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JRarÖurg, Sonnabend. 27. November 1880.
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ben; denn es bedarf längerer Vorbereitungen und Verhandlungen, um für das gesamte Reich ein derartiges Organ zu schaffen. Seine Ausdehnung auf das Reich liegt in der Absicht der kaiserlichen Regierung. Andererseits erschien es wünschenswert, die Einrichtung eines Sachver- ständigen-BeiratS zunächst für die preußische Regierung nicht länger hinauSzuschieben, weil die im Plan liegenden Gesetzvorlagen womöglich schon dem tut Frühjahr zusammentretenden Reichstag vorgelegt werden sollen, diese aber der Prüfung von Sachverständigen zunächst in Preußen nicht entzogen werden sollen. Mit der Errichtung dcS Volkswirtschaftsrats ist die Vorbedingung für eine ersprießliche reformatorische Thätigkeit auf socialpolitischem Gebiete gegeben. In welcher Weise sich diese geltend machen wird, darüber dürften in Kurzem weitere Aufschlüsse erfolgen.
HaunuUer, 23. Novbr. Der Generallieutenant von Srrubberg, General-Inspekteur des Militär-Erziehungsund Bildungswcsens, reiste heute nach seinem neuen Aufenthaltsorte Berlin ab. Auf dem Bahnhofe hatten sich viele Offiziere und sonstige Verehrer des scheidenden Generals eingefunden. Namens der Frau Prinzessin Albrecht überreichte der Rittmeister v. Scheel der Gemahlin des Generals v. Sttubberg einen prachtvollen Blumenstrauß
Elberfeld, 24. Nov. Die „Elb.-Ztg." schreibt: Eine Volksversammlung, die leicht zu sehr ernsten Auftritten fuhren und die schlimmsten Folgen haben konnte, fand gestern Abend auf dem Königsplatze statt. Ein hiesiges kirchliches Blatt hatte in einem Artikel über das Vaterlandslied: „Deutschland, Deutschland über alles" Bemerkungen gemacht, auf welche wir heute nicht näher zurückkommen wollen. Aus dieser Veranlassung erschien durch öffentlichen Anschlag und durch öffentliche Bekanntmachung in einem hiesigen Blatte nachstehende Aufforderung: „Alle, welche gesonnen sind, an dem dem Nachtwächter darzu- bringenden Ständchen, bestehend aus dem Gesangvortrag des herrlichen Liedes: „Deutschland, Deutschland über alles", zu beteiligen, werden hiermit aufgefordert, sich Dienstag den 23. d. M., Abends punkt 9 Uhr, auf dem Königs- platze zu versammeln." Leicht begreiflig ist es, daß diese Aufforderung von der großen Menge beachtet wurde; Tausende versammelten sich auf dem Königsplatze, die der Aufforderung der Polizei, sich zu entfernen, keine Folge leisteten, derselben vielmehr bedauerlicherweise durch Pfeifen und Schimpfen antworteten. Der Polizeikommissar Arndtz ließ nun die im Rathause befindliche Polizei- und Nachtwächter Mannschaft requirieren und richtete an die Menge die dreimalige Aufforderung zum Verlassen des Platzes und zum Auseinandergehen. Leider wurde diese erneuerte Aufforderung mit Steinwürfcn beantwortet und es blieb nun d" Polizei nichts anderes übrig, als mit allem Ernste vorzugehen. Wenn bei diesem Einschreiten manche Schläge anSgeteitt und Säbelhiebe gefallen find, so haben diejenigen,
welche davon getroffen wurden, sich dies nur selbst zuzuschreiben. Alles wäre verhütet worden, wenn diese „Aufforderung der Polizei" beobachtet worden wäre und sich entfernt hätte. Verhaftungen wegen Widersetzlichkeit haben stattgefunden, da man selbst das ernste Ersuchen, das von feiten des Herrn Oberbürgermeisters Jäger an einzelne gerichtet wurde, zuerst ohne Beachtung ließ. Wie wir hören, ist die Untersuchung gegen den Anstifter der Demonstration im Gange. Der Drucker des Plakats und des Blattes, welches die oben mitgeteilte Aufforderung enthielt, soll bereits Vorladung erhalten haben.
