Nr. 276.
Marburg, Mittwoch, 24. November 1880.
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sonstigen Industriezweige vorteilhaft belebt wurden. Diese günstige Konjunktur überdauerte das Ende des JahreS. Der Steinkohlenbergbau wies gegen 1878 eine Mehrbeförderung von 43,489,604 Centner auf. Die Eiscnerz- förderung zeigte eine Vermehrung von 3,944,368 Centner jum Werte von 227,035 M. Im Ganzen kommen im Jahre 1879 52,219,353 Eentner fossile Brennmaterialien mehr auf den Markt. — Nach einer Zusammenstellung Seitens des Statistischen Bureaus über die Sterblichkeit in Preußen in den Jahren 1875—79 ist die Sterblichkeits- Mer des Jahres 1879 im Vergleich zu den vier voraufgehenden Jahren eine günstige zu nennen. Es zeigt sich die Sterblichkeit im Jahre 1879 für beide Geschlechter in der Kindheit günstiger. Thatsache bleibt dagegen, daß das weibliche Geschlecht in allen Altersklassen eine größere Mortalitätsziffer aufzuweisen hat, als das männliche. Besonders bemerkenswert ist jedoch die Erscheinung, daß die Sterblichkeit ter Personen im Alter von mehr als 50 Jahren kontinuierlich höher wird. — Die Bestimmung der Cirkular-Verfügung vom 22. Mai 1877, betreffend die Annahme von Steuer-Supernumcraren hat der Finanzminister in einem Erlaß vom 15. d. den gegenwärtigen Verhältnissen der höheren Lehranstalten entsprechend, dahin erweitert, daß das für den Eintritt in das Steuer-Supernu- merat erforderliche Maß wiffenschaftlicher Vorbildung auch dann als vorhanden angesehen werden soll, wenn die betr. Bewerber die erste Klasse einer lateinlosen Realschule von neunjährigem Lehrkursus mindestens ein Jahr lang mit gutem Erfolg besucht haben.
Darmstadt, 22. November. Der Großherzog besuchte gestern mit dem Erbgroßherzog und den Prinzessinnen Victoria, Elisabeth und Irene die kronprinzlichen Herrschaften in Wiesbaden zum Geburtstage der Kronprinzessin.
Mainz, 22. Novbr. Bei der hiesigen Stadtverordnetenwahl siegten die Candidaten der vereinigten Nationalliberalen und Demokraten.
Mei» Grotzohetm.
Erzählung von 6. Reisner,
(Fortsetzung)
Er fühlte aber sehr gut, daß seine Cousine sich wenig aus ihm mache, und war eifersüchtig auf jeden Blick, den sie einem Andern gönnte. Als Bewerber um ihre Hand konnte der junge Elbau ihm freilich nicht gefährlich werden, aber daß er ihr gefiel und sie gut von ihm dachte, war ja schon schlimm genug und ein Capitilverbrechen.
„Das ging noch eine Zeit so fort, dann kam der Ernst von B. zurück — er wurde schon Dr. tituliert — und brachte ein paar Wochen hier bei den Seinen zu, ehe er drüben in W. beim Gericht cintrat. Da konnte nun ein Blinder merken, wies zwischen ihm und der Comteß stand; lieber Gott, sie waren beide jung und unbedacht und der junge Herr Doktor ein bischen heißblütig und — wie eben junge Männer sind, wenn ihnen das eigene Wissen und Kinnen zu Kopfe steigt und sie nichts mehr für unerreichbar halten. Genug, eS gab da Unvorsichtigkeiten die Menge, und man munkelte im Schloß davon, aber der alte Graf hatte für so was keine Augen, die Französin drückte, wie schon gesagt, die ihren zu — und wer sonst hätte ein Wort darüber verlieren dürfen? Höchstens Herr Stanislaus, der aber brütete über seinen Grimm in der Stille und ging überhaupt niemals gerade Wege, wo er krumme zu finden wußte ?
„Auch wie der Doktor dann längst in W. drüben war, hörte das Gerede nicht auf; man wollte ihn spät Abends «n Parke gesehen haben — während er am Tage gar nicht nach Cherzowa kam — tief zwischen den Bäumen an der Brücke stände dann sein Pferd angebunden — und
Deutsches «eich.
