer heute in der Presse die Ueberhebung des Judentums bekämpft, der mißbraucht nicht die Macht be« Stärkeren, sondern er steht Einer gegen Hundert.
Ich habe anerkannt, daß viele unserer jüdischen Mitbürger längst zu guten Deutschen geworden sind, und nur bedauert, daß andere sich unserem nationalen Leben grundsätzlich fern halten. Mommsen erwidert mir: „die Juden sind Deutsche so gut wie er und ich"; nachher führt er jedoch sehr nachdrücklich aus, daß ein Teil dieser „Deut- schen" sich in einem national-jüdischen Sonderleben wohl gefalle. Er sagt also mit anderen Worten genau dasselbe wie ich. Ich glaube aber, meine Ausdrucksweise war die korrektere.
Deslsche» Reich.
•* Berlin, 16. Dez. Dem Bundesrat ist jetzt der Gesamtetat für 1881/82 zugegangen. Derselbe beziffert dre Ausgaben auf 588,077,972 M., davon fallen 505,282,298 M. auf fortdauernde und 82,775,674 M. auf einmalige Ausgaben. Der dem Gesetzentwurf beigefügte Besoldungsetat für das Reichsbank-Direktorium ist auf 132,000 M. festgestellt. Der Reichskanzler wird ermächtigt, zur vorübergehenden Verstärkung des ordentlichen Betriebsfonds der Reichshauptkasse nach Bedarf, jedoch nicht über 40 Mill. Mark hinaus, Schatzanweisungen auszugeben; die Bestim-
, *Unb Ihre Mutter?" fragte Leonie mit bewegter Stimme.
Wolfgang v. Gerau verbarg seufzend sein IGesicht in den Händen.
„So besitzen Sie gar nichts mehr?" fragte Leonie und schob den schweren Diamantring an ihrem Finger auf und ab. Er war ein Andenken ihrer verstorbenen Mutter und ihr sehr wert.
„Ich habe Ihnen die volle Wahrheit berichtet, Leonie," antwortete er ernst, „die Zeit der Lüge und de« Truges ist vorüber und ich will wieder ein wahrheitsliebender Mensch werden, wie — ich darf es ohne Erröten sagen — ich eS früher war: O, daß der Mensch so unaufhaltsam abwärts sinkt, wenn eine schnöde That ihn der Achtung vor sich selbst beraubte!" W 9
„So nehmen Sie diesen Ring," sagte Leonie hastig, ihm denselben mit abgewandtem Gesicht reichend. „Man sagte mir, er sei 3000 Thaler wert, ober noch mehr, sein helfen "Witb ^ntU “6et bie ctften Schwierigkeiten hinweg-
„Leonie!" tief er, sie voll Bewunderung anblickeud.
„Nehmen Sie!" wiederholte Leonie.
„Nimmermehr!" tief er, ihre Hand sanft zurück- schlebend. „Ich kann Ihr Opfer nicht annehmen." ^_'Doch, doch!" drängte sie. „Was soll ich mit dem
Sie an Ihre Mutter, an die Zukunft.
beschwöre Sie, nehmen Sie den Ring."
„Gut denn!" entgegnete er, feierlich ihr Geschenk annehmend, „dieser Augenblick kettet mich unauflöslich an den Pfad der Tugend I"
Leonie!" sagte er plötzlich, ihre Hand stürmisch
Anzeige» nimmt' entgegen die Expedition d. Blatte« sowie b. Annoncen-Bureaux von @. L. Daube & Eo. in Frankfurt a. M; Jägerffche Buchhandlung daselbst; tzermanrrftche S'wchhandl. ♦ daselbst; Judalidendani in
Berlin; sii. Thiene« in Eld-rfelo: L. Schlotte is örenen.
«uyetgen nimmt entgegen: die Ejq»edttion d.vlatte«, lowieoAnnonken-Bureaur von Th, Diettich & So. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; tzaasenstein <L Bögler in Frankfurt a- M., Berlin, Leipzig, 46hs re.; Rudolf Krosse in Bcliu, Arant- flirt e. M. ic.
_____________________________$üt 'N der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 35 Pfg. berechnet. ° W8,