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Marburg, Freitag, 10. Dezember 1880.

XV. Jahrgang

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Männer- und Frauenversammlung erlassen. Diese hat in den letzten Tagen deS November stattgefunden und von etwa 80 Personen besucht. Sie hat aber nicht von vielen Seiten erhofften Resultate ergeben. Nicht konnten naturgemäß in den zwei Versammlungstagen

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dürfte den Geistlichen im allgemeinen mehr und bessere Einsicht in diesen Fragen beiwohnen, al« den fleißigsten Redakteuren und den gelehrtesten Nationalökonomen, auch oft mehr als Bürgermeistern und weltlichen Armenpflegern. Denn wohin wendet stch der arme oder unglückliche Mann in seiner Bedrängnis zuerst, zu dem Ortsvorsteher und dem Armenpfleger oder dem Geistlichen? Meist doch ge­wiß zu dem letzteren, und dieser lernt in seiner Amts­führung die wirtschaftlichen Fragen, die den Armen be­rühren und drücken, viel mehr und viel tiefer kennen, als der weltliche Beamte. Trotz alledem soll nicht geleugnet werden, daß ein Handinhandgehen der geistlichen Würden­träger mit den bürgerlichen Beamten notwendig und er­sprießlich ist; aber wenn eine Versammlnng, die über die beste Art der Armenpflege sich berät, eS stillschweigend hinnimmt, daß den Geistlichen der berechtigte Einfluß auf die Armenpflege abgesprochen wird, so ist da« oben ausge­sprochene Urteil über den Geist, der diese Versammlung beseelte, wohl gerechtfertigt.

sehr wenig Fragen aus dem reichhaltigen Gebiet der Armen­pflege die Beratung passieren, auch die Gründlichkeit litt unter der kurz bemessenen Zeit, und von positiven Maß­nahmen in Beziehung auf die Armenpflege kam nichts weiter zu stände, als ein Beschluß, das Präsidium des Kon­gresses zu ersuchen, unter Hinzuziehung von Vertretern von Kommunen, Kommunalvcrbänden und WohlthätigkeikS-Ver- cinen eine Kommission zu bilden, welche die „Gründung eines deutschen Vereins für Armenpflege und WohlthStig- keit" vorbereiten und zu diesem Behufe ein Statut auSar- beiten soll, das einer erst im nächsten Herbste einzubemsen- Jahresversammlung vorzulegen und so abzufassen ist, daß sowohl den Kommunen, Verbänden und Vereinen, als auch einzelnen Personen der Zutritt unter bestimmten Zahlungs­bedingungen gestattet wird. Ferner beschloß der Kongreß, zwei Fragen, die wegen Zeitmangels nicht mehr zur Er­örterung kommen konnten, derselben Kommission zur Be­arbeitung zu überweisen, und zwar die Frage über den Einfluß der neueren Gesetzgebung auf die Armenpflege und die Erleichterung des Verkehrs der Armenverbände unter­einander. Also ein ganzes Jahr ist der Kommission als Frist gegeben, um einen Statut für einen „Verein für Armenpflege und Wohlthätigkeit" auszuarbeiten, und ihr für die Abfassung desselben nichts weiter als Direktive ge­geben worden, als die Bestimmung über die Mitgliedschaft und die Höhe der Beitragspflicht. Der Zweck des projek- ücrten Vereins scheint der Versammlung, wie der allgemein gehaltene Name beweist, selber noch nicht völlig klar ge­wesen zu sein. Immerhin kann ja der geplante Verein etwas sehr Gutes, für die Sache der Wohlthätigkeit Ge­winnbringendes und eine bedeutende Institution werden,

aber man wird auf die Früchte derselben doch gar lange warten müssen. So ist eS wenigstens ein Trost, daß die Kommission auch noch mit Beratung der beiden andern oben genannten Gegenstände beauftragt worden, von deren Ein­fluß auf die praktische Handhabung der Armenpflege an­scheinend mehr zu erwarten sein wird, als von dem JnS- lebentreten eines WohlthätigkeitSvereinS mit periodischen Bei­trägen der Mitglieder.

