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Nr. 286.

JRarßurg, Sonntag, 5. Dezember 1880.

XV.

MerMche ZitiiW

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- unk Feiertagen. Preis für da» Quartal mit der wöchentlichen Beilage ,,3»«ftrtrte» Sonnta»4blatt" burifi die Srvedition Bucff btudetei) bezogen 2i «ark durch di- Postämter des Deutschen Reiches 8 Mark 50 8Än 10 Jf? * *

Sar tn der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annadme von Adreffeu werden 25 Pfg. berechnet.

V Zur Signatar des Abgevrdneteahanses.

Während in früheren Sessionen sich meistens erst nach den stattgehabten eingehenden KommissionSberatnngen die Stellungnahme der einzelnen Fraktionen zu den obschwe­benden Fragen genauer präzisieren ließ, haben die bis­herigen Debatten im Hause der Abgeordneten und nament­lich jene, welche in den letzten 14 Tagen geführt wurden, bereits insofern eine erfreuliche Klärung herbeigeführt, daß heute schon allen jenen Vorlagen der Regierung, welche gewissermaßen als eine Folge der Wirtschaftspolitik des Fürsten-ReichskanzlerS zu betrachten sind, eine überwie­gende Majorität in Aussicht gestellt werden kann.

Wenn in neuerer Zeit Blätter von verschiedener Partei­farbe wieder beliebt haben, angriffsweise gegen das Gentrum vorzugehen, so ist gewiß ein solcher Vorgang wenig berech­tigt, und sucht man nach den Gründen für diese Angriffe, so wird man nicht fehl gehen, wenn man die Furcht vor einer Verständigung der Rechten und des Centrums auf gewisser Seite als die Urheberin dieser unberechtigten An­griffe ansieht. In erster Linie bei der Debatte über den Volkswirtschaftsrat, dann aber auch bei anderen Gelegen­heiten haben verschiedene Redner des CentrumS, »nd unter diesen namentlich Herr v. Schorlemer-Alst, in unzweideu­tigster Weise zu erkennen gegeben, daß das Centrum bezüg­lich der Wirtschaftspolitik des Fürsten Bismarck noch immer auf jenem Standpunkte beharrt, den es im Reichstage 1879 einnahm, und da bei den konservativen Fraktionen selbstredend diese Politik nach wie vor die wärmste und eifrigste Unter­stützung findet, und da auch die nationalliberale Fraktion in ihrer Mehrheit sich den Plänen unseres leitenden Staats­mannes kaum entgegenstellen wird, so muß die im Gegen­satz zu allen übrigen Fraktionen des Abgeordnetenhauses verschwindend kleine und durch ihre gewohnheitsmäßige Negation unmaßgebliche fortschrittlich-sezesstonistische Gruppe in der That bei den wichtigsten Fragen, welche den Land­tag in dieser Session beschäftigen werden, durch die der­selben gegenüberstehende Majorität des ganzen übrigen Hauses fast erdrückt werden.

Erfreulich ist eS, gelegentlich der bisherigen Verhand­lungen des Abgeordnetenhauses wahrzunehmen, daß auf allen Seiten des Hauses mit Ausnahme jener Gruppe, welcher die Herren Rickert und Richter mit ihren wenigen Anhängern angehören daS Bestreben vorherrscht, gegen die unfruchtbare Negation der eben genannten Herren Front zu machen und dem Lande hierdurch ein getreues Bild von der mit den Wünschen der Wähler gewiß nicht im Ein­klänge stehenden, nutz- und erfolglosen Thätigkeit dieser wenigen Abgeordneten zu liefern. In dieser Beziehung haben die Herren Rickert und Richter bereits in der kurzen Zeit des Tagens deS Landtages Niederlagen erlitten, die ihre Wirkung auch nach außen hin üben und Jedermann

die Ueberzeugung nahe legen, wie wenig von der Thätigkeit der fortschrittlich-sezeffionistischen Gruppe und deren Führer für das wahre Wohl de« Volkes und des Vaterlandes überhaupt zu erwarten steht.

jAachdruck verboten. I

Rotkäppchen.

Erzählung auS der Haide von Clara Waldheim.

Erstes Kapitel: Im Walde.

