Nr. L87
Marburg, Dienstag, 7. Dezember 1880.
XV. Zahrgavj
Anzeigen nimmt rmgegeu: die Expedition d.vlatte», sowie d-Annoncen-Burean" von LH, Dietrich & So. i Raffel und Hannover; Ls Dietrich in Frankfurt a.M. Haasenstein & Bögler i Frankfurt a. M., Brrlii Leiprig, 66ln Rubel Moffe in Berlin, Frankfurt *. M re.
Innigen nimmt! entgegn die Expedition b. Blatte sowie d-Annoneen-Bureau von E. L Daube *60. i Frankfurt a- M; Jägerisch
Buchhandlung daselbst Hermann'fche vuckhanol daselbst: Juvalidendank r Berlin; L Thiene« i Elberfeld; (L Schlotte i Bremen
Erscheint tLglich außer an den ffiedtagen nach Bonn- ««» S-iertagen. Preis für da» Quartal mit der wöchentlichen Beilage „ginfhrttte« «onutn,»blatt" durch die Expedition lRoch'sche Buch druckerer) bezogen Sb «ark, durch bte Postämter de« Deutschen Reiche« S Mark 50 Psg. (erd. Bestellgebühr). - JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile IO Pf,. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Ädreffen werden 25 Psg. berechnet-
Deutsche« «eich.
Berlin, 4. Dez. Den UniversttLtS-Curatorien hat der Minister der UnterrichtS-Augelegenheiten kundgemacht, daß nur diejenigen Candidaten der Pharmacie zur Im« matriculation bei der philosophischen Fakultät zugelassen werden sollen, welche den Nachweis einer vollen dreijährigen Scrvierzeit als Apothekergehülfen zu führen im Stande sind. — Da« soeben erschienene 18. Heft des GeneralstabS- werks über den Krieg 1870—71 behandelt zwei wichtige Abschnitte desselben: die Abwehr des Angriffs Bourbaki'« gegen den General von Werder und die letzten Wochen der Einschliießung von Part». — Die Darstellung beginnt mitjder Belagerung von Belfort durch General v. TreSkow I., welche durch die Jahreszeit und unzureichende Streiträfte, sowie durch die Energie der Verteidigung erschwert wurde. Während General von Werder zur Unterstützung derselben vorrückte, setzte sich auch die von Bourbaki neu gebildete Ostarmee in Bewegung und nötigte die deutsche Armeeleitung, das 2. und 7. Corps unter dem Oberbefehle des Generals v. Manteuffel auf diesen Kriegsschauplatz zu entsenden. Vor deren Herannahen war Bourbaki mit der Aufgabe, die rückwärtigen Verbindungen der Deutschen zu brechen und mit der Absicht, zunächst durch Umfaffung von Werder's linkem Flügel die Deutschen von Belfort abzudrängen, bis nahe an die Festung gelangt, aber nach dem Gefechte von Villersexel dort einige Tage unthätig verblieben und hatte so dem General von Werder Zeil gelassen, in kühnem Flankenmarsche vor der Front des Gegners sich zwischen ihn und die Festung zu schieben. Drei Tage widerstand das deutsche Heer an der Lisaine den Angriffen der an Zahl dreifach überlegenen Franzosen. — Die ruhmvolles Schlacht wird in den einzelnen Gefechten der lang ausgedehnten Schlachtlinie genau geschildert und insbesondere daS blutige Nachtgefccht bei Ehenebier hervorgehoben (16. bis 17. Januar). Die Darstellung der letzten Ereigniffe des Krieges, der Kämpfe des Generals v. Manteuffel gegen Bourbaki bleibt dem nächsten Hefte Vorbehalten. Die Erzählung wendet sich dann der Beschießung von Paris zu und berichtetden großartigen artilleristischen Angriff auf die Hauptstadt, schildert die für das Verhalten der Verteidiger maßgebenden Stimmungen in der Bevölkerung und als wichtigstes Ereignis den von ihr geforderten letzten Durchbruchsversuch, die Schlacht am Mont Valerien (19. Januar). Unmittelbar darauf, nach 132tägiger Belagerung mußte die der Hungersnot nahe Stadt kapitulieren: 177,000 Gewehre, 602 Feldgeschütze, 1200 Munitionswagen, 31/« Millionen Patronen, 7000 Centn« Pulver u. s. w. wurden den Siegern ausgeliefert. — Das Heft zeichnet sich durch eine große Anzahl von Karten, sowie durch den Abdruck wichtiger Aktenstücke aus, welche namentlich die leitende Thätigkeit des großen Hauptquartiers klarlegeu.