Was nun die Gegenstände betrifft, welche auf dem Kongresse der Hauptberatung unterworfen wurden, so waren eS folgende drei: 1) Maßregeln zur Unterdrückung der Bettelei; 2) Organisation der freien Wohlthätigkeit und Anlehnung derselben an die gesetzliche Armenpflege; 3) Beteiligung der Frauen an der Armen- und Wohlthätig- keitSpflege. Obgleich nun alle diese Gegenstände vorzugs­weise auf dem Gebiete der christlichen Nächstenliebe liegen oder doch in dies Gebiet hinübergreifen, war die Behand­lung derselben auf dem Kongresse doch der Art, daß man sich ersichtlich von Allem fern hielt, was an das christliche Wesen und Thun streifte, und der Geist, der über der Be­ratung waltete, war nach den vorliegenden Berichten der trockensten Zweckmäßigkeit und der dürrsten GeschLftS- mäßigkeit, und auch die Thatsache konnte hieran nichts ändern, daß zwei Geistliche sich unter den Versammelten befanden, die Herren Pastor Höpfner auS Hannover und Prediger Thomas aus Berlin, denn obwohl Pastor Höpfner gelegentlich der Frage über die Beteiligung der Frauen an der Armenpflege darauf aufmerksam machte, daß die kirchliche Armenpflege mit segensreichem Erfolge die Frauen­hilfe in Anspruch nehme, wie beispielsweise in der Dia- konifsenanstalt und in dem Frauenverein zu Hannover, so ließ der Herr Pfarrer es ebenso wie sein geistlicher Amts­bruder Herr Thomas ungerügt und ohne Entgegnung, daß Herr Redakteur Lammers auS Bremen den Einfluß, den Kirche und Geistlichkeit auf die WohlthätigkritSpflege beanspruchten, al« nicht förderlich für die Sache oer letzteren hinstellte und der kirchlichen Armenpflege neben der kom­munalen allen Erfolg absprach. Und welchen Grund für dies Urteil führte Herr Lammers an? Weil die Geist­lichkeit stch meistens zu wenig mit der wirtschaftlichen Frage beschäftige! Wenn unter diesen wirtschaftlichen Fragen etwa Freihandel und Schutzzoll, Staatsfinanzwesen, Verwaltungswesen, Hcimatsrecht, Gewerbs-, Jnnungs« und Fabrikswesen rc. verstanden werden soll, dann möchte Herr Lammers wohl recht haben, obgleich auch nur halb recht, denn den Geistlichen steht in all diesen Dingen dasselbe Material zu ihrem Studium zu Gebote, wie allen anderen Menschenkindern; wenn aber zu den wirtschaftlichen Fragen, die bei der Armenpflege und dem Wohlthätigkeitswesen in Betracht kommen, auch alle die Ursachen gerechnet werden und gerechnet werden müffen, welche Einfluß auf äußer­liche menschliche Not und menschliche« Elend haben, so

„Ich gehe alle Tage in den Wald; wenn Herbert nicht zu Hause ist, wird's mir auch zu leer bei uns."

Sie rief das schon im Abgehen, in ihrer silberhellen Stimme zitterte kaum noch ein leiser Ton der augenblick­lichen Rührung, und doch war eS ihr eigentümlich enge und schwer um'« Herz, uud daS verging selbst nicht, als Herbert heimkam und sie nach allen Vorkommnissen deS heutigen TagcS fragte.

Sie erzählte ihm nichts von ihrer Begegnung mit dem Fremden. Warum nicht? Sie hatte nicht Lust, sie konnte es ja auch ein ander Mal eben so gut thun.

Ein Gesellschaftsabend.

Ein Gesellschaftsabend in der Tucheler Haide, auf welchem die Honoratioren der Gegend, die Förster mit ihren Familien, stch versammeln, und der schöne, der ele­gante, der vornehme Arthur Rhoden hatte szugesagt! Er, der in den aristokratischen Soireen der Residenz gesehen und gefeiert worden! Die Wahrheit zu gestehen, wunderte er sich selbst ein wenig über seine Herablassung; indeffen sagte er sich, daß alle Soiröen der Residenz nicht eine Perle wie Rotkäppchen aufzuweisen hatten, und da er hoffen durfte, sie zu treffen, hatte er sich entschlossen, Leonie in die Gesellschaft zu begleiten.

