Nr. 274
Marburg, Sonntag, 21. November 1880.
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Deutsche- Reich.
Iß erlitt, 20. Novbr. Die heutige Nummer 35 der preußischen Gesetzsammlung publiciert die königliche Verordnung vom 17. d. Mts. betreffend die Errichtung des Volkswirtschaftsrates. — Der Volkswirtschaftsrat zerfLllt in 3 Sektionen: für Handel, Gewerbe, Land- und Forstwirtschaft. Die Zuweisung erfolgt durch die drei zuständigen Minister. Jede Sektion wählt 5 Mitglieder, welche mit weiteren 10 von den drei zuständigen Ministern Gewählten den permanenten Ausschuß ors Volkswirtschafts- Rates bilden. Die Berufung der Ausschüsse, der Sektionen und des Plenums erfolgt auf Beschluß des Staatsministeriums durch die zuständigen Minister. Den Vorsitz im Volkswirtschaftsrate, den Sektionen und Ausschüssen führt einer der drei zuständigen Minister, welcher sich auch durch einen geeigneten Beamten vertreten lassen kann. — Der Volkswirtschaftsrat besteht aus 75 auf 5 Jahre herufenen Mitgliedern, wovon 45, und zwar je 15 Vertreter des Gewerbes, oeS Handels, sowie der Land- und Forstwirtschaft, aus 90 von den Handelskammern, Vorständen kaufmännischer Korporationen und landwirtschaftlichen Vereinen Präsentierten durch den Handelsminister, den Minister der öffentlichen Arbeiten und den Minister der Landwirtschaft dem Könige vorgeschlagen werden, während die 30 übrigen, wovon aber mindestens 15 dem Handwerker- und Arbeiterstande angehören muffen, nach freier Wahl derselben Minister dem König zur Berufung vorgeschlagen werden. — Der neunte deutsche Handelstag wurde heute Vormittag 10 Uhr im Architektenhaus eröffnet bei Anwesenheit von circa 200 Teilnehmern. Der Vorsitzende Delbrück erteilte nach Eröffnung der Versammlung dem Staatsminister v. Bötticher das Wort zu folgender Ansprache: ES gereicht mir zu großer Freude, Sie im Namen der deutschen ReichS- regierung begrüßen zu dürfen. Meine Freude ist um so größer, als ich gleichzeitig Träger eines Grußes des Reichskanzlers bin, der mich beauftragte, Ihnen in feinem Namen ein herzliches Willkommen entgegenzurufen. Als vor nunmehr 2 Jahren der achte deutsche Handelstag in Berlin tagte, lastete auf allen Gebieten des Handels und der Gewerbe großer Druck. Eine verhängnisvolle Geschäftsstille war eingetreten, die alle Gemüter mit banger Sorge erfüllte. Der damalige preußische Handelsminister Maybach rief damals dem Handelstage zu: deutscher Mut, deutscher Eifer, deutsche Arbeit werden auch diese verhängnisvolle Krisis überwinden! Diese in vollem Maße auSgeübte deutsche Grundtugend blieb auch nicht erfolglos. Bereits beginnt neues Leben auf allen Gebieten des Handels und Verkehrs, besonders seit dem letzten Halbjahr sich geltend zu machen. Wenn auch einige Zweige des Handels und Gewerbes noch immer darniederlicgen, so ist doch begründete Aussicht vorhanden, daß die Morgenröte einer
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___________________________________________Jflt der Expedttwn zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pf«, berechnet. ä 1W
Mei« Grotzoheim.
Erzählung von E. Reisner.
(Fortsetzung >
Endlich weckte ein Geräusch mich aus der momentanen Versunkenheit — drunten hatte die Mauerpforte geknarrt, Männertritte nahten — eS war der Medizinalrat, der plötzlich an meiner Seile stand. Seine scharfen, klugen Augen fixierten mich.
„Außerordentlich gesund, Herr Candidat, solche Promenade nach dem verwünschten langen Tafelsitzen — Sie sehen, ich folgte Ihrem Beispiel — ober muß es denn eben der Kirchhof sein, nach dem man die Schritte lenkt — hm?" scherzte er.
