Nr. L7L.
Marburg, Freüag, 19. November 1880.
XV. Jahrgang
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Landtage zugegangen und enthält als Hauptbestimmung, daß der Minimalsatz für die Pensionen der Hinterbliebenen der Elementarlehrer vom 1. April ab von 150 auf 200 Mark erhöht wird.
Der Abg. Hänel hat, unterstützt von der Fortschrittspartei und einigen Sezesstonisten, beim Abgeordnetenhause bekanntlich die nachfolgende Interpellation eingebracht:
„Seit geraumer Zeit macht sich gegen die jüdischen Staatsbürger Preußens eine Agitation geltend, welche zu bedauerlichen Ausschreitungen und zu einer weiter greifenden Beunruhigung Anlaß gegeben hat.
Im Verfolg dieser Agitation wird eine an den Herrn Reichskanzler und Ministerpräsidenten gerichtete Petition verbreitet, welche die Anforderungen erhebt:
1. Daß die Einwanderung ausländischer Juden, wenn nicht gänzlich verhindert, so doch wenigstens eingeschränkt werde;
2. Daß die Juden von allen obrigkeitlichen (autoritativen) Stellungen auSgeschlosien werden und daß ihre Verwendung im Justizdienste — namentlich als Einzelrichter — eine angemessene Beschränkung finde;
3. Daß der christliche Charakter der Volksschule, auch wenn dieselbe von jüdischen Schülern besucht wird, streng gewahrt bleibe und in derselben nur christliche Lehrer zugelassen werden, daß in allen übrigen Schulen aber jüdische Lehrer nur in besonders motivierten Aus- nahmefällen zur Anstellung gelangen;
4. Daß die Wiederaufnahme der amtlichen Statistik über die jüdische Bevölkerung angeordnct werde;
In Veranlassung dessen erlaubt sich der Unterzeichnete an die königliche Staatsregierung die Anfrage zu richten:
„Welche Stellung nimmt dieselbe Anforderungen gegenüber ein, die auf Beseitigung der vollen verfassungsmäßigen Gleichberechtigung der jüdischen Staatsbürger zielen?
Um den Gegenstand, um welchen eS sich in der sich erst vorbereitenden Petition, welche zu dieser Interpellation Anlaß gegeben, handelt, näher zu ^berühren, müssen wir diese von fortschrittlicher Seite ausgehende Interpellation als einen bis dahin vereinzelt dastehenden Schritt bezeichnen, weil die Interpellationen durch denselben in ein, jedem preußischen und deutschen Staatsbürger zustehendes Recht, das Petition-recht, eingreifen, ein Recht, welche- bisher gerade von der Linken mit besonderem Nachdruck betont worben ist.
Die Interpellation wird Sonnabend, den 20. d. M. im Abgeordnetenhause zur Vorlesung gelangen. Mit ziemlicher Bestimmtheit verlautet, daß der Minister des Innern die Beantwortung übernehmen und die in der Interpellation zu Tage tretenden Tendenzen energisch zurückweisen wird.
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Tagesbericht.
Die „Prov.-Corresp." führt in einem Artikel, welcher die Ueberschrift trägt „die angeblichen Versprechungen der Regierung bei der -Steuerreform", unter Hinweis auf frühere Artikel der „Prov.-Corresp." und frühere Erklärungen der Minister aus, daß die Behauptung, die Regierung habe eine dem Mehrbeträge der Reichssteuern entsprechende Verminderung der direkten Abgaben versprochen, dieses Versprechen aber nicht gehalten, ebenso wie die Behauptung, die Regierung habe ihre Sprache geändert, dieselbe habe ursprünglich zugesagt, es solle Alle- bei Heller und Pfennig wicdererstattet werden — durchaus unbegründet sei. Die Regierung habe ein solches Versprechen gar nicht machen können und wollen. Die Mehreinnahmen erreichten freilich noch nicht die Höhe um sämtliche Bedürfnisse und Kulturaufgaben des Staates erfüllen zu können; andererseits aber glaubt die Regierung, auf das Verwendungs- gcfetz gestützt, nicht mit der Steuererleichterung bis zur vollständigen Erfüllung jener Aufgaben warten zu dürfen.