•• Berlin, 22. Nov. In Vertretung des Reichskanzlers hat Graf Stolberg unterm 15. d. dem Bundesrat mit Allerhöchster Genehmigung den Entwurf einer Verordnung, betreffend die Feststellung der Kautionen des Lotsenkommandeurs an der Jade und des Secretariats- Assistenten bei dem Lotsenkommando daselbst nebst Begründung überreicht. Die Höhe der Kautionen wird nach $ 2 des Entwurfs berechnet auf 9000 M., bezw. 1800 M. Diese Kautionen werden zu beanspruchen sein, auf Grund des Gesetzes vom 2. Juni 1869, welche« in § 2 die Kautionsniederlegung für Beamte, welche die Verwaltung einer Kaffe führen, vorschreibt. — Nachdem bei der ^technischen Hochschule zu Aachen eine Bergbau-Abteilung errichtet ist, welche im October d. I. eröffnet worden, hat der Minister der öffentlichen Arbeiten behufs Gleichstellung dieser neuen bergmännischen Lehranstalt mit den beiden Bergakademieen zu Berlin und Klausthal im Einvernehmen mit dem Kultusminister in einem Nachtrage zu den Vorschriften über die Befähigung zu den technischen Aemtern bei den Bergbehörden de« Staats vom 21. Dezbr. 1871, unter Abänderung des § 8 Absatz 3 daselbst bestimmt, daß der Besuch der drei Anstalten in Zukunft auf daS vorgeschriebene dreijährige UniversttätSstudium gleichmäßig auf die Dauer von zwei Jahren anzurechnen ist. — Das Jahr 1879 war, wie ein Bericht über die Bergwerksindustrie und Bergverwaltung Preußens bemerkt, für die Montanindustrie in Preußen ein höchst bedeutsames, indem sich im Laufe desselben die Umgestaltung der Wirtschaftspolitik und Zollgesetzgebung deS deutschen Reichs vollzog und am Schluß der zweiten Hälfte eine erhebliche Besserung der Industrie in bisher nie dagewesencm Umfange niederdrückenden schlechten Konjunktur eintrat. Im Monat November 1879 erfolgte auf Grund großer Aufträge an die Eisenhüttenwerke aller Art ein erheblicher Aufschwung der Eisenindustrie, von dessen günstigem Cinfluffe zunächst der Steinkohlenbergbau sowie der Eisenerzbergbau, in zweiter Linie aber auch alle anderen montanistischen und
was denn so mehr war. Herr von WilmovSky war wieder auf lange Zeit hier und die jungen Herren spionierten und stecklen die Köpfe zusammen, wie niemals früher. Und eines AbendS — es war schon tief im Herbst — rief mich Graf Stanislaus, befahl mir, die Reitpeitsche zu nehmen und ihm zu folgen. Draußen schloß sich ihm der Vetter an und nun gings in großer Eile, aber so still wie möglich — eS wurde kein Wort gesprochen — durch Garten und Park, immer neben den Wegen, auf weichem Boden, damit der KieS nicht knirsche, bis zur Eremitage, einem kleinen Rindenhäuschcn — es ist nachher niedergerissen worden. Dort hörte man sprechen, ganz leise, und sah auch im schwachen Mondlicht, daS mitunter durch die Nebel brach, auf der Bank vor dem Häuschen zwei Menschen sitzen.
„Wir standen im Gebüsch, von großen Baumstämmen gedeckt, mir wurde aber so Angst und unheimlich, als hätte ich eine große Sünde begangen, oder wollte eine begehen. — Endlich regte sichs drüben, die beiden Personen standen auf und kamen langsam über die kleine Wiese herüber, Hand in Hand und immer noch leise sprechend — wer sie waren, wußte ich nur zu gut. Und auf einmal brechen meine zwei Herren hinter ihren Bäumen vor, Comteß Hedwig kreischt laut auf und huscht davon, ins Buschwerk hinein, der Dr. Elbau aber bleibt fest wie eine Mauer stehen und fragt nur, „was giebtS hier?"
„Hiebe für Dich, Du Schurke! — Stephan, herbei!" schrie Graf Stanislaus wütend und im Augenblick sausen auch die Reilpeischm der Beiden durch die Luft. Der Doktor war gewandt ausgewichen und hatte zugleich ein Pistol in der Hand: „Noch einen Schlag, und ich schieße!" rief er — da traf ihn der Schlag schon übers Gesicht
und der Schuß ging los — Graf Stanislaus taumelt zurück an den nächsten Baum — das kam alles schneller auf einander, als man sehen und denken konnte.
„Der Wilmovsky kümmerte sich nicht um seinen Vetter, er hatte den Doktor gepackt und rang mit ihm, schrie mir auch ein mal übers andere zu, ihm zu Hülfe zu kommen. Das that ich nicht, ich machte mir mit meinem Herrn zu schaffen, dem das Blut über die Stirn rieselte und der die Besinnung zu verlieren schien. Und ich bat den lieben Gotl im Stillen, er möchte es schicken, daß der Doktor im Dunkel sich fortmachen könne. Das mag dieser aber kaum gewollt haben, sonst — er war viel stärker als der polnische Herr. Unterdeß kamen Leute vom Schloß heran, die den Schuß gehört hatten und mit ihrer Hülfe brachte ich den jungen Grafen heim und ins Bett und fchickte gleich einen Knecht mit Pferd und Wagen aus« nächste Dors nach dem Wundarzt.