Sein Erscheinen erregte allgemeine Sensation. Auf dem Lande ist jeder Fremde eine äußerst interessante Per­son, und selbst wo die Bevölkerung so dünn ist, wie in der Haide, hat sie ihre unsichtbare Telegraphenverbindung, durch die sich jede Neuigkeit mit Blitzesschnelle verbreitet.

Die Neugierde derer, dir den Gast de« Müllers noch nicht persönlich gesehen hatten, war auf'- Höchste gespannt, und Jeder hatte gesucht, die Vorzüge seine« Geistes oder

Rotkäppchen.

Erzählung aus der Haide von Llara Waldheim.

(Fortsetzung.)

Sie nahm unbefangen neben ihm Platz und reichte ihm das Moos.

„Weißt Du auch Rotkäppchen, wo ich hergekommen?" Und er erzählte ihr von seiner schönen Heimat am blauen Rhein, wo die Nixe auftaucht mit dem goldenen Haar, und wie sie die Unerfahrenen lockt mit ihrer süßen Stimme, bis sie im Strudel untergchen. Rotkäppchen schauerte e« bis ins Herz hinein. Und dann sprach er von den alten Burgruinen mit den zerfallenen Türmen, in denen die Sage vieler Jahrhunderte haust, und Rotkäppchen ward es still und feierlich zu Mut wie in der Kirche.

Er schwieg endlich, und sie schwieg auch.

„Und warum blieben Sie nicht dort?" fragte sie nach einer langen Pause. „ES ist viel schöner dort als hier."

„Meine Mutter ist gestorben, Rotkäppchen, und da ward mir unser Haus zu still. Ich streife heimatlos durch die Welt und mag nicht eher wieder heim, bis ich ein liebes Wesen gefunden, das mit mir zieht in unser ein­sames Hau«. Aber Niemand liebt mich jetzt mehr, ich stehe so ganz allein in der Welt."

Er blickte düster vor stch hin. Unendliche Wehmut malte sich in seinen Zügen. RockäppchenS Augen füllten sich mit Thränen.

„Ich denke, nicht ganz," sagte sie leise.

„Meinst Du, Rotkäppchen; Glaubst Du, daß mich «och Jemand lieb haben könnte?" fragte er hoffnungslos.

„O gewiß, gewiß," tröstete sie zuversichtlich.

„Und willst Du morgen wieder hierher kommen, Rot­käppchen?"

«ttcheim täglich außer an den Wecktagen nach Soun- und Feiertagen. Preis für da» Üßartal mit der wöchentlichen Beilage „3l«fhrtrte« SountagSSlatt" durch die Expedition (K v ch'fche Suchbruäer-i) bezogen Mark, durch di« Postämter des Deutschen Reiches 3 Mark 50 Pf«, (erd. Bestellgebühr). - JnfertionSgebühr für die gespaltene Heile 10 Pf- Für in der Expedition zu ertdeilende Auskunft und Annahme von abreffen werden 35 Pf», berechnet.

Der Kongretz der Armeupfleger.

I.

Als vor kurzem der Senator A. Doell in Bremen in einer umfangreichen Denkschrift Untersuchungen über die Handhabung der in Deutschland geltenden Unterstützungs­gesetze und Vorschläge zu einer Organisation der amtlichen und der freiwilligen Armenpflege veröffentlichte, fanden etliche Magistrate und Fachmänner darin eine Anregung zu dem Wunsche, den wichtigen Gegenstand in einem Kon­greffe gründlich zu behandeln. Insonderheit hatte der Berliner Magistrat die Initiative dazu ergriffen, eine An­zahl von Männern, die auf dem Gebiete der Armenpflege als bewährte Sachverständige gelten, für eine gemeinsame Besprechung zu interessieren, und hatte eine Einladung zu einer im Berliner Rathause abzuhaltenden allgemeinen

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Anzeigen nimmt' entgegen die Expedition b. Blatte« sowie d.Annoneen-Bureour von S-L. Daube * 6o. in Frankfurt a- M; Jigerfche Buchhandlung daselbst': Hermann'sche B»chhanbl. ♦ daselbst; Involidendauk in

Berlin; W. Thiene» in Elberfeld; 6. Schlotte in

Bremen.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d.Blatte», sowie d-Annoncen-Bureai- von Th, Dietrich & Eo. i staffel und Hannover; TI Dietrich in Frankfurt a.3Jl haasenstein & Bögler i Frankfurt a M., Berlii x.ipzig, LLln it.; Rudo. .IKoffe in Berlin, Frank» farr a. M it

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Deutsche» Reich.