Rotkäppchen.
Erzählung aus der Haide von Clara Waldheim.
(Fortsetzung.)
Recht wie ein vornehmer Gutsherr auf die armen Bauern sah eS herab auf die winzig kleinen, verwitterten, baufälligen Holzhütten rings umher, und eben so hoch stand auch sein Besitzer über den armen Bewohnern jener Häuserchen. Die Bauern munkelten von Hexerei und unsauberen Dingen, wenn der Müller alljährlich immer beffere Ernten erhielt, und hatte doch nur denselben Boden wie sie. Freilich wenn er ihnen von Drainage, Ackerverbesierung u. s. w. sprach, auf die er so große Summen verwandte, zuckten sie die Achseln und lachten ihn hinterher au« — sie hätten sich an seiner Stelle Alles noch viel bester einzurichten gewußt.
Die Mühle lag in einer Senkung, zu der ein breiter sandiger Weg hinabführte; zwei riesige Weidenbäume, deren feine biegsame Zweige bis zur Erde niederhingen, bildeten das EinfahrtSthor. Da« eintönige Geräusch der Säge, wenn sie unbarmherzig die an allen Fasern bebende Tanne durchschneidet, war verstummt, aber wohl zwanzig Männer in langen Röcken, nmben Mützen, den unverkennbaren Linftn slavischer Abkunst im runzeligen Gesicht, schimpften in dem entsetzlichen Polnisch der ungebildeten Klassen auf sich und ihre Pferde. Sie waren beschäftigt, große Haufen von Brettern auf ihre mit zwei mageren Pferden oder auch mit Ochsen bespannten Wagen zu laden, um sie für ein kärgliches Tagelohn nach dem entfernten Bahnhofe zu fahren, von wo der Müller sie an seine Kunden befördern ließ.
Der Besitzer dieses Gutes stand etwa« abseits unter
Karlsruhe, 3. Dec. Die Ueberzeugung von der Notwendigkeit einer Abänderung des bestehenden Reichsgesetzes über den Unterstützungswohnsitz ist bei uns eine so allgemeine und namentlich auch auf konservativen Versammlungen, wie zuletzt noch am 3. November in Stuttgart, so sehr anerkannte, daß jetzt die Aufgabe an uns herantritt, dieser Ueberzeugung einen praktischen Ausdruck zu geben. Die Frage aber, was wir zu thun haben, ist bald beantwortet. Wir dürfen wohl erwarten, daß die höchstnötige Aenderung auf dem nächsten Reichstag in Angriff genommen wird. Zwar von der Reichsregierung wird dies kaum geschehen, nachdem sie noch im Jahre 1877 einen Gesetzentwurf ausgearbeitet hat, welcher den Zeitraum für den Verlust des seitherigen Unterstützungswohnsitzes von 2 auf 1 Jahr herabsetzen wollte, wodurch das Uebel nur ärger gemacht worden wäre. Wir können nur erwarten, daß einzelne Abgeordnete die Sache in die Hand nehmen, um den durch die Erfahrung hinreichend begründeten Nachweis geltend zu machen, daß da« Prinzip des UntcrstützungS- Wohnsitzes ein verfehltes ist, und daß man zu richtigeren Grundsätzen zurückkehren müsse. Diese richtigen Grundsätze werden in der Hauptsache folgende sein: 1) daß jeder Angehörige des deutschen Reiches irgendwo eine Heimat haben muß, wodurch der massenhaften Zunahme der Landarmen gesteuert wird. Dabei muß Fürsorge getroffen werden, daß die jetzigen Landarmen irgendwo wieder eine Heimat finden; 2) daß bei Aufrechterhaltung der Freizügigkeit, das Recht der Heimat und also auch der Unterstützung nicht stillschweigend, sondern nur durch geschehene Willenserklärung und ausdrückliche Aufnahme seitens der Gemeinde erworben wird; hierbei wäre die Zeit de« vorangehenden Aufenthalts in der Gemeinde (in Baiern 5 Jahre) zu bestimmen, und auch der bisherigen Heimatgemeinde des Betreffenden die Befugnis zu gewähren, die Anerkennung des neuen HeimatSrecht« zu bewirken; 3) daß durch Beiziehung größerer Verbände eine Ausgleichung in dep Armen- lasten zu Gunsten allzu sehr belasteter Gemeinden herbeigeführt werde. — In diesem Sinne Petitionen an den nächsten Reichstag zu richten, wird nun die Aufgabe derer sein, welche eS für dringend geboten halten, daß nicht länger mit der nötigen Reform gesäumt werde. Und diese Petitionen sollten au« Süddeutschland recht zahlreich kommen, damit einem in unsere Gemeinden sich immer tiefer hineinfressenden Krebsschaden endlich einmal kräftig begegnet werden kann.