„Der Zufall, nicht eigener Vorsatz, führte mich her, Herr Medizinalrat — wie ohne Zweifel auch Sie?" war meine Erwiderung.
„Hm — nein; ich sah Sie hier, wahrscheinlich in Betrachtung über die Vergänglichkeit alles Irdischen versenkt, stehen — und nahm mir die Freiheit, Ihre Beschaulichkeit Zu stören. Uebrigens —" der Blick de» alten Herrn fiel auf den Grabstein zu unseren Füßen — „ wie — der alte Elbau? Wars auch zufällig, daß Sie eben bei diesem Grabe verweilten — ober — hätte der Name irgend ein Interesse für Sie?"
„Es ist ter Name meines Urgroßvater«, Herr Rat, und deshalb wohl ein sehr natürliches Interesse, das mich hier lesthielt," erklärte ich. „Und lassen Sie mich noch hinzu- sugen, daß ich diesen Namen vor wenig Minuten hier ent- arckle, ohne vorher nur eine Ahnung zu haben, daß —" , „Daß Ihr Vorfahr hier ansässig gewesen?" unterbrach ">lch der Rat erstaunt. „Das ist ja mehr als seltsam —
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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte« sowie d. Amwncen-Bureaur von ®. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; tzermannffche Buchhanvl. ♦ daselbst; Jnvalidendank in
Berlin; W. ThieneS in -lberfeld; C. Schlotte m
Bremen
Anzeigen nimmt entgegen: He Expedition b.Blatte«, sowie d.Annoncen-Bureaur von LH, Dietrich & Co. in staffel und Hannover; LH. Dietrich in Frankfurt a.M.; tzaajenstein & Bögler in Frankfurt a. M., Berlin, Leipzig, Cöln re.; Rudolf L'toffe in Berlin, Frankfurt a. M. ic.
RegietungSptopositionen zu befürworten. Zu längeren Erörterungen gab der die Stempelsteuer betreffende Einnahmeartikel sowie der die Kosten der Erhebung und Be- treibung der Gerichtskosten enthaltende Ausgabeartikel Veranlassung. Den Vertretern der Staatsregierung wurde außerdem Veranlassung gegeben, ziffermäßig nachzuweisen, daß sich die wirtschaftliche Lage bei den Betriebsverwaltungen in den ersten 6 Monaten des laufenden EtatSjahrS gegen das Vorjahr in der Thal erheblich gebessert habe, es konnte ein Mehrüberschuß von über 10 Mill, darge- than werden. Vom Extraordinarium kamen noch die Forst-, die Gestüt-, Bergwerks- und Landwirtschaftliche Verwaltung, das Kriegsministerium, Staatsarchive, Oberrechnungskammer, das Ministerium für Handel- und Gewerbe und das Ministerium des Innern zur Erledigung. Auch hier beschloß die Kommission zu sämtlichen Titeln die Genehmigung der Regierungsforderungen zu befürworten. Wiederholte Erörterungen über die Frage, ob einzelne Positionen nicht richtiger im Ordinartum ihre Stelle zu finden haben würden, führten zu dem Ergebnis der Billigung der von der Staatsregierung bei Aufstellung des Etats befolgten Grundsätze.