©erlitt, 8. Dezbr. Der russische Botschafter von Saburoff begiebt sich heute nach Friedrichsruhe. — Die „Prov.-Corresp." schreibt in einem Artikel über den Steuer- Erlaß : Wir meinen, daß der Finanzminister richtig verfuhr, indem er trotz der in Aussicht stehenden Vermehrung der Matrikularbeiträge die Finanzen Preußens so feststellte, wie geschehen, und hiernach den im Ordinarium vorhan­denen Ueberfchnß zu dem Steuererlaß verwendet wiffen will. Jedermann wußte aus den Reichstagsverhandlungen, daß der Militäretat um die in Rede stehende Summe ver­mehrt werden und hiernach die Matrikularbeiträge steigen würden. Die Regierung widerstrebte einem dauernden Steuererlaß, weil sie keine absolute Sicherheit für eine dauernde Besserung der Finanzen besitzt und sie ihrerseits die altpreußische Gewissenhaftigkeit auch in dieser Beziehung üben will. E« entspricht durchaus den Verhältnissen, wenn der Finanzminister als Deckung für die größeren Bedürf­nisse des Reichs auf die Möglichkeit und Hoffnung hin- weist, daß sowohl die Reichssteuern, als auch die Be­triebseinnahmen schon im nächsten Jahr soweit stch stei­gern werden, um den vorhandenen Ausfall zu decken. Wir glauben daher, daß der Finanzminister völlig im Rechte ist, wenn er den Steuererlaß zunächst für ein Jahr allen Einwendungen gegenüber aufrecht erhält. Das Land würde e« dagegen den Parteien zuzuschreiben haben, wenn die wohlgemeinten Absichten der Regierung nicht in Erfüllung gingen. Wir hoffen indessen noch jetzt auf vollständige Anerkennung der den bisherigen Verhältnissen durchaus entsprechenden Vorschläge der Regierung. — In Bezug auf die Lösung der Frage betreffend Dulcigno schreibt die „Prov. Corresp.": Bei Erledigung dieser Angelegenheit Körpers in’« beste Lickt zu setzen, um vor dem Fremden damit zu glänzen. Die Dame des Hauses entfaltete ihren elegantesten Gesellschaftston. Sie war stch recht wohl be­wußt, ein gewandtes Benehmen zu haben, denn sie war eine Städterin, wenn ihr Geburtsort auch kaum 3000 Ein­wohner hatte, so war er doch eine Stadt, und deshalb sagte die gute Frau sich stets, daß sie eigentlich zu etwas Befferem bestimmt sei, als hier in dieser entsetzlichen Gegend ihr Leben zu vertrauern.

Und nun wurde er den übrigen Gästen vorgestellt. Da war ein kolossaler, robuster Mann mit langem Schnurr­bart, der den liebevollen, galanten Ehemann in Gesellschaft spielte, und daheim seine Familie mißhandelte. Seine Frau, ein zarte«, schmächtiges, kleines Wesen, die in ihrem anmutigen Geplauder stets inne hielt, sobald der zärtliche Gatte in ihre Nähe kam, war im Gespräch mit einer an­dern Försterin, die im Bewußtsein, hoch über ihrer Sphäre zu stehen, die große Dame spielte und auf die ganze Ge­sellschaft nur von oben herabsah. Sie war die Tochter eines Rittergutsbesitzers — freilich eines arg verschuldeten und ruinierten. Ihre Tochter, eine hübsche Brünette mit blitzenden Augen, war von den jungen Forstgehilfen um­ringt, deren Schmeicheleien sie mit vieler Herablassung an» hörte. Sie war mindestens für einen Arzt oder dergleichen bestimmt, da« predigte ihr die Mutter täglich; auf einen Förster konnte sie nur mit Verachtung herabblicken.

Rhoden verbarg feine Ungeduld unter höflichen Redens­arten, bi« er sich endlich dem Ziele seiner Sehnsucht gegen­über sah. Rotkäppchen stand neben Leonie, die ihren Arm mit mütterlicher Zärtlichkeit um die Taille deS jungen Mädchens gelegt hatte.

(Fockfetzimg folgt.)