Müucheu, 3. Decbr. Die niederbaierische HandelS- und Gewerbekammer hat sich in der Frage der Arbeiterversicherung dahin ausgesprochen, daß in Baiern im Hin- blicke auf die bairische Gemeinde- und Armengesetzgebung, sowie den Umstand, daß s. Z. bei allen größeren Etabliste- mentS und Unternehmungen freiwillige Kasten bestehen, die Regelung der Fürsorge für die Arbeiter und deren Re-
einer gewaltigen Eiche, die knorrig und verwittert von einem Umfange, den vier Männer nicht mit den Armen auSmesten konnten, wohl schon Jahrhunderte lang ihre Aeste in das Land hinausstreckte. Er unterhielt sich dabei eifrig mit einem jungen Mann, besten elegante Erscheinung seltsam gegen die einfache ländliche Umgebung contrastirte.
„Ja," hörten die Herankommenden den Müller eben sagen, „diese Eiche sah Friedrich I. vorüberziehen — als Kurfürst zog er hin, als König kam er zurück; auch des großen Friedrich Adlerauge schaute diesen Baum — denn Sie müssen wissen: hier ging die Straße vorüber, die nach Königsberg führte.
Schon hieraus konnte man sehen, daß der junge Mann, dem die Mitteilung gemacht wurde, erst seit ^Kurzem am Orte sein mußte, denn der Müller unterließ nie, jeden Fremden sobald wie möglich von der Merkwürdigkeit des Orte« zu unterrichten und dabei ein wenig mit seiner Ge- schichtskenntniS zu prunken.
„Damals," fuhr er eben fort, „war mein Grundstück hier ein Edelgut, und wo jetzt mein Schweinestall steht, war ein großes Gasthaus--Ah, guten Tag, Freund
Söbel, guten Tag, Herr Herbert!" — unterbrach er sich selbst, durch Söbels lauten Gruß auf die Nähergekommenen aufmerksam gemacht, „waS führt Sie zu mir?"
„Habe ein kleines Geschäft mit Ihnen, aber ich will nicht stören," sprach der alte Förster. „Ich spreche unterdessen ein wenig bei Fräulein Leonie vor."
Herbert entfernte sich grüßend, und Söbel trat durch die allzeit offene Pforte in den ursprünglich schön angelegten, jetzt aber stark verwilderten Garten ein.
In einer hölzernen Laube saß Fräulein Leonie, des DWllerS einziges Kind. Sie war keine schöne MMerin,
litten kein dringliches Bedürfnis fei. Für den Fall jedoä daß von Reichswegen der Angelegenheit auf dem Wege de Gesetzgebung näher getreten werden sollte, wurde von Sei! der Kammer die Ansicht vertreten, daß für freie Kasse die Aufstellung besonderer Grundzüge nicht nötig erschein da sich diese nach Bedürfnis, Zweck Und Beschaffenheit de jeweils maßgebenden örtlichen Verhältnisten zn richte
hätten und daher am besten der freien Erwägung der In teressenten überlasten blieben. Als leitende Grundzüge sü Zwangskasten wurden begutachtet: Heranziehung aller Ar betterkategorien ohne Ausnahme zur Versicherung, Aus dehnung des Versicherungsumfanges iu der Art, daß nick blos Krankheit und Invalidität, sondern auch Todesfall Altersversorgung und Fürsorge für die Hinterbliebenen ii den Rahmen der Versicherung fallen, Festsetzung von Maxi mal- und Minimalsätzen, entsprechend dem Alter des i die Versicherung Eintretenden, der mehr ober minder rasche Abnützung der Arbeitskraft und größeren Fährlichkeit de Berufsart. Der wöchentlich einzugehende Maximalbetra einer Versicherug beträgt drei Prozent des Lohnes. Arbeit geber und Gemeinde zusammen leisten Beiträge von gleiche Höhe. Die Verwaltung der Kaste wird von einem Bei trauenS-Ausschuste der Arbeiterschaft, den Innungen obe der Gemeinde unter Kontrole deS Staates geführt. S8ci ArbeitS- und Wohnortswechsel hat bei der Gemeinde Ar zeige zu geschehen. Während unverschuldeter ArbeitSlosigkei ruht Die Beitragspflicht, lieber die Zwangmäßigkeit ode Opportunität von freien und Zwangskasten sich näher z verbreiten, wurde nicht für nötig befunden, nachdem hierz durch die Art der Fragestellung keine Veranlassung ge geben war.