- Ueber die Hochzeit Sr. königl. Hoheit des Prinzen Wilhelm mit Ihrer Hoheit der Prinzessin Auguste Viktoria von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg wird ge- meldet, daß nach wie vor der 26. Februar k. I. als Tag der Vermählung festgehalten wird. Die näheren Bestimmungen über die Hochzeit, sowie über die Ausdehnung der zu Ehren derselben stattfindenden großen Hoffestlichkeiten dürften erst nach der Ende dieses, oder Anfangs nächsten Monats erfolgenden Rückkehr Ihrer Majestät der Kaiserin getroffen werden. Mit der Festsetzung der Ehepakten ist man dagegen bereis jetzt im königlichen Hausministerium beschäftigt. Die hohen Neuvermählten werden bis auf Weiteres ihren dauernden Wohnsitz in Potsdam nehmen, und zwar im Winter im Stadtschlosse, im Sommer im Marmorpalais. Alle gegenteiligen Mitteilungen, so namentlich die über Charlottenbnrg, gehören in das Reich müßiger Erfindungen. Als Hofmarschall Sr. königl. Hoheit des Prinzen Wilhelm wird dessen langjähriger militärischer Gouverneur und jetziger militärischer Begleiter Oberstlieutenant v.Liebenau fungieren; über ben Hofstaat der zu- künftigen Prinzessin Wilhelm hört man, daß zur Oberhof- melsterin die verwittwete Gräfin von Brockdorff, eine Ur» enkelin Wilhelm von Humboldts und Tochter des Generals a. D. und ehemaligen Präses der General-Ordenskommis- sion von Loen ausersehen ist. Die Wahl dieser Dame hat in den Allerhöchsten Kreisen um so größere Anerkennung gefunden, als die Grafen von Brockdorff zu dem alten schleswig-holsteinischen Adel gehören, die Frau Gräfin selbst aber eine geborene Berlinerin ist. So würden Ver- gangenheit und Zukunft der Prinzessin Auguste Viktoria Halles in Cherzowa immer auf« neue bewiesen hatte, sprach auch jetzt sichtlich aus dem Bestreben, mich zu zerstreuen und dem Gesellschaftskreise fern zu halten, dessen ge eiertet Mittelpunkt sie war — die schöne Falsche! —
Wir gingen den bezeichneten Weg, während ich in flüchtigen Umrissen dem Medizinalrat ein Bild meiner Knaben- und Jünglingsjahre und der einfachen Familienbeziehungen entwarf, in denen ich gelebt. Davon war ja wenig zu sagen und überhaupt hier nur das von Belang, was sich speziell auf Großonkel Elbau bezog. Meine Erlebnisse in dessen letztem Domizil, die ich umständlicher miueilte, erregten denn auch die ganze Aufmerksamkeit des alten Herrn.
„So — also von seiner Gemütskrankheit wissen Sie," sprach er sinnend, da ich geendet. „Aber nicht von dem, was sie hervorrief — mindestens ihren Ausbruch be- scheumgte?"
„'Richt das Geringste, Herr Rat — das Schriftstück, von dem ich Ihnen sagte —"
„Enthielt nichts darüber — natürlich! Aber — sahen Ste zufällig schon das Bild, oben im Erkerzimmer, das Frauenportrait meine ich, in der seegrünen Robe —"
„Sie meinen — die Großmama bet Frau von Mynocz?"
. ~ ihre Doppelgängerin, wenn sie wollen; das
schöne Original einer gelungenen Copie! sagte der Graf beißend. „Damals war sie die vielbewunderte Comteß Hedwig Cz. an der Liebe zu ihr und an der Brutalität von ein paar tadellosen Cavalieren ihres Hauses ist die reiche — freilich auch stolze und hochfahrende Natur ihres Großonkels zu Grunde gegangen. Es war ein falsches Geschlecht, das zu jener Zeit hier hauste — ein falsches
besseren Znt für Handel und Wandel beginnt. Um so mehr begrüßt die deutsche Regierung den Wiederzusammentritt des deutschen Handelstage«. Die deutsche ReichS- regierung ist einig mit Ihnen, Alles zu thun, was geeignet ist. Handel und Gewerbe zu heben. Vor zwei Jahren berieten Sie über die Bildung eines deutschen Volkswirt- schaftSrateS und faßten damals mit geringer Majorität den Beschluß zu Gunsten der Bildung eines solchen. Vor einigen Tagen hat der König die Verordnung erlassen, wonach der Volkswirtschaftsrat demnächst gebildet werden soll. In diesem Voltswirtschaftsrate wird Handel und Gewerbe die geeignete Vertretung finden. Die Einrichtungen deS preußischen