„Wie der kam, fand sichs denn, daß die Kugel nur den Kopf gestreift und keine Gefahr sei; der Graf war auch wieder bei Besinnung und verbot, seinen Vater zu wecken, wollte aber wissen, was auö Wilmovsky und dem Doktor geworden. Der Letztere war denn, wie ich auf meine Erkundigung erfuhr, auf Befehl dm Wilmovsky von ein paar Knechten, trotz seines Widerstandes, überwältigt und festgebunden in einem Kellergcwölbe des Schlosses verwahrt worden. Das mußte ich meinem Herrn berichten und er schien zufrieden damit. Die Nacht durch, wo er stark fieberte, hab ich dann am Bett gesessen und nach des WundarztS Anweisung das Nötige besorgt, aber meinc Gedanken waren immer bei den armen Gefangenen und bei Com teß Hedwig und mir grauste vor dem, waö nun kommen must
(Fortsetzung folgt.)
Ausland.
Linz, 22. Novbr. Zu dem conservativen Parteitage strömen aus allen Teilen der Monarchie massenhaft Teilnehmer herbei. Die vorzulegende Resolution stellt folgendes Programm auf: Festhaltung der Verfassung, Verbindung der Freiheit mit der Ordnung, Erweiterung des Wahlrechts, Berücksichtigung der Beschwerden wegen der Schule, Autonomie unbeschadet der Reichseinheit. Ferner soll ausgesprochen werden: der conservative Parteitag legt Verwahrung dagegen ein, daß der liberale Parteitag die gesamten «der auch nur dir Mehrheit der Deutschen Oesterreichs vertrete. Derselbe verwahrt sich ferner gegen Völkerverhetzung und erklärt sich für eine
fruchtbare Thätigkeit zu Gunsten der Landwirtschaft und Gewerbe.
Pest, 22. November. Die Fusion der vereinigten Opposition mit den Parteilosen ist gestern faktisch erfolgt. Die bez. formelle Conferenz findet erst in der nächsten Woche statt. Der neue Partciklub heißt Oppositionsklub. Demselben sind bisher 70 Abgeordnete beigetreten, darunter Sennyey und Bitlo. — Die Enquete-Commission für die Verwaltungsreform begann gestern ihre Beratungen. Tisza erklärte: das Aufgeben des Systems der Beamtenwahl müsse wohl erwogen werden; die VerwaltüngS-Aus- schüsse sollen nicht aufgehoben werden; dieselben bedürfen nur betreffs ihrer Zusammensetzung und ihres Wirkungskreises einer Modifikation. Sennyey trat sür Ernennung der Beamten ein. Heute wird die Beratung fortgesetzt.
Agram, 22. November. Samstag Nacht und gestern Nachmittag erfolgten wiederum lokale Erderschütterungen.
Paris, 22. November. (Deputiertenkammer.) Art. 8 deö Gesetzentwurfes über die Reform des Richterstandes, wonach zum Zwecke der Reorganisation die Unabsetzbarkeit der Richter auf ein Jahr suspendiert sein soll, wird mit 295 gegen 165 Stimmen angenommen. — In vielen Städten der Provinz haben die klerikalen Frauen einen Bund gestiftet, dessen Mitglieder sich verpflichten, keine Feste mehr zu geben, ihre Salons den Männern zu verschließen, die mit der Regierung in Verbindung stehen, und sich bei ihren Einkäufen und ArbeitSbestellungen auf eifrige Katholiken zu beschränken. Der Aufruf einer „Familienmutter" in der Esperance de Nantes besagt: „Der passive Widerstand hilft nichts mehr. Wir müssen weiter gehen; wir müssen einen großen Bund der Frauen stiften die zu allem entschlossen sind, alles erdulden werden um ihre Kinder zu retten/' — Gambettas Vater ist zum Ehrenmit- gliede deS Comitss ernannt worden, welches Garibaldi ein Denkmal in Nizza errichten will. Der Kammerpräsident will auf diese Weise Garibaldi seine Sympathie bezeugen.
Dttbli», 22. November. Einem gestern von der Landliga veranstalteten Meeting in Killamore wohnten 15000 Personen bei; eS wurden sehr heftige Reden gegen Grnnd- besitzer und Regierung gehalten.
Konstantinopel, 22. November. Der Sultan ließ gestern durch einen Adjutanten dem deutschen Botschafter Graf Hatzfeldt mitteilen, daß Derwisch Pascha die Mazura- brücke besetzte und heute die Mazurahöhen besetzen wird. Die Okkupation Dulcigno« sei bevorstehend. Heute Abend ist Konferenz der Botschafter der Mächte. ES bestätigt sich, daß der Sultan die Todesstrafe Veli Mehemcds in lebenslängliche Gefängnisstrafe umwandeln will. Riza Pascha ist zum Mitglied der Militärreform-Kommisston ernannt.
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