Unter Hinweis auf die Errichtung der Abteilung für Handel und Gewerbe im Reichsamt des Innern schreibt die „Prov.-Corresp.": hiermit ist ein weiterer Schritt in Ausbildung der Behördenorganisation der Reichsvcrwaltung vorbereitet, da man von einem speziell preußischen Handel nur noch in beschränktem Umfange sprechen kann, da eS in der Hauptsache nur einen deutschen Handel giebt.
Herr Kommerzienrat Baare veröffentlicht in verschiedenen Zeitungen einen von ihm ausgearbeiteten Gesetzentwurf, die Errichtung einer Arbeiterunfallversicherungskasse betreffend. Das bestehende Haftpflichtgesetz befriedige, wie er in den beigegebenen Motiven auSführt, keine der beteiligten Jnteressentengruppen. Von Seiten der Arbeiter werde nicht mit Unrecht behauptet, daß mehr als 80 pCt. der Unfälle, welche Arbeiter in Ausübung ihrer Dienstverrichtungen erleiden, nicht unter die Bestimmungen deS Gc- setzes fallen. Andererseits aber gehe daS Haftpflichtgesetz zu weit, da es nicht nur den wirklichen Schaden, sondern auch den entgangenen Gewinn in allzu ausgedehntem Umfang vergüte. Der Entwurf soll die Unfallgesetzgebung aus dem Gebiete der Quastdeliktsobligation in das des Versicherungswesens erheben. Dagegen sei e» dringend nötig, bei der Unfallversicherung Halt zu machen und geradezu unthunlich, die Frage der Altersversorgung auf dem Zwangswege orenen zu wollen. Der Wert der vorge- schlagcnen Unfallsversicherung sei jedoch nicht zu unterschätzen, da sich jährlich 60 bis 80,000 Unfälle, für welche hier vorgesorgt wird, im deutschen Reiche ergeben.
Der Gesetzentwurf über die Abänderung deS PensionS- gesttzes für die Hinterbliebenen der Elementarlehrer ist dem
«rsch-int tSglich außer an d-° W^tag«i nach S°nn. »nb Feiertagen. Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JlnstrtrkeS SonntagSdlatt" durch di- Expedition (-tvch'sche Buchdrucker et) bezogen M «art, durch bte Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (exel. Bestellgebühr). - JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf,.
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sie im Tone leisen Trotzes fort, „jetzt bin ich mündig und mein eigener Herr — wie sie sagen in Deutsch. Und wenn ich finde ein Herz das treu meint mit mir und sich mir will geben zu eigen — ich werde nicht fragen den Grafen Cz., ob ihm ist vornehm genug der neue Vetter;
ich brauche nicht seine Gnade und Olenka wird sein groß genug für mich und —•
.Di- Sprecherin hatte sich abgewendet, die kleine Hand zerpflückte erregt die Weinblätter am Spalier und die Stimme erstickte fast unter der heftigen Bewegung des Augenblicks. Ich hatte kein Wort der Erwiderung; '.alles Blut drängte sich mir stürmisch zum Herzen. Sprach denn wirklich der Sinn aus Wandas Rede, der sich bethörend mir in Ohr und Seele schmeicheln wollte? Oder war ich im Bann einer Selbsttäuschung befangen, den schon ihr nächste» Wort, erkältend und ernüchternd, lösen würde? —
Dies Wort erfolgte nicht. Wanda war aufgestanden; sie trank, sichtlich der Labung bedürftig in raschen Zügen den Rest der erfrischenden Milch, die Hand, die das Gla- hielt, zitterte leise. „Wir wollen fort," sagte sie dann tiefatmend; der Knecht brachte die Pferde und Maruschka der Herrin zum Abschied einen Strauß frischgepflückler Rosen. Dann brachen wir auf — und bald'lag Schloß und Garten samt den Hütten des Dörfchens hinter uns, um schon nach wenigen Minuten spurlos im Abendgrauen zu versinken. ,
Was soll ich von dem Heimritt berichten, den ich so köstlich mir geträumt? Ich selbst war wie im Traum, ich vermochte nicht zu fassen, wa» mir geschehen und in der Erinnerung chaotisch-unklar in mir wogte und trieb. Wie oft ich auch in schwachen Augenblicken mir mit der Neigung der schönen Frau an meiner Seite geschmeichelt haben
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Mein Grohohrim.