Ein paar Kiefern, etwas Haidekraut und ein wenig Sonnenschein darüber und welche Landschaft daS giebt!

Auch die ärmste Gegend hat ihre Reize! Wie lieblich erschien dies Stückchen Haide im Abendsonnenstrahl I Die abgemäheten Getreidefelder mit den kurzen Stoppeln waren von rötlichem Schimmer übergossen, während der Wald schon dunkel und schweigend dastand. Nur einzelne Baum­gruppen hoben sich magisch beleuchtet ab, während die an­dern in silbergraue Nebel gehüllt, nur undeutlich ihre Um­risse erkennen ließen. ES lag ein eigentümlicher Zauber schon in oieser verschiedenen Beleuchtung.

Am Rande de« Waldes stand ein junger Mann in der grünen Kleidung der Forstgehilfen. Auf den Lauf seiner Flinte gestützt, verharrte er unbeweglich, da« Auge auf die vor ihm liegende Landschaft gerichtet. ES leuchtete eine tiefe Innigkeit in seinem Blick, und doch zeigte fein Antlitz nicht die mindeste Spur von Teilname; dir Ruhe deS Denkens lagerte auf der hohen Stirn und um den festgeschlossenen ernsten Mund er war ein Antlitz gleich dem "glatten Spiegel der See, noch nicht durchfurcht vom Sturm der Leidenschaften, nicht erregt vom Drange wilder Begierden.

Die Sonne grüßte abschiednehmend mit einem glühen­den Strahl, der verklärend über Wald und Felder zuckle, dann war sie verschwunden.

Der junge Mann warf seine Flinte über die Schulter und ging mit rüstigen Schritten waldeinwärts. Nach etwa einer Stunde erreichte er eine kleine Lichtung, in deren

Hesseu-Nassan.

Marburg, 4. Dez. (Strafkammersitzung.) Jakob David, angeblich Sprachlehrer, MustkuS und Dolmetscher aus Alexandrien in Egypten war vom Schöffengerichte! wegen Bettelei nach § 361 pos. 4 und wegen Land- strelcherei nach § 361 Pos. 3 des N. St. G. B. zu je 14 Tagen Gefängnis sowie zur Ucberweisung an die Landes-1 Polizei verurteilt worden, gegen letztere Verfügung hatten der Angeklagte die Berufung eingelegt, dieselbe wurde je j doch vom Gerichte verworfen, das Urteil erster Jnstan- Jahren bei ihm, und seit einem halben Jahre war des Alten liebliche Tochter seine Braut.

Nun Rotkäppchen. Wieder einmal recht nach Wunsch gegangen," neckte der Förster seine Tochter, indem er ihr i lachend auf die Schulter klopfte. Mit Der werden Sie zur Zett Ihre Not haben, Herbert, die flattert durch das Haus wie ein Wirbelwind, wenn sie werft, daß sie zu spät - fertig werden wird."

Herbert antwortete, indem er das kleine Händchen seiner Braut innig drückte, wodurch er andmten wollte, daß er vor angedrohter Zukunft sich nicht eben sehr fürchte.Es wird schon gehen, nicht wahr Liane?" sagte er, ihr mit! einer Zärtlichkeit, die man dem ernsten Manne gar nicht zugetraut hätte, in die lachenden Augen blickend,seien Sie > unbesorgt, Papachen, wir werde» schon mit einander fertig werden." ö

In der heitersten Stimmung setzten die Drei sich nie- j der, um ihr einfaches Mal zu verzehren und Lianen'S Koch­kunst dabei die erwartete Anerkennung zu spenden. |

Bei der Mühle.

Am Nachmittage deS folgenden Tages durchschritt der alte Förster Söbel an der Seite des jungen Forstgehilfen Herbert den Wald. Der junge Mann war auf dem täg- lichen Streifgange durch sein Revier begriffen, und der Alte hatte sich ihm angeschloffen, um bei dem Besitzer einer Schneidemühle Holz zu kaufen.

Inmitten einer kleinen Lichtung lag das Mühlengut. Es nahm sich stattlich aus mit seinen üppigen Wiesen, auf denen wohlgenährte Rinder weideten, mit den vielen I Wirtschaftsgebäuden und dem weißen, mit Pappe gedeckten I Wohnhause in der Mitte. (Fortsetzung folgt.)