Straßburg, 4. Decbr. Hypolit Tissot von Rann FeuerverstcherungS-Agent und französischer Reserve-Osfiziei angeklagt des Landesverrats, begangen dadurch, daß e Pläne der Festung Diedenhofen, die Stärke der Fortt deren Ausdehnung, Anlage der Kasematten u. s. w. de französischen Regierung zur Kenntnis gebracht habe, wurd heute durch da« ständige Kriegsgericht dahier auf Grün des 8 3 des Gesetzes für Elsaß-Lothringen vom 12. Jul 1873, zu einer Festungsstrafe von 3 Jahren verurteilt.
Ausland.
Wien, 3. Dec. In der morgigen Sitzung des Al geordnetenhause« gelangen zwei Anträge der Abg. Grc Wurmbrand und Herbst zur ersten Lesung, welche heiß Debatten Hervorrufen dürften. Der Wurmbrandsche Ar trag betrifft die Einführung der deutschen Sprache al Staatssprache; der Herbstsche hat die vielgenannte Sprächet Verordnung für Böhmen zum Gegenstände. Beide sin also eminent politischer Natur und betreffen Gegenständ' in denen sich der Gegenstand der Parteianschauungen s recht condenstert. So viel über die Disposition der Mc
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efl war nicht« Schöne« an ihr, als eine Fülle lichtbraune überaus feinen, weichen Haares, aber auch dies hatte f so unvorteilhaft geflochten und aufgesteckt, daß man diese einzigen (äußerlichen Vorzug, mit dem die Natur sie b dacht halte, kaum gewahrte. Sie wußte recht gut, daß f nicht schön war, und sagte stets, es [fei ihr höchst gleid gültig, was man über ihr AeußereS denke. Und doch tru sie stets dunkle Kleider, weil sie wußte, daß ihr helle Fai ben nicht gut standen. — Den Kopf an die Holzwand d< Laube gestützt, die Füße auf ein gepolstertes Mulche ffes tzl — denn sie liebte ein wenig die Bequemlichkeit - ft verharrte sie regungSlo« und bemerkte e« nicht, daß bi Zeitung in der sie gelesen, längst zur Erde geglitten wa
Söbel« keuchender Atem, durch da« schnelle Gehen e' regt, verriet ihn schon von fern. Langsam erhob st Leonie au« ihrer nachlässigen Haltung und trat in de Eingang der Laube.
„Ei, willkommm, Herr Hegemeister!" sprach sie her lich, aber ohne offerierte Höflichkeit, „wie freue ich miö daß Sie mich hier aufsuchen." |
Mit der höflichsten Aufmerksamkeit, die sonst nicht gd rabe ihre stärkste Seite war, führte sie ihn in bie Laub Sie gab überhaupt alten Herren entschieden ben Vorzu vor jüngeren ihres Geschlechte«, baß sprach sie oft aenn I rückhalt-los aus.
»Sie haben bie neueste Zeitung schon gelesen?" frag der alte Förster, bas Blatt mit Anstrengung vom Bobe aufhebenb. „WaS sagen Sie zu der letzten For setzung?"
„Es thut mir leib, ich habe sie wirklich noch nicht g lesen, Herr Söbel. Unb Sie?"
(Fortsetzung folgt )