Erzählung von E. Reisner.
«Fortsetzung)
Wanda war hier eine Andere, als sonstwo; die heimischländliche Umgebung schien besänftigend auf sie, das lebhafte Kind lQö Augenblicks, zu wirken. Sie sprach bewegt in zärtlicher Erinnerung von ihrer Mutter, mit der sie hier gelebt, auch von der Großmutter, deren Bild im Erkerzimmer von Schloß Cherzowa hing und Wanda zum Verwechseln glich. Mir war das nie so entschieden ausgefallen al» eben jetzt, wo die herrlichen Augen sich wie im träumerischen Sinnen halb unter den Lidern bargen, und ein Zug weicher Sehnsucht den reizenden Mund umschwebte. Der alte Zauber umfing mich mit verdoppelter Macht; was während der letzten Wochen ernüchternd, entfremdend auf mich gewirkt, war vergessen.
„Ich gehe zum Winter nicht mit nach B.; — ich werde wohnen in Olenka," vertraute mir Wanda im Laufe des Gesprächs — ich blickte erstaunt, ungläubig in die schönen Augen, die wie In lauschender Spannung auf wich gerichtet waren.
„Sie hier, gnädige Frau — und allein?" Ich wußte bei der Frage des Moments gedenken, wo Elisabeth eben so ungläubig, eine ähnliche an mich gestellt: ihr Zweifel hatte sich — nur allzu bald — als berechtigt er» Kiesen — war eS der meinige nicht auch?" —
„Muß es deckN sein allein?' fragte Wanda zurück; «le Worte klangen schalkhaft, aber die wachsende Dämme- rung verbarg ihr Erröten nicht, und die Lider senkten sich, Kie in mädchenhafter Verschämtheit. „Ich habe genug ge- «bt in fremdem Haus und nach fremdem Willen," fuhr
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mochte — an ein warmes, tiefes Gefühl in WandaS Herzen zu glauben, ein festes Hoffen für Zukunft und Leben daran zu knüpfen — der Gedanke war mir nie ge- kommen. Und nun — war es denn möglich? Sollte dies tändelnde Spiel mit der Leidenschaft, das ich, verlockt von seinem verführerischen Reiz noch einmal aufgenommen, bestimmend, beherrschend in die Fäden meines Schicksals greifen? Auch verwirrend vielleicht? — Ich konnte nicht klar werden über mein eigenes Empfinden; eö war ein Rausch, in dem ich stumm neben Wanda hinritt, ein süßer Rausch — aber doch nicht der eines reinen Glücks.
„Wollen Sie gehen nach la Trappe, Doctor Ostwald?" neckte Wanda endlich. „Sie scheinen sich zu üben im Schweigen — was haben Sie im Sinn?"
„Kein momento mori, gnädige Frau!" erwiderte ich rasch. „Worte voll Leben und Glut, deren volle Bedeutung ich enträtseln möchte. Vielleicht liegt die Lösung nahe, aber —"
Wanda'S Augen blitzten durch das Abenddunkel schelmisch zu mir herüber. „Möglich!" sagte sie nickend. „Suchen Sie nur — vielleicht finden Sie auf mathematischem Wege — sagt man nicht so? Ich will nicht mehr stören, monsieur le docteur!"