Deutsches Reich.

Berlin, 3. Dezbr. Die Stadtverordneten - Versamm­lung wählte an Stelle deS verstorbenen Vollgold den Professor Virchow zum Stellvertreter des Stadtverordneten- Äorsteher«. Infolge einer von den Oberbürgermeistern von Bersin, Danzig und Frankfurt a. M. ergangenen Ein­ladung tagte unter dem Vorsitze des Oberbürgermeister« v. Forckenbeck am 29. v. M. in dem Sitzungssaale des Magistrats im hiesigen Rathause eine Versammlung von Oberbürgermeistern, Stadtverordnetenvorstehern und Dele­gierten der bedeutenderen Städte der Monarchie, um darüber zu beraten, in welcher Weise durch Darbringung eines ge­meinschaftlichen Geschenkes der städtischen Korporationen dem Prinzen Wilhelm von Preußen und der Prinzessin Auguste Viktoria von Schleswig - Holstein - Sonderburg- Augustenburg aus Veranlassung ihrer bevorstehenden Ver­mählung die innige Teilnahme des städtischen Bürgertums in würdiger Weise bethätigt werden könnte. Einzelne an dem persönlichen Erscheinen verhinderte Oberbürgermeister hatten schriftlich schon im voraus ihre Sympathie für den angeregten Gedanken ausgesprochen und um Mitteilung der von .der Versammlung gefaßten Beschlüffe ersucht. Abge­sehen von diesen schriftlichen Erklärungen waren in der Versammlung persönlich vertreten die Städte Berlin, Char- lottenburg, Potsdam, Brandenburg, Altona, Breslau, Kassel, Danzig, Frankfurt a. d. O., Hannover, Kiel, Königsberg in Pr., Posen, Stettin, Wiesbaden. Nach stattgehabter Verhandlung konstituierte sich die Versammlung als ein Komito, welches die Herstellung eine« gemeinschaftlichen, einheitlich ausgeführten Geschenke« bezweckt und beschloß, sämtliche preußische Städte mit 25,000 Einwohnern und darüber zur Beteiligung einzuladen, außerdem aber auch jeder anderen städtischen Behörde den Beitritt offen zu halten. Es wurde, wie dieMagdeb. Ztg." hört, von der Versammlung ein Exekutivausschuß per Acclamation er­wählt, bestehend aus den Herren Oberbürgermeister von Forckenbeck, Stadtverordnetenvorsteher Dr. Straßmann, Oberbürgermeister v. Winter (Danzig), Oberbürgermeister Miquel (Frankfurt a. M.) und dem Direktor des Kunst- gewerbe-MuseumS Grünow. Als Geschenk ist in Aussicht genommen die Ausschmückung einer fürstlichen Tafel mit silbernen Prachtgeräten, welche in einem einheitlichen Stil angefertigt werden sollen. Für die Anfertigung der Ent­würfe ist der Baurat Heyden gewonnen.

Karlsruhe, 3. Dezbr. Zum Geburtstage der Groß­herzogin ist die Stadt festlich beflaggt; derselbe wird ferner mit Zapfenstreich, Reveille, Parade und Festoper gefeiert. Mitte ein weißes Häuschen mit grün bemoStem Dache stand, um dessen geöffnete Fenster rotblätterige Weinranken zitterten.

Da ist der Fritz!" erklang eine silberhelle Stimme im Innern des Hauses, und gleich darauf trat ein junges, kaum sechszehnjähriges Mädchen auf die Schwelle.

Das war das Rotkäppchen!

Flink wie ein Vogel, anmutig wie eine Gazelle, sprang sie ihm entgegen und hing sich mit kindlichem Geplauder an seinem Arm. ES war etwas Träumerische« und doch unbeschreiblich Frisches in dieser Tochter de« Waldes. Kein Sonnenstrahl schien durch die dichten Kiefernwipfel den Weg gefunden zu haben, um ihren blendenden Teint <zu bräunen. Wie zwei dunkle Perlen blickten die großen Augen aus dem zarten Gesichtchen verwundert und schüch­tern hervor, und zwei braunlockige, halbgeöffnete Zöpfe fielen über den weißen Hals und Nacken herab.