Bonn, 24. Novbr. Der hochverdiente Senior der hiesigen evangelisch - theologischen Facultät, Dr. I. P. Lange, ist mit Rücksicht auf sein vorgerücktes Alter von semer Stellung als Mitglied des Consistoriums der Rheinprovinz und der Prüfungs-Commisston der evangelischen PredigamtScandidaten zurückgetreten, um sich fernerhin ausschließlich seiner akademischen Lehrthätigkeit zu widmen Einzelne Provinzialblätter ergehen sich bereits in Vermutungen über Langes Nachfolger in jener einflußreichen Stellung, die sich, wie wir hoffen, nicht bewahrheiten werden. Bisher allerdings bestand auch hier der ebenso ungerechte wie unzweckmäßige Gebrauch, einzelne AuSer- wählte, gewöhnlich die ältesten Facultätsmitglieder, mit dem ausschließlichen Prüfungsrechte zu privelegieren. Nachdem aber der Oberkirchenrat in Berlin bereit- der vorigen Ge- neralsynode seine bestimmte Absicht zu erkennen gegeben hat, eine neue Prüfungsordnung auf dem Verordnuiigs- wege zu erlassen, der zufolge eine regelmäßige Abwechslung unter den Professoren (mit Einschluß der außerordentlichen) bei der Prüfung der Predigeramtscandidaten statthaben soll, darf man wohl erwarten, daß die vorliegende Frage nach dieser Maßgabe ihre allein gerechte Erledigung finden werde. 0 ö
Waldeck, 22. November. Dem preußischen Abge- ordnetenhause ist seitens des Vorsitzenden de- wal- dewschen Landtags reine Denkschrift übermittelt wor- aru/c ” toeI^er am d. M. erfolgte einstimmige Ablehnung des diesem Landtage von der preußischen Regierung vorgelegten Etats für die Finanzperiode 1881/83 eingehend motiviert wird. Am Schluffe der uns vorliegenden Denkschrift heißt er bann: „Der walvcck'sche Landtag ist sich der peinlichen Lage, daß die Kosten der hiesigen Landesverwaltung teilweise den preußischen Steuerzahlern zur Last fallen, stets bewußt gewesen, er hat daher immer nur dasjenige beansprucht, was er im Interesse der Lander, dessen Wohl er zu wahren berufen ist, für unbedingt erforderlich erachtete. Nichtsdestoweniger haben der Landtag und anscheinend auch der jetzige, sowie der frühere Landes- director, die sich der Landesinteressen überhaupt stet« aufs wärmste und eifrigste angenommen haben, beinahe ununter« vrochen um die Erfüllung der aus dem AccessionSvertrage
dingt, nur natürlich — weß das Herz voll ist, geht ja der Mund so leicht und gern über.
Die Pfarrerin sah mir, als ich geendet, freundlich in die Augen und sagte mild:
„Wie Wenigen ist es vergönnt, auf ebenem Terrain, mtt stetigem Tritt, ohne Prüfung und Kampf den Weg zu gehen, der aus harmloser Jugendwelt zum Ernst des Lebens hinübcrleitet! Irren und Straucheln ist Menschenlos. Und wer aus dem Wirrsal eigener Leidenschaft und fremder Schuld das bessere Selbst, die Kraft zur That und die Freude am Schönen und Reinen gerettet, der soll frei das Haupt erheben — es ist Freude im Himmel Über ihn! — Und nun — dort kommen die Meinen!"
Sie kamen aus dem Stadtwald, wohin der Pfarrer mit den Kindern den ersten Ausflug, gemacht. Die Knaben brachten der Mutter freudig die jungen Kinder des Lenze»: Anemonen, Himmelschlüffel und Sternblumen; Elisabeth trug einen Veilchenstrauß an der Brust, der ihre ganze, liebliche (Erscheinung wie in eine Duftwolke hüllte. Sie war noch ein wenig gewachsen, noch zarter, schlanker geworden, und es war selbst dem Sonnenschein des warmen Frühlingstages nicht gelungen, die etwas blaffe Wange zu röten. Jetzt aber — ich sah's mit Entzücken — stieg das sanfte Rot der Ueberraschung, der Freude, in dem lieben Gesicht empor — da» junge Morgenrot meines Glücköl
„Sie wählten mit Recht — vielleicht auch mit Bedacht — wieder die beste Zeit für den Besuch in unferm Städtchen," sagte Elisabeth mit schüchterner Freundlichkeit, als der Pfarrer mich nach herzlicher Begrüßung freigegeben und ich mir ihr zuwenden konnte, „und der günstige Eindruck, den Ihnen an jenem schönen Märzmorgeu
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Elberfeld; 6. Schlotte in Bremen
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Meta Grotzoheim.
Erzählung von S. Reisner.
(Schluß«.
»Der Alte — doch nicht so ganz, verehrte Frau," erwiderte ich rasch, von ihrer schlichten Herzlichkeit fort- gerissen. „ES ist ein neuer Mensch, der zurückgekommen, ein Wiedergebor'ner im besten Sinne. Und wollen Sie diese Stunde unseres ersten Begegnens mir zur Weihestunde erheben, bann gestatten Sie mir eine kurze Darlegung besten, was ich nun überwunden, was ich einst, Ihnen gegenüber, als „inneren Schiffbruch" bezeichnete; mir ist, als könne erst gänzliche Offenheit mich des Vertrauens wert machen, da» Sie mir so gütig bewahrt haben."
„Eine Beichte also," sagte die Pfarrerin lächelnd. »Nun, es sei — ich greife da freilich in meine« Mannes Rechte ein, aber —"
»Es muß so süß und leicht sein, einer Mutter zu beichten," bat ich, „ich habe die« Glück nie gekannt!"