Auch sie blieb nun stumm und schien sich ganz dem Genuß der himmlisch milden und reinen Abendluft hinzn- geben, die leise durch di; Erleubüsche am Wege strich und von den nahen Whsm^en würzigen Heuduft herüber trug. Aus MuMhtem Gras leuchteten die Glühwürmer, droben am WLer^trat Stern nach Stern hervor und nahe am Horizoüt hing noch die schmale Mondsichel. In das Gezirp der Grillen aber mischte sich, wie wir dann allgemach dem Park von Cherzowa uns näherten, dann
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_ Nach beendigter Generaldebatte über den diesjährigen Staatshaushalt stellt sich das Gesammtbild derselben in kurzen Umrissen in folgender Weise dar: die agitatorischen Angriffe der Herren Abgeordneten Rickert und Richter haben durch die Entgegnungen seitens der Mitglieder der Rechten, der Abgg. von Heyden, Freiherr von Zedlitz und Freiherr von Minnigerode sowohl sachlich als persönlich ihre nachhaltige Zurückweisung erfahren. Der Redner des Centrums, Abg. Freiherr von Hüne ebenso wie der Vertreter der Nationalliberalen Abg. von Benda, wenn sie auch nicht so rückhalt-los als die Rechte für die Stellung der Regierung eintraten, waren doch veranlaßt einen wohlwollenden Standpunkt einzunehmen, der die Erwartung einer Verständigung auch mit diesen Gruppen des Hauses nicht ausschließt. Ein sicheres Resultat ist aber bereits jetzt die offene Niederlage der Linken.
Deutsche» Reich.
Berlin, 17. November. Die Publikation der allerhöchsten Verordnung, welche für Preußen den Volkswirtschaftsrat ins Leben ruft, steht in allernächster Zeit zu erwarten. — Auf Anregung mehrerer Armenpfleger, besonders des Herrn Lammers aus Bremen, hat der Magistrat von Berlin und auf dessen Wunsch auch der Stadtver- ordneten-Vorsteher Dr. Straßmann als Vorsitzender des Vereins gegen Verarmung, eine Anzahl hervorragender Sachverständiger zu einer in Berlin im Bürgersaale des Rathauses am 26. und 27. November d. I. abzuhaltenden Konferenz eingeladen. Am 25. November, abends 7 Uhr, ist eine Vorbesprechung im Kaiserhofe in Aussicht genommen. Die Tagesordnung ist im Einverständnisse mit Herrn Lammers aus Bremen, wie folgt, festgesetzt: für den 26. November: 1) Maßregeln zur Unterdrückung der Bettelei — Referenten Stadtsyndikus Beseler-Oldenburg, Bürgermeister von Linsingen-Uelzen, HardeSvoigt (Summe» Husum; 2) Organisation der freien Wohlthätigkeit, Anlehnung derselben an die gesetzliche Armenpflege — Referenten Stadtrat Roestcl-LandSberg, Fabrikant L. F. Seyf- fardt-Krefeld; 3) Beteiligung der Frauen an der Armen- unb Wohlthätigkeitspflege — Referent Lammers-Bremen; für den 27. November: 4) Einfluß der neueren Gesetzgebung aus die öffentliche Armenpflege — Referent Senator Döll-Bremen; 5) Erleichterung des Verkehrs ter Armenverbände unter einander — Referent derselbe; 6) Abhaltung von Jahresversammlungen zur Besprechung von Fragen aus dem Gebiete des gesammten Unterstützungsz wesens — Referenten Prof. Böhmer-DreSden, Sladtra Ludwig Wolf-Leipzig und Abg. Kalle-Wiesbaden. Nach der Einladung soll die Aufgabe dieser ersten Konferenz im wesentlichen vorbereitender Natur fein; es wird nicht sowohl darauf ankommen, positive Beschlüsse in Bezug auf die Verfassung und Verwaltung de« Armenwesens herbei-