Siehst Du, ich bin doch noch fertig geworden mit dem Abendbrot und mit Allem," erzählte sie vergnügt, und Vater neckte mich schon immer, es würde zu spät vollendet fein, weil ich vorhin so lauge Kirschen pflückte. Ach so, das wollte ich Dir ja auch nicht erzählen, Du solltest recht überrascht sein, wenn Du die Kirschsuppe ans dem Tisch findest, die Du so gern issest. Aber vor Dir kann ich doch nichts geheim halten, Du böser Mensch."

Uebcr die Schwelle be« Hauses trat jetzt ein ältlicher Mann mit gutmütigem roten Gesicht, dessen dunkelblondes Haar schon stark mit Grau vermischt war. DaS war der pensionirte Hegemeister Söbel, der Vater be« jungen Mäbchen«, ber hier inmitten seines vielgeliebten Waldes die Ruhe des Alters genoß und seine Pension verzehrte. Der junge Maün war Forstgchilfe und wohnte seit einigen

Anzeigen nimmt' entgegen die Expedition d. Blatte« sowie b.Lmwncen-Bureaux von S. L- Daube 4 Co. in Frankfurt».M; Jägerische Buchhandlung daselbstd Hennauu'fche Buchhauol. daselbst; Kvalidendeust in Berlin; W Thiene« in Elberfeld: «. Schlotte in oremin.

Anzeigen nimmt entgegen: dir Expedition d.vlatte«, sowie d.Annoncen-Bureaux von Th, Dietrich & Eo. in staffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasrnstein & Bögler in Frankfurt a M., Berlin, Zeipziz, Cölu rc.; Rudolf Stoffe in Berlin, Frank­furt e. M re.

Im Theater wurde die großherzogsiche Familie und der hier eingetroffene deutsche Kronprinz von dem Publikum jubelnd empfangen.

AllSlalld.

Wien, 3. Dez. Meldung derPolit. Corresp." auS Baosic: Viceadmiral Seymour notificierte heute sämtlichen Geschwader-Commandanten die Auffösung der vereinigten Flotte. Das britische Geschwader segelt morgen früh nach Malta, da« französische nach Toulon.

Stockholm, 3. Dez. Der Handelsvertrag mit Frank­reich ist vom 1. Januar 1881 an verlängert und gilt fortan mit sechsmonatlicher Kündigung.

Petersburg, 3. Dez. Der Kaiser ist heute Vor­mittag 10 Uhr in bestem Wohlsein hier eingetroffen, be­gleitet von LoriS-Melikoff, dem Krieg«minister und dem Minister des kaiserlichen Hofe«. Der Kaiser wurde am Bahnhofe von den Spitzen der Behörden und der Gene­ralität empfangen. Die Stadt ist festlich beflaggt. DieAgence ruffe" tritt den Aeußerungen russischer Blätter über die Haltung Oesterreichs, Frankreichs und Deutsch­lands in der orientalischen Frage entgegen und betont, daß alle Mächte gleichmäßig den Frieden wünschten. Ver­schiedenheiten der Ansichten über die dazu geeigneten Mittel seien natürlich bei dem Zustande der Geister im Orient. Rußland teilte die Ansichten Englands und teile sie noch. Heber den eigenen Wünschen stehe ihm aber die Erhaltung de« europäischen ConcertS als alleinigen Friedenspfandes. Rußland werde daher für diejenigen Wege sich auS- sprechen, die am besten geeignet erschienen, dieses Resultat zu sichern.

Washiagloa, 3. Dez. Ein Bericht des Marine- secretärs spricht sich zu Gunsten der Annahme des eng­lischen Seereglements für die Schifffahrt auf hoher See seitens der amerikanischen Schiffe cm« und bemerkt, es seien Anordnungen getroffen zur Errichtung amerikanischer Kohlenstationen zu Punta Arenas in Costarica und Pago- pagv auf den Samoa-Inseln. Der Bericht empfiehlt der Regierung, den Schiffbau zu fördern, um die amerikanische Schifffahrt in Stand zu setzen, mit der Kriegs- und Handelsmarine Englands zu concurrieren.