In der knospenden Lindenlaube, wohin die Hausfrau ben Kaffee bringen »ließ, fanden nun zum ersten mal die wneren und äußeren Erlebnisse meiner letzten Jahre den -Veg zu fremdem Ohr — stockend und abgebrochen hier Und da, wo die ganze Leere und Nichtigkeit des Gefühl«, °as ich Liebe genannt, bet ganze Unwert seine« (Segen« uande« mir erst im Laut |be« selbst gesprochenen Wortes 81 klarem, vollem Bewußtsein kam, — aber vollstänbig U'd erschöpfenb. Unb wenn zuletzt in die allmählich »er« Menben Dissonanzen dieser Bekenntnisse schon ein leiser «»Hang neuer, reinerer Träume unb Wünsche sich mischte, 10 ivar dieser Uebergang, vom Einfluß de« Moments be»
be« vorigen Jahres unsere Umgebung gemacht, wird hoffent lich erneuert — mindestens nicht zerstört."
„Diesmal irren Sie doch, Elisabeth," entgegnete ich. «Ich wählte ben Zeitpunkt meiner Reise hierher nicht — er war mir vorgeschrieben. Unb mein Aufenthalt beschränkt sich nicht auf Tage ober Wochen, ich bleibe — ein Jahr fürs Erste, vielleicht auch - gänzlich!« Unb nun erft, von Fraget» bestürmt, bekannte ich, wa« ich selbst ber d^"?"schwiegen: daß ich am hiesigen Seminar die erste Probe meiner öffentlichen Lehrthätigkeit abzulegen beruft., sei unb btefe Gunst bem Schicksal, bas sich gnädig meutern wärmsten Wunsch gefügt, sehr hoch anrechne. - ®ie Äußerungen aufrichtiger Freude, die NUN laut tour« ben, hätten mich froh unb stolz gemacht — aber noch lag in ^ijabetbs Augen der Zweifelsschatten, ber damals an
,QU6 ihnen sprach unb wie unwillkürlich kams wieder über ihre Lippen:
hier "«$$ tann6 n0$ nic^t fassen und glauben — Sie — ielM-3?a9ti,”i5U"n,em' b""" 6kr- ®“f"
Unb Schatten unb Zweifel schwanden. —
Wenige Wochen später war Elisabeth meine Braut, meine heilig geliebte Braut. Ich habe nie erfahren, ob helldenkende Frau, die auch ich nun in «Barett »Mutter nennen durfte, mein Beichtgeheimnis gemährt, ober ob sie für gut gesunden, ihrem bräutlichen Kinde einen teilweisen Einblick in meine HetzenSverirrung ren‘ Elisabeths Ruhe hat mindestens darunter nicht gelitten — so wenig, als jemals auch nur ein Ge- banle an Wanda, das leiseste Interesse an ber Entschci-
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Deutsche« Reich.
Berlin, 25. Novbr. Der „Reichs-Anzeiger" meldet: Die Genesung des Kaisers schreitet fort, jedoch kann ber Kaiser das Zimmer noch nicht verlassen. — Die Budget- Kommission des Abgeordnetenhauses hat einen Antrag Richters angenommen, wonach erstens ber Finanzminister ersucht wird, sich vom Reichskanzler die Höhe ber Matri- kularbeiträge pro 1881/82 angeben zu lassen unb zweiten« der Reichshaushaltsetat wieder vor dem preußischen Etat festgestellt werden soll. — Wie die „Prov.-Corresp." aus« führt, darf die Errichtung deö Volkswirtschaftsrat« als ein neues Anzeichen dafür gelten, daß die Absichten, welche Fürst Bismarck bei ber Uebemahme des Ministeriums für Handel und Gewerbe für das Wohl der arbeitenden Klaffen und die Wohlfahrt des Gewerbes verfolgte, festgehalten werden. Bald nach dem Antritt seines neuen Amte» sprach er in einem Schreiben an das Präsidium ber Handels« und Gewerbekammer in Planen feine Ueberzeugung von der Notwendigkeit einer Teilnahme von Sachverständigen bei Vorbereitung ber Gesetzentwürfe von volkswirtschaftlichem Interesse aus. Damals betrachtete man mit Recht auch diese aus einen Sachverständigen«Beirat gerichtete Kundgebung als ein Signal bet neuen Thätigkeit, welche bet Reichskanzler auf socialpolitischem Gebiete in Angriff nehmen wollte. Inzwischen aber würben Stimmen de« Zweifels über die Möglichkeit eines praktischen Erfolges wie über die reformatorischen Absichten des neuen Handels- miuisters laut, Stimmen, die vornehmlich aus dem Lager derer kamen, welche die wirtschaftliche Politik des Fürsten Bismarck bekämpfen und von den neuen Plänen auch auf diesem Gebiet ihre Grundsätze bedroht sahen. Der jetzt ins Leben gerufene VolkSwirtschaftSrat tritt diesen Zweifeln entgegen unb zeigt von Neuem, baß Fürst Bismarck an den von ihm für notwendig erkannten Plänen im Jn- tereffe deS Gesamtwohls unerschütterlich festhält und sie — so weit an ihm liegt — durchzufübren entschloffen ist. Wenn der VolkSwirtschaftSrat zunächst nur für Preußen errichtet worden ist, so geschah dies nut aus äußeren Grün-
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