Volkswirtschaftsrates sind derartig, daß jederzeit dessen Erweiterung auf die anderen deutschen Bundesstaaten gestattet ist. Die deutschen Regierungen wollen des Beirates eines solchen Volkswirtschaftsrats bei Gelegenheit der Besprechung von Handels- und gewerblichen Fragen in der nächsten ReichStagssesston nicht entbehren, halten aber die Zeit von der Bildung des deutschen Volks- wirtschaftSrates bis zum Beginn des Reichstages für zu kurz. Es könnte vielleicht den Anschein haben, als fei in Folge der Bildung des VolkSwirtschaftsratcS die Aufgabe des deutschen Handelstags erledigt. Allein die Aufgaben des Volkswirtschaftsrates sind sehr beschränkt. Die ReichS- regierung hofft nach wie vor auf den wertvollen Beirat des deutschen Handelstages. Indem ich Sie im Auftrage der Reichsregierung willkommen heiße, spreche ich den Wunsch aus, ihre Verhandlungen mögen dem Handel und Gewerbe zum Wohle, dem Lande zum Heile gereichen. (Lebhafter Beifall). Der Präsident dankte dem Minister und brachte ein dreifaches Hoch dem Kaiser aus. — Oberbürgermeister v. Forckenbeck begrüßte den Handelstag namens der städtischen Behörden. — Hierauf wurde Delbrück zum ersten, Direktor Fromme! (Augsburg) zum zweiten und Edgar Roß sen. (Hamburg) zum dritten Vorsitzenden gewählt. — Der „Kreuz-Ztg." zufolge wird die Interpellation des Abg. Hänel nicht von dem Minister de« Innern, sondern von dem stellvertretenden Minister- Präsidenten Graf Stolberg beantwortet werden. — Der Commerzienrat Stadtverordneter Vollgolv ist gestorben. — Ueber die Sitzung der konservativen Fraktion von gestern Abend verlautet, daß man sich auf dieser Seite des Hauses, nachdem die Interpellation des Abg. Hänel nun einmal eingebracht worden ist, einer Besprechung derselben wird kaum entziehen können. Auch der Abg. Herr Hof- predigcr Stöcker könnte sich veranlaßt sehen, bei dieser Gelegenheit über seine bisherige Tätigkeit auf dem ein- schlagenden sozialen Gebiete genügendes Licht zu verbreiten.
V Die Budgetkommission des Abgeordnetenhauses erledigte in ihrer heutigen Sitzung den Etat der indirekten Dlenern, indem sie sich darüber schlüssig machte, sowohl in Einnahme wie in Ausgabe die unveränderte Annahme der bin ich indiskret, Herr Candidat, wenn ich Sie bitte, mir einiges über Ihr Verwandschaflöverhältniß zu dem Elbau mttzuteilen — falls Ihnen das nicht unangenehm ist? Die Sache ist die, daß ich mich selbst noch der Persönlichkeit des alten Elbau dunkel erinnere, mit seinem Sohne ober näher bekannt war —"
»Mit Ernst Elbau, Herr Rat?" rief ich erregt aus Der alte Herr nickte.,, „Jawohl! Von ihm also wissen Sie — das interessiert mich lebhaft; sollte er noch am Leben sein?"
„Ich trage den Flor am Hut als Zeichen der Trauer für ihn," sagte ich, herabgestimmt durch diese Erinnerung. „Und ich kann Ihnen nicht sagen, Herr Medizinalrat, von wie hohem Werte jede Kunde für mich fein wird, die Sie vielleicht über dies für mich so dunkle und rätselhafte Dasein zu geben im stände sind. Gern und offen will ich mit Allem vorangehen, was mir bekannt ist und Sie irgend interessieren kann.
„Gut — tauschen wir unser Wissen aus," stimmte der Rat bei, aber nicht hier. „Lassen Sie uns dort ein Stück Weges über die Hutungswiesen gehen, nach der Moormühle zu, die Lust ist dort reiner. — Um Ihren Kranken dürfen Sie unbesorgt sein," fügte er hinzu, da ich zögerte, „er ist in der besten Obhut. Und Ihr anderer Eleve hält sich vortrefflich und hat keine Sehnsucht nach Ihnen!"
Ich verstand das zweideutige Lächeln des alten Arztes, dessen Scharfblick im Schlosse sprüchwörtlich war: er hatte sich über meine eigentümliche Beziehung zu Wanda sichet nicht im Zweifel befunden, so wenig, als über ben Eindruck, ben ihr heutiges Verhalten mit gemacht. Und bas freundliche Wohlwollen, das er schon seit einem früheren Eintreffen in B. mit bewahrt, und während unseres Anfent-
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